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Rhetorik: Den Mund voller Kiesel (Thomas Lackmann)

 

Lange hatten Worte gegen die Macht der Bilder keine Chance.
 

Sie wird nie in einem Atemzug mit dem Kreuzzug-Aufruf Papst Urbans II., dem Manifest Kaiser Friedrich II. gegen die Mongolen oder Luthers Apologie vor dem Wormser Reichstag genannt werden. Oskar Lafontaines als sensationell empfundene rhetorische Machtergreifung auf dem Mannheimer SPD-Parteitag klingt so ganz anders als der Ukas des Zaren Alexander II. über die Aufhebung der Leibeigenschaft, auch harmloser als Hitlers Ansprache an die deutsche Presse, weniger ehrenwert als Thomas Manns Nachkriegs-Botschaft an "Deutschland und die Deutschen", spröder als Kennedys Freiheits-Hymne an die Berliner Seele. Selbst wenn die Zeitgeschichtler eines Tages feststellen sollten, daß mit ihr das Desaster der größten Volkspartei abgewendet, der Kanzler- und Kurswechsel zur Jahrtausendwende eingeleitet wurde: Unter die "Reden, die die Welt bewegten "wird man sie nur im Saarland zählen. Auch an der Trauerrede Hua Kuo-Fengs für Mao Tse-tung wird man die Brautwerbung des Vorsitzenden in spe nicht messen - obwohl der Genosse Hua seinerzeit ebenfalls eine enthusiastische Fanfare zum Finale losließ: "Es lebe die großer ruhmreiche und korrekte Kommunistische Partei Chinas! Ewiger Ruhm dem Vorsitzenden Mao Tse-tung, dem großen Führer und Lehrer!" Die begeisternde Mannheimer Schlußfanfare des Genossen Oskar - dem es wie Hua um die Macht und um die Entsorgung eines großen Vorgängers ging - kam zwar noch flotter daher (ohne daß damit die Welt geändert wurde). Jedoch unfaßbar bleibt vor allem, daß Lafontaines Worte überhaupt etwas bewegten.

 

Besser ein alter Witz als gar keine Ansprache - wer lacht, bewegt wenigstens das Gesicht

Sag mir, wo die Reden sind. Welche bewegt noch was, welche war zuletzt der Rede wert? Das Interesse des Publikums an Worten und richtigen Rednern erlahmt durchaus nicht nur aus Mangel an Speicherkapazität. Wo die Rede keine öffentliche Bedeutung hat, zählt im besten Fall ihr Unterhaltungswert. In den antiken Demokratien hatten die Wortführer unmittelbaren Einfluß auf die Entscheidung der manipulierbaren Volksmenge.

 

Demagogie lohnte sich, Rhetorik stand hoch im Kurs; ein Demosthenes förderte seine politische Karriere, indem er - mit Kieselsteinen im Mund die Meeresbrandung übertönend - den Sprachfehler wegtrainierte. Bei den deutschen Politikern der Gegenwart ist es mit einem kleinen Mundvoll Kiesel nicht getan. Ihre Parlamentsauftritte gehören ins Genre des Rituals, des Vortrags, der Fußnote. Nicht das Auditorium ist ihre Öffentlichkeit, sondern - "Ich würde sagen, dies ist ein Schritt in die richtige Richtung" - das elektronische Forum der Statements. "Die Rede diente einst dazu, den Zuhörer in seiner Meinung zu beeinflussen, ihn zu einer Gesinnungsänderung, zu einer Tat zu veranlassen" behauptet der Herausgeber einer Anthologie weltbewegender Reden aus dem Mundus-Verlag. "Heute ist die politische Entscheidung zum Zeitpunkt der Rede kaum noch zu beeinflussen. Nur selten bringt eine Rede noch wirklich Neues."

Zu den beiden deutschen Politikerreden der letzten Jahre, die, gerade weil sie auf einmal nicht folgenlos blieben, aufgeregte Analysen auslösten, gehört die Ansprache Philipp Jenningers am 50. Jahrestag der Reichspogromnacht. Jüngst kam dieser harmlos-gespenstische Skandaltext, der eher als unfreiwilliges Dokument mißglückter Bewältigung denn durch den Rücktritt seines Verfassers Bedeutung gewinnt, noch einmal durch Ignatz Bubis ins Gerede: dieser hatte - unbeanstandet - Auszüge bei Versammlungen jüdischer Bundesbürger vorgetragen. Denn in erster Linie entfaltete ja die Rede des damaligen Parlamentspräsidenten ihre Brisanz nicht auf Grund der Formulierungen, sondern durch das "Wie" des Vortrags, in Korrespondenz mit Zeitpunkt und Publikum. Hierin zeigt sie seltsame Ähnlichkeiten mit der zweiten Überraschungsrede dieser Jahre: der ganz anderen des Oskar Lafontaine.

 

Nach dem Showdown von Mannheim wurde dem Königsmörder nachgewiesen, wie fade sein Text gewesen sei: also, folgerten Kritiker, war das Parteitagswunder einzig der mimischen Trickkiste entsprungen. Dann meldete sich mit einem Verriß Theaterrezensent Benjamin Henrichs zu Wort. Ihm war bei der Betrachtung des Oskar-Videos jeder Grund für den Rausch der Delegierten entgangen: "Die Dynamik monoton: forte bis fortissimo. Die Gestikulation simpel: rechtshändiges Sägen, linkshändiges Sägen, beidhändiges Hacken. Eine nahezu vollständige Abwesenheit von Witz, Ironie, rhetorischem Raffinement." Die Replik hierauf wiederum gab, als vorläufig letzter Spezialist für Lafontaine-Rezeption, der Linguistikwissenschaftler Walter Kindt. Externen Beobachtern à la Henrichs, so stellte er fest, sei der Zugang zu der alles entscheidenden Interaktion zwischen den Delegierten und dem Redner - wie sie durch Problemdiskussionen während des Parteitages vorbereitet worden sei - verschlossen. ln diesem Rahmen erst habe Lafontaines rhetorisches Handwerk, von der captatio benevolentiae über die emotionale Belohnung der Zuhörer bis zur Abwertung des Gegners, funktioniert. Die Rede also kein Klassiker fürs Lesebuch, eher ein Stimmungsprogramm für den Freundeskreis.
 

Zum Designstil paßt ein Redestil, der die Botschaft dem Showeffekt opfert

 

Form oder Inhalt? Zum Designkult der Postmoderne paßt gewiß ein Redestil, der dem Showeffekt auf Kosten der Botschaft den Vorzug gibt. Der alte Cato, ein großer Redner Roms, wollte das noch andersrum: "Halte dich an die Sache, die Worte werden dir dann folgen!" Cato zum Trotz freilich gab es immer schon irritierende Reden, für die der zugrundeliegende Konflikt so wenig wie der Inhalt eine Rolle spielen: ihr Situationspathos entsprang nur dem Kontext. Daß Kaiser Hirohitos Stimme nach dem Atombombenabwurf erstmals im Radio zu hören war bedeutete eine Botschaft für sich; daß nach Honeckers Rücktritt Nachfolger Krenz den Schritt zur Live-Rede im Fernsehen wagte, war neu; daß im Jahr der Wojtila-Wahl Papst Paul VI., kurz vor seinem Tod, vom traditionellen Pluralis majestatis in den Singular verfiel, war mehr als ein persönliches Signal. Im scharfen Gegensatz zu solcher historischen Einmaligkeit stehen dagegen die "Dinner for one"-Termine: "Same procedure as every year." Auf beachtenswerte Weise hat sich dieser Tage Präsident Herzog bei seiner Weihnachts-Pflicht dieser Herausforderung gestellt.

Das rhetorische Talent des Staatsoberhaupts wird an dem glänzenden Vorgänger gemessen; die Meßlatte bildet - wie unfair! - dessen berühmter Wurf zum 8. Mai. Mit der kunstvollen Balance jener wichtigen Rede kann keine "Every year"-Botschaft mithalten; die Mitmenschlichkeits-Floskeln aus dem Wohnzimmer von Bellevue geraten im Einerlei der ewigen guten Absichten zum déjà vu. Und dann wird Herzog, der mit seiner gepreßten bayerischen Mundart herzhafter den Kontakt zum Zuhörer schafft als von Weizsäckers hochdeutsche Eleganz, plötzlich persönlich. Er sagt "ich". Daß er künftig streiken werde, wenn man ihm platte Überflieger-Reden abverlange. Daß auch die Bürger sich so verhalten sollten: erst hören, dann urteilen. Es gab an diesem Abend Zuschauer, die bis zu diesem Moment weggehört hatten und nun instinktiv die Ohren spitzten.

Die ideale Rede wäre gespickt mit solch ehrlicher Selbstmitteilung; dramatisch aufgebaut, blutvoll formuliert, engagiert vorgetragen, müßte sie eine irgendwie neu anmutende, knackige Botschaft enthalten. Vor allem dürfte sie nicht völlig entbehren, was Herr Henrichs bei dem Saarbrücker Napoleon vergeblich suchte: den Witz. (...)

 

So platt uns in diesem Zusammenhang der billige Kohl-Witz erscheinen mag, so überzeugend ist in den 80er Jahren gerade durch Kanzler K. demonstriert worden, daß ohne eine Interaktion zwischen Sender und Empfänger die wahre Publikums-Erbauung mißlingt. Die Rede zündet wie ein Witz erst im Kopf des Zuschauers - falls der die Pointe versteht. Was wäre denn aus K.'s Ansprache zum Jahreswechsel 1986/87 geworden, hätten nicht Millionen von wachen Fans an Kanzlers Vorjahr-Jackett die gebrauchte Rede erkannt und beim WDR telefonisch Alarm geschlagen ("Ihr Roten! Ihr Kommunisten!")? Was hätte es im Jahr danach genutzt, daß der Bayerische Rundfunk K's Silvestertext als Weihnachtsansprache ankündigte und anschließend den Titel "Dinner for one" einblendete - wäre da nicht ein Publikum gewesen, das mit solch subtilen Pointen etwas anzufangen weiß? Inzwischen hat K. übrigens an Pointiertheit gewonnen, "Nachdenklich schauen wir zurück, doch die Zukunft gewinnen wir nur mit Zuversicht", hat er diesmal zum Jahreswechsel gesagt. "Am Umdenken führt kein Weg vorbei! ... Wir gewinnen die Zukunft nur, wenn wir gemeinsame Antworten auf die uns bedrängenden Fragen finden ... Wenn wir uns als Volk im alltäglichen Miteinander bewähren dienen wir dem Frieden und der Gerechtigkeit in der Welt ... Viele unserer Nachbarn in Europa, viele Länder in anderen Teilen der Welt blicken mit Achtung auf Deutschland..." - Achtung!! Admiral Snyder! Skól! - Also besser ein alter Witz als gar keine Ansprache. Lachen muß jeder allein, aber so bewegt sich wenigstens schon mal das Gesicht.

 

Thomas Lackmann (Der Tagesspiegel)

 


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Letztes Update: 2. November 2018