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Sprech-Stil: weibliche und männliche Sprache und Rhetorik

Sprechweise von Männern und Frauen
Rhetorik ist kein Werfen mit Wattebäuschchen. Rhetorik ist Hauen und Stechen.


Die Sprechweise eines Menschen ist etwas höchst persönliches. Für mich ist die Sprechweise (der Sprach-Stil) eines Menschen wie der Fingerabdruck des Charakters.
Es gibt Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Sprache. Oft schon habe ich im Internet, wo man sich ja nur per Tastatur und virtuell begegnet, Gesprächspartner damit verblüfft, daß ich ihre Wesensart schon nach 30 Minuten an ihrem Sprachstil erkannte, ja sogar Alter, Geschlecht, Haarfarbe und Schuhgröße herausfand. Jeder Mensch hat seine eigene Sprechweise. Diese muß er einsetzen. Rede wie Dir der Schnabel gewachsen ist, aber trainiere deinen Schnabel.

Je direkter Ihre Sprechweise ist, je direkter Ihre Formulierungen sind, desto sicherer trifft sie den Willen des Gegenübers, sei dieser Zuhörer einer öffentlichen Rede oder Leser Ihrer Werbetexte.

Es gibt eine geschlechtergerechte Sprache. Die große Cambridge Enzyklopädie der Sprache von David Crystal stellt dazu fest, daß Mädchen öfter sagen "süß" und "goldig" und "Ach du liebe Zeit", also expressive Ausdrücke gebrauchen, dagegen unterbrechen Männer dreimal häufiger, werfen neue Themen ein, stellen Behauptungen öfter in Frage. Beides vermutlich aus der gesellschaftlichen Rollen der ihnen in der Kindheit beigebrachten Geschlechterrolle. Frauen sind kommunikativer, vertrauen ihrem Gefühl mehr und sind fantasievoller. Das ist positiv. Sie reden aber auch oft "drum herum" und sind weniger direkt und auffordernd - . Das ist in der Rede negativ. Männer unterbrecher öfter, stellen in Frage, lassen den andern nicht ausreden, sind herrischer und rücksichtsloser als Frauen. Das ist negativ im Gespräch miteinander. Sie sind aber bestimmter und direkter, das ist positiv in der Rede. Sie sollten jedoch von den Frauen die Fantasie und das Vertrauen in ihr Gefühl lernen (siehe emotionale Intelligenz), so wie die Frauen von den Männern mehr Direktheit lernen können. In der Politik finde ich Frauen, die sehr direkt reden können (Ministerpräsidentin, Kanzlerin), manche geben dabei jedoch ihren Charme und ihre "Fraulichkeit" auf. Heide Simonis z.B. war immer charmant und sehr direkt.


In einer öffentlichen Rede genauso wie in der Werbung, wirkt die permanente Infragestellung der eigenen Meinungen geradezu katastrophal:


Dazu zwei Beispiele:

  1. Sie machen Werbung für Mercedes. Sie sagen:
    Ich wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Sie brauchen ja nicht unbedingt einen Mercedes zu kaufen, es gibt auch noch viele andere gute Autohersteller. Ich wollte Sie nur mal höflichst dazu auffordern, darüber nachzudenken, ob Mercedes nicht eventuell doch ein ziemlich gutes Fahrzeug ist, aber das bleibt natürlich Ihnen überlassen...
    Dann fliegen Sie aus Ihrem Job.
     
  2. Sie machen Werbung für die CDU. Sie sagen:
    Ich wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Sie müssen nicht unbedingt die CDU wählen, es gibt ja auch noch andere gute Parteien. Aber vielleicht sollten Sie gelegentlich darüber nachdenken, ob Sie nicht auch mal Frau Merkel anhören sollten und vielleicht für gut befinden, was sie sagt, dann könnten Sie unter Umständen auf Ihrem Wahlzettel sogar die CDU ankreuzen, wenn Sie unbedingt wollen...
    Dann fliegen Sie aus Ihrem Job.

Kommentar überflüssig.
 


 

Weibliche und männliche Sprache im Deutschen
 

Es gibt keine grammatikalischen Formen, Wortschatzelemente oder Aussprachemuster, die nur von Sprechern des einen Geschlechts verwendet würden, doch sind gewisse Unterschiede in der Gebrauchshäufigkeit festzustellen. So finden sich unter den Wörtern und Ausdrücken, die Frauen angeblich häufiger verwenden, zum Beispiel solch expressive Adjektive wie super und süß, Ausrufe wie Meine Güte! und Ach du liebe Zeit! und Steigerungspartikeln wie so oder dermaßen (z. B. Es war so viel Betrieb!). Solche Steigerungspartikeln sind in verschiedenen Sprachen gebräuchlich, unter anderem im Englischen, Französischen und Russischen.

Größere Bedeutung haben die Strategien, die männliche und weibliche Sprecher in gemischt-geschlechtlichen Gesprächen anwenden. Man hat beobachtet, daß Frauen öfter Fragen stellen, häufigeren Gebrauch von empathischen und ermutigenden »Geräuschen« (wie etwa mhm) machen, eine größere Bandbreite von Intonationsmustern ausschöpfen, ihre Äußerungen stärker rhythmisch betonen und öfter die Pronomina Du / Sie und wir benutzen. Im Gegensatz dazu unterbrechen Männer ihre Gesprächspartner häufiger (manchen Studien zufolge mehr als dreimal so oft wie Frauen) und neigen dazu, das Gesagte in Frage zu stellen, es zu ignorieren oder unangemessen darauf zu reagieren. Auch führen sie häufiger neue Themen ins Gespräch ein und stellen Behauptungen auf.

Die meisten Erklärungsansätze für diese Unterschiede nehmen Bezug auf die gegensätzlichen sozialen Rollen der beiden Geschlechter in der modernen Gesellschaft. Insofern spiegeln Männer in ihrem dominanten Gesprächsverhalten die Macht wider, die ihnen traditionellerweise von der Gesellschaft zugeschrieben wird. In ähnlicher Weise erfüllen Frauen die Nebenrolle, die zu spielen ihnen beigebracht wurde - in diesem Falle, das Gespräch im Fluß zu halten und Männern Gelegenheit zu geben, ihre Machtposition zum Ausdruck zu bringen. Zweifellos ist die Situation noch viel komplexer als hier dargestellt, da weder Frauen noch Männer eine homogene Sprechergemeinschaft bilden und man bei der Untersuchung realer Situationen auf beträchtliche Unterschiede stößt. Auch besteht das Risiko, daß die Forschung im Zuge der Kritik an den alten Geschlechtsstereotypen neue erstehen läßt. (Crystal S.46)

 


 

 

 

Weibliche und männliche Rhetorik

(von Holger Münzer, Rhetorik-Dozent an der Uni der Künste)

Es gibt immer mal wieder Diskussionen mit Studenten, in denen (meist von weiblicher Seite) vorgebracht wird, daß ich als Dozent Dinge mit solcher Bestimmtheit sage, daß man nicht widersprechen könne, das wäre negativ. Das Auditorium würde eher von Dingen überzeugt, die einen Freiraum lassen. Man hat mir vereinzelt gar vorgeworfen, das käme aus einer Selbstverliebtheit bzw. dem Bedürfnis, mich selbst in den Vordergrund zu stellen. Das ist ein Irrtum:

Im Austausch von Meinungen, ob in der Rede oder im alltäglichen Gespräch miteinander, gibt es das Geltendmachen von Wahrheiten. Schopenhauer definiert dies in seinem eritische Dialektik Kunstgriff 30. Meine Aufgabe als Dozent ist aber nicht, meine Meinung kundzutun sondern zu lehren. Rhetorik ist eine Lehre, baut auf (empirische) Wissenschaft auf und hat Methoden entwickelt. Wenn ich als Dozent Meinungen äußere, kennzeichne ich diese als Meinung, wenn es sich um wissenschaftliche Erkenntnisse handelt gebe ich immer die Quelle mit Seitenzahl an, die im Handbuch der Rhetorik steht.

Zu Wissenschaft und Lehre: In der Wissenschaft kommt es nicht darauf an, die Lernenden von der Richtigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu überzeugen, das muß der Lernende alleine tun. In der Algebra kann ich kann ja nicht sagen: "zwei mal zwei sollte vier sein", dann würde nämlich nachgefragt: "unter welchen Umständen gälte das?" - Ich habe das auf das Fallbeispiel gebracht: Dozent sagt "zwei mal zwei ist vier", Student sagt "da bin ich ganz anderer Meinung". So geht das aber nicht.

Oder ich hörte: könnten Sie das nicht etwas zurückhaltender sagen?

Der Dozent sagt nun mal "Marketing ist..." oder "Planwirtschaft umfaßt..." oder "Rhetorik ist...". Wenn in wissenschaftlichen und Lehrbüchern oder in den Lexiken stehen würde "Marketing könnte sein..." oder "Planwirtschaft sollte umfassen..." oder "laut Adam Riese soll zwei mal zwei vier sein..." oder "Rhetorik sollte die Kunst der Rede sein..." oder "ein gewisser Heinrich Heine soll geschrieben haben, Reden sei lautes Denken..." dann würden die Lexiken und die wissenschaftliche Literatur im Konjunktiv ersticken. Quellen werden nun mal direkt zitiert und nicht im Konjunktiv gehalten.

Zu den deutschen Füllwörtern, die ich in einer ähnlichen Diskussion erläutert habe, war ein Student z.B. völlig anderer Meinung. Daraufhin habe ich gesagt (im Beispiel): das stammt aus einer Schrift von Georg von der Gabelentz von 1891. Wenn Sie anderer Meinung sind, dann schreiben Sie ein sprachwissenschaftliches Buch, welches von der Gabelentz widerlegt. Wenn dann in weiteren hundert Jahren Ihre Sprachforschungen und Feststellungen obsiegen, dann sollen Sie recht erhalten. Aber zu wissenschaftlichen Forschungen, die durch vielfache Erhebungen und empirisch belegt sind, können Sie nicht einfach sagen: "...dazu habe ich eine andere Meinung".

Von der Gabelentz verweist in seiner Schrift Zu den deutschen Modalpartikeln (1891) auf die Funktion der Partikeln bei der intersubjektiven Einflußnahme und trennt den objektiven Sachverhalt, der im Satz zum Ausdruck gebracht wird, von der das Gemüt betreffenden, "gemüthlichgeselligen", Bedeutung. Weit davon entfernt, diese Redensarten, die nicht zur Sache gehören normativ abzulehnen, erkennt er ihnen eine positive soziale Funktion zu. Und schließlich lassen seine Äußerungen erkennen, daß er die Verwendung von Partikeln und ähnlichen sprachlichen Mitteln als ein Charakteristikum des Deutschen auffaßt. Das Deutsche habe nicht nur die Möglichkeit, derlei seelische Regungen zum Ausdruck zu bringen; dies geschehe im Deutschen auch mit auffallender Häufigkeit.

Die Zitate von Quellen sind keine Meinung und kein rhetorischer Kunstgriff des Lehrenden. Die von weiblichen Studenten gegenüber dem Dozenten bereits geäußerte Kritik, die Lehre oder eine wissenschaftliche Erkenntnis doch bitte "zurückhaltender" zu äußern beruht laut von der Gabelentz eher auf intersubjektiver Einflußnahme und der subjektiven Befindlichkeit des Lernenden und laut David Crystal auf den gegensätzlichen sozialen Rollen der beiden Geschlechter.

Die Wissenschaft (so auch die Sprachwissenschaft) kann jedoch bei ihren Forschungen nicht auf die Gemütsverfassung der Leser oder Hörer Rücksicht nehmen und sich derlei intersubjektiver Einflußnahme beugen. Sollte sie angezweifelt werden muß sie wissenschaftlich widerlegt werden.

Oft geschieht die Ablehnung auch nur dewegen, weil manche wissenschaftlichen Erkenntnisse liebgewonnene Irrtümer beenden.

Zur Formulierung von Meinungen: Manchmal höre ich (vorwiegend von weiblicher Seite) in der Ausformulierung der Rede: Ich wollte nicht mit der Tür ins Haus fallen und Sie nur höflich dazu auffordern, mal darüber nachzudenken...

Abgesehen davon, daß ich es persönlich für ein Unverschämtheit halte, mich aufzufordern, mal nachzudenken, da ich niemals aufhören kann nachzudenken, stellt Georg von der Gabelentz dazu fest:
Wir haben es hier mit einer echt nationalen, zuweilen provinzialen Eigenheit der Sprache zu thun, mit einer der bezeichnendsten, die ich kenne. Nicht das allein ist wichtig, in welcher Stärke und in welcher Form sich die Mittheilung äussert, sondern auch, welches ihr Lieblingsgegenstand ist, ob der Nebengedanke des Redners, seine halbverhüllte Meinung, Zweifel, Vermuthung, Gewissheit, - oder seine Nebenempfindung, und ob diese mehr der Sache oder mehr dem Angeredeten gilt.

Und Dale Carnegie warnt vor unnötigen Entschuldigungen in der Rede.

Es gibt Bestrebungen, eine geschlechtergerechte Sprache per Vorschrift einzuführen. Lesen Sie den Artikel: geschlechtergerechte Sprache

(Holger Münzer)
 


Siehe dazu auch:
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Letztes Update: 8. Juni 2017