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Rhetorik Netz - Die Welt der Rhetorik

 

Handbuch der Rhetorik
 

In dieser Website geht es um Reden halten, Rhetorik, Sprache und Kommunikation

Rhetorik Definition:

Rhetorik ist das Handwerk der Redekunst in Praxis und Theorie. Zugleich ist sie die Lehre von Methoden, wie man eine Rede besser gestalten kann.

 

Geschichte der Rhetorik

Die Rhetorik ist im alten Griechenland entstanden. Ein Rhetor war ein Redner, der in der athenischen Demokratie in der Volksversammlung (Ekklesia) für seine flammende Redekunst bekannt war. Mit guter Redekunst, konnte man nicht nur die Meinung des Volkes zu seinen Gunsten lenken, sondern sie half auch bei den damaligen Gerichtsverfahren sein Anliegen besser durchzubringen. Korax gilt als Begründer der Rhetorik und war der erste, der sich für seinen Rhetorik-Unterricht bezahlen ließ. Er lebte ca 460 vor Christus auf Sizilien. Isokrates und Platon leiteten um 430 v. Christus jeweils zeitgleich eine Rhetorik-Schule in Athen. Beide haben uns Lehrbücher über die Rhetorik hinterlassen. Sie bekämpften sich heftig, da Ihre Lehrmeinungen über Rhetorik stark auseinander gingen. Platons Schüler Aristoteles verfasste das wohl bekannteste antike Lehrbuch zur Rhetorik - Es ist nur als Abschrift erhalten geblieben. In Athen gelangte die Rhetorik zu grösster Blüte. 

In Rom fand seit Beginn des 2. Jhs. v. Ch. die griechische Rhetorik Eingang (Cato der Ältere, Gaius Gracchus). Die Römer übernahmen viel von der griechischen Rhetorik und die Reden von Korax, Aristoteles, Sokrates oder Demostenes galten Ihnen als Vorbilder. Ein wichtiger Ort für gute Rhetorik war der römische Senat, wie auch die Verteidigung bei Gericht. In Cicero erreichte die römische Redekunst ihren Höhepunkt. Mit dem Kaisertum verlor die Rede ihre Aufgabe als Waffe im politischen Kampf.

Die Redekunst blieb aber im Mittelpunkt, sowohl der griechischen wie der römischen Bildung. Auch im antiken Rom gab es Rhetorik Lehrer. Quintilan (5 bis 96 nach Chr), der als grosser Rhetoriker bekannt war, bekam von Kaiser Vesapsian den Auftrag, die erste staatliche Rhetorik Schule zu gründen. In der antiken Rhetorik unterschied man fünf Tätigkeiten für die Erstellung einer Rede: inventio (Idee, Erfindung, Stoff sammeln), dispositio (Niederschreiben, Gliedern), elocutio (stilistische Ausgestaltung), memoria (Einprägen), actio (Ausführung). Quintilan beklagte schon damals die gekünstelte Rhetorik, die sich bei vielen Rednern breit gemacht hatte. Ähnliche Berichte kennen wir von der Renaissance, von der Bismark-Zeit und von heute.

 

 

Die Klassische Rhetorik (Antike bis heute)
 

Rhetorik der Antike

Die Rhetorik genoß in der Antike ein hohes Ansehen; aus dieser Epoche stammen so bedeutende Werke über die Kunst der öffentlichen Rede wie die Rhetorik von Aristoteles, "Institutio Oratoria" von Quintilian oder "De Oratore" von Cicero.

 

Bekannte Rhetoren der Antike

Zu den ersten Rhetoren zählten ebenfalls die Sophisten, besonders Gorgias von Leontini, der 427 v. Ch. nach Athen kam. Die zehn attischen Redner Andokides, Antiphon, Lysias, Isokrates, Isäus, Demosthenes, Äschines, Hyperides, Lykurgos, Dinarchus galten als vorbildlich. Von den damaligen Lehrbüchern ist noch das wahrscheinlich von Anaximenes von Lampsakos verfaßte erhalten, alle andere sind Abschriften.

 

Fünf Tätigkeiten (Schritte) galten als unerläßlich für den erfolgreichen Aufbau einer Rede. Sie sind im folgenden unter ihrer lateinischen (und griechischen) Bezeichnung aufgeführt:

  1. inventio (heuresis): 
    die Sammlung des Stoffes. Zusammenstellung wichtiger thematischer Gesichtspunkte
  2. dispositio (taxis): 
    die zweckmäßige Gliederung  - Gliederung des Materials in einer der Redekunst angemessenen Form
  3. elocutio (lexis): 
    stilistische Ausgestaltung (Wahl der Sprache je nach Thema, Redner und Gelegenheit) - diese ist heute weniger empfehlenswert, siehe Stil und bei Friedrich Naumann: Redestil.
  4. memoria (mneme):  
    die Aneignung, das Einprägen der Gedanken und Worte - Einprägung der einzelnen Redeteile ins Gedächtnis. Das Auswendiglernen der ganzen Rede ist heute so wenig üblich wie das einfache Vorlesen. Dazu empfehle ich eine andere Methode durch die Vorbereitung der Rede. Der gewandte Redner spricht in Fühlung mit den Hörern, dem Publikum, ist auf Zwischenrufe gefaßt und nimmt sie auf.
  5. actio (hypocrisis): 
    der Vortrag der Rede unter Einsatz der wirkungsvollsten Techniken - also Haltung des Redners, Laustärke, Betonung, Gesten usw. Selbstinszenieren und Selbstdarstellung  gehören zur Rhetorik dazu. Bewusst eingesetzte Mimik wirkt allerdings wie Schauspielerei, wohingegen bewusst eingesetze Gebärden und Gestik eine sehr starke Wirkung haben.

 

Rhetorik im Mittelalter

Im Mittelalter wurde die Rhetorik neben Grammatik und Logik Teil des scholastischen Triviums (§65): Theoretiker der Post-Renaissance reduzierten die fünf Teile auf zwei - die »Stilisierung« und den »Vortrag.«. Als Folge davon wurde die Rhetorik in der Hauptsache mit Techniken des mündlichen Ausdrucks in Zusammenhang gebracht, vor allem hinsichtlich des Lesevortrags (das Anliegen der »elocution«). Aufgrund dieser einflußreichen Tradition sind viele der (heute ganz falschen) Ansicht, daß es bei der Rhetorik im wesentlichen um die »verbale Ausschmückung« geht.

Im Mittelalter, das die Redekunst zu den Freien Künsten zählte, wurde die volkstümliche Predigt bedeutungsvoll. Die Renaissance kannte lateinische Reden der Diplomaten; die Humanisten folgten der Redekunst Ciceros und Quintilian's. Die moderne politische Redekunst entwickelte sich besonders im Rahmen des englischen Parlamentarismus (Cromwell, Burke, die beiden Pitt, Fox Sheridan, Lloyd George, Churchill). Nach der französischen Kanzelrhetorik der Bossuet, Bourdaloue, Fléchier kam es zu einem Höhepunkt romanischer politischer Rhetorik in der Französischen Revolution (Mirabeau, Robespierre). Große französische Redner waren später Jaurès, Clemenceau, Briand. In Deutschland traten, nach den pädagogischen Bestrebungen Gottscheds in seiner Redeschule in Leipzig, im 19. Jh. Fichte ("Rede an die Nation") und die Redner der Paulskirche (R. Blum, Gagern, Uhland) hervor, deren Reden dichterisch gefärbt, zum Teil von Schillers Rhetorik beeinflußt waren. Lassalle vereinigte als Redner Leidenschaftlichkeit mit logischer Schärfe, Bismarck wirkte durch die Natürlichkeit seiner Ausdrucksweise. In der Gegenwart sucht die Redekunst an die Gesprächshaltung anzuknüpfen. Schule und Erwachsenenbildung bemühen sich, die Fertigkeit zur freien Rede besonders in der Diskussion zu entwickeln. Für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit ist Rhetorikschulung unerläßlich...

 

 

Rhetorik in der Neuzeit

Zur modernen wissenschaftlichen Behandlung des Themas gehört weit mehr als nur die Beschäftigung mit den effektvollsten Mitteln der Sprache. Man untersucht den gesamten Bereich des gesprochenen und geschriebenen kreativen Diskurses, darunter auch den Sprachgebrauch in den Massenmedien, die Reaktionen des Publikums und die Interpretation der ans Publikum gerichteten sprachlichen Äußerungen. Rhetorik ist also die Analyse von Theorie und Praxis der Argumentationstechniken, sowohl in Bezug auf Hörer wie auf Sprecher, auf Autoren wie auf Leser. Im weitesten Sinne untersucht die moderne Rhetorik die Grundlagen sämtlicher Formen wirkungsvoller Kommunikation.

 

 

Die unterschiedlichen Arten von Reden heute

Im Hinblick auf die Redeformen unterscheidet man heute neben der allgemeinen Rede u.a. die Überzeugungs-Rede, die Informations-Rede, das Plädoyer bei Gericht (Gerichtsrede), die Predigt, die Laudatio (Ehrenrede, Geburtstagsrede, Hochzeitsrede), die Jubiläumsrede, die Vorlesung (an Hochschulen), die Pressekonferenz, der Comedy Vortrag, die Wahlrede oder die Trauerrede. Die häufigsten Begriffe für das Sprechen vor Publikum sind: Rede, Referat, Vortrag, Präsentation oder Ansprache.

Eine scharfe Unterscheidung der oben genannten Formen (Referat, Jubiläumsrede, Presskonferenz... usw) ist nicht wirklich möglich, da bei allen sowohl unterhalten, berichtet, überzeugt als auch informiert werden kann. 

Im späten Mittelalter wurde die volkstümliche Predigt bedeutungsvoll. Die Renaissance kannte lateinische Reden der Diplomaten; die Humanisten folgten der Redekunst Ciceros und Quintilians. Die moderne politische Redekunst entwickelte sich besonders im Rahmen des englischen Parlamentarismus (Cromwell, Burke, die beiden Pitt, Fox Sheridan, Lloyd George, Churchill).

Für die heutige Kommunikation in der Öffentlichkeit ist ein Rhetorik Training (Rhetorikkurs) die Form, in der Rhetorik an Führungskräfte, Unternehmer und Manager vermittelt wird.

 

Eine Rede kann Vieles sein

Nicht jede Rede hat das Ziel beim Zuhörer bzw. Zuschauer eine Meinungsänderung oder eine Tat herbeizuführen. Eine Rede kann belehren, eine Rede kann überzeugen, eine Rede kann unterhalten, eine Rede kann ein wissenschaftlicher Vortrag sein, eine Rede kann informieren. Jede Rede will das Publikum in irgend einer Form in Erstaunen versetzen. Daher sollten Informationen für die Mehrheit des Publikums einen Neuigkeitswert haben. Rhetorik mißt sich an der Wirksamkeit im Publikum.

 

Durch Rhetorik Autorität ausstrahlen

Ein Redner besitzt genau soviel Autorität, wie er sich selbst zugesteht. Persönliche Autorität gegenüber anderen Menschen entsteht durch Selbstbewußtsein. Sie ist Folge der Achtung, die jemand für sich selbst aufbringt. Sie hat weniger mit unserem Wissens- und Leistungsstand zu tun, als man im allgemeinen denkt.

Um Autorität auszustrahlen, muss sich der Redner selbst akzeptieren. Das hat nichts mit Dünkel oder falscher Eigenliebe zu tun, sondern mit Selbsterkenntnis.

Rhetorisches Selbstbewußtsein - und damit rhetorische Autorität - kann nicht theoretisch, sondern nur durch Praktizieren erreicht werden. Es ist ratsam, sich so oft wie möglich in rhetorische Situationen zu wagen. Auf diese Weise baut sich allmählich ein Erfolgs- und Sicherheitsgefühl auf. - Rhetorischer Erfolg ist abhängig von einer sorgfältigen Vorbereitung und viel Übung.

 

Eine geschriebene Rede, nicht gehalten vor echtem Publikum, ist keine echte Rede

Welche Wirkung eine Rede haben wird, kann selbst ein guter Redenschreiber nur grob abschätzen, jedoch niemals wirklich exakt vorhersagen. Bei einer Rede ist nicht nur entscheidend, was ich sage, sondern auch wie ich es sage. Körperprachliche Elemente, wie Gesten, Pausen, Intonation, Blick usw. machen zwei drittel der Wirkung aus.

Die Rede wird erst wirklich zur Rede, durch das Reden selbst. Erst beim Liefern der Rede, kommt das Wichtigste zum Tragen: Wie erfasst ist der Redner von seinen Worten - erst dadurch entsteht die Wirkung beim Publikum. 

Wenn Sie nur eine Rede nachlesen, ist die Wirkung eine andere, als wenn Sie sie miterlebt haben! So gibt es den Bericht eines Mannes, der bei Goebbels Rede 1943 im Berliner Sportpalast dabei war, wo er die Anwesenden mit dem Ruf "Wollt Ihr den totalen Krieg?" zur hysterischen Zustimmung brachte. Der Mann las die Rede ein paar Tage später in der Zeitung und kommentierte: "Wenn man das nur liest ist man enttäuscht - da merkt man erst, wie flach der Inhalt ist".

Andererseits hat der Text der Rede von Steve Jobs, die er 2005 vor den Absolventen der Stanford University gehalten hat, nachträglich gelesen eine höhere Durchschlagskraft, als die von ihm mit mechanischem Blick auf sein Manuskript abgelesene Rede, die man auf dem Video sehen kann. Steve Jobs hat sich zu krampfhaft, Wort für Wort an sein Manuskript gehalten. 
So mancher Rede-Entwurf wird in der Praxis nicht so eingehalten, wie er geplant war. Von der Rede von Martin Luther King ist überliefert, dass er erst am Morgen, kurz vor seiner Rede, spontan seine berühmten Worte "I have a dream..." eingefügt hat. Sie waren nicht in seinem am Abend davor erstellten Redemanuskript.

Beim Reden ist das Publikum Mitspieler und Dialogpartner. Die Stimmung im Saal, die "Großwetterlage" und eben auch der akute Vorgang des Rede Haltens ist dabei entscheidend. Comedians, oder Politiker, die mit einem identischen Vortrag durch duzende von Städten ziehen, wissen davon ein Lied zu singen. Mal kommt der identische Vortrag super an, mal springt einfach kein Funke über.

Schöne und gute "Reden", vielleicht erstellt von einem Redenschreiber, die nie gehalten wurden, jedoch in Buchform herausgegeben von jedem gelesen werden können, sind erst einmal nur "Artikel". So wie bei der Musik die Partitur noch nicht das wahrhafte Musikerlebnis ist, so ist auch bei der Rede, der Text lediglich ein Anhaltspunkt. 

 

Rhetorik betrifft die gesamte zwischenmenschliche Kommunikation

Rhetorik ist also auch die Analyse von Theorie und Praxis der Argumentationstechniken (vgl. Eristische Dialektik), sowohl in Bezug auf Hörer wie auf Sprecher, auf Autoren wie auf Leser. Rhetorik ist auch, was zwischen den Zeilen steht. Rhetorik ist auch, was der Körper spricht (gewollt oder ungewollt). Im weitesten Sinne untersucht die moderne Rhetorik die Grundlagen sämtlicher Formen wirkungsvoller Kommunikation.

Die für mich vorbildhaften Rhetoriker sind Altbundeskanzler Gerhard Schröder, Gregor Gisy, Barack Obama und der verstorbene Steve Jobs. Hören Sie sich deren Reden an, und lernen Sie daraus. Auch aus den berühmten Reden der Weltgeschichte, können Sie lernen. Hier habe ich eine Sammlung, für Sie zusammengestellt: Berühmte Reden. Auch der verstorbene Altkanzler Helmut Schmidt, war ein Meister seines Fachs. Meisterlich, wie er den Konflikt zwischen dem eigenen Gewissen und der Demokratie dargestellt hat. Kaum ein anderer konnte dieses Dilemma besser formulieren. Ein guter Rhetoriker kann zu allem reden. Dazu kommen die Rhetoriklehrer, die im Anhang "Rhetorik Bücher" genannt werden.

Rhetorik ist eines der Prinzipien der verbalen Gestaltung. Sie dient nicht dem Selbstzweck, sondern bedarf der theoretischen Reflexion und der wissenschaftlichen Analyse. Rhetorik betrifft die gesamte zwischenmenschliche Kommunikation (und Massen-Kommunikation). Darunter wird sowohl die Rede vor Publikum (Referat, Vortrag, Präsentation) verstanden, als auch der Dialog  - mit den Unterthemen Smalltalk, FlirtenSchlagfertigkeit, Verhandeln, Diskussion, Streitgespräch usw. 

Wenn Rhetorik lautes Denken ist (Kleist), dann ist die Schulung in Rhetorik eine Schule des Denkens, dann ist die Redekunst eine Kunst des Denkens. Die Funktionen von Rhetorik sind aber noch vielfältiger. Außer der Funktion, durch die Rede Taten bzw. Handeln herbeizuführen, hat gesellschaftlich verantwortungsbewußte Rhetorik eine aufklärerische Funktion. Aufklärung über Rhetorik thematisiert immer auch den konstitutiven Zusammenhang von Rhetorik und Aufklärung (im Sinne von Immanuel Kant), also eine gesamtgesellschaftliche Funktion.

 

Mit Rhetorik können Volksmeinungen beeinflusst und Kriege ausgelöst werden

Rhetorik ist nicht nur kunstvolles Reden. Sie vermag mehr. Dies erkannten schon die alten Griechen und die Römer. Mit Reden ließen sich Senate und Volksmeinungen beeinflussen, Throne und Reiche gewinnen, Kriege beginnen und beenden. Mit Rhetorik ließen sich Weltanschauungen, Ideologien und Religionen verbreiten.

Die totalste Kriegserklärung aller Zeiten hatte eine äußerst gekonnte Rhetorik, die in die Frage mündete: "... wollt Ihr den totalen Krieg?". Worauf ein vermeintlich ganzes Volk "Ja!" brüllte (es waren aber nur einige hundert handverlesene Anwesende). Und ein ganzes Volk war der festen Überzeugung, "Ja" gebrüllt zu haben. Diese Frage war die letzte von vier Fragen in einer gutgegliederten, wohlüberlegten und mitreißenden Rede. Wenn sie nicht überzeugend gewesen wäre, hätten wohl nicht alle "Ja" geschrien. Diese agitatorische Frage war eigentlich eine 'rhetorische Frage', weil sie keine andere Antwort zuließ. Der Redner hieß Joseph Goebbels. Auch die Tatsache, daß er ein Kriegsverbrecher war, macht seine demagogische Rhetorik nicht weniger gekonnt.

Es gibt keine „gute Rhetorik“ und „schlechte Rhetorik“ es gibt nur „gute Redner“ und „schlechte Redner“. Unser Freund wie unser Gegner, Diktatoren wie Heilige können eine wirkungsvolle "gute" Rhetorik besitzen. 

 

Gute Rhetorik ist einfache Rhetorik

Ebenso wenig ist Rhetorik schon dadurch etwas Schlechtes, daß die Wendung "rein rhetorisch" negativ belastet ist. Unter 'rein rhetorisch' werden oft negative Bewertungen wie schönrednerisch, phrasenhaft oder schwülstig verstanden, weil viele Leute Geschwafel und Smalltalk mit Rhetorik verwechseln (siehe auch Friedrich Luft: "Quatsch in schöner Gestalt"), was wohl von allzuviel Stilisierung in der klassischen Rhetorik herrühren mag oder daher, daß von Unwissenden das Drumherumreden mit Rhetorik gleichgesetzt wird. Viele verwechseln schwülstiges, intellektualistisches, akademistisches Gerede mit Rhetorik. Das Gegenteil ist der Fall: gekonnte Rhetorik sucht nach möglichst einfachen Formulierungen und vermeidet unnötige Fremdwörter, die manchmal lediglich beweisen sollen, daß man sich selbst als 'gebildeter' darstellen will als andere, also pure Eitelkeit: "Essentiell signifikanter wird ergo evident, daß exempli causa minimierter spezifiziertes Auditorium, das der Oratio eventualiter dito auditiert, konkludent instruiert wird." - das halte ich für intellektualistisch und angeberisch. Sicher gibt es fachspezifische Begriffe, die nicht ersetzt werden können durch einfache Wörter. Wo diese zur Vermeidung von Mißverständnissen unerläßlich sind, sollten sie auch eingesetzt, jedoch ggf. kurz erklärt werden. Richtig bleibt, daß einfache und gut verständliche Formulierungen in einer glaubhaften Rhetorik dem, was man erreichen will, zu größerer Wirkung verhilft (und nicht durch "Rum-eiern..."!). Der pseudointellektuelle Einwand, man könne sich vor akademischem oder fachlich gebildetem Publikum blamieren durch den Gebrauch einer einfachen Sprache ist deswegen falsch. Gerade Professoren verstehen auch die Sprache, die 12jährige verstehen. Richard von Weizsäcker sagte: "Je komplizierter das Gesagte wirkt, desto weniger hat man es durchdacht." Gerade intellektuelle und wahrhaft gebildete Menschen bevorzugen eine allgemein verständliche Sprache und lassen sich von einer einfachen Sprache eher überzeugen. Ziel der Rede ist es, möglichst viele Menschen zu erreichen, also nicht nur Akademiker, Intellektuelle und die sogenannte Bildungsschicht.

 

Rhetorik ist Kunst und Handwerk

Rhetorik ist eine Kunst. Kunst setzt Können voraus. Sie ist für den Künstler zunächst immer „Handwerk“. Kunst entsteht erst im Auge des Betrachters. Es gibt in der Rhetorik handwerkliche Techniken und Fähigkeiten, die sich lernen lassen. Aber ähnlich wie beim Fussball, werden am Ende nur einige wenige Spiezüge von herausragenden Spielern zur "Kunst"

 

Rhetorik ist Handwerk - das kann man lernen

Dieses Handbuch will Anleitung geben zum "handwerklichen" Erlernen und sozusagen "geistiges Handwerkszeug" liefern. Hand und Geist - also manuelles und spirituelles Arbeiten - sind da nicht im Widerspruch, man kann seine geistigen und theoretischen Fähigkeiten einsetzen gleichsam wie Hände, die formen, lenken, bauen. Man kann seine geistigen Talente geradeso trainieren und üben, zu Hochleistungen bringen, wie seine körperlichen Fähigkeiten. Denken läßt sich trainieren, auch die Geschwindigkeit des Denkens läßt sich trainieren. Für die Technik des Sprechdenkens in der freien Rede ist ein solches Training des Denkvermögens unerläßlich. Das Wort vom "Handwerk der Redekunst" ist somit in dieser "kreativen" Weise gemeint. Der Untertitel will folglich andeuten, daß aus einer anfangs durchaus nur schulisch nachahmenden Technik eine eigene und kunstvolle Art entstehen kann, daß persönliche Formen sich kreativ entwickeln können. Das letztlich Entscheidende an der Rhetorik ist neben allem Können aber nur die eigene Persönlichkeit. Die hier angeführte Rhetorik soll insofern auch der kreativen Entwicklung der eigenen Persönlichkeit dienlich sein. "Gute" Rhetorik nützt der Gesundheit, "gute" Rhetorik macht das eigene Leben klar und schön, "gute" Rhetorik macht das eigene Leben genußvoll.Quintilian nannte einen erfolgreichen Redner "einen guten Menschen, der etwas zu sagen hat"...

Die Kunst der Rede ist eine wahre Kunst. Im Mittelalter wurde sie noch zu den freien Künsten gezählt, gegenwärtig findet sie im Kanon der Künste keinen Platz. Das liegt daran, daß sie als Kunst weniger wirken will als durch ihre Aussage selbst und daß sie meist mit Politik und Macht gekoppelt einherkommt. Redner, Gewerkschaftler, Politiker, Vorsitzende und Präsidenten, Wirtschaftsmanager und andere betrachten ihre Rhetorik weniger als eine ästhetische Übung, sie setzen sie ein um Menschen zu beeinflussen, Wirklichkeiten zu verändern, Mehrheiten zu gewinnen, Geschäfte zu tätigen, der künstlerische Aspekt ist untergeordnet. Er ist "nevertheless" von großer Wirkung.

 

Rhetorik kann man lernen. Doch genausowenig wie beim Komponieren oder beim Malen kann man sie wirklich von jemand anderem erlernen im Sinn von abnehmen, übernehmen. Man kann sich vieles abgucken, zu eigen machen, insofern übernehmen. Wie zum Beispiel das Vibrato beim Geigen am schönsten klingt - das wissen die Geiger - muß jeder für sich selbst herausfinden, ja: erfinden und erlernen. Der eine schwört ggf. auf das Vibrato "aus der runden Hand" (wie ich es in der Meisterklasse von Prof. Wilhelm Nauber in Freiburg gelernt habe), der andere auf jenes aus dem aufrechten Handgelenk, ein Dritter auf jenes aus dem Unterarm. Ein jeder macht es eben anders. Oder wie er Läufe lernt, ob seine Intonation dabei aus der Beherrschung der Lagen kommt oder ob er nach Fingersätzen greift, ob er nach Intervallen oder einfach nach Gehör spielt oder gar nur aus der - wie er es nennen mag - Emotion und dem Klangbedürfnis heraus, das entscheidet jeder für sich selbst, wie es ihm am besten gelingt. Hauptsache, er kriegt's wirkungsvoll hin. Ebenso: wie ein Schauspieler seine Rolle zu spielen hat kann ihm letztlich kein Regisseur vermitteln, das muß der Schauspieler wohl selbst herausfinden. Lernen muß also jeder für sich allein  das Entscheidende lernen Menschen allemal autodidakt: das Lernen selbst. Auch das Training des Denkens, des Denkens von Worten in unserem Fall, ist letztlich jedem selbst anheimgestellt.
So entsteht der Sprechstil eines Menschen als etwas höchst persönliches. Für mich ist der Sprechstil eines Menschen wie der Fingerabdruck des Charakters auf die Denkungsart und die Ausdrucksweise. Es gibt Unterschiede zwischen männlicher und weiblichem Sprache, Rhetorik und Sprechstil. 

 

Von sich selbst zu reden, ist das Schwierigste

Viele haben Schwierigkeiten damit, von sich selbst zu sprechen. Sie fürchten, sich damit zu sehr vor den Anderen zu offenbaren. Wer redet muß sich aber offenbaren. Er offenbart sich ja auch, wenn er Unwichtiges erzählt, schon durch seine Erscheinung: sein Körper spricht, seine Sprechart verrät ihn, seine Ängste werden sichtbar, er stellt sich selbst dar.

Es gehört viel Mut dazu, zu sich selbst zu stehen, so zu erscheinen, wie man tatsächlich ist, das zu vertreten, was man wirklich denkt. Das ist auch eine Offenbarung seiner selbst. Wie kann ich mich aber offenbaren, wenn ich mich verberge? - Wie soll ich jemand davon überzeugen, etwas zu tun, was ich für richtig halte, wenn ich mich verberge aus Angst davor, „ent“-deckt zu werden? Wie kann ich jemand für mich gewinnen, wenn ich nicht dazu stehe, wer ich bin ? Letzten Endes ist alle Kunst Selbstdarstellung. Ob Sie singen, malen, schreiben oder reden, überall tun Sie es selbst. Ihre Umgebung, Erbanlagen und Erfahrungen haben Sie geformt. Sich selbst darzustellen ist nicht so leicht, wie es aussieht und aussehen muß. Es gehört Mut dazu. Doch nur wer wagt gewinnt.

Jeder muß zu seinem Schaden oder Vorteil seinen Acker selbst bestellen und sein eigenes kleines Instrument im großen Konzert des Lebens spielen (Dale Carnegie).

Es gibt kein Rezept für eine "gute" Rhetorik (das heißt aber nicht, daß es nicht gute Rezepte gegen schlechte Rhetorik gibt). Es gibt nur eine persönliche Rhetorik. Ein Beispiel: ein Schauspieler mag sein Handwerk wohl lernen können. Wie er allerdings seine Rolle spielt, wird ihm letztendlich niemand zeigen können, das muß er für sich selbst entwickeln. Der Regisseur will mit dem Darsteller gestalten, er ist aber nicht sein Schauspiellehrer.

 


 

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Letztes Update: 1. März 2017