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Rede: Die Angst vor dem Reden

"Die Angst vor dem Reden"

 

 

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Liebe Kommilitonen,

ich bitte um Eure Aufmerksamkeit und ein wenig Mitgefühl, denn ich möchte heute vor Euch über einen unangenehmen seelischen Zustand reden, der Euch, wahrscheinlich genauso wie mir, speziell in den Tagen unmittelbar vor unserer Rede, für schmerzvolle Magenkrämpfe und schlaflose Nächte gesorgt hat.

Ich möchte über die Angst vor dem Reden sprechen, meine Kommilitonen, und eine besondere Form der Angst, die für mich im Augenblick höchst aktuell ist, und zwar der Angst vor dem Reden.

Reden in der Öffentlichkeit: Eine Meinung äußern, die sofort mit lauten Pfeifen und Kritiken empfangen werden könnte, Gefühle offenbaren, die gleich von den Zuhörern aus den feindlichsten Zwecken ausgenutzt werden könnten. Aber noch schlimmer: die eigenen Artikulierungsmacken, die Phantasielosigkeit und die unreife Fertigkeit offensichtlich zeigen: ist das nicht schrecklich?

Kurz vor unserer Rede bei Herrn Münzer, oder vor einem Referat, fluchen wir über unsere ungenügende Vorbereitung und denken gar nicht mehr an die positiven Wirkungen von dem, was wir immerhin Besonderes gelernt haben. Wir freuen uns gar nicht auf die Gelegenheit, es gleich vermitteln zu können, sondern wir geraten in Panik und Unsicherheit. Unsere Pupillen vermeiden die Blicke - und so das Urteil der Kommilitonen. Die Augen suchen Schutz in dem Text, Zumindest solange uns diese schlimmen Gedanken nicht verlassen haben.

Wer von Euch kennt diese peinliche Situation nicht? Wer hat nicht diese Erfahrung durchgemacht?

Das Risiko, nicht verstanden oder mißverstanden zu werden, kommt hinzu. Während ich spreche sehe ich schon Eure perplexen Gesichtsausdrücke, liebe Zuhörer und Zuhörerinnen, die Ihr meine konfusen Denkstrukturen nicht nachvollziehen könnt.

Ja, das ist die Wahrheit, liebe Kommilitonen, ich habe Angst! Warum stehe ich hier vor Euch? Warum tue ich mir das an!

Warum wir uns das alles antun ist klar. Wir wollen trotzdem kommunizieren. Kommunizieren ist wichtiger als die Angst vor der Kommunikation... - Es lohnt sich, die Angst vor dem Reden zu überwinden. Die Notwendigkeit der Kommunikation als Grundlage der Gesellschaft soll sich durchsetzen. Wir wollen doch üben, uns artikuliert über alle Angelegenheiten, die uns betreffen, zu äußern, und nicht passiv und isoliert bleiben. Wir wollen am kollektiven Leben teilnehmen.

Lasst uns nur vorstellen, zu welchen unangenehmen physischen Zuständen es führen kann, wenn wir der Angst Platz machen: Beklemmung und Unruhe oder sogar Platzangst und Klaustrophobie, bis hin zur Stuhlverhaltung, Impotenz, Regelstörungen.

Wir müssen unbedingt diese Angst überwinden, bevor sie größer und unschlagbar wird.

Aber was ist eigentlich das, worüber wir siegen wollen? Was ist das, was wir Angst nennen?

Im Lexikon lässt sich aus dem allgemeinen Begriff "Angst" auch unsere spezifische "Angst vor dem Reden" in seinen wesentlichen Merkmalen ableiten. So lesen wir: "...im Gegensatz zur Furcht, die eine erkennbare äußere Ursache voraussetzt, liegt bei der A. der Schwerpunkt im Subjekt: Gefühl des Verlassenseins und der Hilflosigkeit, Ideen des Versagens.

Diese Definitionen suggerieren einen Hinblick auf 'Angst als ein Kernpunkt des Kommunikationssystems'. Angst als eine Funktion, die von uns selber erzeugt wird. Ein Teil von mir, ein Teil von uns. 

Warum erzeugen wir selber Angst? - Oder besser gesagt: Warum erzeugen wir Angst in unserer Interaktion mit unserem Kommunikationspartner? - Angst ist offensichtlich unser Schutzschirm: Ohne Angst wäre der durchschnittliche Lebenslauf des Menschen möglicherweise erheblich kürzer. Ich möchte nicht mal an die Katastrophen in der Unternehmenswirtschaft denken, ohne eine gesunde Angst vor dem Versagen...

Es ist eine ständige Schlacht gegen dieser Form von Angst, wie gegen alle anderen Ängste, die uns in unserem sozialen Leben begleiten. Manchmal sind diese Ängste so tief in unserem Alltag verborgen, daß wir nicht mehr bewußt sondern nur unbewußt unter ihrem Einfluß agieren. Manche meinen, daß das Entlarven und Herausfordern eigener Ängste gut für die Seele ist. Der Mensch wird dadurch mutiger und somit weitsichtiger, offener.

Übrigens, wenn ich mit dem Reden anfange, geht das furchtbare Gefühl meistens leicht weg: Die Konzentration auf das Thema verhilft dazu. Und noch erleichternder ist ein wenig Feedback, das langsam durch das junge und verständnisvolle Publikum zu spüren ist. Bald erscheint mir die Tribüne als kein 'Schlangennest' mehr, sondern als eine bunte Mischung von mehr und weniger interessierten Kommilitonen. Einige sind vielleicht eingeschlafen, aber das wären sie sowieso! Bestimmt auch bei Umberto Eco! Es setzt sich ein angenehmes Gefühl durch: wir fühlen uns sicherer und leichter.

Dabei mag Euch eine gewisse positive Rolle der Angst auffallen, in ihrer dynamischen, dialektiktischen Beziehung z.B. mit Neugier und Lust nach Wissen, nach Abenteuer, nach Freundschaft und Liebe, nach Kommunikation. In dieser Perspektive sieht die Angst anders aus, zumindest vertrauter.

Nun ist mit der Überwindung der Angst alles schon wieder klar? Wir wollen auch langsam zum Schluß kommen. 

Zusammenfassend ist es richtig, daß wir unsere Ängste erkennen und überwinden. Es geht aber offensichtlich nicht darum, jetzt keine Angst mehr zu haben, sondern sie zu integrieren. Wir wollen schließlich über diese Angst und andere Gefühle offen sprechen. Wir wollen mit der Angst als Bestandteil unseres Wesens und unseres Zusammenseins umgehen und leben können, um uns in der Gesellschaft aktiv und kommunikativ zu bewahren. Dafür ist, hoffe ich, meine Rede gerade ein Beweis.

Lasst uns unsere Angst vor dem Reden wahrnehmen im Sinne dieser Dialektik von Angstgefühlen und Selbstausdruck. Laßt uns dieses unangenehme Spiel, das gerade auf der Interaktion der vielen ähnlichen Ängste und Lüste von unseren bekannten und unbekannten Partnern basiert, transparenter machen.

Mit oder ohne Angst, meine lieben Kommilitonen: laßt uns nicht 'cool' bleiben, sondern offen und klar reden, reden, reden. 

Dankeschön.

 

 

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Letztes Update: 24. Juli 2019