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Rhetorik: Von Lautsprechern und Lautrednern (von K.-H. Götterts)

Das historische Buch
von K.-H. Götterts (Geschichte der Stimme)

Als der deutsche Sozialdemokrat Kurt Schumacher 1946 vor englischen Studenten eine Rede hielt, löste er bei seinem Publikum völlig ungewollte Assoziationen aus. Seine Gestik und Mimik, vor allem aber der übermäßige Einsatz der Stimme erinnerte die versammelte Menge an die demagogische Intensität eines Joseph Goebbels. Schumacher verband bekanntlich wenig mit den nationalsozialistischen Führern. Aber wie diese hatte auch er zu einer Zeit öffentlich reden gelernt, als es noch keine Lautsprecher gab. Während in Ländern ohne totalitäre oder diktatorische Regime die technische Stimmverstärkung seit den späten zwanziger Jahren zu einer neuen (nicht mehr so lauten) Art der Rede geführt hatte, dienten die Geräte von Siemens bis I 945 dazu, den alten Redestil zu verstärken.

Das Mißverständnis der Rhetorik Kurt Schumachers verdeutlicht, daß es eine Technikgeschichte des öffentlichen Sprechens gibt. August Bebel, Robespierre und Bernhard von Clairvaux müssen anders gesprochen haben, als es heute üblich ist, um ihre mehrtausendköpfige Zuhörerschaft ohne elektrische Hilfsmittel zu erreichen. Grammophon, Mikrophon, Rundfunk und Lautsprecher haben eine akustische Welt zum Verschwinden gebracht, deren Rekonstruktion sich der Rhetorikspezialist Karl-Heinz Göttert in seiner «Geschichte der Stimme» vornimmt. Dazu holt er weit aus. Von der griechischen Polis bis zur Naziveranstaltung im Berliner Eispalast spannt er einen zeitlichen Rahmen auf, in welchem sich unzählige Themen überlagern. Sein Buch behandelt die Geschichte der Erklärung des Sprechvorgangs, beschreibt mittelalterliche Trompeten und erklärt Athanasius Kirchers Hörrohr aus dem 17. Jahrhundert. Wir erfahren, warum sich Demosthenes Steine in den Mund legte und was es mit der Geschichte des Theaters, des Singens und der Predigt auf sich hat.

Göttert untersucht die architektonische Sprech-Inszenierung in der Antike, im Mittelalter und in der Neuzeit, und er läßt auch die vorelektrischen Versuche im technischen Fernmeldewesen nicht aus.

Daß er neben der Bedeutung des Glockenläutens und der militärischen Rede auch die rhetorischen Hilfsmittel bespricht, versteht sich beinahe von selbst.

Die Suche nach den Techniken des lauten Sprechens, welche vor der Erfindung des Lautsprechers entwickelt worden sind, fördert viel Material zutage. Spätestens bei der Beschreibung der literarischen Soirée beschleicht den Leser der Verdacht, hier sei zu viel Material gefunden worden, das nicht mehr unter einen Hut passen will. Götterts Argumentation zerfällt in siebzehn Einzeluntersuchungen, die recht interessant sind, aber für sich genommen wenig Neues erzählen. Eine universale Geschichte der Stimme, wie sie der Titel verspricht, legt er nicht vor. Ein solches Unternehmen müßte die zwangsläufig sich ergebenden Unvollständigkeiten theoretisch besser begründen können.

Als Materialsammlung zur Geschichte des öffentlichen Sprechens in Europa ist Götterts Buch aber durchaus lesenswert. Gerade dessen Heterogenität macht deutlich, daß es nie eine homogene akustische Welt gegeben hat, die mit der Erfindung des Lautsprechers verschwunden wäre. Wohl aber scheinen seit Tausenden von Jahren die verschiedensten Lösungen für das Problem entwickelt worden zu sein, wie großen Menschenmengen eine Botschaft vermittelt werden kann. Spuren dieser Bemühungen finden sich in unserer heutigen Kultur zuhauf - in der Architektur etwa oder in der Oper. Göttert spricht viele von ihnen an und macht die wechselseitigen Verbindungen von Technik und Kultur offensichtlich.

Am Ende seines Buches steht schließlich die Erfindung des Lautsprechers. Ohne Zweifel ein wichtiges Ereignis, denn seither ist die Reichweite der menschlichen Stimme technisch fast ohne Beschränkung. Die Geschichte der Stimme - verstanden als Kampf gegen ihre Beschränktheit - muß hier ihre Vollendung finden. Aber als Technikgeschichte des öffentlichen Sprechens geht sie weiter, auch wenn der Körper der sprechenden Person heute eine andere Bedeutung hat.

Daniel Speich
Neue Zürcher Zeitung, 18. November 1998
Göttert, Karl-Heinz: Die Geschichte der Stimme.
Wilhelm-Fink-Verlag, München 1998. 581 S., 210 Abb.

 


 

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Letztes Update: 18. März 2017