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Rede: über die Improvisation

Über die Improvisation

Liebe Kommilitoninnen, liebe Kommilitonen,

ich freue mich, heute hier stehen zu dürfen. Vor mir liegt ein Blatt Papier, auf dem Papier stehen Worte, die meine Rede sein werden. Ich bin beruhigt. Das bange Warten und Aufgeregtsein haben den schlimmsten Punkt überwunden. Das ist nicht verwunderlich, meine fertige Rede liegt vor mir. Ich bin so gut vorbereitet. Ich kann das hier ablesen. Vor mir liegt ein beschriebenes Blatt Papier. Beschrieben von mir. ABER. Das ist egal. Das ist es nicht. Das macht gar nichts.

Nicht bin ich heute angetreten, um die perfekte Rede aus wohlbedachten Worten von diesem Blatt abzulesen. Ebenso könnte es ein anderes Blatt sein.

Legt mir ein solches voll schwarzer Buchstaben vor, und auch diese Seiten ließen sich verlesen, mindestens drei, höchstens fünf Minuten lang. Das wäre wahrscheinlich auch leichter, als selber etwas zu schreiben. Das aber sollte es ja nicht sein, ein Fremdtext. Es galt, etwas vorzubereiten, eine Rede niederzuschreiben und die Regeln der Kunst der Rhetorik, bittesehr, anzuwenden. Auf ihren Aufbau zu achten, ihre formale Struktur, ihre drei Stufen.

Eben so stehe ich hier vorn, ich versuche, nicht zu zappeln, keine Grimassen zu schneiden, keinen krassen Unsinn zu veranstalten, und - scheinbar! - mühelos meine Stimme durch den Raum bis an die hinterste Zimmerwand erklingen zu lassen, während ich meine Rede verlese, die vor mir liegt.

Deshalb stehe ich jetzt hier, ich freue mich - wer kennt es nicht: Dieses seelig-beglückte Gefühl, komplett vorbereitet zu sein.

Aber - mal im Ernst - wie oft kriegt man das schon auf die Reihe, und dann nützt es absolut GAR nichts, vorher besser gewusst zu haben, dass eine lückenlose Forschung, eine wasserdichte These und ein makelloses Handout einige unangenehme Wendungen und Schweißperlen hätten vermeiden können.

Nein, darüber spreche ich nicht. Worüber ich hier heute sprechen möchte, das ist nicht die perfekte Rede. Ich spreche von Improvisation. Beim Reden nennt man das Stegreifrede.

Die Improvisation ist das freie Erfinden von Rollentexten und musikalischen Darbietungen aus dem Stegreif. Sie ist eine Kunst. Und eben an einer solchen Hochschule studieren wir ja, das darf nicht vergessen werden. In diesem Seminar war die Rede von der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden.

Damit habe ich bereits zwei Minuten der drei vorgeschriebenen Redezeit hinter mich gebracht. Je länger ich über die Improvisation rede und nachdenke, oder nachdenke und dann rede, desto unnötiger scheint mir das ganze. Mit jedem Wort fühle ich mich freier, unbelasteter, und deshalb sage laut und deutlich:

[Blatt zerreißen und weiter ohne Manuskript]

"Pfeif doch auf die Vorformulierung und -bereitung!
Dir wird schon was einfallen, schließlich hat der Münzer monatelang von nichts anderem geredet, da wird doch was hängenbleiben, also krame ich in den hintersten Ecken meiner Gehirnwindungen und freue mich über die Gedanken, die sich dabei finden just bevor ich sie zu sprechen wage."

So ist das nämlich. Hier stehe ich, ich kann nicht anders, denn ich habe ja meinen Zettel zerrissen. Und genau den brauche ich gerade nicht um mein feuriges HoHo erklingen zu lassen und zu Euch zu rufen:

Für mehr Improvisation!

Nieder mit dem Diktat des vollendeten Vorbereitetseins!

Die drei Minuten sind um. Ich danke Euch.

 

 

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Letztes Update: 2. Januar 2017