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Rede: Über das unbedachte Lachen

Über das unbedachte Lachen

"Liebe Mitbürger

Ich werde keine Witzrede halten. Ich möchte Euch von einem Vorfall erzählen, der mich tief bewegt hat. Dazu werde ich Eure Aufmerksamkeit auf eine Gefahr richten, die sich in einer uns wohlbekannten, menschlichen Reaktion verbirgt. Ich spreche vom unbedachten Lachen.

Lachen kennen wir als Reaktion auf heitere oder komische Erlebnisse und als Ausdruck bestimmter Stimmungslagen.

Der deutsche Schriftsteller Christian Morgenstern schreibt über das Lachen: "Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in den Menschen hineinhuschen kann."
Wir Menschen sind also in der Lage, durch Lachen "viel Gutes" in uns aufzunehmen, was aber nicht ausschließt, daß wir auch über "viel Schlechtes" lachen können.
Ich kehre zurück zum unbedachten Lachen und möchte anhand einiger Beispiele verdeutlichen, wann unbedachtes Lachen zum Tragen kommen kann. Folgende Situationen werden uns allen bekannt vorkommen.

Gewagt vollführen Satiriker Gratwanderungen an der Grenze der Diffamierung und des guten Geschmacks. Das Publikum lacht und applaudiert. Wird jedoch bewußt die Grenze überschritten, beißen sich nur wenige auf die Zunge und fragen sich: "War das denn überhaupt zum Lachen?"

Jemand beginnt einen Witz zu erzählen. Bei diesem einen wird es nicht bleiben, es folgen weitere. Manche sind, ich sage mal neutral, andere, nicht einmal wenige, sind diskriminierend.
Zuerst lachen wir noch über den Ostfriesenwitz, doch bald schon werden die Scherze rassistisch und sexistisch. Einige lachen dann immer noch. "Alles nur Spaß", begründen sie ihren Humor.

Muß uns denn wirklich erst beim Judenwitz das Lachen im Halse stecken bleiben?

Wie verhalten wir uns im Kino, wenn beispielsweise in "Falling down" Michael Douglas mit dem Faustrecht gegen die unzumutbare Wirklichkeit der modernen Welt vorgeht, Geschäfte verwüstet, Latinos verprügelt, einem sogar ins Bein schießt und dabei das Publikum mit lockeren Sprüchen zum Lachen animiert? Schon bald erstickt unser Lachen und schlägt um in Scham, weil uns bewußt wird, über Gewalt gelacht zu haben.

Im April stieg ich in den Bus und mußte mich vom Busfahrer zurechtweisen lassen, weil ich vergessen hatte meine BVG-Karte verlängern zu lassen. Der Busfahrer sagte: "Abgelaufen ist sie am 1. April und heute haben wir den 20. - Hitlers Geburtstag", worauf er anfing zu lachen. In der Reihe hinter mir lachten einige mit. Andere schauten beschämt zu Boden. Keiner sagte etwas dagegen - auch ich nicht.

Jeder von uns kann in eine solche Situation geraten, weil in einer Welt, wo Lachen den reibungslosen Ablauf sozialer Funktionen garantiert, es schon mal vorkommt, daß uns ein unbedachtes Lachen entfährt.

Ich möchte nicht in erster Linie jemanden anklagen, weder diejenigen, die zum Lachen animierten, noch diejenigen, die mitgelacht haben.

Ich möchte aufmerksam machen auf die Gefahr des unbedachten Lachens, zu lachen, wenn wir lieber schweigen oder noch besser protestieren sollten.

Ich möchte, daß wir alle darauf achten, worüber wir lachen.

Ich möchte, daß wir uns zu Maßnahmen überwinden und widersprechen, wenn wir Geschmacklosigkeiten vernehmen, damit uns in Zukunft nicht doch ein unbedachtes Lachen im Halse gefriert.

Danke.

 

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Letztes Update: 2. Januar 2017