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Manager ranken Redefähigkeit von Politikern

200 Topmanager haben die besten Redner der deutscher Politik gewählt

Ein Manager zeichnet sich dadurch aus, daß er zu allem etwas zu sagen weiß. Im gierigen Rennen um die hochdotierten Planstellen obsiegen gelegentlich die besonders Qualifizierten, oft aber jene mit der größten Klappe. Dies bedeutet nun nicht, daß Abteilungsleiter und Direktoren etwas vom Reden verstehen. Viele jener Menschen, die Verträge mit Jahresgehältern haben, sind eher Stammler mit einem elaborierten Wortschatz, was sich täglich auf Konferenzen und Betriebsfesten zeigt. Sie stehen damit in der Tradition derer, denen sie ihre Positionen zu verdanken haben. Manager werden von Spitzenmanagern eingestellt, und wenn der Einstellende ein eher distanziertes Verhältnis zur Sprache hat, wird er nicht bemerken, daß auch der Kandidat ein Quatschkopf ist. Im Gegenteil, der Chef wird über einen Bewerber, der mit den gleichen Phrasen um sich wirft wie er selbst ("...Flexibilität ist ein unverzichtbares Essential, um die Performance zu toppen...") denken: Der Mann ist gut, der redet ja wie ich. Es gibt nichts gutes außer man tut es

Dazu paßt, daß jetzt 200 Manager aus Nordrhein-Westfalen bei einer Umfrage Gerhard Schröder, Wolfgang Schäuble und Edmund Stoiber auf die Plätze eins, zwei und drei der besten Redner im politischen Getriebe gesetzt haben. Die Leute sind gut, so wohl die Logik der Befragten, die reden wie wir. Nun ist auch den wirklichen Freunden der parlamentarischen Debatte bekannt, daß der Bundeskanzler viele Stärken hat: Er zieht sich geschmackvoll an, ist ein großer Moderator und bringt sogar den schrecklichen Lafontaine zum Schnurren. Seine gewagteste rhetorische Figur aber lautet: "... und, meine Damen und Herren, lassen Sie mich das deutlich sagen ..." Er ist ein Meister der sonderbaren Betonung; in seinem Blut liegt es, gute Passagen eines Manuskriptes so vorzutragen, daß man das Gefühl hat, sie seien eher unbedeutend.

Der Zweitplazierte Schäuble wiederum ist ein anregender Gesprächspartner, aber ein eher anstrengender Redner. Seine Episteln sind gedankenschwer, und er verfährt bei ihrem Vortrag oft nach dem Motto: Entweder ihr hört mir zu oder nicht. Auf dem Rostrum des Parlaments erlebt man auch den schnappenden, bellenden Offensivrhetoriker Schäuble, was sogar unterhaltsam sein kann. Allerdings ist dies nur ein kleiner Ausschnitt aus der hohen Rede-Kunst, zu der Schäuble insgesamt ein Verhältnis hat wie ein Komet zur Erde: Er nähert sich ihr manchmal an, aber die meiste Zeit verbringt er weit weg im kalten, stillen Weltraum. Bleibt Bayerns bleicher Ede, von dem ein Experte sagt, außerhalb des Bierzeltes rede er wie der berühmte Franz Beckenbauer. Dieser ist sehr erfolgreich, wenn auch nicht direkt wegen seiner rhetorischen Fähigkeiten. So ist das, liebe Manager in Nordrhein-Westfalen, auch bei Schröder, Schäuble und Stoiber.

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Letztes Update: 20. Mai 2017


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