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Erklären der eigenen Rede?

  • Es gibt keine Möglichkeit, die Rede, nachdem sie gehalten wurde, zu erklären: die Redezeit ist abgelaufen, die Kamera hat abgeschaltet, die Presse ist gegangen oder der Nächste ist dran.

    Sie haben über die ganze Zeit der Rede Gelegenheit gehabt, alles zu erklären. Was bis dorthin nicht klargemacht wurde, bleibt unklar. Mit der Anmerkung ja das hab' ich alles doch ganz anders gemeint wird die gegnerische Partei geradezu dazu gezwungen zu sagen: Warum hast Du's dann nicht gesagt? - der Redner setzt sich dadurch eher dem Gespött aus.

    Das Bedürfnis, eine Rede zu erklären, entsteht auch meist nur im Seminar, wenn die Rede analysiert wird, um daraus zu lernen - und wenn manch einer es noch nicht versteht, (analytische) Kritik als konstruktiv aufzufassen und sie als persönlichen Angriff auf sich bzw. den Proband fehlinterpretiert. Gerade aus Fehlern kann man am meisten lernen. Im Seminar (jedenfalls in meinem) wird ja nicht über die Inhalte der Rede gesprochen, nur über Methoden, Formen, Aufbau, Argumentation, Formulierungskunst, Vortrag. Allerdings wird im Seminar die öffentliche Rede gelernt. Um Reden halten zu lernen nur vor Studenten, dazu bräuchte man kein Rhetorikseminar. Volkshochschulkurse, die manchmal eher therapeutische Ziele verfolgen, dürfen hier nicht als Vergleich herangezogen werden. Es gibt durchaus objektive Kriterien, um eine Rede auf Methoden, Formen, Aufbau, Argumentation, Formulierungskunst und Vortrag zu prüfen. Das ist die Aufgabe von Rhetoriktrainern und Seminarleitern. Der oberste Richter bleibt aber das Publikum, die Öffentlichkeit (oft repräsentiert durch die Presse) und die erreichte bzw. manchmal auch die verfehlte Wirkung.

    Woran liegt das nun, daß etwas unklar bleibt?

    Studenten sagen gerne: da haben Sie eben nicht aufgepaßt. - Nun gut, es ist aber doch das gute Recht des Publikums, mal eben nicht aufzupassen. Es ist auch sein gutes Recht, etwas nicht zu verstehen. Bei Studenten besteht das Publikum aus Studenten, diese anerkennen bereits die Tasache, daß einer überhaupt den Mut hat zu reden. Nicht so in der Öffentlichkeit. Bei Vorspiel-Aufführungen von Schauspielschülern ist der Applaus erfahrungsgemäß z.B. immer dann am größten, wenn ein Schauspielschüler sich verquatscht oder den Text vergißt oder sonst Fehler macht. Dieser Applaus soll Mut machen. Im Staatstheater ist das aber anders. Es ist keine große Kunst, seine Gemeinde, sein Fähnlein der sieben Aufrechten zum Applaus zu bewegen. Die Kunst liegt immer darin, den Gegner zu überzeugen.

    Niemals darf man die Schuld auf das Publikum schieben. Wenn etwas nicht verstanden wurde, darf man nicht sagen: da hast Du eben nicht aufgepaßt, ich hab's doch gesagt oder: .. die Andern haben es doch auch verstanden.... Im Gegenteil: die Schuld liegt immer beim Redner selbst. Um reden zu lernen und zu trainieren muß er sich vielleicht fragen: habe ich den Gedanken nicht scharf genug differenziert oder nicht eindeutig genug ausgedrückt, habe ich nicht klar genug gegliedert, habe ich die einzelnen Gedanken und Stationen nicht klar genug voneinander getrennt, habe ich die einzelnen Stufen nicht aufeinander abgestimmt und mir keine Dramaturgie der Rede überlegt oder ähnliche Fragen. Dies alles muß aber bereits in der Vorbereitung geschehen: hier müssen Reaktionen des Publikums eingeplant werden, hier müssen mögliche Mißverständnisse (und selbst Zwischenrufe) ausgerechnet und überdacht werden, hier müssen schlagfertige Gegenargumente und Alternativen ausgemacht und in die eigene Argumentation einbezogen werden, damit den Gegenargumenten jeder Wind aus den Segeln genommen wird. Hier muß miteinbezogen werden, daß das Publikum mal eben auf die Uhr schaut oder seinem Nachbarn was zuflüstert und eben auch mal nicht aufpaßt oder etwas vielleicht nicht gleich versteht. Die härteste Kritik, die auch manchmal persönlich sein kann, kommt erfahrungsgemäß immer aus dem Publikum.

    Sie beobachten doch hoffentlich das Publikum: dann sehen Sie auch, ob etwas nicht gleich verstanden wurde. Dann können Sie es ja erneut erklären. Wenn das Publikum nicht aufmerksam genug ist oder einem Gedanken nicht folgen kann, ist meist der Redner selbst daran schuld. Er hat doch jede Möglichkeit der Erklärung, der Differenzierung und auch der Wiederholung, solange er redet. Kunst ist es, die Wiederholung so zu gestalten, als ob sie eine Erstgeburt wäre. Kunst ist es, am oft Gehörten Neues zu zeigen, das Notwendige zum hundertsten Male so gut auszusprechen, daß es nicht müde macht (Friedrich Naumann).

    Die Studenten sagen auch gerne: aber er hat sich doch die größte Mühe gegeben! - lachhaft! - Die m. E. schlechteste Kritik, die kommen kann, ist: "...die Schauspieler waren sehr bemüht...", "...der Redner war bemüht...". Lieber gar keine Kritik als solch eine. Man darf dem Redner keinerlei Mühe ansehen, im Gegenteil muß es so wirken, als ob alles ganz einfach wäre. Ich muß es dem Publikum so einfach wie möglich machen, meine Meinung zu übernehmen. Und es wird einfach gemacht, eine andere Meinung zu übernehmen, wenn sie auf der Hand liegt, wenn sie verständlich (selbstverständlich) gemacht wurde (also: ich muß mich selber verstehen). Goethe meinte, daß man, was sich nicht auch klar und verständlich sagen ließe, gar nicht sagen solle. Der Redner muß das Publikum gewinnen, seine Meinung zu übernehmen. Das geht nur dann, wenn die Gedanken und Themen und Problematiken bis zum letzten Fädchen geklärt sind. Dann braucht es keine langen Erklärungen mehr. Wer den Kern trifft - und der Kern ist meist einfach, nur die die Schale ist kompliziert - kann mit wenigen treffenden Worten alles einfach und mühelos sagen.

    Der Redner muß das Publikum faszinieren, es auf seine Seite ziehen, selbst seine Gegner überzeugen. Dabei muß er die kompliziertesten Zusammenhänge so einfach ausdrücken, daß selbst ein Kind sie versteht.

    Rhetorik ist eben die Kunst der Rede als Praxis.

 

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