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Was ist Rhetorik?

Rhetorik Definition:

Rhetorik ist die Redekunst in Praxis und Theorie. Zugleich ist sie die Lehre von Methoden, wie man eine Rede besser gestalten kann.

 

Geschichte der Rhetorik

Die ersten Rhetoren in der Geschichte gab es im alten Griechenland. Ein Rhetor war ein Redner, der in der athenischen Demokratie in der Volksversammlung (Ekklesia) für seine flammende Redekunst bekannt war. Mit guter Redekunst, konnte nicht nur des Volkes Meinung zu seinen Gunsten beeinflusst werden, sondern sie half auch bei Gerichtsverfahren sein Anliegen besser durchzubringen. Korax gilt als Begründer der Rhetorik und war der erste, der sich für seinen Rhetorik-Unterricht bezahlen ließ. Er lebte ca 460 vor Christus auf Sizilien. Isokrates und Platon leiteten um 430 v. Christus jeweils zeitgleich eine Rhetorik-Schule in Athen. Beide haben uns Lehrbücher über die Rhetorik hinterlassen. Sie bekämpften sich heftig, da Ihre Lehrmeinungen über Rhetorik stark auseinander gingen. Zu den ersten Rhetoren zählten ebenfalls die Sophisten, besonders Gorgias von Leontini, der 427 v. Ch. nach Athen kam. Platons Schüler Aristoteles verfasste das wohl bekannteste antike Lehrbuch zur Rhetorik. In Athen gelangte die Rhetorik zu grösster Blüte. 

Die zehn attischen Redner Andokides, Antiphon, Lysias, Isokrates, Isäus, Demosthenes, Äschines, Hyperides, Lykurgos, Dinarchus galten als vorbildlich. Von den damaligen Lehrbüchern ist noch das wahrscheinlich von Anaximenes von Lampsakos verfaßte erhalten, alle andere sind Abschriften.

In Rom fand seit Beginn des 2. Jhs. v. Ch. die griechische Rhetorik Eingang (Cato der Ältere, Gaius Gracchus). Die Römer übernahmen viel von der griechischen Rhetorik und die Reden von Korax, Aristoteles, Sokrates oder Demostenes galten Ihnen als Vorbilder. Ein wichtiger Ort für gute Rhetorik war der römische Senat, wie auch die Verteidigung bei Gericht. In Cicero erreichte die römische Redekunst ihren Höhepunkt. Mit dem Kaisertum verlor die Rede ihre Aufgabe als Waffe im politischen Kampf.

Die Redekunst blieb aber im Mittelpunkt, sowohl der griechischen wie der römischen Bildung. Auch im antiken Rom gab es Rhetorik Lehrer. Quintilan (5 bis 96 nach Chr), der als grosser Rhetoriker bekannt war, bekam von Kaiser Vesapsian den Auftrag, die erste staatliche Rhetorik Schule zu gründen. In der antiken Rhetorik unterschied man fünf Tätigkeiten für die Erstellung einer Rede: inventio (Idee, Erfindung, Stoff sammeln), dispositio (Niederschreiben, Gliedern), elocutio (stilistische Ausgestaltung), memoria (Einprägen), actio (Ausführung). Quintilan beklagte schon damals die gekünstelte Rhetorik, die sich bei vielen Rednern breit gemacht hatte. Ähnliche Berichte kennen wir von der Renaissance, von der Bismark-Zeit und von heute.

 

Die unterschiedlichen Arten von Reden heute

Im Hinblick auf die Redeformen unterscheidet man heute neben der allgemeinen Rede u.a. die Überzeugungs-Rede, die Informations-Rede, das Plädoyer bei Gericht (Gerichtsrede), die Predigt, die Laudatio (Ehrenrede, Geburtstagsrede, Hochzeitsrede), die Jubiläumsrede, die Vorlesung (an Hochschulen), die Pressekonferenz, der Comedy Vortrag, die Wahlrede oder die Trauerrede. Die häufigsten Begriffe für das Sprechen vor Publikum sind: Rede, Referat, Vortrag, Präsentation oder Ansprache.

Eine scharfe Unterscheidung der oben genannten Formen (Referat, Jubiläumsrede, Presskonferenz... usw) ist nicht wirklich möglich, da bei allen sowohl unterhalten, berichtet, überzeugt als auch informiert werden kann. 

Im späten Mittelalter wurde die volkstümliche Predigt bedeutungsvoll. Die Renaissance kannte lateinische Reden der Diplomaten; die Humanisten folgten der Redekunst Ciceros und Quintilians. Die moderne politische Redekunst entwickelte sich besonders im Rahmen des englischen Parlamentarismus (Cromwell, Burke, die beiden Pitt, Fox Sheridan, Lloyd George, Churchill).

Für die heutige Kommunikation in der Öffentlichkeit ist ein Rhetorik Training (Rhetorikkurs) die Form, in der Rhetorik an Führungskräfte, Unternehmer und Manager vermittelt wird.

 

Eine Rede kann Vieles sein

Nicht jede Rede hat das Ziel beim Zuhörer bzw. Zuschauer eine Meinungsänderung oder eine Tat herbeizuführen. Eine Rede kann belehren, eine Rede kann überzeugen, eine Rede kann unterhalten, eine Rede kann ein wissenschaftlicher Vortrag sein, eine Rede kann informieren. Jede Rede will das Publikum in irgend einer Form in Erstaunen versetzen. Daher sollten Informationen für die Mehrheit des Publikums einen Neuigkeitswert haben. Rhetorik mißt sich an der Wirksamkeit im Publikum.

 

Durch Rhetorik Autorität ausstrahlen

Sie als Redner besitzen genau soviel Autorität, wie Sie sich selbst zugestehen. Persönliche Autorität gegenüber anderen Menschen entsteht durch Selbstbewußtsein. Sie ist Folge der Achtung, die Sie für sich selbst aufbringen. Sie hat weniger mit unserem Wissens- und Leistungsstand zu tun, als wir im allgemeinen denken.

Um Autorität auszustrahlen, müssen Sie sich selbst akzeptieren. Das hat nichts mit Dünkel oder falscher Eigenliebe zu tun, sondern mit Selbsterkenntnis.

Rhetorisches Selbstbewußtsein - und damit rhetorische Autorität - kann nicht theoretisch, sondern nur durch Praktizieren erreicht werden. Es ist ratsam, sich so oft wie möglich in rhetorische Situationen zu wagen. Auf diese Weise baut sich allmählich ein Erfolgs- und Sicherheitsgefühl auf. - Rhetorischer Erfolg ist abhängig von einer sorgfältigen Vorbereitung und viel Übung.

 

Eine geschriebene Rede, nicht gehalten vor echtem Publikum, ist keine echte Rede

Welche Wirkung eine Rede haben wird, kann selbst ein guter Redenschreiber nur grob abschätzen, jedoch niemals wirklich exakt vorhersagen. Bei einer Rede ist nicht nur entscheidend, was ich sage, sondern auch wie ich es sage. Körperprachliche Elemente, wie Gesten, Pausen, Intonation, Blick usw. machen zwei drittel der Wirkung aus.

Die Rede wird erst wirklich zur Rede, durch das Reden selbst. Erst beim Liefern der Rede, kommt das Wichtigste zum Tragen: Wie erfasst ist der Redner von seinen Worten - erst dadurch entsteht die Wirkung beim Publikum. 

Wenn Sie nur eine Rede nachlesen, ist die Wirkung eine andere, als wenn Sie sie miterlebt haben! So gibt es den Bericht eines Mannes, der bei Goebbels Rede 1943 im Berliner Sportpalast dabei war, wo er die Anwesenden mit dem Ruf "Wollt Ihr den totalen Krieg?" zur hysterischen Zustimmung brachte. Der Mann las die Rede ein paar Tage später in der Zeitung und kommentierte: "Wenn man das nur liest ist man enttäuscht - da merkt man erst, wie flach der Inhalt ist".

Andererseits hat der Text der Rede von Steve Jobs, die er 2005 vor den Absolventen der Stanford University gehalten hat, nachträglich gelesen eine höhere Durchschlagskraft, als die von ihm mit mechanischem Blick auf sein Manuskript abgelesene Rede, die man auf dem Video sehen kann. Steve Jobs hat sich zu krampfhaft, Wort für Wort an sein Manuskript gehalten. 
So mancher Rede-Entwurf wird in der Praxis nicht so eingehalten, wie er geplant war. Von der Rede von Martin Luther King ist überliefert, dass er erst am Morgen, kurz vor seiner Rede, spontan seine berühmten Worte "I have a dream..." eingefügt hat. Sie waren nicht in seinem am Abend davor erstellten Redemanuskript.

Beim Reden ist das Publikum Mitspieler und Dialogpartner. Die Stimmung im Saal, die "Großwetterlage" und eben auch der akute Vorgang des Rede Haltens ist dabei entscheidend. Comedians, oder Politiker, die mit einem identischen Vortrag durch duzende von Städten ziehen, wissen davon ein Lied zu singen. Mal kommt der identische Vortrag super an, mal springt einfach kein Funke über.

Schöne und gute "Reden", vielleicht erstellt von einem Redenschreiber, die nie gehalten wurden, jedoch in Buchform herausgegeben von jedem gelesen werden können, sind erst einmal nur "Artikel". So wie bei der Musik die Partitur noch nicht das wahrhafte Musikerlebnis ist, so ist auch bei der Rede, der Text lediglich ein Anhaltspunkt. 

 

Rhetorik betrifft die gesamte zwischenmenschliche Kommunikation

Rhetorik ist also auch die Analyse von Theorie und Praxis der Argumentationstechniken (vgl. Eristische Dialektik), sowohl in Bezug auf Hörer wie auf Sprecher, auf Autoren wie auf Leser. Rhetorik ist auch, was zwischen den Zeilen steht. Rhetorik ist auch, was der Körper spricht (gewollt oder ungewollt). Im weitesten Sinne untersucht die moderne Rhetorik die Grundlagen sämtlicher Formen wirkungsvoller Kommunikation.

Die für mich vorbildhaften Rhetoriker sind Altbundeskanzler Gerhard Schröder, Gregor Gisy, Barack Obama und der verstorbene Steve Jobs. Hören Sie sich deren Reden an, und lernen Sie daraus. Auch aus den berühmten Reden der Weltgeschichte, können Sie lernen. Hier habe ich eine Sammlung, für Sie zusammengestellt: Berühmte Reden. Auch der verstorbene Altkanzler Helmut Schmidt, war ein Meister seines Fachs. Meisterlich, wie er den Konflikt zwischen dem eigenen Gewissen und der Demokratie dargestellt hat. Kaum ein anderer konnte dieses Dilemma besser formulieren. Ein guter Rhetoriker kann zu allem reden. Dazu kommen die Rhetoriklehrer, die im Anhang "Rhetorik Bücher" genannt werden.

Rhetorik ist eines der Prinzipien der verbalen Gestaltung. Sie dient nicht dem Selbstzweck, sondern bedarf der theoretischen Reflexion und der wissenschaftlichen Analyse. Rhetorik betrifft die gesamte zwischenmenschliche Kommunikation (und Massen-Kommunikation). Darunter wird sowohl die Rede vor Publikum (Referat, Vortrag, Präsentation) verstanden, als auch der Dialog  - mit den Unterthemen Smalltalk, Flirten, Schlagfertigkeit, Verhandeln, Diskussion, Streitgespräch usw. 

Wenn Rhetorik lautes Denken ist (Kleist), dann ist die Schulung in Rhetorik eine Schule des Denkens, dann ist die Redekunst eine Kunst des Denkens. Die Funktionen von Rhetorik sind aber noch vielfältiger. Außer der Funktion, durch die Rede Taten bzw. Handeln herbeizuführen, hat gesellschaftlich verantwortungsbewußte Rhetorik eine aufklärerische Funktion. Aufklärung über Rhetorik thematisiert immer auch den konstitutiven Zusammenhang von Rhetorik und Aufklärung (im Sinne von Immanuel Kant), also eine gesamtgesellschaftliche Funktion.

 

Mit Rhetorik können Volksmeinungen beeinflusst und Kriege ausgelöst werden

Rhetorik ist nicht nur kunstvolles Reden. Sie vermag mehr. Dies erkannten schon die alten Griechen und die Römer. Mit Reden ließen sich Senate und Volksmeinungen beeinflussen, Throne und Reiche gewinnen, Kriege beginnen und beenden. Mit Rhetorik ließen sich Weltanschauungen, Ideologien und Religionen verbreiten.

Die totalste Kriegserklärung aller Zeiten hatte eine äußerst gekonnte Rhetorik, die in die Frage mündete: "... wollt Ihr den totalen Krieg?". Worauf ein vermeintlich ganzes Volk "Ja!" brüllte (es waren aber nur einige hundert handverlesene Anwesende). Und ein ganzes Volk war der festen Überzeugung, "Ja" gebrüllt zu haben. Diese Frage war die letzte von vier Fragen in einer gutgegliederten, wohlüberlegten und mitreißenden Rede. Wenn sie nicht überzeugend gewesen wäre, hätten wohl nicht alle "Ja" geschrien. Diese agitatorische Frage war eigentlich eine 'rhetorische Frage', weil sie keine andere Antwort zuließ. Der Redner hieß Joseph Goebbels. Auch die Tatsache, daß er ein Kriegsverbrecher war, macht seine demagogische Rhetorik nicht weniger gekonnt.

Es gibt keine „gute Rhetorik“ und „schlechte Rhetorik“ es gibt nur „gute Redner“ und „schlechte Redner“. Unser Freund wie unser Gegner, Diktatoren wie Heilige können eine wirkungsvolle "gute" Rhetorik besitzen. 

 

Gute Rhetorik ist einfache Rhetorik

Ebenso wenig ist Rhetorik schon dadurch etwas Schlechtes, daß die Wendung "rein rhetorisch" negativ belastet ist. Unter 'rein rhetorisch' werden oft negative Bewertungen wie schönrednerisch, phrasenhaft oder schwülstig verstanden, weil viele Leute Geschwafel und Smalltalk mit Rhetorik verwechseln (siehe auch Friedrich Luft: "Quatsch in schöner Gestalt"), was wohl von allzuviel Stilisierung in der klassischen Rhetorik herrühren mag oder daher, daß von Unwissenden das Drumherumreden mit Rhetorik gleichgesetzt wird. Viele verwechseln schwülstiges, intellektualistisches, akademistisches Gerede mit Rhetorik. Das Gegenteil ist der Fall: gekonnte Rhetorik sucht nach möglichst einfachen Formulierungen und vermeidet unnötige Fremdwörter, die manchmal lediglich beweisen sollen, daß man sich selbst als 'gebildeter' darstellen will als andere, also pure Eitelkeit: "Essentiell signifikanter wird ergo evident, daß exempli causa minimierter spezifiziertes Auditorium, das der Oratio eventualiter dito auditiert, konkludent instruiert wird." - das halte ich für intellektualistisch und angeberisch. Sicher gibt es fachspezifische Begriffe, die nicht ersetzt werden können durch einfache Wörter. Wo diese zur Vermeidung von Mißverständnissen unerläßlich sind, sollten sie auch eingesetzt, jedoch ggf. kurz erklärt werden. Richtig bleibt, daß einfache und gut verständliche Formulierungen in einer glaubhaften Rhetorik dem, was man erreichen will, zu größerer Wirkung verhilft (und nicht durch "Rum-eiern..."!). Der pseudointellektuelle Einwand, man könne sich vor akademischem oder fachlich gebildetem Publikum blamieren durch den Gebrauch einer einfachen Sprache ist deswegen falsch. Gerade Professoren verstehen auch die Sprache, die 12jährige verstehen. Richard von Weizsäcker sagte: "Je komplizierter das Gesagte wirkt, desto weniger hat man es durchdacht." Gerade intellektuelle und wahrhaft gebildete Menschen bevorzugen eine allgemein verständliche Sprache und lassen sich von einer einfachen Sprache eher überzeugen. Ziel der Rede ist es, möglichst viele Menschen zu erreichen, also nicht nur Akademiker, Intellektuelle und die sogenannte Bildungsschicht.

 

Rhetorik ist Kunst und Handwerk

Rhetorik ist eine Kunst. Kunst setzt Können voraus. Sie ist für den Künstler zunächst immer „Handwerk“. Kunst entsteht erst im Auge des Betrachters. Es gibt in der Rhetorik handwerkliche Techniken und Fähigkeiten, die sich lernen lassen. Aber ähnlich wie beim Fussball, werden am Ende nur einige wenige Spiezüge von herausragenden Spielern zur "Kunst"

 

Rhetorik ist Handwerk - das kann man lernen

Dieses Handbuch will Anleitung geben zum "handwerklichen" Erlernen und sozusagen "geistiges Handwerkszeug" liefern. Hand und Geist - also manuelles und spirituelles Arbeiten - sind da nicht im Widerspruch, man kann seine geistigen und theoretischen Fähigkeiten einsetzen gleichsam wie Hände, die formen, lenken, bauen. Man kann seine geistigen Talente geradeso trainieren und üben, zu Hochleistungen bringen, wie seine körperlichen Fähigkeiten. Denken läßt sich trainieren, auch die Geschwindigkeit des Denkens läßt sich trainieren. Für die Technik des Sprechdenkens in der freien Rede ist ein solches Training des Denkvermögens unerläßlich. Das Wort vom "Handwerk der Redekunst" ist somit in dieser "kreativen" Weise gemeint. Der Untertitel will folglich andeuten, daß aus einer anfangs durchaus nur schulisch nachahmenden Technik eine eigene und kunstvolle Art entstehen kann, daß persönliche Formen sich kreativ entwickeln können. Das letztlich Entscheidende an der Rhetorik ist neben allem Können aber nur die eigene Persönlichkeit. Die hier angeführte Rhetorik soll insofern auch der kreativen Entwicklung der eigenen Persönlichkeit dienlich sein. "Gute" Rhetorik nützt der Gesundheit, "gute" Rhetorik macht das eigene Leben klar und schön, "gute" Rhetorik macht das eigene Leben genußvoll.Quintilian nannte einen erfolgreichen Redner "einen guten Menschen, der etwas zu sagen hat"...

Die Kunst der Rede ist eine wahre Kunst. Im Mittelalter wurde sie noch zu den freien Künsten gezählt, gegenwärtig findet sie im Kanon der Künste keinen Platz. Das liegt daran, daß sie als Kunst weniger wirken will als durch ihre Aussage selbst und daß sie meist mit Politik und Macht gekoppelt einherkommt. Redner, Gewerkschaftler, Politiker, Vorsitzende und Präsidenten, Wirtschaftsmanager und andere betrachten ihre Rhetorik weniger als eine ästhetische Übung, sie setzen sie ein um Menschen zu beeinflussen, Wirklichkeiten zu verändern, Mehrheiten zu gewinnen, Geschäfte zu tätigen, der künstlerische Aspekt ist untergeordnet. Er ist "nevertheless" von großer Wirkung.

 

Rhetorik kann man lernen. Doch genausowenig wie beim Komponieren oder beim Malen kann man sie wirklich von jemand anderem erlernen im Sinn von abnehmen, übernehmen. Man kann sich vieles abgucken, zu eigen machen, insofern übernehmen. Wie zum Beispiel das Vibrato beim Geigen am schönsten klingt - das wissen die Geiger - muß jeder für sich selbst herausfinden, ja: erfinden und erlernen. Der eine schwört ggf. auf das Vibrato "aus der runden Hand" (wie ich es in der Meisterklasse von Prof. Wilhelm Nauber in Freiburg gelernt habe), der andere auf jenes aus dem aufrechten Handgelenk, ein Dritter auf jenes aus dem Unterarm. Ein jeder macht es eben anders. Oder wie er Läufe lernt, ob seine Intonation dabei aus der Beherrschung der Lagen kommt oder ob er nach Fingersätzen greift, ob er nach Intervallen oder einfach nach Gehör spielt oder gar nur aus der - wie er es nennen mag - Emotion und dem Klangbedürfnis heraus, das entscheidet jeder für sich selbst, wie es ihm am besten gelingt. Hauptsache, er kriegt's wirkungsvoll hin. Ebenso: wie ein Schauspieler seine Rolle zu spielen hat kann ihm letztlich kein Regisseur vermitteln, das muß der Schauspieler wohl selbst herausfinden. Lernen muß also jeder für sich allein  das Entscheidende lernen Menschen allemal autodidakt: das Lernen selbst. Auch das Training des Denkens, des Denkens von Worten in unserem Fall, ist letztlich jedem selbst anheimgestellt.
So entsteht der Sprechstil eines Menschen als etwas höchst persönliches. Für mich ist der Sprechstil eines Menschen wie der Fingerabdruck des Charakters auf die Denkungsart und die Ausdrucksweise. Es gibt Unterschiede zwischen männlicher und weiblichem Sprache, Rhetorik und Sprechstil. 

 

Von sich selbst zu reden, ist das Schwierigste

Viele haben Schwierigkeiten damit, von sich selbst zu sprechen. Sie fürchten, sich damit zu sehr vor den Anderen zu offenbaren. Wer redet muß sich aber offenbaren. Er offenbart sich ja auch, wenn er Unwichtiges erzählt, schon durch seine Erscheinung: sein Körper spricht, seine Sprechart verrät ihn, seine Ängste werden sichtbar, er stellt sich selbst dar.

Es gehört viel Mut dazu, zu sich selbst zu stehen, so zu erscheinen, wie man tatsächlich ist, das zu vertreten, was man wirklich denkt. Das ist auch eine Offenbarung seiner selbst. Wie kann ich mich aber offenbaren, wenn ich mich verberge? - Wie soll ich jemand davon überzeugen, etwas zu tun, was ich für richtig halte, wenn ich mich verberge aus Angst davor, „ent“-deckt zu werden? Wie kann ich jemand für mich gewinnen, wenn ich nicht dazu stehe, wer ich bin ? Letzten Endes ist alle Kunst Selbstdarstellung. Ob Sie singen, malen, schreiben oder reden, überall tun Sie es selbst. Ihre Umgebung, Erbanlagen und Erfahrungen haben Sie geformt. Sich selbst darzustellen ist nicht so leicht, wie es aussieht und aussehen muß. Es gehört Mut dazu. Doch nur wer wagt gewinnt.

Jeder muß zu seinem Schaden oder Vorteil seinen Acker selbst bestellen und sein eigenes kleines Instrument im großen Konzert des Lebens spielen (Dale Carnegie).

Es gibt kein Rezept für eine "gute" Rhetorik (das heißt aber nicht, daß es nicht gute Rezepte gegen schlechte Rhetorik gibt). Es gibt nur eine persönliche Rhetorik. Ein Beispiel: ein Schauspieler mag sein Handwerk wohl lernen können. Wie er allerdings seine Rolle spielt, wird ihm letztendlich niemand zeigen können, das muß er für sich selbst entwickeln. Der Regisseur will mit dem Darsteller gestalten, er ist aber nicht sein Schauspiellehrer.

 

Auch nach einem Rhetorik Seminar ist weitere Übung, Fleiss und Ausdauer gefragt

Überhaupt vermag ein Rhetoriktrainer nur wenig  wirklich "beizubringen". Dazu kommt, dass die Behaltensquote nach einem Rhetorik Seminar nur bei ca 18% liegt. Der Trainer kann nur anleiten, Interesse wecken, Fehler und Fehlerquellen aufzeigen, den Rest muß der Teilnehmer selbständig leisten. Durch Tun, Training, auf die Nase Fallen, weiter Tun, eine Technik wieder neu ins Gedächtnis holen, Üben, weiter Tun, nochmal was zeigen lassen, Üben, Fleiss und Ausdauer. Ziel des Rhetorik Schülers sollte seine ständige Verbesserung sein, fertig ist er nie! Auch die Lernmethode sollte er sich selbst zurechtlegen. 

Man kann selbst mit schlechten Rhetorik-Trainern einiges lernen.  Auch im Erkennen von Fehlern bei Trainern, liegt ein Lerneffekt. Das mag vielleicht schwieriger sein, als wenn man gute Lehrer hat, verstärkt aber die Eigenerkenntnis und zwingt einen zur Eigeninitiative. Die Hauptarbeit muß jeder für sich selbst leisten. Jeder muß sich seine persönliche Rhetorik erfinden und lebenslang weiterentwickeln.

 

Gute Rhetorik braucht Mut

Wenn Sie im Zweifel sind, ob Sie die eine oder andere Varainte bei Ihrer Rede einbauen sollen, dann nehmen Sie immer die Variante, die den grösseren Mut erfordert. Das ist die Variante der höheren Wirkung.

Es gibt allerdings Techniken, aus denen wir lernen können. Es gibt z.B. Möglichkeiten der Vereinfachung. Je komplizierter das Gesagte wirkt, desto weniger wurde es durchdacht.  An solchen Beispielen kann man lernen. Vereinfachte Formulierungen überzeugen mehr. Die Simplifizierung der Problematik kann auch zur Agitation benutzt werden, etwa: "...die Ausländer nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg", das ist demagogische Rhetorik. Diese Simplifizierung ist hier aber nicht gemeint. Einfachheit in der Rede muß nicht gleich "Versimpelung" sein, sondern ist vielmehr die Kunst, sich gegenüber jedem anderen klar und verständlich und dennoch so schlicht wie möglich auszudrücken. Die Kunst ist, die kompliziertesten Zusammenhänge sehr einfach auszudrücken. Dazu eignen sich oft bildhafte Vergleiche oder Metaphern.  


Es gibt exemplarische Beispiele für wirkungsvolle Sprache und Sprachgewalt in Formulierungen, Aufsätzen, Büchern, Reden und Liedern. Gleiches gilt für die Antiken und der klassichen Vorbilder, als auch für die modernen Beispiele. Rhetorik erfordert Sprachkenntnis, diese muß immer kritisch sein, da Erkenntnistheorie erstmal Sprachkritik ist. Sprachgewalt ist zugleich das Beherrschen der deutschen Sprache und ein grossen Wortschatz. Aus diesem Grund werden in dieser Website auch sprachliche Dinge angesprochen wie, die Entstehung der deutschen Sprache, oder der Vergleich zu anderen Sprachen. 

 

 

Wenn Sie ein Redethema suchen: Definieren sie einen Begriff!

Meist ist dies bereits eine vollständige Rede. Sofern Sie jedoch in einer Rede eine Begrifflichkeit definieren, die zum Thema gehört, sollte diese Definition zwar so klar und eindeutig sein wie möglich, jedoch so knapp wie irgend möglich, sonst ufert dieser eine Punkt ihrer Rede zu sehr aus. Jede Rede ist weltanschaulich. Sie können aber nicht in jeder Rede ihre gesamte Weltanschauung ausdrücken.

Wichtig in einer Rede sind die Definitionen der Begrifflichkeiten. Wie oft erleben wir, daß Leute völlig aneinander vorbeireden, weil jeder vom gleichen Wort eine andere Definition hat.

In der heutigen Zeit, wo Glaubensdinge zunehmend verloren gehen, weil die Kirchen ihre Glaubensfähigkeit verlieren, suchen die Menschen nach festen Glaubenssätzen. Sie fliehen in die Esoterik, in die Mystik, in Sekten und Scheinkirchen (wie etwa die Scientologen). Umso mehr fallen sie auf dogmatische Thesen herein. Das macht nämlich weniger Mühe, als sich die Realitäten und die Probleme genau anzusehen. Erkenntnis kann manchmal schmerzhaft sein, weil sie bisher weniger reflektierte und vielleicht liebgewonnene falsche Voraussetzungen zerstört. Es ist leichter, in der Abtreibungsfrage von "Mord" zu sprechen, als über die Probleme der Überbevölkerung, als über soziale Probleme, als über Probleme, die alleine die Mutter bewältigen kann. Es ist leichter an ein Dogma zu glauben als eine Erkenntnis zu erringen. Umso nötiger ist die Definition und die Interpretation von Begrifflichkeiten.

Die Polemik definiert nicht, sie stellt dogmatische, ideologische Behauptungen als wahr hin. Umso nötiger ist also die Definition der Begrifflichkeiten in der Rede. Konfuzius sagte: "Wenn die Begriffe nicht klargestellt sind, dann treffen die Worte nicht das Richtige. Wenn die Worte nicht das Richtige treffen, dann kann man in seinen Aufgaben keinen Erfolg haben, dann können Ordnung und Harmonie nicht blühen. Wenn Ordnung und Harmonie nicht blühen können, dann sind die Strafen nicht gerecht. Wenn die Strafen nicht gerecht sind, dann weiß das Volk nicht mehr aus noch ein." Eindeutige Begrifflichkeiten sind also nicht nur für die Rhetorik sondern für die ganze Gesellschaft wichtig.

 

Die Begabung zur Rhetorik ist das Zweitwichtigste, das Wichtigste ist Fleiß

Die Rhetorik Buch Empfehlungen auf dieser Seite befassen sich mit dem Erlernen von Rhetorik und sind auch mit ihrem Schreibstil, bereits ein rhetorisches Beispiel. Sie können diese als Vorbilder nutzen. Wichtig bleibt, daß jeder seine eigene Rhetorik und Sprache weiterentwickelt.

Sich überzeugend ausdrücken zu können kann Ihnen von allergrößtem Nutzen sein. Den Spruch: "ich bin rhetorisch nicht begabt..." lasse ich hier nicht gelten, es geht nicht darum, Rhetorik Künstler zu werden. Jeder Mensch hat (mehr oder weniger) kreative und künstlerische Fähigkeiten, die es auszubilden gilt. Die meisten vernachlässigen diese ihre Fähigkeiten oder wurden durch die Erziehung davon regelrecht abgehalten, oder sie waren vielleicht durch ihre soziale Herkunft benachteiligt, davon Kenntnis zu erhalten. Sie haben es dadurch schwerer, erlernbar ist Rhetorik aber in jedem Alter. Ich will damit Mut machen, an sich selbst immer weiterzuarbeiten zur Entfaltung der kreativen Eigenschaften. Nicht jeder, der sich rhetorisch weiterbildet, wird naturgemäß der allergrößte Redner, sicherlich wird er jedoch als Redner und in seinem kreativen Erschaffensvermögen immer besser, und das ist das eigentliche Ziel. Mit seinen rhetorischen Fähigkeiten befindet man sich bestenfalls permanent in der Weiterentwicklung. Sie sind nie "angekommen".

Im Kapitel "Die Geschichte der Rhetorik" wird kurz auf die Geschichte der Rhetorik (Antike / Mittelalter / Neuzeit) eingegangen, und im Kapitel "Rhetorische Figuren - Stilmittel" werden die rhetorischen Mittel vorgestellt. Die rhetorischen Mittel sind in der Mehrzahl bereits von den antiken Rhetoren vor 2'500 Jahren definiert worden, sie sind eher dafür geeignet,  sie in einer Text-Analyse zu erkennen, aber weniger geeignet, sie bewusst in eine Rede einzusetzen. Ausnahmen sind Metapher, Anapher und rhetorische Frage.

Diese Elemente benutzen viele heute noch, denn ihre Wirkungsmöglichkeiten sind gegeben, sie beschränken sich jedoch mehr auf monologisches Reden, weniger auf Kommunikation.

 

Die Stilistik in der Rhetorik

Historische Stilarten sind im allgemeinen epocheprägend gewesen, der Barockstil etwa hat den Barock bestimmt. Doch wußte Bach nicht, daß sein Stil barock war. Heutzutage sucht jeder seinen eigenen "Stil" als "individuelle Note", die jedoch vorwiegend als Massenware angeboten wird. ("Kaufen Sie sich Ihre Individualität von der Stange...") Ich nenne das Machart (oder "Masche"), nicht Stil. Über die Definition von Stil herrscht infolgedessen eine von der Mode und vom Kommerz initiierte heillose Verwirrung. Diese hauptsächlich ist die Ursache für meine Vorbehalte und meine tendenziell ablehnende Haltung zu Fragen eines absichtlich vorangestellten und einengenden persönlichen Stils als einem Gestaltungselement, mit dem größere Wirkung erzeugt werden soll. Weitere Ausführungen dazu finden Sie im Kapitel "Redestil (Stilistik, Ästhetik, Redestil).

Sich selbst von vornherein auf einen Stil festzulegen ist also einengend, wenig kreativ und wenig entwicklungsfähig. Meist steckt hinter der Selbstcharakterisierung auf einen bestimmten Stil doch vorwiegend Eitelkeit, Masche, wenn nicht gar Epigonentum, also eine unschöpferische Nachahmung großer Vorbilder. Eine absichtlich eingesetzte Stilisierung mag kunstvoll klingen, wirkt in einer Rede für heutige Ohren aber angeberisch und aufgesetzt und verbraucht sich schnell. Ich habe zuerst Komposition studiert und komponiere nach wie vor. Als ich gefragt wurde, in welchem Stil ich schreibe, habe ich geantwortet: das überlasse ich den Historikern. Da diese das - wenn überhaupt - erst nach meinem Tode feststellen ist die Frage nach dem Stil für mich völlig irrelevant.

 

Die Ästhetik in der Rhetorik


Wenngleich ich eine Stilistik nach dem Vorbild der klassischen Rhetorik kategorisch ablehne, beinhaltet der Begriff 'Redekunst' doch eine ästhetische Kategorie. Wir erfahren als Hörer von Reden ja auch, daß eine Schönheit der Sprache uns sinnlich anspricht, daß eine Ästhetik in der Formulierungskunst durchaus Wirkung hat und uns anspricht. Auf eine gewisse Art ist dies ebenso Vortragskunst wie das Schauspiel, jedoch darf ein Redner niemals ästhetizieren oder gar "schauspielern"! (Auch ein Schauspieler darf nicht "schauspielern".)

Ästhetik ist die Wissenschaft von den Gesetzen der Kunst, besonders vom Schönen. Ästhetik verfeinert. Dagegen bedeutet "Ästhetizismus" eine einseitig die Ästhetik betondende Lebenshaltung, zu "ästhetisieren" wird in der Kunst abgelehnt, weil dies eine einseitig nur nach dem Schönen urteilende und gestaltende Kunst ergäbe.

Sofern Ästhetik in der Rede eingesetzt wird, kann dies immer nur auf ganz persönliche Weise geschehen. Die Sinnlichkeit des Auditoriums anzusprechen kann aber sehr wirkungsvoll sein und darf nicht unterschätzt werden, sofern dahinter die gestalterische Persönlichkeit des Redners steht: dieses Phänomen fasse ich - neben anderen Faktoren der Persönlichkeit - unter dem Begriff einer 'persönlichen Rhetorik', einer von der kreativen Persönlichkeit des Redners bestimmten Rhetorik, zu welcher eben auch die gestalterischen und persönlichen Fähigkeiten gehören. Weiteres dazu siehe Definitionen: Redestil und Ästhetik in der Rede, die emotionale Intelligenz.

Rhetorik und Präsentation wird derzeit als ein Bestandteil der verbalen Kommunikation begriffen. Ohne Frage war bereits das historische Verständnis einer Rede als Dialog (den Zuhörer von Erkenntnisstufe zu Erkenntnisstufe zu führen) eine Methode der Rhetorik, die noch heute Gültigkeit hat. Diese Mittel der Interaktion sind jedoch entscheidend erweitert durch neues Wissen und die vielfältigen Möglichkeiten der neuen Medien, die von der Wissenschaft der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation (GWK) erforscht und gelehrt werden.

Selbstverständlich gehört zum Reden noch das Sprechen, die Kunst des Sprechens, also sprechtechnische Fähigkeiten. Diese zu erlernen kann von großem Nutzen sein für Redner. Die zur Zeit geltende neue Rechtschreibreform - beschlossen von unkundigen Kultusministern, die ja nicht wegen ihrer fachlichen Qualififizierung sondern aus Parteigründen nominiert wurden - hat die Sprechwissenschaften völlig ignoriert, woraus eine Zerstörung der deutschen Sprache resultiert. Andrerseits kann eine große Rede auch dann sehr wirkungsvoll sein, wenn sie nicht in Bühnendeutsch gesprochen wird sondern mit einem Dialekt-Anklang. Manche Deutsche wie die Bayern (abgesehen von einigen Schauspielern) weigern sich geradezu, hochdeutsch zu sprechen. Man hört sich nach einigen Minuten auf den Dialekt ein. Das muß die Wirkungskraft der Rede nicht zwangläufig vermindern. Wer allerdings Moderator, Redakteur oder Reporter werden will kann Vorteile haben, wenn er bühnendeutsch spricht. Auf Sprechtechnik kann hier nur kurz hingewiesen werden (Definitionen: "Atmung").

Auch wird dieses Handbuch eingehen auf andere theatralische Gegebenheiten und Möglichkeiten, die auch für Nichtschauspieler empirisch erwerbbar sind wie innere Haltung und Körpersprache, Rolle und Sprache des Publikums, des Denkens des Publikums, der wechselseitigen Sphäre des Publikums, also Theater- und Publikumserfahrungen, die ich auf der Bühne gemacht habe, die sich auch Redner gut zunutze machen können.

Wie bereits zu Anfang erwähnt, kann dieses Handbuch lediglich allgemeine rhetorische Grundprinzipien und Formen behandeln. Es will gleichzeitig ein Nachschlagewerk sein, in welchem zu bestimmten Komplexen übersichtlich Erläuterungen, Stichworte, Tipps, Checklisten und andere Anleitungen gegeben werden. 

Holger Münzer, Februar 2001

Hinweis:
Siehe auch Uni Tübingen: Seminar für Allgemeine Rhetorik
 



 

 



 

Die Geschichte der Rhetorik

Die Klassische Rhetorik (Antike bis heute)
 

Rhetorik der Antike

Die Rhetorik genoß in der Antike ein hohes Ansehen; aus dieser Epoche stammen so bedeutende Werke über die Kunst der öffentlichen Rede wie die Rhetorik von Aristoteles, Institutio Oratoria von Quintilian oder De Oratore von Cicero.

 

Fünf Tätigkeiten (Schritte) galten als unerläßlich für den erfolgreichen Aufbau einer Rede. Sie sind im folgenden unter ihrer lateinischen (und griechischen) Bezeichnung aufgeführt:

  1. inventio (heuresis): 
    die Sammlung des Stoffes. Zusammenstellung wichtiger thematischer Gesichtspunkte
  2. dispositio (taxis): 
    die zweckmäßige Gliederung  - Gliederung des Materials in einer der Redekunst angemessenen Form
  3. elocutio (lexis): 
    stilistische Ausgestaltung (Wahl der Sprache je nach Thema, Redner und Gelegenheit) - diese ist heute weniger empfehlenswert, siehe Stil und bei Friedrich Naumann: Redestil.
  4. memoria (mneme):  
    die Aneignung, das Einprägen der Gedanken und Worte - Einprägung der einzelnen Redeteile ins Gedächtnis. Das Auswendiglernen der ganzen Rede ist heute so wenig üblich wie das einfache Vorlesen. Dazu empfehle ich eine andere Methode durch die Vorbereitung der Rede. Der gewandte Redner spricht in Fühlung mit den Hörern, dem Publikum, ist auf Zwischenrufe gefaßt und nimmt sie auf.
  5. actio (hypocrisis): 
    der Vortrag der Rede unter Einsatz der wirkungsvollsten Techniken - also Haltung des Redners, Laustärke, Betonung, Gesten usw. Selbstinszenieren und Selbstdarstellung  gehören zur Rhetorik dazu. Bewusst eingesetzte Mimik wirkt allerdings wie Schauspielerei, wohingegen bewusst eingesetze Gebärden und Gestik eine sehr starke Wirkung haben.
 

Rhetorik im Mittelalter

Im Mittelalter wurde die Rhetorik neben Grammatik und Logik Teil des scholastischen Triviums (§65): Theoretiker der Post-Renaissance reduzierten die fünf Teile auf zwei - die »Stilisierung« und den »Vortrag.«. Als Folge davon wurde die Rhetorik in der Hauptsache mit Techniken des mündlichen Ausdrucks in Zusammenhang gebracht, vor allem hinsichtlich des Lesevortrags (das Anliegen der »elocution«). Aufgrund dieser einflußreichen Tradition sind viele der (heute ganz falschen) Ansicht, daß es bei der Rhetorik im wesentlichen um die »verbale Ausschmückung« geht.

Im Mittelalter, das die Redekunst zu den Freien Künsten zählte, wurde die volkstümliche Predigt bedeutungsvoll. Die Renaissance kannte lateinische Reden der Diplomaten; die Humanisten folgten der Redekunst Ciceros und Quintilian's. Die moderne politische Redekunst entwickelte sich besonders im Rahmen des englischen Parlamentarismus (Cromwell, Burke, die beiden Pitt, Fox Sheridan, Lloyd George, Churchill). Nach der französischen Kanzelrhetorik der Bossuet, Bourdaloue, Fléchier kam es zu einem Höhepunkt romanischer politischer Rhetorik in der Französischen Revolution (Mirabeau, Robespierre). Große französische Redner waren später Jaurès, Clemenceau, Briand. In Deutschland traten, nach den pädagogischen Bestrebungen Gottscheds in seiner Redeschule in Leipzig, im 19. Jh. Fichte ("Rede an die Nation") und die Redner der Paulskirche (R. Blum, Gagern, Uhland) hervor, deren Reden dichterisch gefärbt, zum Teil von Schillers Rhetorik beeinflußt waren. Lassalle vereinigte als Redner Leidenschaftlichkeit mit logischer Schärfe, Bismarck wirkte durch die Natürlichkeit seiner Ausdrucksweise. In der Gegenwart sucht die Redekunst an die Gesprächshaltung anzuknüpfen. Schule und Erwachsenenbildung bemühen sich, die Fertigkeit zur freien Rede besonders in der Diskussion zu entwickeln. Für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit ist Rhetorikschulung unerläßlich...

 

 

Rhetorik in der Neuzeit

Zur modernen wissenschaftlichen Behandlung des Themas gehört weit mehr als nur die Beschäftigung mit den effektvollsten Mitteln der Sprache. Man untersucht den gesamten Bereich des gesprochenen und geschriebenen kreativen Diskurses, darunter auch den Sprachgebrauch in den Massenmedien, die Reaktionen des Publikums und die Interpretation der ans Publikum gerichteten sprachlichen Äußerungen. Rhetorik ist also die Analyse von Theorie und Praxis der Argumentationstechniken, sowohl in bezug auf Hörer wie auf Sprecher, auf Autoren wie auf Leser. Im weitesten Sinne untersucht die moderne Rhetorik die Grundlagen sämtlicher Formen wirkungsvoller Kommunikation.

(Lit.: L. Reiners: Die Kunst der Rede und des Gesprächs (1957); H. Lausberg: Elemente der literarischen Rhetorik (2 Bde 1960); H. Biele: Redetechnik (1974); W. G. Hamilton: Das Streitgespräch (1962)

 

 



 

Rhetorische Figuren - Stilmittel

 

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In der klassischen Rhetorik gab es rhetorische Figuren / Stilmittel:

 

Rhetorische Figuren des Ausdrucks:

1.) Namenstausch (Metonymie):
- "der Homer" = die Werke des Homer
- "der Lorbeer" = der Sieg
- "der Himmel" = Gott

2.) Mitverstehen (Synekdoche), ein besonderer Teil für das Ganze(pars pro toto):
- "das Heer zählte 1000 Köpfe" = 1000 Mann
- "nicht über meine Türschwelle" = nicht in mein Haus

3.) Beseelung (Prosopopöie), Personifikation lebloser Dinge:
- "oh du, der Traube Sohn" = Wein
- "das Glück ist ihm nachgelaufen" = er hat immer Glück gehabt

4.) Übertragung, bildlicher Ausdruck (Metapher):
- "Glut" = Leidenschaft
- "das Schiff der Wüste" = das Kamel

5.) Anspielung (Allusion):
a) Allgemeines für Einmaliges:
- "der große Reformer" = Luther
b) Einmaliges verallgemeinert:
- "ein Alexander" = ein Eroberer

6.) Bildhafte Umschreibung (Periphrase):
- "das Land, wo die Zitronen blühen" = Italien
- "das Land, wo die Kanonen blühen" = Deutschland von Erich Kästner

 

Rhetorische Figuren der Belebung

1.) Übertreibung (Hyperbel):
- "die Hölle war los" = es war viel los

2.) Schmückendes Beiwort (Epitheton ornans):
- "die sonnigen Gipfel der sommerlichen Alpen"
ähnlich andere dichterische Zusätze (Appositionen):
- "Aurora, Bringerin des Tages"

3.) Sprachliche Umschreibung (analytischer Ausdruck):
- "den Sieg erringen" = siegen

4.) Verneinung zur nachdrücklichen Bejahung (Litotes):
- "nicht eben groß" = klein
- "nicht schlecht" = recht gut
- "gar nicht dumm" = recht gescheit

5.) Naherücken durch Gebrauch der Gegenwart (Präsens historicum):
- "still war’s im Garten - doch was rührt sich da?"

Rhetorische Stellungsfiguren

1.) Wortpaare (besonders mit gleichem Anlaut [Reimstäbe] und Reimen):
- "mit Mann und Maus"
- "bei Tag und Nacht"
- "singen und klingen"

2.) Wortwiederholung:
- "lieber, lieber Vater"
- "komm, oh komm, Geselle mein!"

3.) Wortreihen
a) mit "und" (Polysyndeton):
- "und es wallet und siedet und brauset und zischt"
b) ohne "und" (Asyndeton):
- "ich kam, sah, siegte..."
c) mit Steigerung im Ausdruck:
- "stundenlang, tagelang, wochenlang warteten wir auf dich..."

4.) Wiederholung in Sinn und Form (Parallelismus):
- "und Gott gab seine Macht ins Gefängnis und seine Herrlichkeit in die Hand des Feindes"

5.) Kreuzstellung (Chiasmus):
- "der Herr fördere das Werk unserer Hände, ja das Werk unserer Hände wolle er fördern".

6.) Satz-Anfang Wiederholung (Anapher):
- "Geld war sein Streben, Geld war sein einziger Gedanke, Geld sollte ihm alles andere ersetzen."
Yes we can... Yes we can.... Yes we can....

 

 

Rednerische Satzformen

1.) Rhetorische Frage:
- "hätte ich mich soweit vergessen können?" = ich habe mich also soweit vergessen
je nach Tonfall u.U. auch = es war ganz unmöglich, daß ich mich soweit vergessen konnte
Rhetorische Frage = eine Frage, die keine Antwort erwartet - eine Aussage in Frageform kleidet "Warum immer ich?"

2.) Ausruf:
- "o traurige Wahrheit!" = das ist eine traurige Wahrheit

3.) Wunsch:
- "vergelte es dir Gott!" = Dank

4.) Hervorhebender Nebensatz:
- "du sprichst von Zeiten, die vergessen sind" = von vergangenen Zeiten
- "der Dieb ist’s eben, der’s wissen will" = der Dieb will es eben wissen.

 

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Gute Rhetorik? / Schlechte Rhetorik?

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Es gibt eigentlich keine "gute" oder "schlechte" Rhetorik. Die Frage nach gut oder schlecht führt leicht in die Irre.

Rhetorik hat vielerlei Kategorien: zunächst eine moralische. Was aber, wenn die Moral sich ändert? - Wird dann aus einer "guten" Rhetorik eine "schlechte" Rhetorik? - Nehmen wir das Beispiel von Goebbels' Rede im Sportpalast 1943. Für heutige Begriffe war das eine schlechte Moral. Für damalige Begriffe war das die quasi "staatlich verordnete" Moral, also notgedrungen die "gute" Moral. Würden wir die "Gutheit" seiner Rhetorik daran messen, wäre Goebbels ein "guter" Rhetoriker. Dieses wird so auch oft gesagt.

Rhetorik ist von ihrem historischen Ursprung und nach ihrem klassischen Selbstverständnis ein der Aufklärung verpflichtetes Bildungssystem: Aufklärung über Rhetorik thematisiert immer auch den konstitutiven Zusammenhang von Rhetorik und Aufklärung. (Gert Ueding: „Versuche über Beredsamkeit, ihre Theorie und praktische Bewährung“) Der Minister für Volksaufklärung Josef Goebbels war aber in diesem Sinn nicht aufklärerisch. War er nun ein guter oder ein schlechter Rhetoriker? Er war sicherlich ein guter Redner, denn seine Reden waren wirkungsvoll und folgenreich.

Die Qualität mißt sich an der Wirkung. Dann aber wäre auch hier die Beurteilung abhängig von einer momentanen Wirkung: bleiben wir bei Goebbels: seine zitierte Rede hatte - damals - eine große Wirkung. Heute nicht mehr.

Qualität wird oft persönlich bemessen. Findet der Eine eine gewisse Rhetorik "gut", findet der Andere sie "schlecht". Ist Qualität also eine subjektive Frage? Das hängt wiederum von der Wirkung ab, die die Rhetorik auf den Einzelnen ausübt. Qualität ist aber keine subjektive und keine Geschmacksfrage. Ich bewerte "gut“ oder "schlecht“ nur nach der Wirkung und der Beherrschung des Handwerks. Qualität mißt sich an der Qualität der Gegner.

Wir sehen, wir kommen in Teufels Küche mit der Frage nach "gut" oder "schlecht". Deswegen - und auch weil Rhetorik immer die persönliche Rhetorik ist - vermeide ich lieber die Kategorien "gut" und "schlecht". Ich rede von "gekonnt", was nur das reine Handwerk meint. Und ich setze dagegen lieber die Frage nach einem "guten Redner" oder einem "schlechten Redner", einer guten oder weniger guten Rede. Hier käme Rhetoriker Goebbels ins Schleudern, denn zumindest die aufgeklärten Geister jener Zeit haben klar gesehen, daß Goebbels ein Demagoge war. - Mit äußerst gekonntem rednerischen Handwerk!

Agitatoren, Demagogen und Diktatoren können aber durchaus gute Rhetoriker und große Redner sein wie die Geschichte zeigt. Es gibt ja auch "gute" Agitatoren wie Rudi Dutschke, "gute" Demagogen wie Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth (Burg Hambach 1832). Durch deren und davor anderer Tun entstand ja indirekt überhaupt erst die negative Bedeutung des Begriffes "Demagogen", durch die Karlsbader Beschlüsse vom August 1819, Julirevolution von 1830: Metternich erließ scharfe Maßnahmen gegen die "demagogischen Umtriebe" (die Forderung nach Demokratie und Liberalität wurde demagogisch genannt). Agitation, Demagogie, Polemik, das alles ist kein Gegensatz zur Rhetorik, sondern auch Bestandteil von Rhetorik. Rhetorik ist ja nicht nur die "Kunst der Rede", sondern zugleich auch die Wissenschaft von den Wegen (Methoden), die Rede zur Vollkommenheit beim Reden zu führen.

Wer z.B. sagt, "...Goebbels war kein Rhetoriker" (aus einer E-Mail), Hitler war kein guter Redner, woher kamen dann deren rhetorische Erfolge? - Alleine aus der Dummheit der Deutschen? - "Die Deutschen - das Volk der dummen Denker?" - Das hieße, die Verbrecher des Dritten Reiches in Schutz zu nehmen.

Hätte Hitler nicht die Fähigkeit entwickelt, seine Überzeugungen den Massen zu übermitteln, wäre er nie an die Macht gekommen, und er hätte die Welt nicht in den Krieg gestürzt (Dale Carnegie). Auch Stalin war ein Rhetoriker: Rhetorik kann arg mißbraucht werden! Das wird nicht mit einem Ansatz sichtbar, der bestreitet, daß diese beiden eben auch Rhetoriker und grandiose Redner waren. Es muß aber sichtbar werden, weil durch gekonntes Reden Schlimmes angerichtet werden kann (Zweiter Weltkrieg, Holocaust, Rassenhetze).

Wer als Rhetoriker bestehen bleibt und wer nicht, das entscheidet letztlich die Zeit. Wir sollten aber nicht die Augen verschließen vor dem Mißbrauch der Rhetorik, sondern kritisch (historisch-materialistisch) die Vergangenheit durchleuchten. So jedenfalls versuche ich dies.

Gegenüber der Rhetorik brauchen wir auch keine Fairness. Im Gegenteil: Alles was ein Redner sagt, kann gegen ihn verwandt werden. Wie vor Gericht. Rhetorik ist knallhart, die Kunst der Rede ist kein Schöntun, kein "Werfen mit Wattebäuschchen" und keine Entschuldigung für irgendetwas. Sie ficht, sie kämpft.

Noch eine Schlußbemerkung dazu, daß Rhetorik der Aufklärung verpflichtet ist: Goebbels war schließlich "Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda" - er hat also ganz bewußt diesen aufklärerischen Gedanken mißbraucht. Mißbrauch - und auch Rhetorik kann mißbraucht werden - muß offengelegt werden. Die Rhetorik braucht hier keinen besonderen Schutz und keine besondere Wertung, derlei Dinge werden historisch entschieden.

 


Siehe dazu auch Artikel Managern bewerten die Rhetorik von Politikern 

und: "Kiesel im Mund", Rhetorik bei Politikern (Artikel von Thomas Lackmann)

 

 



Unfaire Rhetorik

 

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Polemik ist keine unfaire Rhetorik. Polemik ist zwar dogmatisch, einseitig und unversöhnlich, jedoch nicht unfair.
Demagogie, obwohl moralisch vielleicht verwerflich, muß nicht immer unfaire Rhetorik sein. Unfaire Rhetorik ist nicht gleichzusetzen mit Demagogie.
Die Demagogie benutzt allerdings gerne mehr als nur unfaire Rhetorik, Beispiele dafür bieten die demagogischen und rassistischen Reden von Goebbels, wo er Menschen als "Untermenschen", als Ratten und Ungeziefer (eine Metapher) bezeichnet.

Zusammenfassend: Unfaire Rhetorik ist ein Schlag unter die Gürtellinie, verletzend, aber nicht tödlich: Lustig machen über Nase, Haut, Gebrechen, Religion, Holzbein, Geschlecht, Intimitäten usw. Kein Mensch kann etwas für seine Herkunft und seine Rasse, sein Geschlecht, seine Verwachsungen oder Behinderungen. Unfaire Rhetorik ist verurteilenswert. Aber manchmal ein rhetorischer Trick. Und wenn ich schonmal unfair werde, dann sollte ich mich dafür sofort entschuldigen. - Wehner hat sich bei Lambsdorff übrigens nie entschuldigt, Lambsdorff's Rhetorik ist - obwohl gekonnt - manchmal ja auch ziemlich (oder unziemlich) unfair, obwohl er dieses äußerst geschickt verpackt.

 

 



Vorwort von Holger Münzer zum Handbuch der Rhetorik

 

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Wer als Anfänger in Rhetorik einsteigen will und dazu schulisches Material braucht, findet wohl gute Literatur in Form von Abhandlungen, Reden, Artikeln und anderen Schriften zur Rhetorik. Eine Auswahl solcher Artikel ist im Literaturanhang gesammelt. Hier schreiben große Redner über Rhetorik. Wer jedoch schulisch vorgehen will und nach einer Methode sucht für den Redenaufbau, nach praktischen Hinweisen und Tipps, sucht vergeblich. Meist stößt er auf kommerzielle Schriften etwa unter dem Motto: "Durch Reden zum Erfolg". Ein Handbuch, das dem, der sich rhetorisch weiterbilden will, als Material dienen könnte, finden Sie hier vor.

Mein Weg zur Rhetorik begann mit einer absoluten Katastrophe. Als gelernter Schauspieler (seit 1964) war ich sehr wohl geübt im Sprechen, hatte auch gute Publikumserfahrung und sprach bei meiner ersten politischen Kandidatenrede (1972) laut und deutlich und mit ruhigem Blick. Das sind wohl gute Voraussetzungen für einen Redner. Das alleine überzeugt aber keinen. Meine Gedanken waren ungeordnet, ihnen fehlte der Aufbau, sie waren nicht stringent. Mein Manuskript war ein kleiner Freßzettel mit vielen Notizen und Hinzufügungen, in welchem ich mich nicht mehr zurecht fand. Eine Gliederung fehlte. Die Rede war dilettantisch. Die Delegierten wählten mich dennoch, weil sie mich offensichtlich mochten, ich aber war verzweifelt über mein Unvermögen.

So fragte ich mich, welche Methode mir am hilfreichsten sein könnte. Ich kam schnell darauf, daß das Manuskript übersichtlich gestaltet sein muß, um in der Aufregung und Nervosität immer noch erkennbar zu sein. Das wichtigste dabei ist eine klare Gliederung. Diese war auch in der klassischen Rhetorik bereits Voraussetzung: dispositio / die Disposition. Eine klare Gliederung entsteht nur, wenn die Gedanken klar gegliedert sind. Somit entstand meine Methode der Vorbereitung und mein Modell des Aufbaus einer Rede. Dieses ist der Kern dieses Handbuchs: "Vom Handwerk der Redekunst".

Beim weiteren Studium und in der (autodidakten) Erprobung in der Praxis kam ich auf Dinge, die ich gut von der Bühne her kannte: der Umgang mit dem Publikum, die Sprache des Publikums und daß das Publikum immer ein Teil der Gesamtgesellschaft ist. Auch meine Erfahrungen von der Körpersprache (des Redners und des Publikums) haben mir geholfen, ich denke, daß ich hier eine besondere Erfahrung miteinbringen kann in die Rhetorik.

Schnell kam ich auch darauf, daß die Voraussetzungen zum Reden die selben sind wie für Künstler und Kunstschaffende: Wahrhaftigkeit, Fleiß, Übung, unendlich und viel Wissen. So kam ich auf die Thesen: von der Geschwindigkeit des Denkens, vom intelligenten Gefühl, vom prozessualen Denken, von der Mehrgleisigkeit des Denkens und ähnliches. Dann habe ich mir die Motivation zum Reden und zum Erlernen des Redens überlegt und daß der Sinn und Zweck einzig in der Wirkung liegt. So habe ich viele Erkenntnisse gewonnen, von denen ich annahm, ich hätte sie selbst gefunden oder gar erfunden. Erst Jahre später habe ich in der Literatur wiedergefunden, was ich für meine ureigenste Erfindung gehalten habe. Es ging mir nicht anders als Anderen: „Manches, was ich für mein Eigenstes halte, mag sich schon längst in den Werken Anderer vorfinden“ (E. Coseriu, Leipzig 1891). Die Methode, die mir am nächsten kommt habe ich bei Dale Carnegie am besten dargestellt wiedergefunden. Zwar drücke ich vieles anders aus aufgrund meiner (Publikums-)Erfahrungen und der Unterschiedlichkeit zwischen der englischen und der deutschen Rhetorik, ich empfehle aber dringend die Lektüre seiner Broschüre „Wirkungsvoll reden“. Im Anhang "Rhetorik Buch Empfehlungen" finden Sie auch bekannte Rhetoriker, die etwas zur Rhetorik und deren Methoden publiziert haben. Des weiteren finden Sie die Eristische Dialektik, (die Schlagfertigkeit des 19.ten Jahrhunderts), grosse historische Reden und interessante Artikel.

Dieses Handbuch behandelt nicht nur allgemeine rhetorische Grundprinzipien, Methoden und den Rede Aufbau. Es bietet auch Informationen zur deutschen Sprache, Beispiele zur Rhetorik, Beispiele berühmter Reden und Rede Beispiele von Stundenten. Es will auch ein Nachschlagewerk sein, in welchem zu bestimmten Themenbereichen Erläuterungen, Stichworte und Tipps usw. gegeben werden. In dieser Webseite ist die methodische Reihenfolge angegeben wie ich sie im Seminar befolge, zudem das Stichwortverzeichnis und eine Schnellsuche. Das Rhetorik Handbuch soll das Rhetorik Seminar an der Universität der Künste Berlin (GWK) inhaltlich ergänzen.

Holger Münzer, im Februar 02

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Letztes Update: 19. Februar 2017