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Wissenszusammenhang

 

 

 


Zwischen sowohl klassischer wie moderner Rhetorik einerseits und rhetorischen Mitteln des Kabaretts andrerseits bestehen nicht nur dadurch enge Zusammenhänge, daß wirkungsvolle Rede öfter mal in das Nähkästchen der Satire greifen kann, sondern auch dadurch, daß ganz direkt Mittel der Sprache, Mittel der Rede, Wege zur Bewußtseinsbeeinflussung des Publikums Methoden und Mittel des Kabaretts sind.

Für die Rhetorik lohnt sich somit ein tiefer Blick in die makrostrukturellen Mittel des Kabaretts, alsda sind: Irreführung, Travestie, Parodie, Karikatur und Entlarvung, ebenso in die mikrostrukturellen Mittel des Kabaretts, alsda sind: die Auslassung, der Reimzwang, die Stilisierung, die Abstraktion, die Verfremdung, die Analogisierung, die Anspielung, der Wortwitz etc. etc. Die analytischen Erkenntnisse der typischen Mittel des Kabaretts werden von Jürgen Henningsen in seinem Buch "Theorie des Kabaretts" beschrieben, die vice versa für die Rhetorik größte Beachtung verdienen. Ein längeres Zitat daraus folgt noch im weiteren Verlauf der Ausführungen.

Exemplarische Beispiele solcher Mittel des Kabaretts in der Realpolitik servierten uns mit größter Publikumswirkung bislang auch Redner wie Franz-Josef Strauß - der laut Erich Kästner 1949 behauptet haben soll, daß ?seine Hand verdorren möge, wenn er je wieder ein Gewehr ergreife? - folgerichtig wurde er über sein Jagdgewehr zum ersten Verteidigungsminister, da kabarettistisch verpackte und vorgetragene Versprechen beileibe nicht so streng und seriös einzuhalten sind. Die »normative Kraft des Faktischen« (eine Formulierung von Gerhard Polt, Münchner Kabarettist) ist allemal zwingender. Kabarettisten nennen derlei gerne "Realsatire", da mit solchen teils satirischen Mitteln (angesichts der Machtpositionen, die Politiker mit ihrer Rede zu verteidigen oder zu erringen beabsichtigen) reale Politik gemacht werden soll.

Oder wenn Graf Lambsdorff (in einer negierenden Analogisierung) z. B. davon sprach, daß er "nicht zu jenen Leuten gehört," (gemeint sind natürlich konkurrierende Politiker) "die nachts das Fenster offen lassen, um keinen Ruf der Öffentlichkeit zu überhören", so wollte er sich in der damaligen Situation (vorbestraft) vermutlich damit erstmal selbst wieder als Kandidat salonfähig machen und ins Gespräch bringen, d.h. auch gleichzeitig: nachts das Fenster öffnen, um nur ja keinen Ruf der Öffentlichkeit zu überhören. Erinnern wir uns: die Situation, in der er dieses ?Dementi? - denn um ein solches handelt es sich doch - unaufgefordert in die Welt setzte, war so, daß er gerade rechtskräftig wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden war, somit vor der Schwierigkeit stand, obwohl vorbestraft wieder als wählbar zu gelten und zudem wieder in die vorderste Reihe zu gelangen. Bereits im Vorfeld hatte er herausgestellt, daß er in Sachen Bestechung nicht schuldig gesprochen worden war, und er hatte versucht, die Steuerhinterziehung als minder bedeutend, fast schon als "zwangsläufig" entstanden ("Kavaliersdelikt") hinzustellen (die Parteienfinanzierung war ungeklärt), wobei er sich qualifiziert hütete, das Wort 'Kavaliersdelikt' zu benutzen.

Er sprach überhaupt von keinerlei Delikt. Mit dem zitierten Bild griff er zum Mittel des Dementis, mit welchem sich bekanntlicherweise am leichtesten Gerüchte in die Welt setzen lassen. Er verpackte nun gekonnt das Ganze in eine kabarettistische Form, eben jenem wirkungsvoll vereinfachenden Bild der nachts offen stehenden Fenster. Gleichzeitig griff er mit diesem Bild seine Mitbewerber als leicht durchschaubar an und hatte damit die Chance, diese dem zu erwartendenden Gelächter preiszugeben, hatte dadurch also zudem die vorteilhafte Position, sich selbst als ?professionell? darzustellen, professionell in seiner Gelassenheit, professionell auch insofern, daß ihn eine rechtmäßige Verurteilung als Steuerhinterzieher eben nicht aus der Bahn werfen könne, er vielmehr an seiner gut verpackten positiven Selbstdarstellung festhält. Es wäre in der Tat unprofessionell gewesen, sich selbst einfach positiv zu beschreiben und anzupreisen. Nein nein, er griff wie gesagt zum Mittel der Negation, dem Dementi (er gehöre nicht zu jenen ...) und brachte die Lacher auf seine Seite. Stillschweigend setzte er offensichtlich Lacher mit Meinungsträgern gleich, da sie ja mit ihm gleicher Meinung seiend auch gelacht hatten, der Meinung nämlich, daß er nicht nur wieder (oder immer noch) wählbar, sondern daß er eben auch unverzichtbar sei für die Öffentlichkeit. Quasi putschartig machte er sich damit zugleich zum Sprecher seiner Lacher: dieses ist eindeutig kabarettistisches Handwerk und eindeutig Lambsdorffs bekannteste Trickkiste, in die er häufig greift. Seine Bewunderer als auch manche Gegner wissen seine großen und beispielhaften rhetorischen Qualitäten trotz inhaltlicher Gegnerschaft zu schätzen.

Ein anderes Beispiel ist Oskar Lafontaine?s Äußerung (eine kabarettistische Irreführung mit rhetorischer Stringenz):

"... die Unternehmer sind nicht für die 35-Stunden-Woche, sie sind für die 20-Stunden-Woche ... (kleine Wirkungspause)

... sie nennen das Kurzarbeit!"

Lafontaine spielt hier mit den von Jürgen Henningsen herausgestellten Wissenszusammenhängen des Publikums, die Thema dieses Abschnitts sind. Obwohl diese Mittel aus einer Analyse des Kabaretts stammen, sind sie im Prinzip a priori keine spezifischen Mittel des Kabaretts, sondern vielmehr können sie bei jeder sprachlichen Formung eines Inhalts eine Rolle spielen.

(Jürgen Henningsen):

 

  • »... es sind technische Mittel des Witzes wie der Literatur, des Theaters wie der Konversation, der Rede wie des Unterrichts. Die klassische Rhetorik enthielt, unter nur geringfügig anderen Vorzeichen, einen umfassenden Katalog derartiger Mittel: (hier) erwähnt seien von diesem Inventar nur die auch für das Kabarett wichtigen Mittel der Darstellung durch einen Einzelzug (pars pro toto) oder der Darstellung eines Einzelzugs durch das Ganze (totum pro parte) - überhaupt sind gerade die Verschiebungstropen der klassischen Rhetorik auch kabarettistisch interessant.«

     

Zu seinen Thesen und deren Entfaltung führt Jürgen Henningsen in seinem oben genannten Buch weiter aus:

 

  • »Der erworbene Wissenszusammenhang ist die sprachlich erschlossene Erfahrung. In ihm steckt das Wissen darum, daß Wasser überall naß ist, ebenso wie das Wissen, daß "rot-gelb-grün" Farben der Verkehrsampel, "schwarz-rot-gold" Farben der Bundesrepublik sind, steckt das Wissen, um die geschichtlich-gesellschaftliche Realität ebenso wie das um die tatsächlichen oder vorgeblichen Eigenheiten von Schwiegermüttern, Professoren, Politikern.

    Uwe Seeler ist ebenso ein Bestandteil dieses Zusammenhangs wie Catarina Valente, Adolf Hitler ebenso wie die Freiheitsstatue oder die Jahreszahl 1945. Der erworbene Wissenszusammenhang ist die riesige Summe des noch nicht vergessenen einmal Gelernten, wobei als "gelernt" das gelten soll, was "irgendwie" ins Bewußtsein gelangte und dort mit anderen Informationen verknüpft worden ist.

    Wenn es eben hieß, dies sei eine "Summe", ist das nicht ganz korrekt. Es handelt sich um ein Insgesamt, ein Gefüge, dessen verschiedene Bereiche in verschiedener Weise miteinander integriert sind, sei es durch Verknüpfung von Vorstellungen miteinander, sei es durch hierarchische Gliederungen, sei es durch simple Addition oder durch Superzeichenbildung. Für die hier vorzutragenden Überlegungen [...] sind zwei Charakteristika dieses erworbenen Wissenszusammenhangs wichtig:

     

  1. Der erworbene Zusammenhang des Wissens ist historisch. Was wir wissen, unterscheidet sich wesentlich von dem, was unsere Großeltern wußten; was ein Berliner weiß, unterscheidet sich von dem, was ein Londoner weiß; was ein Angestellter weiß, unterscheidet sich von dem, was ein Student weiß. Jede neue Information kann den Zusammenhang affizieren: Hinzulernen ist Umstrukturierung, nicht bloß Addition.

     

  2. Der erworbene Zusammenhang des Wissens ist in ganz entscheidender Weise an Sprache gebunden. Sprache ist Medium und Vehikel der Information und des Lernens. Auch Gesten und Zeichen werden "verstanden", indem sie vom Adressaten auf Sprache bezogen, "übersetzt" werden. Was einem Individuum "zustößt", es überfällt, kann nur dann in den erworbenen Zusammenhang des Wissens integriert werden, wenn es sprachlich vermittelt, reflektiert werden kann - andernfalls prallt es am Subjekt ab wie Regentropfen von einer Karosserielackierung.

 

Aus dem Gesagten ergeben sich im Blick auf das Kabarett einige leicht zu ziehende Folgerungen.

Der Kabarettist muß wissen, was das Publikum weiß. Eine Anspielung geht ins Leere, wenn das, worauf angespielt wird, nicht schon da ist. Eine Chiffre, ein Zeichen, wird nicht verstanden, wenn es nicht im Bewußtsein des Publikums schon irgendwie "definiert" ist. [...] Auch die immer wieder auffallende Tatsache, daß "primitive" Effekte fast regelmäßig gelingen, differenzierte dagegen ihre Schwierigkeiten haben, ist von hier aus leicht erklärlich: jeder weiß etwas von Schwiegermüttern und Bettproblemen, nicht jeder ist literarisch oder politisch auf dem laufenden; die BILD-Zeitung hat mehr Leser als die SÜDDEUTSCHE oder die FAZ. Doch auch beim esoterisch Informierten sind die "primitiven" Schichten und Bereiche des erworbenen Wissenszusammenhangs für die Erzielung von Effekten in der Regel ergiebiger, da sie intensiver sprachlich erschlossen und ergo leichter ansprechbar sind als die oberen Stockwerke des Wissens - daß sie auch besser integriert seien, soll keineswegs behauptet werden.

 

Die These macht weiter verständlich, weshalb eine gewisse Homogenität des Publikums erforderlich ist, wenn ein Kabarett "ankommen" will. Im Zeitalter der Massenmedien ist eine solche Homogenität des kollektiven mitgebrachten Wissenszusammenhangs besser gewährleistet als zu der Zeit, da Wolzogen mit seinem Ensemble durch die Kleinstädte Deutschlands zog. Indem die arrivierten Kabaretts der Gegenwart, durch die Fernsehöffentlichkeit mit ihren gern zitierten "Millionen" gezwungen, sich auf dieses "kleinste gemeinsame Vielfache" einstellen, haben lokale und gruppengebundene Amateurkabaretts die Chance, Effekte zu erzielen durch Kenntnis und Auswertung des jeweiligen Lokals - nicht der Gegebenheiten selbst, sondern ihrer Spiegelung im erworbenen Wissenszusammenhang des Publikums.

 

Ein nicht ausschließlich am Kabarett interessierter Leser könnte jetzt fragen, ob, was hier über den erworbenen Zusammenhang des Wissens gesagt wurde, überhaupt typisch für das Phänomen "Kabarett" sei und nicht vielmehr überall gelte, wo es um Informationsübermittlung gehe: ein Lehrer stelle doch dieselben Überlegungen an, wenn er seine Stunde vorbereite, ein Redner, wenn er seinen Vortrag präpariere; stets komme es darauf an, zu wissen, was die Adressaten schon wissen, komme es darauf an, die ergiebigen Anknüpfungspunkte zu erkennen, mit deren Hilfe Information in den erworbenen Wissenszusammenhang eingefädelt werden könne, komme es darauf an, die Information im Hinblick auf das "Publikum" zu dosieren und zuzubereiten. Das ist richtig.

 

Der Unterschied kommt erst in den Blick, wenn wir die ganze These ins Auge fassen: Kabarett ist Spiel mit dem erworbenen Zusammenhang des Wissens.

 

Der Lehrer bedient sich des erworbenen Wissenszusammenhangs, um zu lehren: er ordnet das Mitgebrachte, legt es zurecht, bearbeitet es, um Lernen, Hinzulernen zu ermöglichen. Der Kabarettist bedient sich des erworbenen Wissenszusammenhangs, um damit zu spielen: er bringt (scheinbar) Geordnetes in Unordnung, zwingt Disparates zusammen; er erzielt Effekte, indem er Sprünge und Divergenzen im Gefüge aufdeckt, Schwächestellen markiert, das labile Gleichgewicht umstößt. Der Kabarettist lebt vom Witz, von der Pointe, von der Überraschung; er profitiert von der Tatsache, daß der erworbene Wissenszusammenhang nicht vollkommen integriert ist. [...]« (aus: Jürgen Henningsen: »Theorie des Kabaretts« (A. Henn Verlag Ratingen 1967)

Daß ich bei meinen Überlegungen zur Rhetorik die "Theorie des Kabaretts" so ausführlich habe zu Wort kommen lassen, ist vermutlich durch den Text selbst verständlich geworden. Erstens kann, wie ich schon ausgeführt habe, der Redner öfter in die Trickkiste des Kabaretts greifen, insofern kann er durchaus auch spielen mit dem Wissenszusammenhang des Publikums. Er kann persönliche Schwachstellen seines Gegners oder aber Schwachstellen im Gefüge der Thesen seiner Gegner, der von ihm angegriffenen Gegenmeinung geißeln und tut dies am besten mit den oben beschriebenen kabarettistischen Mitteln, d.h. er spricht nicht alles aus und verläßt sich auf das "vom Adressaten" mitgebrachte Wissen. Zum Anderen will er aber auch Wissen und Informationen vermitteln; im Unterschied zum Lehrer sollte der Redner aber ein wichtiges Bühnengesetz befolgen: niemals mit erhobenem Zeigefinger belehren wollen! Die beste Art zu lehren ist immer, nur Anstöße zu geben und das Auditorium selbständig auf die Lösungen kommen zu lassen.

Eines der frappantesten Beispiele für das Spielen mit den "Wissenzusammenhängen im Publikum" gab uns Werner Finck, bekannt für seine angefangenen Sätze, die das Publikum stillschweigend vervollständigte. Manchmal stellte er dabei die Frage: "Kommen Sie mit...?" - (und dabei auf die meist anwesenden und mitschreibenden Beamten des Geheimdienstes schauend:) "...oder soll ich mitkommen...?"

 

Im "Dritten Reich" war es verboten, Politiker zu karikieren. Werner Finck hatte einen befreundeten Karikaturisten mitgebracht, Walter Trautschold (Bruder der Schauspielerin Ilse Trautschold) (nebenbei: er wohnte in demselben Haus in der Künstlerkolonie, in welchem dieser Text geschrieben wurde und wo das Kultur-Netz residiert ), sein Spitzname unter Kollegen war "Autsch". Finck sagte: "Mein Freund 'Autsch' wird jetzt einen Politiker karikieren... - sein Name beginnt mit 'Goe...'"

 

- Dabei bestand im Publikum das erste Teilwissen, daß das Karikieren von Politikern mit Gefängnis bestraft wurde, zweites Teilwissen: vermutlich sollte Goebbels oder Göring karikiert werden, wessen Name sonst fing mit "Gö..." an?

- 'Autsch' zeichnete nun drauf los. Es entstand eine Karikatur von Goethe. Nun trat das dritte Teilwissen des Publikums in Kraft: Goethe war Minister gewesen, also Politiker. Es war aber nicht strafbar, Goethe zu karikieren. Aus der Zusammenführung dieser drei Teilwissen im Publikum enstand also die Folgerung: es ist nicht strafbar, Politiker zu karikieren, es war nur strafbar, Politiker dieses Regimes zu karikieren. Daraus folgerte die einfache Frage: warum wohl...? als Konklusion.

Eine weitere wichtige Beobachtung in diesem Beispiel: das Publikum hat diese Erkenntnisstufen selbständig erklommen...

 


Rhetorik 
Letztes Update: 17. Mai 2017