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Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes

Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes

Die Wörter der deutschen Sprache kann man einteilen in Stammwörter, die ihr seit uralter Zeit angehören, ja zum großen Teil in die indogermanische Ursprache zurückverfolgt werden können: Adel, Arbeit, fahren, klingen, Knochen, Mutter, Vater, Zwerg; Ableitungen aus Stammwörtern, die aus den verschiedensten Zeiten stammen: Gefolgschaft, Gemahlin, glimpflich, Herzogtum, Offenheit; Lehnwörter aus anderen Sprachen: Almosen, Kellner, kochen, Mauer, Platz, schreiben, Schürze, Teufel; und Fremdwörter, d.h. entlehnte Wörter, denen man ihre fremde Herkunft noch deutlich anmerkt: Advokat, Alphabet, Despot, Gage, isolieren, Lunch, primitiv, Rowdy; Kunstwörter der Wissenschaft, der Technik und des Handels: Automobil, Bakelit, Buna, Din, Indanthren. Viele Wörter sind unsicherer Herkunft.

An die Entstehung der Wörter kommen wir nur in einigen Ausnahmefällen heran. Von manchen Kunstwörtern wissen wir sogar den Schöpfer, von anderen Wörtern können wir uns denken, daß sie als Nachahmung eines Schalles der Natur abgelauscht sind (Schallwörter: bimbam, bums, jodeln, knarren, Wauwau). Im allgemeinen müssen wir uns damit begnügen anzugeben, ob ein Wort zu den Stammwörtern gehört oder wann es in der dt. Sprache gebräuchlich wird.

In der althochdeutschen Zeit (von etwa 750 bis etwa 1100) und in der folgenden mittelhochdeutschen Zeit (besonders in der höfisch-ritterlichen Zeit um 1200) tauchen in großer Zahl Wörter auf, die vorher nicht belegt sind; zuerst wirkten gelehrte Mönche; auf sie gehen Lehnwörter wie Kirche, Kanzel, Kloster, Kreuz, Mönch, Pein, predigen, Schule zurück, dann lieferten die höfische Bildung und die Kreuzzüge neue Ausdrücke: Abenteuer, blond, Bluse, Fabel, hübsch, klar, Schärpe, Wams, Wappen, im späten Mittelalter die Volkspredigt und die Mystik, man denke an barmherzig, Beichte, Buße, Gnade, Mitleid, Reue. Als neue Erscheinung trat eine ausgeprägte Rechts- und Kanzleisprache hervor sowie die Sprache der Gewerke, des Handels und Gewerbes: Anwalt, Bank, Galgen, Innung, Kasse, Meister, Schultheiß, Sorte, Vogt, Zunft. Die Schöpfungen der Lutherzeit (seit 1517-46) spiegeln die Kämpfe der Reformation und die wiedererwachte Kenntnis des Altertums; daneben spürt man die kräftige Entwicklung von Heer, Staat und Rechtspflege. Soldaten- und Fremdwörter, ein buntes Sprachgemisch bezeichnen die Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-48). Einflußreich ist das Sprachleben der Barockzeit, die nach dem Dreißigjährigen Krieg einsetzt und bis ins 18. Jh. dauert: neben einem Gewirr von Fremdwörtern und gekünstelten Bildungen überraschen die vielen guten deutschen Wortprägungen für allgemeine Begriffe. Aus dieser Zeit stammt auch die Sprache der Musik und des Kaufmanns. Zum ersten Male bemühen sich Sprachgesellschaften um die Reinigung der deutschen Sprache.

In der Zeit Gottscheds (etwa 1720-60) wird vor allem eine das Lateinische ablösende Wissenschaftssprache ausgebildet. Daneben entwickelt der Pietismus, wie vorher schon die katholische und naturphilosophische Mystik, einen Wortvorrat zum Ausdruck innerer Bewegung, der dann in der Zeit der Empfindsamkeit noch erweitert wird. In der »klassischen« Zeit, der Goethezeit (um 1772-1832), gelangt das deutsche Geistesleben zu höchster Sprachkultur. Während die Klassik alles Mundartliche vermeidet, wird die Sprache in der Romantik durch volkstümliche und altertümliche Redewendungen bereichert.

Die Bismarckzeit (um 1860-90) ist gekennzeichnet durch die Entwicklung der Naturwissenschaften und Technik. Der überwiegende Teil der Kunstwörter gehört ihr an.

In diese Zeiten reihen sich auch die Lehnwörter ein, die die Entwicklung der deutschen Kultur getreulich spiegeln. Die Wortentlehnung beginnt in ältester Zeit, bekommt in der Bekehrungszeit der Germanen ihre feste Gestalt und findet besonders in der lateinischen Gelehrsamkeit ihre erste Hauptquelle: den griechisch-lateinischen Wortschatz, aus dem auch heute noch geschöpft wird. Später kommt als zweite Hauptquelle das Französische dazu, dem das Deutsche noch jahrhundertelang Wörter in großer Zahl entlehnte, und endlich das Englische. Dahinter treten alle weiteren Entlehnungen zurück, ja außer den italienischen sind die Entlehnungen von Nachbarvölkern, geschweige denn von anderen, ziemlich belanglos.

Ein Teil dieser Wörter kann in eine Sondergruppe gebracht werden als Kulturwörter. Viele Ausdrücke nämlich sind mit den damit bezeichneten Sachen von Sprache zu Sprache oft aus fernsten Weltteilen gewandert und kommen bei den meisten europäischen Völkern vor. Unter Nordseewörtern sollen die Wörter verstanden werden, die sich bei allen Völkern rings um die Nordsee finden, da sie offenbar im Sprachtausch auf diesem Meer gewandert sind.

Auch die Kunstwörter fallen auf. Die neuere Wissenschaft und die Technik benötigten sehr viele neue Wörter. Meist nahm man griechische oder lateinische Wörter zu teilweise recht gewagten Wortbildungen, teils die Namen bekannter Forscher, neuerdings auch nur Anfangsbuchstaben.

Nicht alles läßt sich in die Gruppen pressen, die hier gebildet wurden. Der Wortschatz ist von unbegrenzter Mannigfaltigkeit. Die Zahl der deutschen Wörter wird heute meist in der Größenordnung um 300.000 bis 400.000 angegeben, Deutsch steht an vierter Stelle der Sprachen mit den meisten Wörtern. Der deutsche Wortschatz ist damit größer als der der romanischen Sprachen und geringer als der der heutigen englisch/amerikanischen Sprache (die Wortsammlung Websters kommt auf etwa 600.000 Wörter). Wöchentlich kommen neue Wörter hinzu. 

In der Sprache haben sich auch Füllwörter eingebürgert, die Aussagen weichmachen. Hier die Sammlung der Füllwörter

 

Siehe auch:

  1. Der Baum der deutschen Sprache
  2. Die Entstehung der deutschen Sprache
  3. Die Eigenart der deutschen Sprache
  4. Deutsch aus englischer Sicht
  5. Die Alemannen und ihre Sprachentwicklung



 

 


Rhetorik 
 
Letztes Update: 17. März 2017