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Denglisch nenne ich Anglo Teutonisch

 

Interview mit dem schwarzen US Amerikaner Dr. Marron Fort, der 6 Sprachen spricht. Darunter 3 deutsche Dialekte. 

 

Dr. Marron Fort wurde 1938 im USamerikanischen Bundesstaat New Hampshire als Sohn eines Chemikers, Dr. M. W. Fort, geboren, der als erster schwarzer Amerikaner am renommierten Massachusetts Institute of Technology promovierte. Im Rahmen eines Germanistik-Studiums kam Marron Fort nach Deutschland, promovierte über die niederdeutsche Mundart der niedersächsischen Kreisstadt Vechta und entdeckte dabei seine Liebe zum bedrohten Saterfriesischen, das er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2003 an der Universität Oldenburg vertrat. Wissenschaftlichen Ruhm erwarb er sich durch ein Wörterbuch des Saterfriesischen und durch eine saterfriesische Übersetzung des Neuen Testaments. Seit 1988 ist Dr. Fort Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland und seit Januar 1999 Mitglied des Vereins Deutsche Sprache. Das Interview führte VDS-Vorsitzender Professor Dr. Walter Krämer
Sprachnachrichten: Herr Fort, Sie sprechen sechs Sprachen und gelten als bester Kenner des Saterfriesischen überhaupt. Ist das eine eigene Sprache oder nur ein Dialekt? Marron Fort: Das Saterfriesische ist eine Sprache. Sie ist weder für Hochnoch Niederdeutsche verständlich. Das Saterfriesische ist der letzte Rest der ostfriesischen Ursprache, die bis ins späte Mittelalter an der Nordseeküste vom heutigen Lauwersmeer bis an die Weser gesprochen wurde. Die Ostfriesen von heute sprechen Niederdeutsch. Beispiel: Hochdeutsch: Ich habe mit ihm gesprochen, aber er hat mir gesagt, daß er mir den Schlüssel nicht geben könne. Oldenburger Niederdeutsch: Ik heb mit em/üm snackt, man he het mi seggt, dat he mi den Slöädel nich gäven kunn. Ostfriesisches Niederdeutsch (Emden): Ik heb mit hum proot‘t, man he het an mi seggt, dat he mi de Slötel neet geven kunn. Saterfriesisch: Iek häbe mäd him boald, man hie häd mie toukweden, dat hie mie dän Koai nit reke kude. Wie kommt ein gebürtiger schwarzer Amerikaner dazu, deutsche Dialekte zu erforschen? Ich habe während meiner Studentenzeit festgestellt, daß ich überhaupt keine Probleme mit deutschen Dialekten  hatte. Ich konnte sie analysieren und auch einwandfrei aussprechen. Man fragt mich immer wieder, ob Plattdeutsch meine Muttersprache sei. Mein Doktorvater an der Universität von Pennsylvanien, der renommierte germanische und baltischslawische Philologe Professor Alfred Senn, war Schweizer; und bei ihm habe ich Schwyzerdüütsch gelernt. Als ich Austauschlektor an der Universität Freiburg i. B. war, sollte ich für ihn eine Dissertation über lateinische Lehnwörter in den Dialekten des Berner Oberlandes schreiben; aber ich habe während der ersten zwei Wochen meines Aufenthalts festgestellt, daß jemand in Zürich mit diesem Thema schon beschäftigt war. Ein junger Student aus Vechta – heute Professor Dr. Berndt Ostendorf, Ordinarius für Amerikanistik in München, sagte mir: „Es hat noch niemand eine Doktorarbeit über das Vechtaer Platt geschrieben. Vielleicht wäre das was für dich.“ Nach meiner Promotion war ich postdoctoral fellow an der Universität Gent im belgischen Flandern; und in dieser Zeit haben die Saterfriesen mich angeschrieben und gefragt, ob ich ihnen helfen könnte, ihre Sprache zu retten. Ich hatte ihnen schon 1966 versprochen, daß, wenn ich eine Gastprofessur in Deutschland bekäme, ich ein Wörterbuch oder eine Grammatik des Saterfriesischen erstellen würde. Nach einer anderhalbjährigen   Tätigkeit an der Universität Salzburg kam ich 1982 als Fulbright-Professor nach Oldenburg zurück und wurde schließlich Akademischer Oberrat und Bibliothekar und leitete die Forschungsstelle Niederdeutsch und Saterfriesisch im Bibliotheks- und Informationsystem der Universität bis zu meiner Pensionierung Ende Oktober 2003. Wie geht es nach Ihrer Pensionierung mit dem Saterfriesischen weiter? Stirbt diese Sprache aus? Ich glaube nicht. Es gibt immer noch ca. 2 500 Sprecher. Zwar macht sich vor allem bei der jüngeren Generation der Einfl uß des Niederdeutschen bemerkbar, und der alte Wortschatz geht langsam verloren. Aber es gibt vier Kindergärten im Saterland, wo man die Sprache an über 200 Kinder weitergibt. Welche Rolle sehen Sie ganz allgemein für Dialekte in der heutigen Zeit? In Süddeutschland werden sich die Mundarten halten, und im Norden erlebt vor allem Nordfriesisch eine Blütezeit; aber aus Angst vor Schulproblemen bringen die plattdeutschen Eltern und Großeltern ihren Kindern und Enkelkindern kein Platt mehr bei. Ostfriesland ist glücklicherweise eine Ausnahme. Hier sprechen viele Kinder und Jugendliche noch Platt, das ist Wie sehen Sie als gebürtiger Amerikaner die Amerikanisierung der deutschen Sprache und Kultur? Die Deutschen werden langsam sprachlos. Sie können Wörter und Orts- und Personennamen wie penalty, Chicago, Mobile, Arkansas, Charlotte, Cheryl, Charlene nicht richtig aussprechen, spicken ihre Sätze aber trotzdem mit englischen Brocken und verwenden selbst dann englische Redewendungen, wenn es eine Entsprechung im Deutschen gibt. Warum ist diese Amerikanisierung gerade in Deutschland so weit fortgeschritten? Die Deutschen leiden so sehr unter ihrer Vergangenheit, daß sie auf der Flucht vor sich selbst sind. Durch ihre Denglisch Wörter, das ich lieber Anglo-Teutonisch nenne, versuchen sie sich möglichst international und un-deutsch zu geben. Jede Form von gesundem Patriotismus ist verpönt. Was gefällt Ihnen und was stört Sie am Verein Deutsche Sprache? Die Ziele des Vereins sind gut, ja für die deutsche Kultur lebensnotwendig, aber wir müssen ins Fernsehen! Wir brauchen eine Sendung über guten Sprachgebrauch! Unser Vorbild – die niederländische Sendung Tien voor Taal, wo fünf Flamen und fünf Niederländer Probleme des guten Sprachgebrauchs erörtern. Mehr Medienpräsenz überhaupt!

 

Letztes Update: 10. Dezember 2016