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Rhetorik Redewettbwerb

Organisieren Sie doch mal als als Rhetorik Übung einen Redewettbewerb oder ein Debattier Wettbewerb. Verschiedene Redner müssen sich auf der Bühne rhetorisch bekämpfen.

Machen Sie aber nicht den Fehler, sich über ernste Themen auszulassen. Denn dann wird es für das Publikum fade und die Medien interessieren sich nicht so sehr dafür. Ein Redewettbewerb ist fast ein kleines Medientraining. Lesen Sie hier drei Medien-Artikel über einen Rede Wettkampf, der vor ein paar Jahren in Berlin von der Universität der Künste im Fach Rhetorik öffentlich veranstaltet wurde. Die legendären Berliner Redeschlachten...

 

 


Der Tagesspiegel vom 08.03.2015

Rede Wettkampf um Weiße Socken

 

Gesucht waren die "schärfsten rhetorischen Zungen Berlins", und immerhin rund fünfunddreißig Anwärter auf diesen Ehrentitel fanden sich zur "vierten Berliner Redeschlacht" in der Hochschule der Künste ein. Bevor sie zu dem Kräftemessen starten durften, wurden sie von ihrem Lehrer auf die Geschäftsordnung eingeschworen. Holger Münzer, der an der HdK Rhetorikkurse für Studenten abhält, kürte sich in einem Handstreich selbst zum Vorsitzenden des Präsidiums und der Jury und verlas neun Paragraphen zur "Wahrung der Würde des Hauses":

"Vor jeder Rede ist das Präsidium zu begrüßen." Und, natürlich: "Das Präsidium kann jederzeit jedem das Wort entziehen."

Durch ein rot-weiß gestreiftes Trasierband voneinander getrennt, entfesselten die zwei einander gegenübersitzenden Parteien ihre Debatte. Kein Wunder, bei der Brisanz des Themas: "Die weiße Socke oder Leben in der Schublade."

Ein mißtreißendes Eröffnungsplädoyer für Toleranz und weiße Socken wurde schier in der Luft zerrissen, als Katharina Cetin schweres Geschütz auffuhr: "Die Tennissocke, dem Trägergeschlecht nach männlich, ist zwar historisch begründet aber keineswegs entschuldbar.
Vielmehr manifestiert sich in dem hochgelobten Frottee eine aus heutiger Sicht unerträgliche männliche Ignoranz."

Als "Ausdruck der Überlegenheit und eines gehobenen Status" wollte Burkhard Piller weiße Socken verstanden wissen. In der Gestik eines Platon schlug er das Forum in seinen Bann, als er die Tennissocke zum "Zeichen für das Lebendige, für das Leben an sich" stilisierte.

Katrine Ofosu entlarvte auch diesen rhetorischen Ballon ihres Vorredners als "heiße Luft". "Eine weiße Socke, peinliches Attribut deutschen Sauberkeitswahns, ist schließlich etwas anderes als eine weiße Weste." Der Vorsitzende des Präsidiums faßte schließlich zusammen: "Zwar sind wir in der Theorie vorangekommen, wichtige Meinungsäußerungen stehen jedoch noch aus." Für verbale Gestaltung, überzeugende Argumentation und hervorragende rhetorische Fähigkeiten wurden Katrine Ofosu, Burkhard Piller und Katharina Cetin mit Schaumwein ausgezeichnet. Womit auch sonst?

JÖRG DÖSCHER

 


die tageszeitung vom 06.06.2012

Debattier Wettbewerb: Der Stoßzahn und die Empfängnisverhütung

 

Zweite Berliner Redeschlacht an der Hochschule der Künste: Studenten eines Rhetorikseminars argumentieren zur Frage »Wozu braucht das Kaninchen Stoßzähne?« Die Partei Karotten kontra Partei Mohrrüben bemühen die hohe Kunst der Rhetorik.

 

Hochschule der Künste. Kampflustig sitzt man sich bei 30 Grad im Schatten hinter rot-weiß-gestreiften Absperrbalken gegenüber - im Seminarraum der Kommunikationswissenschaftler ist an diesem verfrühtem Hochsommernachmittag noch nicht mal ein Fenster geöffnet. Aber wer wird schon vom Wetter reden, wenn entscheidende Themen der Weltpolitik zur Diskussion stehen.

Karotten und Mohrrüben heißen die Parteien. »Wozu braucht das Kaninchen Stoßzähne?« die Preisfrage, die einzig die gegnerischen Gemüter zu erhitzen vermag. Zum verbalen Schlagabtausch drängeln sich Absolventen des Rhetorikkurses von Holger Münzer auf den Tischen und Stühlen. Die Vorredner der verfeindeten Stämme stützen sich leger auf das Rednerpult und stecken mit provokanten Thesen das jeweilige Revier ab.

Jochen Franke von den Mohrrüben profiliert sich als Rächer der Enterbten: »Neue Möglichkeiten individueller Selbstverwirklichung« gälte es der sozial schwächsten Schicht des Tierreiches, den Kaninchen, per Stoßzahn zu erschließen. Einst zum Beutetier par exellence verdammt, erwüchsen der Rasse jetzt ungeahnte Möglichkeiten zur Notwehr. Ein Mißbrauch dieser individuellen Aufrüstung - »und da liegt das Kaninchen im Pfeffer« - dürfte in aufgeklärten Gesellschaften wie der der Häsinnen und Rammler ein Minderheitenphänomen bleiben.

Daß er das ökologische Gleichgewicht durch seine militanten Hasen gefährde, reibt Justus Kauthold von den Karotten seinem Kontrahenten unter die sozial-veterinäre Nase. Wortgewandt malt er das Schreckensbild australischer Verhältnisse an die Wand, wo das europäische Exporttier zur Plage für Land und Leute wurde. »Sicher kann man auch mit Panzern pflügen und mit Kalaschnikows Kokosnüsse von der Palme holen«, führt er die friedliche Nutzung der Stoßzahnenergie ad absurdum. Die »Spirale der Gewalt« dürfe nicht auch noch ins Tierreich getragen werden.

Jetzt heißt es "Ring frei" für das zahlreich erschienene Parteivolk. Wortmeldungen werden über hochgestreckte Nummern registriert.
Eine sechsköpfige Jury sammelt derweil eifrig Punkte für argumentative Stichhaltigkeit und verbale Eleganz. Es gilt mindestens drei Preisträger zu küren.

Um Ökologie, Militarismus, Überpopulation und das Selbstbestimmungsrecht der Frau als Häsin kreisen die Argumentationen, die man sich wechselseitig um die Ohren knallt. Mal sieht man sich selbst als Repräsentant der Kaninchen, mal äugt man allzu menschlich auf die bedrohte Tierwelt. Die Karotten entpuppen sich als ökobewußte Konservative mit »back to the roots« - Ideologie und gesteigertem Sicherheitsbedürfnis .

Es ist schon beeindruckend, wieviel fiktive Argumente sich an einem absurden Thema herbeizaubern lassen. Gelegentlich muß der Vorsitzende des Präsidiums den hölzernen Fleischldopfer bemühen, um allzu ungestüme Zwischenrufer zur Räson zu rufen.

Daß auch weibliche Kaninchen den Zahn des Anstoßes ihr eigen nennen würden und damit nicht länger »wehrlose Opfer sexbesessener Rammler« seien, wirft eine Mohrrübin in die Runde. Der Stoßzahn als willkommener Beitrag zur Empfängnisverhütung.

Der Gutachter vom Kaninchenzüchterverein Unterfranken bemüht dagegen die Geschichtsschreibung: 1968 feierte der »Mutant Stoßzahnkarnickel, unter anderem auch am längeren Deckhaar erkenntlich« seinen Siegeszug durch deutsche Universitäten, dezimierte Überreste fänden sich heute noch im Erdinger Moos und in der Hafenstraße.

Ein Beamter vom Dezernat für Nagezahnkriminalität weiß vom Karnickelgreis »Don Elefanto« zu berichten, der mit riesenhaften Stoßzähnen aus der Hasenheide das Bandenunwesen in der Stadt kontrolliert.

Als man nach über zweistündiger Redeschlacht zur Siegerehrung schreitet, ergeht der erste Preis, eine Flasche Deinhard, an Regina Masemann. Mit ihrer Theorie »Aggression als natürlicher Lebensimpuls« hatte sie argumentatives Neuland für die stoßzahnfreundlichen Möhren erobert.

Jantje Hannover

 


DIE TAGESZEITUNG (taz) vom 23.11.2011

 

Rede Wettbewerb: Vom Stolze, ein Upsländer zu sein

Erste Berliner Redeschlacht an der Hochschule der Künste  im Rhamen eines Rhetorikseminars zu den Themen »Wieviel Liebe braucht der Deutsche?« und »Warum ist der Deutsche so häßlich?« Die Götterspeise-Partei gewann

Charlottenburg.

Form und Inhalt paßten aufs einträchtigste zusammen. Wenn von deutscher Häßlichkeit und Verklemmtheit die Rede ist, dann kann man als Deutsche/r vor einem Mikro nicht locker die Arme schwingen, sondern hat man ein Papierchen in der Faust zu zerknüllen oder in die metaphysische Leere hinter der deutschen Philosophie zu stieren. So manche unter den rund 60 StudentInnen aus allen Berliner Hochschulen, die sich vorgestern zur »Ersten Berliner Redeschlacht« trafen - ausgerichtet von der HdK nach dem Vorbild von Rhetorikwettbewerben anderer Unis -, machten hier große Leistungen geltend. Allerdings nicht immer ganz freiwillig. Uberwacht von einer sechsköpfigen Jury aus ProfessorInnen, Lehrbeauftragten und StudentInnen, mußten die widerstrebenden Widersacher von der gelben »Partei der Götterspeise« und der blauen »Partei« zum Rededuell gleichsam getragen werden, obwohl die Themen »Wieviel Liebe braucht der Deutsche?« und »Warum ist der Deutsche so häßlich?« eigentlich keine Langeweile verhießen. Zwei »Gutachter« sollten zu Beginn die Fraktionen aufstacheln. Doch wehe: Der erste von der blauen Fraktion, der die deutsche Häßlichkeit und mögliche multikulturelle Schönheitskuren in Pizzerien und Kebab-Salons erläutern sollte, vergaß seinen Text mittendrin so gründlich, daß ihm nur noch das Aussehen eines begossenen Pudels verblieb. Und der zweite Gutachter von der gelben Partei, der im Tonfall der Republikaner »das Recht« verteidigte, »unsere Heimat gegen eine Flut von Ausländern zu schützen«, geriet des öfteren in peinsame Ernsthaftigkeit.

Aber da sind wir schon mitten im Thema, über das es ja auch zu debattieren galt: Unserem Volksstamm fehlt offenbar die rhetorische Leichtfüßigkeit. Bleideutsch bleiben wir am Boden des Themas kleben, statt uns götterbotengleich in geistige Höhenluft zu schwingen. Wenn wir über Liebe reden sollen, fällt uns nur Moral ein. So wie jenem blonden Jüngling aus der gelben Fraktion, der uns alle ermahnte, wir sollten uns »nicht allzusehr über deutsche Volkskultur wie das Musikantenstad'l erheben«. Oder den diversen RednerInnen der blauen Fraktion, die mit ernster Miene den gegenwärtigen Ausländerhaß sezierten.

Doch langsam, in steigender Hitze des Redegefechts, lockerten sich doch die Zungen, um mit Genuß über Hölzchen und Stöckchen zu stolpern: »Wir haben eben doch eine Einheit der deutschen Kultur, trotz regionaler Konflikte, die Sie uns jetzt als Stolpersteine überstülpen wollen«, warnte ein langatmiger »gelber« Redner die »blaue« Partei. »Sie haben uns ein Sinnvakuum aufs Auge gedrückt!« fügte er erzürnt hinzu.

Wogegen sich eine »blaue« Rednerin in grüner Hose nur aufs schärfste verwahren konnte: »Das Häßliche steckt im Deutschen drin, es ist ein tiefverwurzelter Komplex«, befand sie. Und brachte die Debatte endlich auch wieder auf den Punkt.

Liebe: »Zuviel Arbeit führt zu einem verspannten Gesichtsausdruck, womit die deutsche Häßlichkeit ja doch belegt ist. Und aufgrund der verbissenen Miene bekommt der Deutsche dann wieder zuwenig Liebe.« Wie es denn auch sei, zusammen mit einer anderen Frau, die die Debatte mit einem folgenschweren Antrag endlich aufs passende Niveau hob: Die Wörter »deutsch, Deutscher, Deutsche» sollten nicht mehr verwendet und statt dessen, ähnlich wie in der TV -Sendung Dingsda durch das Wort »ups« ersetzt werden.

Die pädagogische Wirkung war so durchschlagend, daß sie vorbehaltlos auch dem Bundestag empfohlen werden kann. Plötzlich erlöst von deutscher Tiefgründelei, schwebten die folgenden Reden schwerelos auf das Publikum nieder, ob die Kontrahenten nun »stolz» seien, »ein Upsländer zu sein« oder »nicht upstümelnd« sein wollten oder auch nur berichteten, wie ihr Upslehrer ihnen die upsländische Nationalhymne beibrachte.

Doch die mehrheitlich männliche Jury unter Vorsitz des Kommunikationsdozenten Holger Münzer wußte diese hinterlistige Subversivität am Ende leider nicht zu würdigen. Den dritten Preis für die beste Fraktion - eine Flasche Fabersekt - verlieh sie an die gelbe »Götterspeisen«-Partei, den zweiten Preis - eine Flasche Kriter - an den »blauen« Redner Joachim Bramer und den ersten - einen Deinhard - an Jan Kesting von der »Gelben«. Die weibliche Originalität ging leer aus. Womit nichts gegen die beeindruckende Schönheit und die Redekunst des jungen Gewinners gesagt werden soll - wer kommt schon so schnell auf solch einen im wahrsten Sinne des Wortes beeindruckenden Satz wie den vom »aufs Auge gerückten Sinnvakuum«?

Ute Scheub

minus 20J

 

Rhetorik

 

Letztes Update: 9. März 2018