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Die Entwicklung der deutschen Sprache

 

Die deutsche Sprache heute

 

 

Die deutsche Sprache ist eine der am weitesten verbreiteten Sprachen in Europa. Neben Russisch ist sie die am zweit häufigst gesprochene Sprache des Kontinents. Mehr als 100 Millionen Menschen sprechen Deutsch. Vor allem in den Kernländern Deutschland, Österreich, Schweiz und Liechtenstein. Aber auch in Belgien, Dänemark, Luxemburg und Italien (Südtirol ) wird in Teilgebieten deutsch gesprochen. Selbst im Frankreich (Elsass) hält sich noch eine, zwar abnehmende, aber immer noch Deutsch sprechende Gemeinschaft. 2014 bekannten sich immerhin noch 43% der Elsässer dazu, Deutsch als Mutterprache zu haben.

Es gibt deutsche Enklaven in den USA, in Kanada, in Rumänien und in Argentinien. 

Mit dem wirtschaflichem Erstarken von Deutschland in den Jahren 2010 bis 2019 ist zudem eine Zunahme von Deutsch Lernenden im Ausland zu verzeichnen. 

 

 

 

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Vor 1700 Jahren hätte Sie keiner verstanden

Das Westgermanische, das im 5. Jahrhundert neben dem Ost- und Nordgermanischen entstandene ist, wird als Ursprung der deutschen Sprache angesehen. Das, was wir heute als Deutsch bezeichnen, entstand erst langsam über die Jahrhunderte, wobei der wichtigste Schritt, die zweite (hochdeutsche) Lautverschiebung war. Wenn Sie im 5. Jahrhundert jemand in einer Siedlung im heutigen Thüringen, oder Odenwald begegnet wären, würden Sie nicht mit ihm kommunizieren können. So unterschiedlich war die damalige germanische Sprache vom heutigen Hochdeutsch entfernt. Die zweite Lautverschiebung begann erst im frühen 6. Jahrhundert n. Chr. und endete im 8. Jahrhundert. Ab da klang das Germanische etwas  mehr dem heutigem Deutsch ähnlich.

 

Die Entstehung der deutschen Sprache

 

 

Der Baum der deutschen Sprache zeigt drei Hauptgebiete im Süd- oder Westgermanischen von Ost nach West gegliedert:

 

  • Elbgermanen (Ermionen: Sueben): Elbegebiet bis Ostsee
  • Rhein-Wesergermanen (Istwäonen: Franken): Rhein bis zur Weser (Bremen), im Norden etwa bis zur Nordsee und Niederlande
  • Nordseegermanen (Ingwäonen: Angelsachsen, Friesen, Chauken): ein Streifen von südlich von Dänemark, Nordseeküste und Nordseeinseln bis Friesland

 

Als Streifen von Ost nach West liegt im Norden darüber das Nordgermanische: Schweden, Dänemark, Norwegen, Island Das Englische (angelsächsische) ist laut Elisabeth Fraser also das Bindeglied zwischen Niederdeutsch (Platt) und englisch. Daher rührt die heutige übergangslose krasse Trennung zwischen Niederdeutsch Schleswig-Holstein) und Dänisch. Die germanischen Stämme kamen ursprünglich aus dem Ural. Die Sueben siedelten zu Cäsars Zeiten rund um die Ostsee (mare suebicum = das Schwäbische Meer ) und das Elbegebiet, auch Dänemark, Norwegen und Schweden, die Alamanni dagegen siedelten um 100 n. chr. etwa in der Höhe des Mains (genau: Fulda) und begannen von dort aus in den Süden vorzudringen. Sie überstiegen den Limes, wurden aber von den Römern verjagt. Sie überstiegen den Limes jedoch ein zweites Mal und verdrängten die Römer ( n.chr.). Bereits anno 280 n.chr. drangen sie bis an den Rhein vor. Der erste Nachweis der Alamanni findet sich in den römischen Annalen im Jahr 213 n.chr. Ausführlicheres dazu finden Sie im Kapitel der Geschichte der Alemannen und Schwaben - Aus der Geschichte des südwestdeutschen Sprachgebiets. Da das Alemannische einen - wie im Folgenden ersichtlich wird - großen Einfluß auf die Entwicklung der deutschen Sprache hatte, wird hier diesem Volk besondere Aufmerksamkeit zuteil (außerdem ist nebenbei der Autor Alemanne, besser: Allemane ). Wie aus dem Baum der deutschen Sprache weiter ersichtlich wird hat sich das Oberdeutsch aus den Ermionen (Elbgermanen / Sueben) entwickelt, dabei vorwiegend durch die Alemannen und Baiern. Die Alemannen überstiegen den Limes, sie sind in den römischen Annalen erstmals im Jahr 213 n.chr. erwähnt. Sie waren über den Limes, der ungefähr am Ostrand des Schwarzwalds über Donaueschingen zur Donau entlanglief, in die römisch beherrschten Gebiete Süddeutschlands eingedrungen (Näheres siehe Abschnitt Aus der Geschichte des südwestdeutschen Sprachgebiets ). Im Zeitraum bis zum Jahr 750 n.chr. wurden jahrhundertelang nur lateinische Texte abgefaßt oder abgeschrieben. Die Germanen sprachen ihr Urgermanisch, vermutlich auf sehr unterschiedliche Weise.

 

Es gibt eine Runeninschrift, die sich auf einem im Jahre 1734 gefundenen goldenen Horn von Gallehus (um 400 n. Chr.) befand:  

„ek hlewagastir holtijar horna tawido“

Sie konnte entziffert werden und heisst:

 „Ich Hlewagastir aus Holt, der das Horn fertigte“'

Diese Sprache ist Vorläufer des Altnordischen (und damit auch des Norwegischen, Schwedischen, Dänischen, Färöischen und Isländischen.)

Über diesen ersten Abschnitt der Entwicklung gibt es fast keine Urkunden und Texte, jedoch hilft uns die Linguistik ein bißchen weiter. Deutsch entstand - vereinfacht ausgedrückt - aus germanischen Wörtern und Silben (Siluben), an welche lateinische Endungen gehängt wurden, dazu wurde lateinische Grammatik eingesetzt, wurden lateinische Wörter (Lehnwörter) für alles, wofür es keine germanischen Wörter gab, übernommen (Fenster, Keller, Kaiser usw.). Das zeigt ein schönes Beispiel, das Vater unser aus der Zeit bis zu Karl der Große: Ata unsa es in himinam... Die germanischen Kerne sind: Ata, uns und Himi, der Rest sind lateinische Anfügungen. Die Zeit vor 750 n.chr. kann man sprachlich noch nicht als irgendwie deutsch bezeichnen, es war Germanisch, jedoch entstand Deutsch quasi fragmentarisch (nebenbei: in derselben Zeit entstand das Altfranzösische in Gallien aus dem Soldatenlatein).

Es ist auffallend, daß Cäsar im Italienischen zu Cesare (phon: Dschesare ), im französischen zu César (phon: Ssesaar ) und im russischen zu Zar wurde, im deutschen dagegen nicht zu Zaisar sondern zu Kaisar. Linguistisch läßt sich aber daraus ablesen, daß die romanischen Länder, die von römischen Truppen besiedelt wurden, sprachlich eher vom Soldatenlatein oder Vulgärlatein geprägt wurden, welche für Ce... eben Dsche... und nicht Ke... sagten. Dagegen sprach man in Germanien nicht die Lingua romana, die Behörden sprachen aber lateinisch, auch die Urkunden und Erlasse Karls des Großen waren in Latein geschrieben, so mußten sich die Germanen also nach der Aussprache des Behördenlateins richten. In Rom war es schick gewesen, Käsar und Kikero (kiker=lächeln, kichern, Kikero=der Lächelnde) zu sagen, die Aussprache im Behördenlatein war also Kaesar. So entstand eben nicht Zaisar sondern Kaisar. Geradezu witzig mutet an, wie cellar (lat. für Keller, Zelle) zweimal in die deutsche Sprache Einzug hielt: erstens als Keller (die Behörde bezeichnet den Ort, wo böse Soldaten eingesperrt werden, als Kellar ) und zweitens als Zelle (der Soldat sitzt im Keller, sagt aber Zellar und leidet sehr).

 

Die Perioden der deutschen Sprachgeschichte

Um das Nacheinander der Veränderungen richtig einordnen zu können, teilen wir die Geschichte der deutschen Sprache in 3 Perioden ein: Das Althochdeutsche (etwa 750 bis 1100) Das Mittelhochdeutsche (etwa 1100 bis 1500) mit dem Frühneuhochdeutschen (seit etwa 1350 bis 1650) Das Neuhochdeutsche (etwa seit 1650)

In ihren Grundzügen geht diese Einteilung auf Jacob Grimm (1785-1863) zurück, den älteren der beiden Brüder, denen wir die Sammlung der Kinder­ und Hausmärchen verdanken. Er war ein bedeutender Gelehrter und der Begründer der deutschen Sprachwissenschaft. Allerdings hielt er Martin Luther (1483-1546) für den eigentlichen Schöpfer des Neuhochdeutschen. Darum setzte er die Grenze zwischen Mittel-und Neuhochdeutsch um das Jahr 1500 an. Viel später erst wurde erkannt,  daß Luther eine Entwicklung auf die Höhe führte, die schon viel früher begonnen hatte. Deshalb wird heute de Periode Frühneuhochdeutsch" oft als eine eigene, selbständige Sprachperiode in das anfangs nur dreiteilige Schema eingeschoben.

 

Hochdeutsch kommt nicht aus Hannover

Das Wort "Hoch-Deutsch" kommt nicht etwa daher, dass dies eine "hohe, gelehrige" Sprache darstellt, sondern sie ist eine geographische Zuordnung. ...: "Hoch" -deutsch ist die Sprache, die in den hohen Landen (Südschwarzwald, Nordschweiz, der Bodensee ist 600 m über dem Meeresspiegel) gesprochen wird, "Nieder"-deutsch aus den niederen Landen (Hamburg, Hannover usw. bis 100 m über dem Meeresspiegel). 

Ver­bissen hält sich besonders bei „norddeutschen" Vertretern der Irrglaube, Hochdeutsch käme aus Hannover (im „hohen Norden"). Das ist falsch: erstens weil Hannover zu den "niederen Landen" gehört und die erste und zweite Lautumwandlung nie stattgefunden hat, zweitens weil in Hannover anno 1500 nur Platt gesprochen wurde, drittens weil die Hannoveraner sich im 20. Jh. aus unerfindlichen Gründen plötzlich ihres wunderschönen Plattdeutschen geschämt haben und dass spätere Neuhochdeutsch („Goethe­ deutsch") übernommen haben, viertens weil alle Deutschen außer den Hannoveranern deren Sprachmelodie I Melos (Singsang) hören (Näheres siehe „Das heutige Deutsch").

Neuhochdeutsch kommt aus dem Mittel­hochdeutschen (Walter von der Vogelweide und Meister Eckhardt und Wolfram von Eschenbach und "Das Nibelungenlied", allesamt in Donaueschingen bzw. Südschwarzwald zuhause) und der Weiterentwicklung zum Meißner Amtsdeutsch", der Sprache Luthers. Neuhochdeutsch konnte anno 1500 in Hannover nicht gesprochen werden, weil das Schriftdeutsch (und die Lutherbibel) Hannover noch gar nicht erreicht hatte. Luther hat damals nachweislich nicht das Hannoveraner Deutsch übernommen, sondern das sächsische Meißner Amtsdeutsch. Das ist wissenschaftlich belegbar, alles andere ist dummes Gerede.

 

Zu den Sprachepochen:

 

Althochdeutsch (750-1100)

Vor etwa dem Jahr 750 n Chr. wurden jahrhundertelang nur lateinische Texte abgefasst oder abgeschrieben. Danach fingen Gelehrte an, Text ein der Sprache des eigenen Volkes zu schreiben. So gibt es seit etwa zwölf Jahrhunderten schriftliche und seit dem 15.Jahrhundert (Gutenberg) auch gedruckte Überlieferungen in deutscher Sprache. Das bedeutet etwa zwölf Jahrhunderte deutscher Sprachgeschichte.

 

Wurde aber wirklich um 750 schon deutsch geschrieben, und hat Karl der Große, als er im Jahre 768 zum König der Franken gekrönt wurde, sein Heer schon auf deutsch"begrüßt“?

Karl wurde auf einer der reichen Besitzungen seiner Familie im oberen Moseltal, in der Gegend um Metz, geboren, und er selbst nannte seine  Muttersprache „fränkisch". Er beherrschte ein gewaltiges Reich, fast ganz Frankreich, das schon seine Vorfahren den Römern abgewonnen hatten, Oberitalien und das germanische Land bis an die Elbe und die Saale. Der germanische Frankenstamm hatte die anderen Germanenstämme, die Alemannen und Bayern, und Karl selbst dazu noch die Sachsen unterworfen. Sie gehörten seither zum Frankenreich, aber ihr Streben nach Selbständigkeit war ungebrochen, und Ihre Sprachen nannten sie “fränkisch", alemannisch",   bayerisch" und   sächsisch", genauer aber: „thüringisch· (dieses sind auch die Kernwurzelnder deutschen Sprache - siehe Grafik). Als zweiter Zweig kamen nun also die fränkischen Einflüsse hinzu (Istwäonen: Rhein-Weser-Gebiet, das Frankenreich umfasste aber auch das heutige Nordfrankreich), die weiteren Seiteneinflüsse sind grafisch gut erkenn­bar, woraus dann das Althochdeutsch entstand:

Im Westen und Süden des Reiches (heutiges Frankreich) sprachen die Einheimischen wie schon vor der fränkischen Eroberung immer noch die „Lingua Romana", die Sprache Roms (genauer gesagt aber in der Aussprache der Soldaten, also „Soldatenlatein"/Vulgärlatein").

 

Die Westgermanen konnten diese fremde Sprache nicht verstehen. Wohl aber verstanden sich die Germanen trotz ihrer verschiedenen Mundarten untereinander. Darum nannte Karlin seinen (lateinisch geschriebenen) Urkunden und Erfassen diese Sprachen die Lingua theu-disca. Das war ein künstlich gebildetes Wort, abgeleitet von germanisch „the-uda" = der Stamm" oder das Volk. („theu-disca", die einigen Stämme), bedeutet also „die Sprache des eigenen Volkes" Im Gegensatz zu der Sprache der Romanen. Daher erklärt sich auch der Unterschied, dass die italienische Bezeichnung für deutsch tedesco· ist, jedoch in den anderen romanischen Sprachen (span., portug. und franz.) „aleman“, weil die Alemannen eben die nächstgelegenen Nachbarn in den deutschen Landen waren. Aus „the-u-disca" wurde „diutiscun", daraus „the­utsch", daraus „theutsch" daraus „deutsch", „diuts" oder „duits“·(holländisch) oder „tuisk" (schwedisch).

 

Jacob und Wilhelm Grimm (Gebrüder Grimm) waren überzeugt, daß man die Sprachperioden allen nach den äußerlichen Merkmalen der Lautentwicklung einteilen könne. Das reicht zwar, wie wir heute wissen, bei weitem nicht aus. Doch liegen darin Möglichkeiten einen unbekannten Text zeitlich und oft auch räumlich wenigstens vorläufig einzuordnen.

Vor allem lassen sich die drei hochdeutschen Stammesmundarten auf Grund des Lautbestandes von den niederdeutschen (dem „Altsächsischen") unterscheiden.

 

Ein deutsches Gebet um 840 n Chr.

Die Gebetszeilen lauten  z.B. im altsächsischen „Heliand", der um 840 entstand, wie folgt: „Gewihid si thin namo. Cuma thin craftag riki. Werda thin willeo so sama an erdo, so thar uppe ist an them hohon himilrikea.“

 

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Im Vergleich mit dem althochdeutschen Text nimmt man mancherlei Unterschiede wahr, auch in der Wortwahl (giheilagot: gewihid = geweiht ) und in den Endungen (queme, willo, erdu: cuma, willeo, erdo). Aber wichtiger sind die Lautunterschiede, die besser im Vergleich mit dem Text von 1200 zu erkennen sind. Statt rich und uf hat der Heliand riki, uppe. Und gegenüber dem zuchome (heutiges alemannisch: zuechome ) steht in einem altenglischen Text tobecume. Aus den germanischen Lauten p, t, k, die das Altenglische und das Altsächsische behalten haben, sind im Fränkischen, Alemannischen und Bayerischen nach bestimmten Regeln andere entstanden: f (ship >Schiff) bzw. pf (pipe >Pfeife), s (out >aus) bzw. z (tongue >:Zunge) entstanden, und auch Vokale haben sich geändert. Man nennt diesen Vorgang die althochdeutsche Lautverschiebung (oder die von den Alemannen ausgehende 2. Lautverschiebung gegenüber der nicht datierbaren ersten oder germanischen, die die germanischen Sprachen von allen anderen indogermanischen Sprachen unterscheidet) und nennt die drei Mundarten, in denen diese Veränderungen vorkommen, die hochdeutschen Mundarten. Daß wir heute hochdeutsch Wasser, schlafen, Küche sagen, wo es niederdeutsch Water, slapen, Köke heißt, ist eine Folge der 2. Lautverschiebung (etwa 7. Jh.). Das Niederdeutsche hat die alten p, t, k bis heute zäh festgehalten. Deshalb ist es, obwohl es an der deutschen Verkehrsgemeinschaft seinen Anteil hat, niemals hochdeutsch geworden, und auch die hochdeutschen Sprachperioden lassen sich nicht auf das Niederdeutsche anwenden. Entgegen der weitverbreiteten falschen Annahme, Hochdeutsch käme auch dem hohen Norden kommt es vielmehr aus dem Hochland, also den eher südlichen Sprachen, das Niederdeutsch dagegen aus dem Norden, das heißt dem Tiefland (den niederen Landen), den tief gelegenen Ländern im Norden. Erstmals um das Jahr 1000 tauchte die Bezeichnung in diutiscun, d.h. auf deutsch auf. Der gelehrte Alemanne, der so schreibt, hat also begriffen, daß fränkisch, bayerisch, alemannisch und sächsisch nur besondere Formen einer gemeinsamen Sprache sind. Gleichzeitig wird erkennbar, daß das Alemannische bestimmend wurde - eigentlich besser: alle-manisch, denn die Manen sind Menschen (engl. men = alle Menschen) des eigenen Volkes. Manen können auch Frauen sein (das holländische alman wird übersetzt mit jedermann). Im Allemanischen gibt es heute noch ein Kinderlied, das ich als Kind in Meßkirch gelernt habe: Alle Mane sind halt Pu-eschde... (Pueschde = Helden, Sieger). Zurück zur Sprachentwicklung: Deutlich erkennt man im Wort diutiscum die Wirkung der Verkehrsgemeinschaft in einem politischen Großraum. Denn nachdem das weite Frankenreich unter den Nachfolgern Karls des Großen mehrmals aufgeteilt wurde, entstand in seinem Ostteil (rechtsrhei-

 

9 nisch) die große politische Einheit, aus der später das Reich der Deutschen hervorgehen sollte. Die politische Verbundenheit führt zu einem Gefühl der Einheit. Die einzelnen Stämme erkennen, daß sie zwar etwas Eigenes darstellen, daß sie aber alle einer Kultur, einem Reich angehören und deshalb auch nach außen hin gemeinsame Interessen zu wahren haben. Dabei ist die Entstehung der gemeinsamen Sprache innerhalb des politischen Großraums vor allem auf den kulturpolitischen Willen Karls des Großen zurückzuführen. Immer wieder schärfte er den hohen Geistlichen ein, sie sollten für die Ausbreitung und Vertiefung des Christentums sorgen, und sie sollten die christliche Lehre in den Landessprachen verkünden. Das war im Westreich nicht allzu schwierig, wo ja die Sprache Roms, wenn auch in gewandelter Form, noch weiterlebte. Im germanischen Osten (rechtsrheinisch) war dazu aber eine gründliche Neugestaltung der Sprache nötig. Denn die vor kurzem noch heidnischen Stämme kannten die christlichen Glaubensvorstellungen und die Lehre noch kaum. Tausende von neuen Wörtern mußten gefunden werden, um die lateinischen Texte der Bibel und der Kirchenlehrer in die Volkssprache zu übertragen, und diese äußerst schwierige Aufgabe hatten die vier Stämme gemeinsam zu lösen. So entstand aus den vier noch heidnisch geprägten Stammessprachen die christliche deutsche Kultursprache und gleichzeitig auch das Bewußtsein der Gemeinsamkeit, das mit dem Wort deutsch ausgedrückt wird. Wollten wir sehr genau sein, so dürften wir für die ersten drei Jahrhunderte unserer Sprachgeschichte noch nicht von einer deutschen Sprache reden. Aber Karl der Große hat den politischen Raum geschaffen, der zum Sprachraum wurde, und er hat die große kulturelle Aufgabe gestellt, die die vier Stämme gemeinsam bewältigten. So rechnen wir auch für diese Zeit bereits mit einer deutschen Sprache, denn es ist die Zeit des werdenden Deutsch. Zwölf Jahrhunderte sind eine lange Zeit, in der mancherlei Veränderungen in der Sprache vorgehen. Schon wenige Zeilen aus dem Vaterunser können das zeigen. Um 825 schreibt ein Mönch im Kloster Fulda: si giheilagot thin namo, queme thin rihhi, si thin willo, so her in himile ist, so si her in erdu.

 

Mittelhochdeutsch (1100 bis 1500)

Im Kloster Milstatt in Kärnten lautet derselbe Text um 1200: geheiliget werde din name. zuchom uns din rich. din wille werde hie uf der erde als da ze himele. Wurde das Althochdeutsch noch vorwiegend vom Alemannischen, Fränkischen, Bayerischen und Thüringischen geprägt, so wurde das Mittelhochdeutsch prior allein vom Alemannischen geprägt. 

Walter von der Vogelweide (1170 - 1230 ) schrieb:

Ich sass uf eime steine und dachte bein mit beine.
daruff satzt ich den ellenbogen
ich hetes in min hand gesmogen
das Kinn und ein min wange.
do dacht ich mir viel lange
wie man zur werlte sullte leben.
Deheinen rat kunnt ich gegeben
wie man drü ding erwurbe
des keines nicht verdurbe...

Als ich dieses Gedicht zum erstenmal in der Schule hörte wurde es fatalerweise in plattdeutscher Aussprache vorgetragen mit spitzem Sstain. Völlig falsch! Man muß diesen Text alemannisch vortragen (das heißt im Norden: schwizerdüütsch : das ist Südschwarzwald und Nordschweiz) um einen Annäherungswert zu erzeugen. Dort gibt es heute noch die Wörter in dieser Phonetik: min (mit langem i ) für mein, eime (phon: ë-ime mit ë - nicht aime mit a ausgesprochen) für einem, Schtë-in (und nicht Stain mit sspitzem Sst... ) für Stein, dehë-inen für keinen andern als, drüü für drei, Hus für Haus usw., die K und CH als hartes CH (kch) wie im Wort Chaibe (die Schwaben werden von uns oft als Chaibe beschimpft, Chaibe meint ungezogene, freche Burschen), das a sehr dunkel und mehr als offenes o gesprochen. Und plötzlich wird hörbar, daß dies mit dem heutigen Alemannisch fast identisch ist, hier der Versuch einer phonetischen Schreibweise: Ikch sass uff ëi-me Schtë-ine und dochte - Bë-in mit Bë-ine. (waischt scho: dos miint d Fies überenondergschlogge) doruff sotzt ikch den Ellenboggen (nicht -boogen) - ikch hätt es (also nicht heetes sondern hatte es, nämlich das Kinn) in miin Hand geschmoggen (d Schwobe sägget gschmiegt ) das Kchin und ë-in miin Wange. Do docht ikch mir viel longe wie man zur Werlte sullte läbben (nicht leeben ). De-hëinen... (des chascht id übrsatze uffs düütsche, sell miint: kchëin Ondere als... ) Dehë-inen Rot kchunnt ikch gegebben wie mon drüü Dingkch erwurbe (waischt scho: eis, zwei drüü... ) des kchëines niccht verdurbe...

 

11 Und plötzlich wird der priore Einfluß des Alemannischen auf die mittelhochdeutsche Sprache auch hörbar. Nebenbei wird sichtbar, daß alemannisch und schwäbisch zwei völlig verschiedene Sprachen sind. In den alemannischen Ländern (Schwarzwald/Baden, Elsaß und Schweiz) nennt man die übrigen Deutschen abwertend auch gerne Schwaben, was darin begründet liegt, daß die Sueben rund um die Ostsee (das Mare Suebicum ), also im Norden siedelten. Das schwäbische Meer wäre also gar nicht der Bodensee sondern die Ostsee. Dazu witzeln die Alemannen gerne, daß die Schwaben nur 7 km der Küste besiedeln (rund um Lindau), während die Alemannen (in Baden, der Schweiz und Österreich) 260 km besiedeln: Und wenn d' ebs gstohle hasch dann schicks glei hoim... Übrigens gebrauchen auch die Polen das Schimpfwort Schwobe für die Deutschen. Es bringt einen Alemannen immer zum Lachen, wenn sich die Schwaben heute gerne mit alemannischer Kultur schmücken, nur weil Baden und Württemberg inzwischen ein Bundesland ist, sie verkörpern aber eigentlich das Andere, d.h. das eben nicht Alemannische. Die Verwechslung von Alemannen und Schwaben hat aber eine lange Geschichte. In der unterschiedlichen Entwicklung der Kulturen steckt eine historische Rivalität, die heutige Rivalität der beiden ist jedoch gar nicht bösartig sondern eher humorvoll zu nehmen, denn im Kern sind die beiden Geschwister (Ausführlicheres im Kapitel Alemannen und Schwaben ). In den norddeutschen Ländern kennt man die Bezeichnung alemannisch kaum oder verwechselt sie gar mit schwäbisch (für einen echten Alemannen geradezu beleidigend), im Norden wird heutzutage " Alemannisch einfach als Schweizerdeutsch erkannt, dieses aber wird nicht nur in der Schweiz sondern auch im Südschwarzwald (besonders südlich der Kinzig) und in den Vogesen (Elsaß) gesprochen, alemannisch geht etwa von Burgund Richtung Osten entlang der Alpen und Voralpen über: Schwarzwald, Baden und westliches Süd-Württemberg (mit Ausnahme des nördlichen fränkischen Teils), die deutschsprachige Schweiz, das österreichische Vorarlberg, das Fürstentum Liechtenstein, den westlichen Teil des Bundeslandes Bayern (Augsburg) bis etwa zum Lech und sogar bis Tirol, also nördlich der Alpen entlang (teilweise auch südlich), erkennbar am harten "CH" anstelle von "K" und am ë. Ich selbst bin im Schwarzwald aufgewachsen und liebe die alemannische Sprache, die Familie kommt aus dem Südschwarzwald / Breisgau. Mein Onkel Erwin und meine Base Ursula brachten mir die Pflege der alemannischen Sprache bei. Ich habe alemannisch inzwischen zwar fast verlernt, denn wer bühnendeutsch spricht, muß sich den Dialekt (und besonders einen in Aussprache und Sprachmelodie so völlig abweichenden Dialekt) völlig abgewöhnen: denn man kann nicht nur wenige Stunden am Tag bühnendeutsch sprechen, den Rest des Tages aber Dialekt, nein: man 11

 

12 muß selbst bühnendeutsch träumen und die Selbstgespräche in Bühnendeutsch führen, sonst geht der Dialekt nicht völlig weg. Es gibt in Freiburg/Brsg. eine Muëttersproch-Gsellschaft (gesprochen nicht Mütter... sondern Mu-ëtter..., und die Elsässer, Schweizer und Schwarzwälder finden sich darin regelmäßig zusammen zur Pflege des Alemannischen. Es gibt vielerlei wunderbare alemannische Dichtung: Johann Peter Hebel, der badische Maler Hans Thoma (er hat die Bibel ins Alemannische übersetzt), der Lyriker Karl Kurrus. Es gibt sehr bekannte Volkslieder (wie Chume chume Geselle min u.a.), Kunstlieder und Gedichte in großer Zahl, nicht zuletzt Walter von der Vogelweide. Viele Wörter der alemannischen Sprache gibt es im Norddeutschen gar nicht. Einige Beispiele: - gambeln ( Maidle gamble id esso, Hollaladio, Holladio, s Gamble wird d r scho vergoh... ein alemannischer Jodler) - Gamba (ital.) ist die Kniegeige (wird mit den Knien gehalten, heutiger Nachfolger ist das Cello), gambeln bedeutet, mit den Beinen zu baumeln, esso für so (Betonung auf der ersten Silbe wie im spanischen):...esso isch s Leaba ( = so ist das Leben) - abichaie heißt: herunterfallen ( abi = abwärts ), chaie (von lat. cadere, span caer ) = fallen - der Anken (kommt aus dem Hunnischen / Mongolischen, die Hunnen siedelten in der Gegend von Lörrach bis Burgund) für die Butter (auch daher sagt man im alemannischen zur Butter öfter der Butter ) - seller ( selle, selles ) heißt : derjenige, diejenige, dasjenige - vgl. frz. celui, cela, celles - sell heißt das - jazze ( jazzen heißt: zwicken, herumtollen): dr Schuh jazzt mi heißt: der Schuh drückt mich - oder: muescht id so rumjazze heißt: du mußt nicht so wild herumtollen). Die Norddeutschen kennen jazzen nur aus dem späteren amerikanischen Jazz (wilde Musik). Es gibt unzählige weitere Beispiele. Die aus dem Lateinischen kommenden Wörter stammen aber vermutlich nicht aus dem Behördenlatein sondern eher aus dem Soldatenlatein, denn die Alemannen im Süden hatten mehr Kontakt zur römischen Kultur, wo vermutlich mehr Soldatenlatein gesprochen wurde, die größere Nähe zum Italienischen, Spanischen und Französischen deutet darauf hin (die romanischen Sprachen beruhen eher auf dem Soldatenlatein). Noch eine interessante linguistische Erforschung macht uns die Priorität des Alemannischen deutlich: in ganz Europa sagt man Haus oder house usw. Dabei wird ein s gesprochen. Englisch ist ja ursprünglich angelsächsisch und ein niederdeutscher Dialekt. Im Englischen hat aber die althochdeutsche Lautverschiebung von t nach s bzw. z und von p nach pf bzw. f usw. gar nicht stattgefunden. Die Engländer müßten also eigentlich 12

 

13 sagen hout, sie sagen ja auch tongue (Zunge) und nicht zongue. Woher kommt das? Es kommt aus dem Baustil der frühen Gotik (Hohenstaufen-Stil) und der späten Gotik in der deutschen Architektur und einer wachsenden Stadtgesellschaft. Die Häuser waren sehr stabil (z.b. als Fachwerk) gebaut und wurden Vorbild für ganz Europa. Das Haus wurde alemannisch Hus genannt. Dieses Wort wurde in ganz Europa (nicht in Frankreich) einfach als Fremdwort übernommen. Daraus entwickelten sich also Haus (dt.), house (engl.), huise (holl.) usw. (hingegen ist z.b. die Maus - mouse ein lat. Fremd- oder Lehnwort: mus, muris). Es war also nicht nur die Sprache sondern die gesamte Kultur dieser Zeit, die eine bestimmende Ausstrahlung hatte. Im Französischen heißt das Haus übrigens maison, das heißt aber ebenso Wohnung. Ein Haus ohne einen Bezug auf Wohnung gibt es nicht. Dazu gibt es sicherlich noch viel mehr zu sagen, dieses überlasse ich an dieser Stelle aber den Linguisten.

 

Neuhochdeutsch (etwa seit 1500/1600)

In Luthers Bibeldruck von 1544 heißt es: Dein Name werde geheiliget. Dein Reich kome. Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himel, und so steht es auch heute noch, mit geänderter Rechtschreibung, in den Ausgaben der Luther-Bibel. Man erkennt sofort, daß die Entwicklung der Sprache in Stufen vor sich geht. Die vollen Endvokale des Textes von 825 (namo, willo, erdu, rihhi, giheilagot) sind um 1200 zu e geworden oder verschwunden (name, wille, erde, rich, geheiliget). Der Umlaut e-i mit e gesprochen wurde nun als ai mit a gesprochen (phon: e-in wird ain, Stein wird Stain usw.) Aber das lange i der betonten Silbe (din, rihhi) zeigt sich erst bei Luther als ei (dein, Reich), wie wir es heute noch sprechen. Auch Wortlaut und Wortfolge der drei Texte sind verschieden; aber darauf wollen wir hier nicht eingehen. Dagegen kommen wir auf einen Begriff, den nur die deutsche Sprache kennt: Schriftdeutsch. Es gibt weder Schriftenglisch noch Schriftfranzösisch noch Schriftspanisch. Das liegt daran, daß diese Sprachen meist durch den Dialekt der Hauptstädte (in England durch Kulturzentren wie Oxford / Cambridge) bestimmt wurden (nicht zuletzt rührt daher der Sprachenstreit der spanischen Catalanen, denn Hochspanisch ist nichts anderes als kastilianisch, und das ist der Dialekt aus Madrid / Kastilien). Dieses kommt daher, daß die erste neudeutsche Veröffentlichung Luthers Bibel war, und diese war nicht nur das erste in neuhochdeutsch verfaßte Werk und der erste Bestseller, sondern es wurde nur schriftlich verbreitet, nicht mündlich. Jeder sprach dieses neue Deutsch also unterschiedlich aus. Darüber sind wir übrigen Deutschen heute sehr glücklich, denn wäre die Sprache mündlich verbreitet worden, wäre Hochdeutsch heute der sächsische Dialekt. 13

 

14 14 Luther griff auf die Meißner Amtsdeutsch zurück. Zum zweitenmal begegnet uns hier die Behördensprache, die für das Deutsche ausschlaggebend wurde. Wir Deutschen (und schon die Germanen) haben s halt mit der Behörde... Luther fand in der Sprache der Meißener Kanzlei bereits Schreibformen vor, die weithin bekannt waren. Seine und seiner Parteigänger Schriften wurden überall gelesen. Bald wurde das Meißnische Deutsch im ganzen Sprachgebiet verstanden, allerdings nicht überall angenommen. Im katholischen Süden wurde ihm noch lange die Reichssprache der Wiener Kanzlei entgegengesetzt, und Köln blieb bei seinem mittelfränkischen Dialekt. Der Dreißigjährige Krieg ( ) bedeutete auch kulturell einen tiefen Einschnitt. Danach lebte - im Zeitalter des Absolutismus - die Fürstenherrlichkeit noch einmal auf. Aber die Sprache der Höfe ist französisch. Das Meißnische Deutsch wird vornehmlich von protestantischen Geistlichen, Gelehrten und Dichtern gepflegt. Als dann die Grundlegung einer deutschen Sprachkunst des Leipziger Professors Gottsched auch in Österreich als Lehrbuch der deutschen Sprache anerkannt wird, ist der Weg zu einer einheitlichen deutschen Schriftsprache geebnet. Zu ihrer vollen Ausbildung tragen dann die Dichter und Denker von Lessing bis Goethe das meiste bei. Sie und ihre Zeitgenossen legten den Grund zu der allgemeinen Schriftsprache des 19. Jahrhunderts. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann in Deutschland die Industrialisierung. Mit den Arbeitermassen, die die Industrie aus den damals übervölkerten Landgebieten anzog, entstanden mit unvorstellbarer Geschwindigkeit die neuen Großstädte. Im Jahre 1870 gab es im Reichsgebiet nur acht Städte mit mehr als Einwohnern, bis 1910 war ihre Zahl auf 48 angewachsen. Die Neubürger, mittellos zugewandert, hatten in bitterer Not um ihren Lebensunterhalt zu ringen. Die sozialen Spannungen, die sich daraus ergaben, brauchen hier nur angedeutet zu werden. Schritt für Schritt erkämpften sie sich ihre Rechte in der Industriegesellschaft, erstritten sich ihren Anteil am öffentlichen Leben und an den allgemeinen Bildungsmöglichkeiten. Auch die rasch wachsende Teilnahme der Frauen am Berufsleben und ihr Einbruch in die Arbeitswelt der Männer ist eine späte Folge der sozialen Umwälzungen. Bis zum Ende des Kaiserreichs im Jahr 1918 herrschten im politischen und kulturellen Leben und auch im Gebrauch der Schriftsprache die bürgerlichen Traditionen vor. Seitdem ist nach dem Zusammenbruch der Monarchie und der Revolution von 1918 eine neu strukturierte Gesellschaft erstanden, in der die alten Standesunterschiede keine Rolle mehr spielten. Nach einigen Jahrzehnten des Überganges leben wir seit dem Neubeginn im Jahre 1945 in einer Gesamtgesellschaft, die man nicht mehr im traditionellen Sinne bürgerlich nennen kann. Noch hat diese neue Gesellschaft

 

15 ihre eigene, endgültige Form nicht gefunden. Die Suche danach zeigt sich jedoch in der oft krassen Abkehr der Jugend vom Hergebrachten, an dessen Stelle sie einstweilen das Experiment mit neuen Möglichkeiten setzt (heute z.b. Denglisch ). Auf diese Entwicklung antwortet, wie zu jeder anderen Zeit, auch unsere Sprache. Schiller und Goethe, Sprachmuster für die Schulerziehung der bürgerlichen Zeit, sind für unsere heutige Sprachgestaltung keine Vorbilder mehr. Die Sprache unserer Gegenwart ist direkter und derber geworden. Die Schriftsteller nennen die Dinge beim Namen, sie verhüllen nichts, und die Schriftsprache von heute nähert sich der Sprache des Alltags, von der sie im bürgerlichen 19. Jahrhundert weit entfernt war. Den Fachmann erinnert das Sprachgeschehen unserer Tage an die Anfänge der frühneuhochdeutschen Zeit. Damals forderte im sozialen Umbruch die junge Gesellschaftsschicht der Stadtbürger ihr Recht. Auch sie fand nicht sogleich die ihr angemessenen Lebensformen, und in ihrer einfachen, anfangs oft groben und unflätigen Sprache meint man den Protest gegen das überfeinerte Deutsch der Adelsgesellschaft zu spüren. Derber Spott und bissige Satire, mit denen die hergebrachten Lebensformen gegeißelt werden, lassen erkennen, daß auch damals an der heilen Welt der alten Gesellschaft heftig Kritik geübt wurde. Viele der sprachlichen Neuerungen machen auch an der kulturellen Grenze zwischen den alten Bundesländern und den neuen Bundesländern nicht halt. Was hüben und drüben voneinander abweicht, sind jedoch geringfügige Unterschiede, wie sie auch gegenüber der deutschen Sprache in Österreich, in der Schweiz und in Luxemburg und sogar zwischen Nord- und Süddeutschland bestehen. Das tut der übernationalen Einheit der deutschen Sprache keinen Abbruch. Jedoch: wir täten gut daran, die Sprache der heutigen Schriftsteller, Satiriker und Kabarettisten ernstzunehmen und aufzuwerten, denn sie geißeln zwar, aber sie wollen mit Sprache umgehen und sie gestalten, sie haben ja auch vorwiegend nur die Sprache als Ausdrucksmittel. Sie fühlen sich aber verantwortlich für die erheblichen Folgen des Sprachgebrauchs. Sprache wächst und kann nicht von oben verordnet werden. Deswegen sind die zerstörerischen Folgen der sogen. Rechtsschreibreform (besser: Falschschreibreform) verehrend, da es sich de facto um eine Sprachreform handelt, in der die Regularien (Regelmäßigkeiten und Grammatik) durch mehrheitlich falschen Gebrauch in den unteren Bildungsschichten außer Kraft gesetzt werden: Statt winken, winkte, gewinkt - jetzt winken, winkte gewunken. Wenn stark, dann müßte es sein: winken, wank, gewunken. Zur Unterscheidung von Sprache und Aussprache lesen Sie bitte den nun folgenden Abschnitt. 

 

Das heutige Deutsch

Die deutsche Sprache ist, wie alle anderen Sprachen auch, im ständigen Wandel. Täglich kommen neue Worte dazu. Das fortschreiten der Technik und Naturwissenschaft erfordert dies. Besonders aus dem Englischen werden neue Worte integriert, bzw eingedeutscht wie Z.b. "downloaden".

Auch die heutige hochdeutsche Aussprache ist  im Wandel. Erst seit es die Massenmedien (Rundfunk und Fernsehen) gibt, haben wir einheitliche Hörbeispiele der Aussprache. Besonders gute Aussprache des Hochdeutschen finden wir im Synchron. Großartige Schauspieler wie Manfred Lehmann, Peer Schmid, Thomas Braut, Christian Brückner, Matthias Habicht, Peter Schiff, Arnold Marquis und andere, deren Namen das Publikum kaum registriert, sprechen vorbildliches Bühnendeutsch, besser: Mikrophondeutsch / Synchrondeutsch, von dem der Nachwuchs lernen sollte. Wir alle lernen sprechen durch Hör-Vorbilder. In Ermangelung einer Deutschen Akademie benutzen wir seit Lessing, Herder, Schiller, Goethe die Aussprache auf den deutschsprachigen Bühnen, daher in der Sprechtechnik die Bezeichnung Bühnendeutsch. Erst durch Rundfunk und Fernsehen haben wir plötzlich Hör-Vorbilder, weniger bei den Moderatoren und Reportern als bei den Nachrichtensprechern (ARD und ZDF), die beste Aussprache als Klangvorbild finden wir jedoch heutzutage bei den Synchronsprechern. Die besonders durch Hannoveraner und andere niederdeutsche Zeitgenossen verbissen vertretene Behauptung, die beste Aussprache käme aus Hannover ist grottenfalsch, wir sprechen Bühnendeutsch. Hannover zählt nicht zu den bekanntesten Bühnen, eher Bochum, Berlin, München, Stuttgart usw. Nachweislich gibt es keine Hannoveraner Nachrichtensprecher. Das hat seinen guten Grund: die Sprachmelodie. Alle Deutschen hören den eigentümlichen Hannoveraner Singsang außer die Hannoveraner selbst. Besonders die Sprachmelodie ist jedoch entscheidend für die Aussprache. So sind besonders diejenigen die besten Sprechen, die aus den übelsten Dialekten stammen (Schweiz, Schwaben, Sachsen, Pfalz, Rheinland, Saarland usw.) Es gibt keine deutsche Instanz, die diese Aussprache überwacht wie etwa die Académie française. Der Verein der deutschen Sprache setzt sich allerdings für eine Deutsche Akademie in diesem Sinne ein. Gutes Hochdeutsch hören wir bei den Nachrichtensprechern, bei den Privatsendern wird leider oft furchtbares Deutsch gesprochen, es wird genäselt und künstlich betont und gesungen ( FilmFilm - in Saddaaaaains ), ganz zu schweigen von Berlin-TV (Herr Gaffron). Leider hat auch die Werbung vorwiegend singenden und näselnden Charakter und bedient sich oft eines Schimpansendeutschs, die einem um die deutsche Sprache bemühten Zuhörer das Grauen lehrt. Leider hat diese Werbung auch eine Vorbildfunktion, deren sie nicht wert ist. Umsomehr wäre eine Deutsche Akademie (vergleichbar der Académie française ) vonnöten, wie sie z.b. auch Rolf Hochhut einfordert.

 

Aus der Geschichte des südwestdeutschen Sprachgebiets: Alemannen und Schwaben

Das südwestdeutsche Sprachgebiet oder der südwestliche Teil des gesamten deutschen Sprachraumes ist nicht identisch mit Südwestdeutschland, das lediglich einen Teil dieses Sprachgebiets darstellt. Die deutsche Sprache zusammen mit ihren Mundarten geht ja zum Teil ganz erheblich über die deutschen Staatsgrenzen hinaus, im Bereich des südwestdeutschen Sprachgebiets in das Elsaß, in die gesamte deutschsprachige Schweiz und in das Land vor dem Arlberg, das österreichische Bundesland Vorarlberg, Tirol und das Fürstentum Liechtenstein. In dieser Größe und Verteilung des Sprachraumes ist das - oft vergessene - Faktum begründet, daß das Deutsche, gemessen an der Zahl seiner Sprecher, in Europa die größte Sprache ist, gefolgt von Russisch, Italienisch, Englisch, Französisch und den übrigen europäischen Sprachen. Die Schreibweise Alemannen ist im Kern falsch, das kommt jedoch aus dem Lateinischen Alamanni. Es müßte jedoch geschrieben werden: Alle Manen (mit langem a ). Als Kind habe ich ein Lied auf der Straße gelernt: Alle Mane sind halt Pueschte (Pueschte sind Helden), Manen sind einfach Menschen (vgl. man und jederman ). Manen sind Männer und Frauen. Wo nun in diesem deutschen Sprachraum die Alemannen und wo die Schwaben zu lokalisieren sind, scheint hierzulande keine besonders schwierige Frage zu sein: Die Alemannen sind hier - z.b. in Bad Krozingen - und die Schwaben sind drüben hinter dem Schwarzwald. So jedenfalls lautet eine oft erteilte Antwort, wenn nach dem Gebiet des Alemannischen gefragt wurde. Im Großen und Ganzen entspricht diese Antwort auch dem, was Johann Peter Hebel zur Lokalisation des Alemannischen ausgeführt hat. Der Dichter schreibt in der Vorrede zur ersten Auflage seiner 1803 erschienenen Allemannischen Gedichte: Der Dialekt, in welchem diese Gedichte verfaßt sind, mag ihre Benennung rechtfertigen. Er herrscht in dem Winkel des Rheins zwischen Frickthal und ehemaligem Sundgau, und weiterhin in mancherlei Abwandlungen bis an die Vogesen und Alpen und über den Schwarzwald hin in einem großen Teil von Schwaben. Der Bereich des Alemannischen wäre demnach also - grob gesagt - das Oberrheingebiet samt Schwarzwald im Norden und Elsaß im Westen, die deutschsprachige Schweiz im Süden. Linguistisch etwas strenger betrachtet kommt dazu noch Vorarlberg und Tirol, salopp gesagt das Bergvolk : Schwarzwalt, Vogesen, Schweiz und die nördlichen Alpengebiete bis Tirol. 17

 

18 18 Zwischen diesem Bereich und dem Lande der Bayern wäre folglich das Schwäbische anzusiedeln und somit das hier in Rede stehende südwestdeutsche Sprachgebiet komplett. Was nun das Land der Bayern betrifft, so ist es offenbar nicht immer rein und ausschließlich bayerisch, nennt sich doch die gesamte Südwestecke dieses Landes nach den Schwaben, nämlich Bayerisch-Schwaben. Und die traditionelle Mundart von Augsburg z.b. ist eben nicht bayerisch, sondern schwäbisch. Unter den Bewohnern Bayerisch - Schwabens wird gelegentlich sogar die Meinung zu hören sein, daß man bei ihnen die eigentlichen und Ur- Schwaben finde, im Unterschied zu den minder schwäbischen württembergischen Schwaben. Drüben hinter dem Schwarzwald De Allemane-Marsch Vor fascht zweimol töisich Johr Üs-em hinterschte Ural Herner am Hirn un Pech in de Hoor Sinn se gchumme, d Allemane. Durich Sumpf, Muer, Wald un Wies, Nüsgepoltert iwweral lwwer de Rhin, wie d Ratte scharewis, Sinn si gchumme, d Allemane. D Alewiwer, d ganz Bagasch Hintenooch sitter-em Ural, Herner am Hirn un kchen Hemd am A... Sin se gchumme, d Allemane. Holteri-Polteri, rnummlichi Munni, Hungri, lüsi, arm wie Kchilchemiis Haawi Schlüri, rüdigi Trueli, Klotzigi Gselle, growi Tapp-ins-Mues. Un vun so ebbs stamme mer ab, Un m r sieht s uns schins noch an; Herner am Hirn, armseli Lumpepack, Unsre Ahne, d Allemane. Gschafft ihr Läwe n och kchen Streich, Füli Hüt wie Bärefell. Awwer e Herz wie Händschiledder weich Unsri Ahne, d Allemane. Ohne auf den Wahrheitsgehalt dieser Meinungsäußerung näher einzugehen kann man immerhin bereits bemerken, daß seit dem Anfang dieser Ausführungen die Räume des Schwäbischen und Alemannischen offenbar stetig größer werden, besonders wenn man bedenkt, wie bescheiden es mit hier und drüben hinter dem Schwarzwald soeben noch geklungen hat. Schwaben sind nicht nur die Schwaben Diese friedliche Expansion ist im Falle des Schwäbischen jedoch nicht auf Bayern beschränkt; meinen doch unsere schweizerischen Nachbarn, wenn sie von Schwaben reden, nicht immer nur die württembergischen oder die bayerischen Schwaben, sondern die Deutschen und früher die Reichs-

 

19 deutschen überhaupt, also auch die Königsberger, Berliner und Ostfriesen. Ganz Deutschland - ein einziges Schwabenland also. Die Karte soll zeigen, wie die Alemannen um das Jahr 100 n.chr. beginnen, in den Süden vorzudringen. Um sich auf dieser Karte zurechtzufinden empfiehlt es sich, zunächst den Bodensee, das Alemannische Meer (hellblau) zu suchen (links unten) Für einen Ausgleich zugunsten des Alemannischen sorgen bekanntlich unsere romanischen Nachbarn, so z.b. in Frankreich oder in Spanien, wenn sie mit Allemagne oder Alemanes nicht nur Baden, sondern Deutschland und die Deutschen insgesamt bezeichnen. Solch eine Ausweitung einer Benennung ist übrigens eine häufige Erscheinung in der Namengebung, die oft pars pro toto verfährt und den Teil für das Ganze einsetzt, in diesem Falle den nächsten Nachbarn für die ganze Nation. Ähnlich verfahren wir beispielsweise hier in Deutschland, wenn wir von Engländern reden und selbstverständlich - manchmal zu deren Leidwesen - auch die Walliser und Schotten mit einschließen. Dieser Typus der Namengebung ist also weder den Engländern, noch den Schwaben oder Alemannen anzulasten. Aber auch wenn für letztere vornehmlich wieder nur das südwestdeutsche Sprachgebiet reklamiert und in genannter Weise unter ihnen aufgeteilt wird, - also etwa Alemannen im Westen, Schwaben im Osten - geht das nicht ganz 19

 

20 ohne Schwierigkeiten ab. Die meisten Sprachwissenschaftler fassen nämlich die gesamten südwestdeutschen Mundarten bis in das Gebiet um Augsburg unter dem Leitnamen des Alemannischen zusammen, dem sich dann das Bayerische im Osten und das Fränkische im Norden anschließen. 20 Um 260 n.chr. sind die Alemannen bereits weit in den Süden vorgedrungen, aus dem sie die Römer verdrängt haben. Die Ostsee - das schwäbische Meer Alemannien lautete auch der überlieferte politische Name des gesamten südwestdeutschen Sprachgebiets im frühen Mittelalter; und so weisen es auch die entsprechenden Karten in Putzgers historischem Weltatlas aus. Danach lägen also Stuttgart oder Augsburg in Ostalemannien. Im Hochmittelalter wiederum ist von Alemannien kaum die Rede; dafür heißt nun das gesamte Gebiet Schwaben; somit wären also Freiburg, Colmar oder Bad Krozingen in Westschwaben gelegen. Um dieses Hin und Her der Namenverschiebung und Namenwanderung noch etwas zu vervollständigen, sei daran erinnert, daß in der römischen Kaiserzeit das Schwäbische Meer, das mare suebicum, nicht etwa der Bodensee gewesen ist, sondern die Ostsee.

 

21 Im 5. und 6. Jh. sind Sueben und zeitweise sogar ein Reich der Sueben im Gebiet des heutigen Nordportugal und Nordwestspanien bezeugt. Wenn man den großflächigen Bedeutungsumfang von Alemannien und Schwaben für Deutschland insgesamt einmal beiseite läßt, da als Typus der pars-pro-toto-namengebungen ohne weiteres erklärbar, dann bleibt also zunächst für die Schwaben und Alemannen im engeren Sinne immer noch genügend Fragwürdigkeit übrig. Um es noch einmal zusammenzufassen: Einmal nennt sich das südwestdeutsche Sprachgebiet Alemannien, dann Schwaben, dann wieder ist es geteilt in einen schwäbischen und einen alemannischen Bereich und schließlich soll sogar die Ostsee ein schwäbisches Meer gewesen sein. Diese merkwürdige Konfusion hat ihre Geschichte; und diese Geschichte ist zu befragen, wenn man diese scheinbare Unordnung verstehen will. 20 Jahre später um 280 n.chr. haben sie auch das Rheinknie besetzt. Der Rhein ist zunächst eine natürliche Grenze. Von den Sueben Von der Wissenschaft her ist diese ganze Geschichte der schwäbischalemannischen Namenskonfusion in ihren Grundzügen längst geklärt. Die Ostsee als mare suebicum der römischen Kaiserzeit verdankt diesen Namen jenem Stamm der bereits mehrfach genannten Sueben, dessen Wohnsitze damals etwa im Gebiet zwischen mittlerer Elbe und der Meeresküste lagen.

Im Namen Sueben/Schwaben steckt das germanische Wort sueba, was soviel bedeutet wie frei, selbständig, eigenen Rechts ; damit verbunden ist noch unser heutiges Wort schweben im Sinne von flügge sein. Das Wort sweba ist zudem noch verwandt mit dem germanischen Wort swear, und hat etwa die Bedeutung von die Selbständigen ; die Wurzel swear aber steckt auch in dem Namen des heutigen Schweden. Stammes- oder Volksnamen wie Schweden oder Schwaben stellen von ihrer Herkunft her einen Typus dar, in dem eine bestimmte Qualität oder ein Ideal namenbestimmend wird, in diesen Fällen das Ideal der Selbständigkeit und Freiheit. Der gleiche Typus mit sogar gleicher Bedeutungsrichtung liegt vor im Namen der Franken, der uns als Adjektiv heute nur noch in der Redewendung frank und freigeläufig ist. 22 Um 450 n.chr. dehnen sich die alemannischen Gruppen entlang der Donau aus. Noch ist der Rhein nicht überschritten. Von den Alemannen Ganz anders verhält es sich mit dem Namen der Alemannen, der im Unterschied zum Franken- oder Schwabennamen nicht mit einem Bedeutungsideal verbunden ist. Alemannen bedeutet lediglich soviel wie Menschen (Manen) oder Männer, im Gesamten genommen. Das holländische alman wird übersetzt mit jedermann. Antike Geschichtsschreiber haben folglich den Namen Alamanni oder alamannoi erklärt als zusammengelaufenen und gemischten Haufen von Leuten.

 

23 In dieser Bedeutung ist der Sammelname Alemannen als Typus etwa dem Namen Deutsch vergleichbar, der auch keine besondere Qualität meint, sondern schlicht und einfach das Volk heißt. Der Alemannen-Name ist insofern nicht nur weniger bedeutungsschwer, er ist auch eindeutig jünger als der Schwaben- oder Sueben-Name, der beispielsweise bereits in den Schriften Cäsars belegt ist, während A l a m a n n i zum ersten Male für das Jahr 213 n. Chr. genannt werden. Unbekannt aber wirkungsvoll Unter diesem Namen erschien damals an der römischen Reichsgrenze im heutigen Südwestdeutschland eine Art Stammes- oder Heeresverband, von dem bis dahin noch niemand etwas gehört hatte. Ungeachtet ihres absolut mangelhaften Bekanntheitsgrades haben es diese Alemannen dann fertig gebracht, in wenigen Jahrzehnten das damalige römische Gebiet im heutigen Südwestdeutschland zu erobern. Sie waren damit der erste germanische Verband überhaupt, der römisches Reichsgebiet auf Dauer und für Rom unwiederbringlich in seinen Besitz nehmen konnte. Durch die Franken im Norden wird der Expansionsdrang der Alemannen gebremst, die sich dafür über den Rhein ausbreiten und dort Fuß fassen. Die Karten entnahmen wir mit freundlicher Genehmigung dem Ernst Klett Verlag Stuttgart, Sprachbuch A/B 10 23

 

24 Suebischer Kern Was hatten aber diese Alemannen mit den Schwaben oder Sueben zu tun? Die Forschung ist sich ziemlich sicher, daß diese alemannischen Verbände, die, von Norden kommend, gegen das römische Gebiet vorrückten, zu einem großen Teil oder zumindest in ihrem Kern aus Sueben bestanden, denen sich auf der Wanderung nach Süden Teile anderer germanischer Stämme zugesellt haben. In ähnlicher Weise sind wohl andere Sueben-Verbände mit den Zügen der Westgoten nach Spanien gekommen. Diese Sammlung unterschiedlicher Stammeszugehörigkeiten würde den Sammelnamen der Alemannen erklären; die Annahme eines Verbandskernes vorwiegend suebischer Provenienz würde dagegen erklären, warum sich der Schwabenname neben seinem alemannischen Konkurrenten gehalten hat. Die auch für die Römer höchst beeindruckende Eroberungstat wäre somit der erste historische Beweis für die gemeinsame alemannisch-schwäbische Tüchtigkeit. (...) Sueben - Alemannen (...) Der gegenüber Sueben jüngere Name Alamanni hat sich bis zum 6./ 7. Jh. durchgesetzt, danach aber taucht in den Schriftquellen der Schwaben- Name wieder auf. Beispiele: Gregor von Tours schreibt im 6.Jh.: Suevi, id est Alamanni, Wahlafried, der Mönch von der Reichenau, nennt im 9.Jh. die Provinz der Alemannen oder Schwaben: provincia Alamannorum vel Suaborum, Alamannia vel Suevia, eine Mitteilung Einhart s aus dem 9.Jh. bezeichnet den Lech als Grenze zwischen Baiern und Alemannen, und umgekehrt zählt im Jahre 1018 Kaiser Heinrich den Breisgau zu Schwaben. 24 Quellen: Holger Münzer: Handbuch der Rhetorik (Edition Aetas 2001) Konrad Sonntag: Alemannen und Schwaben in Alemannisch dunkt üs guet,heft III/IV 1984 (MUETTERSPROCH-Gsellschaft Freiburg) Sprachbuch A/B 10, Ernst Klett Verlag Redaktion und Layout:Holger Münzer

 

25 24 Die Eigenart der deutschen Sprache Beim Wortschatz heben sich vor allem Anschaulichkeit und Wurzelgebundenheit heraus. So geht die dt. Wortprägung häufig auf das Anschaulich-Besondere der Gegenstände ein, wo das Französische sich mit einem allgemeinen Hinweis begnügt (Kesselschmied: chaudronnier, Schlafzimmer: dortoir; Aschenbecher: cendrier usw.); hier spielt die dt. Vorliebe für Zusammensetzungen gegenüber der frz. Ausnutzung der Wortableitung mit. Aber entsprechend ist dem Dt. die Mannigfaltigkeit etwa von hineingehen, -fahren, -rudern, -fliegen usw. unentbehrlich, wo im Frz. einfaches entrer ausreicht; und in der Abwandlung der Kennzeichnung der Vorgänge (bei einem Verb wie fallen: hin-, nieder-, ab-, aus-, herab-, um-, zusammen-, herunter-, hinunter-, heraus-, hinaus-) ist das Dt. von keiner Nachbarsprache erreicht. - Die Wurzelgebundenheit des Dt. läßt die Sinnentfaltung stärker in Wortfamilien verlaufen gegenüber den durch wiederholte Renaissancen lat. Wortgutes gesprengten franz. oder den durch die Vereinigung germ. und roman. Wortgutes vermannigfachten englischen Wortgruppen (z.b. dt. blind: Blindheit gegen frz. aveugle: cécité oder engl. blind: blindness, cecity). Beim Satzbau fällt eine fast übertrieben erscheinende Kennzeichnung der Beugungsformen auf. Trotz der Ausbildung des Artikels sind im Dt. die Kasusendungen nicht verlorengegangen (wie im Engl. oder Frz.), selbst die längst unwichtig gewordene Unterscheidung der Genera und Stammklassen ist beibehalten. Doch ist diese Bewahrung des Formenreichtums in Verbindung mit der Freiheit der Wortstellung im dt. Satz zu sehen, für die eine leichte Erkennbarkeit von Satzfunktion und Wortzusammengehörigkeit unentbehrlich ist. Am charakteristischsten ist die Rolle, die im Aufbau der dt. Satzbaupläne die Umklammerung spielt. Während im Franz. die einen Gehalt näher bestimmenden Züge in lockerer Folge aneinandergereiht werden, führt das Dt. durch Umklammerung zu immer ausgedehnteren Ganzheiten: das Brot: das Weißbrot le pain - le pain blanc usw. Das geht weiter bis zu den bekannten Schachtelungen des dt. Satzbaus, die immer von neuem Klammern auftun bis hin zu den vor allem durch klammerfähige Verbformen ermöglichten Gebilden, deren Eigenart man sich am besten bildlich veranschaulicht: er wollte weiterziehen mit seinen ^ Begleitern dem ^ Tode entronnenen überall ^ drohenden den ^ Flüchtlingen gehetzten

 

26 Mit solchen Satzbauplänen weicht das Dt. stark von dem Verfahren des Franz. oder Engl. ab. Man kann darin gewiß eine Erschwerung sehen, doch steckt in solchen Umklammerungen dafür auch eine starke geistige Formungskraft, die ein geschlossenes, folgerichtig fortschreitendes, allerdings auch an die eingeschlagene Richtung gebundenes und schwer abwandelbares gedankl. Verfahren erzwingt. Insgesamt ist für das Weltbild der deutschen Sprache ein stark dynamischer Zug kennzeichnend. Viele Einzelheiten weisen daraufhin, so die Möglichkeit, Tun und Wirkung in ein einziges Wort zusammenzudrängen (etwas wegdenken, jemanden loskaufen), oder der ausgedehnte Gebrauch des substantivierten Infinitivs (das Wandern, das Besteigen), selbst für ganze Wendungen (das Weintrinken, das Alleinsein). Aus dem Vergleich mit dem Franz. bestätigt Ch. Bally ein Wort von Hugo von Hofmannsthal:»Daß wir Deutschen das uns Umgebende als ein Wirkendes, die Wirklichkeit, bezeichnen, die latein. Europäer als die Dinglichkeit, la réalité, das zeigt die fundamentale Verschiedenheit des Geistes, und daß jene und wir in ganz verschiedener Weise auf dieser Welt zu Hause sind.«die inhaltl. Eigenart der deutschen Sprache weist jedenfalls besonders auf das Werden der Erscheinungen, das Ausstrahlen ihrer Wirkungen, das Hervortreten ihrer Leistungen hin, und diesen Hinweisen folgen ganz selbstverständlich alle, die das Dt. als Muttersprache erlernt haben. 25

 

27 Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes Die Wörter der deutschen Sprache kann man einteilen in Stammwörter, die ihr seit uralter Zeit angehören, ja zum großen Teil in die indogermanische Ursprache zurückverfolgt werden können: Adel, Arbeit, fahren, klingen, Knochen, Mutter, Vater, Zwerg; Ableitungen aus Stammwörtern, die aus den verschiedensten Zeiten stammen: Gefolgschaft, Gemahlin, glimpflich, Herzogtum, Offenheit; Lehnwörter aus anderen Sprachen: Almosen, Kellner, kochen, Mauer, Platz, schreiben, Schürze, Teufel; und Fremdwörter, d.h. entlehnte Wörter, denen man ihre fremde Herkunft noch deutlich anmerkt: Advokat, Alphabet, Despot, Gage, isolieren, Lunch, primitiv, Rowdy; Kunstwörter der Wissenschaft, der Technik und des Handels: Automobil, Bakelit, Buna, Din, Indanthren. Viele Wörter sind unsicherer Herkunft. An die Entstehung der Wörter kommen wir nur in einigen Ausnahmefällen heran. Von manchen Kunstwörtern wissen wir sogar den Schöpfer, von anderen Wörtern können wir uns denken, daß sie als Nachahmung eines Schalles der Natur abgelauscht sind (Schallwörter: bimbam, bums, jodeln, knarren, Wauwau). Im allgemeinen müssen wir uns damit begnügen anzugeben, ob ein Wort zu den Stammwörtern gehört oder wann es in der dt. Sprache gebräuchlich wird. In der althochdeutschen Zeit (von etwa 750 bis etwa 1100) und in der folgenden mittelhochdeutschen Zeit (besonders in der höfisch-ritterlichen Zeit um 1200) tauchen in großer Zahl Wörter auf, die vorher nicht belegt sind; zuerst wirkten gelehrte Mönche; auf sie gehen Lehnwörter wie Kirche, Kanzel, Kloster, Kreuz, Mönch, Pein, predigen, Schule zurück, dann lieferten die höfische Bildung und die Kreuzzüge neue Ausdrücke: Abenteuer, blond, Bluse, Fabel, hübsch, klar, Schärpe, Wams, Wappen, im späten Mittelalter die Volkspredigt und die Mystik, man denke an barmherzig, Beichte, Buße, Gnade, Mitleid, Reue. Als neue Erscheinung trat eine ausgeprägte Rechts- und Kanzleisprache hervor sowie die Sprache der Gewerke, des Handels und Gewerbes: Anwalt, Bank, Galgen, Innung, Kasse, Meister, Schultheiß, Sorte, Vogt, Zunft. Die Schöpfungen der Lutherzeit (seit 1517-46) spiegeln die Kämpfe der Reformation und die wiedererwachte Kenntnis des Altertums; daneben spürt man die kräftige Entwicklung von Heer, Staat und Rechtspflege. Soldaten- und Fremdwörter, ein buntes Sprachgemisch bezeichnen die Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-48). Einflußreich ist das Sprachleben der Barockzeit, die nach dem Dreißigjährigen Krieg einsetzt und bis ins 18. Jh. dauert: neben einem Gewirr von Fremdwörtern und gekünstelten Bildungen überraschen die vielen guten deutschen Wortprägungen für allgemeine Begriffe. Aus dieser Zeit stammt auch die Sprache der Musik und des Kaufmanns. Zum 26

 

28 Mit solchen Satzbauplänen weicht das Dt. stark von dem Verfahren des Franz. oder Engl. ab. Man kann darin gewiß eine Erschwerung sehen, doch steckt in solchen Umklammerungen dafür auch eine starke geistige Formungskraft, die ein geschlossenes, folgerichtig fortschreitendes, allerdings auch an die eingeschlagene Richtung gebundenes und schwer abwandelbares gedankl. Verfahren erzwingt. Insgesamt ist für das Weltbild der deutschen Sprache ein stark dynamischer Zug kennzeichnend. Viele Einzelheiten weisen daraufhin, so die Möglichkeit, Tun und Wirkung in ein einziges Wort zusammenzudrängen (etwas wegdenken, jemanden loskaufen), oder der ausgedehnte Gebrauch des substantivierten Infinitivs (das Wandern, das Besteigen), selbst für ganze Wendungen (das Weintrinken, das Alleinsein). Aus dem Vergleich mit dem Franz. bestätigt Ch. Bally ein Wort von Hugo von Hofmannsthal:»Daß wir Deutschen das uns Umgebende als ein Wirkendes, die Wirklichkeit, bezeichnen, die latein. Europäer als die Dinglichkeit, la réalité, das zeigt die fundamentale Verschiedenheit des Geistes, und daß jene und wir in ganz verschiedener Weise auf dieser Welt zu Hause sind.«die inhaltl. Eigenart der deutschen Sprache weist jedenfalls besonders auf das Werden der Erscheinungen, das Ausstrahlen ihrer Wirkungen, das Hervortreten ihrer Leistungen hin, und diesen Hinweisen folgen ganz selbstverständlich alle, die das Dt. als Muttersprache erlernt haben. In der Zeit Gottscheds (etwa 1720-60) wird vor allem eine das Lateinische ablösende Wissenschaftssprache ausgebildet. Daneben entwickelt der Pietismus, wie vorher schon die katholische und naturphilosophische Mystik, einen Wortvorrat zum Ausdruck innerer Bewegung, der dann in der Zeit der Empfindsamkeit noch erweitert wird. In der»klassischen«zeit, der Goethezeit (um 1772-1832), gelangt das deutsche Geistesleben zu höchster Sprachkultur. Während die Klassik alles Mundartliche vermeidet, wird die Sprache in der Romantik durch volkstümliche und altertümliche Redewendungen bereichert. Die Bismarckzeit (um 1860-90) ist gekennzeichnet durch die Entwicklung der Naturwissenschaften und Technik. Der überwiegende Teil der Kunstwörter gehört ihr an. In diese Zeiten reihen sich auch die Lehnwörter ein, die die Entwicklung der deutschen Kultur getreulich spiegeln. Die Wortentlehnung beginnt in ältester Zeit, bekommt in der Bekehrungszeit der Germanen ihre feste Gestalt und findet besonders in der lateinischen Gelehrsamkeit ihre erste Hauptquelle: den griechisch-lateinischen Wortschatz, aus dem auch heute noch geschöpft wird. Später kommt als zweite Hauptquelle das Französische dazu, dem das Deutsche noch jahrhundertelang Wörter in großer Zahl entlehnte, und endlich das Englische. Dahinter treten alle weiteren Entleh- 27

 

29 Ein Teil dieser Wörter kann in eine Sondergruppe gebracht werden als Kulturwörter. Viele Ausdrücke nämlich sind mit den damit bezeichneten Sachen von Sprache zu Sprache oft aus fernsten Weltteilen gewandert und kommen bei den meisten europäischen Völkern vor. Unter Nordseewörtern sollen die Wörter verstanden werden, die sich bei allen Völkern rings um die Nordsee finden, da sie offenbar im Sprachtausch auf diesem Meer gewandert sind. Auch die Kunstwörter fallen auf. Die neuere Wissenschaft und die Technik benötigten sehr viele neue Wörter. Meist nahm man griechische oder lateinische Wörter zu teilweise recht gewagten Wortbildungen, teils die Namen bekannter Forscher, neuerdings auch nur Anfangsbuchstaben. Nicht alles läßt sich in die Gruppen pressen, die hier gebildet wurden. Der Wortschatz ist von unbegrenzter Mannigfaltigkeit. Die Zahl der deutschen Wörter wird heute meist in der Größenordnung um 300.000 bis 440.000 angegeben, Deutsch steht an vierter Stelle der Sprachen mit den meisten Wörtern. Der deutsche Wortschatz ist damit größer als der der romanischen Sprachen und geringer als der der heutigen amerikanischen Sprache (die Wortsammlung Websters kommt auf etwa 600.000 Wörter).

 

Grafik siehe https://www.yumpu.com/de/document/view/21719442/die-entstehung-der-deutschen-sprache-rhetorik

 

Letzes Update: 26. Oktober 2020