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Die Entstehung der menschlichen Sprache

 Entwicklung der Sprache der Menschen

Die Entstehung der menschlichen Sprache begann weitaus früher als bislang vermutet

Von Harald Gorczytza

Das erste belegte Experiment, das die Herkunft menschlicher Sprache klären sollte, fand im zweiten vorchristlichen Jahrhundert in Ägypten statt. Pharao Psammetichos ließ ein Kleinkind isoliert aufwachsen, um festzustellen, in welcher Sprache es sein erstes Wort sprechen würde. Um das Jahr 1500 wiederholte der schottische König James IV. den Versuch, indem er gleich zwei Knaben einsperren ließ. Sie entwickelten tatsächlich eine nur ihnen verständliche Sprache aus Lauten und Gesten, die sich jedoch zur Enttäuschung des Monarchen nur wenig mit der von ihm eigentlich erhofften Sprache himmlischer Wesen deckte.

Fünfhundert Jahre später geht es nicht mehr so grausam zu, wenn der Bielefelder Wissenschaftler Horst M. Müller den biologischen Grundlagen der Sprachfähigkeit nachgeht. Seine Versuchspersonen hören lediglich einer Stimme vom Band zu, während ihre Gehirnströme aufgezeichnet werden. "Wir wollen herausfinden, ob linguistische Kategorien, wie die Einteilung in Substantive, künstlich sind, oder ob sie eine natürliche Grundlage im Gehirn besitzen", erklärt Müller das Ziel der Versuche. Der Neurobiologe und Linguist geht davon aus, daß sich Sprache aus anderen kognitiven Fähigkeiten des Menschen im Laufe seiner Geschichte entwickelt hat. Am Anfang stand eine einfache Vor-Sprache, die unsere Vorfahren nach und nach verfeinerten.

Bis in die fünfziger Jahre hinein galt Sprache als Ausdruck menschlicher Intelligenz. Der Mensch lernt zu sprechen, glaubte man, wie er lernt Schach zu spielen. Erst der US-Linguist Noam Chomsky wandte ein, daß Sprache nicht einfach das Produkt eines Lernprozesses sein kann. Praktisch jeder Mensch, unabhängig von seiner Herkunft, kann sprechen. Und obwohl die meisten Menschen die Regeln nicht kennen, sind bereits Dreijährige in der Lage, eine unendliche Anzahl grammatisch richtiger Sätze zu formulieren. Chomsky folgert deshalb, daß alle Menschen ein angeborenes Sprachorgan, eine "mentale Grammatik" besitzen, die das Erlernen einer Sprache erlaubt. Es muß nur während der Kindheit mit den Regeln und dem Vokabular der jeweiligen Muttersprache ausgestattet werden.

 

Der Mensch ist die einzige sprechende Art

Tatsächlich ist es keine leichte Aufgabe, zu zeigen, wie sich Sprache entwickelt hat. Anders als Körpermerkmale versteinert sie nicht. Auch lassen sich etwaige sprachliche Übergangsformen nicht bei anderen Arten nachweisen. Es gibt zwar umstrittene Versuche, Sprache bei Menschenaffen nachzuweisen; nach dem heutigen Erkenntnisstand ist der Mensch aber die einzige sprechende Art.

Dennoch lassen sich Übergangsformen oder Vor-Sprachen auch heute noch rekonstruieren. Der Amerikaner Steven Pinker hat das Mitte der neunziger Jahre in seinem Buch "Der Sprachinstinkt" auf anschauliche Weise gezeigt. Ein Beispiel sind Pidgin-Sprachen, die häufig dann entstehen, wenn Menschen ohne gemeinsame Sprache gezwungen sind, miteinander zu kommunizieren. Sie sind einfacher gebaut als normale Sprachen, haben keine feste Wortfolge und nur wenige grammatische Einheiten. Sie sind nicht eindeutig, und ein komplizierter Sachverhalt ist in einer Pidgin-Sprache schwer oder gar nicht darzulegen. Hätte einer unserer Vorfahren Pidgin gesprochen, hätte er gegenüber sprachlosen Artgenossen einen evolutiven Vorteil gehabt.

Die Entwicklung der Vor-Sprache und von da aus zur vollständigen Sprache hat sich kaum in den 40 000 Jahren entwickelt, die viele Lehrbücher heute noch angeben. Müller geht davon aus, daß es von der Sprachfähigkeit bis zur ersten Vor-Sprache mindestens eine Million Jahre gedauert hat. Damit wäre Sprache nicht nur ein Merkmal des modernen Homo sapiens, sondern eine Eigenschaft verschiedener (Menschen-) Arten.

 

Schon der Neandertaler konnte sprechen

Kürzlich haben Forscher von der Duke Universität in den USA gezeigt, daß der Nervenkanal zur Zunge schon beim Neandertaler und anderen Hominiden, die vor gut dreihunderttausend Jahren lebten, etwa genauso dick war, wie bei heutigen Menschen, während er bei Menschenaffen wesentlich dünner ist. Das ist ein Indiz für eine große Beweglichkeit der Zunge, die notwendig ist, um artikulierte Laute zu erzeugen. Damit räumen die Forscher auch gleich mit dem alten Glauben auf, der Neandertaler sei ein wortloser Geselle gewesen, der sich allenfalls mit Grunzlauten verständigen konnte. Die Breite eines Nervenkanals ist ebenfalls ein Indiz für das Höchstalter der Sprache. Einer der am besten erhaltenen fossilen Vorfahren der Menschen, der "Junge von Turkana" lebte vor etwa 1,6 Millionen Jahren am Ufer des gleichnamigen afrikanischen Sees. Er konnte bereits aufrecht gehen, doch sein Rückenmark war in dem Abschnitt, der die Muskulatur des Brustkorbs kontrolliert, wesentlich schwächer entwickelt als bei heutigen Menschen. Die Konsequenz daraus war, daß er seinen Brustkorb und damit die Lunge weit weniger genau kontrollieren konnte, als das beim modernen Menschen der Fall ist. Dennoch vermuten Forscher, daß die Art möglicherweise schon eine Vor-Sprache besaß.

Sprachfähigkeit setzt eine Reihe geistiger Fähigkeiten voraus. Der "Junge von Turkana" und seine Zeitgenossen haben bereits Stein-Werkzeuge hergestellt. Dies setzt eine Vorstellung des künftigen Werkzeugs im Gehirn des Werkzeugmachers voraus und erfordert eine bestimmte Reihenfolge von Handlungen. Einige Forscher glauben, daß sich diese handlungsorientierte Grammatik und Vor-Sprache parallel entwickelt haben.

Die Bielefelder Experimente deuten vage eine weitere mögliche Erklärung an. "Um zu überleben, ist es für Primaten von Vorteil, wenn sie ihre Umwelt kategorisieren können, zum Beispiel in belebt und unbelebt, eßbar und ungenießbar", erklärt Müller. Gemeinsam mit Sabine Weiss vom neurophysiologischen Institut der Universität Wien konnte er zeigen, daß sich solche Kategorisierungen im Gehirn physiologisch nachweisen lassen. Seine Studenten reagieren unterschiedlich, je nachdem, ob ein abstrakter Begriff wie Zufriedenheit oder ein konkreter wie Apfel genannt wird. Im ersten Fall sind bei ihnen viele Gehirnbereiche aktiv, während abstrakte Begriffe nur eine lokale Aktivität hervorrufen.

Eine besondere Stellung nehmen Eigennamen ein, sie rufen die stärkste Aktivität hervor. "Eigennamen sind etwas besonderes", sagt Müller, "weil sie Lebewesen die wichtige Individuenerkennung erlauben." So ist der Schrei ihres Nestlings für die Möwe in der Brutkolonie ein spezifisches Signal, das lautet: "mein Junges". Meerkatzen, eine Affenart, besitzen verschiedene Warnrufe für unterschiedliche Feinde. Je nachdem, ob sich ein Leopard oder ein Adler nähert, flüchten die Tiere entweder die Bäume hinauf oder verstecken sich im bodennahen Gebüsch. Aus einem solchen spezifischen Signal haben unsere Vorfahren offenbar irgendwann ein unspezifisches gemacht, indem sie die Laute als Variablen einsetzten. Damit ließen sich Dinge oder Personen auch in ihrer Abwesenheit benennen.

 

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Rhetorik

Letztes Update: 18. März 2017