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Redestil

 

Es wächst beim Redner im Laufe der Jahre der eigene Redestil. Andere werden ihn kennen, er selbst aber soll ihn nicht suchen.. 

 

Wie bereits in der Einführung (Was ist Rhetorik?) kurz ausgeführt: Stilistik ist die Wissenschaft und die angewandte Lehre vom Schreib- oder Sprachstil. Unter Stil (lat. Stilus = "Griffel") faßt man laut Lexikon die für alle Werke eines Schaffenden charakteristischen Züge zusammen. Alle Werke sind vermutlich erst am Schaffensende, also am Lebensende vorhanden, somit ist der Stil zu Lebzeiten eines Schaffenden gar nicht zu erfassen. Wenn ich etwa gefragt werde, in welchem Stil ich schreibe, antworte ich flapsig: das überlasse ich den Historikern. Wenn einer behauptet, er habe diesen oder jenen Stil, dann sollte er sich folgerichtig gleich begraben lassen.

Historische Stilarten sind im allgemeinen epocheprägend gewesen, der Barockstil etwa hat den Barock bestimmt. Doch wußte Bach nicht, daß sein Stil barock war. Heutzutage sucht jeder seinen eigenen "Stil" als "individuelle Note", die jedoch vorwiegend als Massenware angeboten wird. (Motto: "Kaufen Sie sich Ihre Individualität von der Stange...") Ich nenne das Machart (oder "Masche"), nicht Stil. Friedrich Naumann nennt das eine "Manier", die man sich nicht zurechtmachen soll. Über die Definition von Stil herrscht infolgedessen eine von der Mode und vom Kommerz initiierte heillose Verwirrung. Diese hauptsächlich ist die Ursache für meine Vorbehalte und meine tendenziell ablehnende Haltung zu Fragen eines absichtlich vorangestellten und einengenden Stils als einem Gestaltungselement, mit dem größere Wirkung erzeugt werden soll.

Sachlich unterscheidet man Sprach-, Bau-, Möbel-Stil usw., zeitlich unterscheidet man Epochenstile (Gotik, Barock, Klassik, Renaissance u.a.), nach Völkern auch Nationalstile. So wiederhole ich: unter Persönlichkeitsstil faßt man die für alle Werke eines Schaffenden charakteristischen Züge zusammen. Meist gibt es Unterschiede zwischen dem Stil eines jungen und dem eines reifen, alten Künstlers (Alters-Stil).

Die Stilanalyse untersucht die Eigenarten des Stils der Epochen wie des Stils der einzelnen Persönlichkeiten. J. S. Bach wußte z.B. nicht, daß er im barocken Stil schrieb. Stil ist demnach vorwiegend eine posthum analysierende Charakterisierung, weniger ein wirkungsvolles Mittel der Überzeugung - besonders in der politischen und öffentlichen Rede. Stilisierung wirkt immer aufgesetzt und raubt einem guten Inhalt eher die Überzeugungskraft. Die Lehre von den Mitteln des Sprachstils, insbesondere von Redefiguren, war lange eine Hauptaufgabe der Rhetorik. Das hat sich aber abgelebt. Zu den Stilmitteln gehören auch die Klangwerte der Sprache und der Rhythmus (Verslehre). Klangwerte, wie sie heute in "modischer" Werbung wieder vermehrt gehört werden können (etwa in der Nachahmung jugendlicher und modischer Klangwerte und Ausdrucksmelodien), um Jugendliche funktional besser zu erreichen und Vers- oder Sprachrhythmus etwa in Werbeslogans (vgl. auch Brecht's Ausführungen über Parolen bei politischen Demonstrationen) mögen einige Zeit wirkungsvoll sein, bis man sich auch dies überhört hat. In der politischen bzw. öffentlichen Rede jedoch hat sich das völlig abgelebt und ist unglaubwürdig geworden. Friedrich Naumann sagt dazu: "... Die alte schulmäßige Redekunst ... hat sich abgelebt. Der große angelernte Ton ist uns ein unerträglicher Klang" ("Die Kunst der Rede"). Ich jedenfalls überlasse wie J. S. Bach die Analyse meines Stils der Nachwelt, was nicht bedeutet, daß ich stillos lebe. 

Der Redestil ist etwas ganz persönlich anhaftendes, jeder hat seine eigene Art. (Friedrich Naumann)
Einen Stil nachzuahmen oder zu übernehmen verfälscht die eigene Art, den eigenen Redestil. Sich selbst einen Stil zurechtzumachen ist überholt. Sich selbst von vornherein auf einen Stil festzulegen ist einengend, wenig kreativ und wenig entwicklungsfähig. Meist steckt hinter der Selbstcharakterisierung auf einen bestimmten Stil doch vorwiegend Eitelkeit, Masche, wenn nicht gar Epigonentum, also eine unschöpferische Nachahmung großer Vorbilder. Eine absichtlich eingesetzte Stilisierung mag kunstvoll klingen, wirkt in einer Rede für heutige Ohren aber aufgesetzt. Überhöhung ist ein wunderbares und unverzichtbares Mittel der freien Künste. Eine ausgestellt stilisierte Rhetorik jedoch begibt sich eher in die Gefahr des 'Manierismus' und wirkt angeberisch und wenig ursprünglich, mithin weniger überzeugend. Friedrich Naumann meint dazu, man solle "nicht Redner sein wollen, sondern Aussprecher von Anschauungen und Gedanken, die gesagt sein möchten..." - "Es wächst beim Redner im Laufe der Jahre der eigene Redestil. Andere werden ihn kennen, er selbst aber soll ihn nicht suchen...", man solle sich nicht seine eigene Manier zurechtmachen!

Überhöhung und Stilisierung ist wie schon gesagt ein rein künstlerisches Gestaltungsmittel, etwa im Schauspiel, in der Malerei, in der Musik, in der Dichtkunst. Die Rede will mehr als nur kunstvoll sein. Sie will direkt überzeugen. Sie will nicht nur langfristig anregen und zum Nachdenken bringen, sondern sie will zugleich etwas erreichen. Sie will überzeugen, denn nur dadurch verändert man Meinungen, Gesinnungen, motiviert zu Taten. Wenn in der verbalen Kommunikation von Stil die Rede ist, so hat dieser kaum etwas mit künstlerischer und nur wenig mit persönlicher Stilistik zu tun, vielmehr entsteht bei der Frage nach einer zielgruppenspezifischen Textproduktion und den unterschiedlichen und wechselnden, sich obendrein permanent weiterentwickelnden Rahmenbedingungen der spezifischen kommunikativen Tätigkeitsfelder in der Werbung höchstens die Frage nach einer funktionalen Stilistik, mit welcher sich dieses Handbuch jedoch nicht befassen will. 

Wenngleich ich eine Stilistik nach dem Vorbild der klassischen Rhetorik kategorisch ablehne, beinhaltet der Begriff Redekunst doch eine ästhetische Kategorie. Wir erfahren als Hörer von Reden ja auch, daß eine Schönheit der Sprache uns anspricht, daß eine Ästhetik in der Formulierungskunst durchaus Wirkung hat und uns quasi als Krönung die Kunst des Redens, also des Prozesses der Vervollkommnung beim Reden selbst durch das Reden, des kunstvollen Weiterentwickelns während des Redens, sinnlich anspricht. Auf eine gewisse Art ist dies ebenso Vortragskunst wie das Schauspiel, jedoch darf ein Redner niemals ästhetisieren oder gar "schauspielern"! (Auch ein Schauspieler darf nicht "schauspielern".)

 

Weiteres siehe: Rhetorik Tipps für einen guten Redestil

 


 

 Rhetorik
 
Letztes Update: 22. Dezember 2016