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Rede: Haltet Eure Rede

"Haltet Eure Rede"

Meine lieben Studentinnen, liebe Studenten, verehrter Herr Münzer!

Mein Name ist Oliver. Ich bin inzwischen im sechsten Semester und ... ich habe meine Rede nicht gehalten. Ich stehe hier vor Euch, weil uns alle dieses Problem verbindet. Vor Herrn Münzer sind wir alle gleich. Zumindest rhetorisch. Wir müssen diese eine Rede halten. Diese eine Rede. Ich selbst habe nie begriffen, wie wichtig sie für einen ist. Bis ich mein Vordiplom anmelden wollte. Und da wurde mir einiges klar.

Denn ohne eine Rede würde ich heute nicht vor Euch stehen. Es ist mein voller Ernst. Daß ich hier studiere und hoffentlich nach dieser Veranstaltung ein Vordiplom vorweisen kann, das liegt einzig und allein an einer Rede:

Es war irgendwann in den 80ern. Ich spielte Fußball in der C-Jugend meines Heimatvereins und gleichzeitig mit dem Gedanken, zu einem anderen Verein zu wechseln. Und zwar ausgerechnet zum Lokalrivalen. Keine leichte Entscheidung, aber für mich gab es handfeste Gründe.

Zum einen hatte die andere Mannschaft diese schönen, glänzenden Trikots. Ihr wißt schon, die mit den aufgeflockten Rückennummer im 3-D Design. Und zum anderen standen bei den Spielen dieser Mannschaft auch immer viel mehr und viel hübschere Mädchen an der Seitenauslinie. Sicher, aus heutiger Sicht mag das lächerlich klingen. Aber, wißt Ihr, ich war damals 12 Jahre alt, der Sklave meiner Hormone und durchaus empfänglich für solche Äußerlichkeiten.

Daß es letztlich doch nicht zu meinem geplanten Transfer kam, lag an einer Rede. An einer flammenden Rede meines Trainers.

Es war wahrlich eine grandiose Rede, kristallklar formuliert und leidenschaftlich vorgetragen. Es war eine Standpauke. Vor versammelter Mannschaft. Ich kann mich nicht mehr an ihren genauen Wortlaut erinnern. Nur noch, daß sie mit "Das kannst Du völlig vergessen" begann und mit dem denkwürdigen Satz endete: "Es liegt an Dir, ob Du Dich von uns oder von denen zusammentreten lassen willst. Es war eine ergreifende "Blut, Schweiß und Tränen"-Rede, die ich damals in jener Umkleidekabine zu hören bekam und ich denke, mein Trainer fühlte sich dabei auch ein bißchen wie Winston Churchill.

Und ich begriff. Mit einem Mal wurde mir bewußt, daß ich nicht so einfach den Verein wechseln konnte wie andere Jungs ihre Freundinnen. Es ging hier um mehr. Es ging um Ehre und Anstand, ja vielleicht sogar um Vaterland. Hatte uns der Trainer nicht immer eingebleut, Fußball sei Krieg in kurzen Hosen? Ich wußte damals noch nicht, wie recht er hatte.

Der Rest ist schnell erzählt. Ich blieb. Natürlich. Und wurde ein paar Jahre später bei einem Spiel gegen jenen Erzrivalen von einem schätzungsweise drei Meter großen Verteidiger übel gefoult. Während er sich nur mein Blut von seinem glänzenden Trikot wischte, kam ich ins Krankenhaus, wurde operiert und mein rechtes Knie war um einen Meniskus ärmer.

Bei der Musterung zum Wehrdienst wurde ich für untauglich befunden. Der Wehrdienst blieb mir erspart. Denn wer weiß? Bei meiner aggressiven Grundeinstellung hätte ich vielleicht Gefallen an den vielen Waffen und den schneidigen Uniformen gefunden. Womöglich hätte ich mich noch auf 12 Jahre verpflichten lassen. Aber so kam ich gar nicht erst in die Versuchung, zu den Fallschirmjägern zu gehen. Noch nicht mal einen Schreibtischjob beim Kreiswehrersatzamt hatte man mir angeboten.

Hätte mein Trainer damals nicht diese eine Rede gehalten, ich hätte den Verein gewechselt. Und jener hünenhafte Verteidiger wäre wohl kaum auf den Gedanken gekommen, seinen eigenen Mitspieler umzutreten. Ich hätte noch alle Knorpel im Knie beisammen und würde heute ein feines Leben als alkoholabhängiger Berufssoldat führen und dürfte endlich einen Schnurrbart tragen. So aber ist aus mir ein Student geworden, der heute vor Euch steht und verzweifelt um sein Vordiplom kämpft.

Alles nur wegen einer Rede. Dieser einen entscheidenden Rede.

Sicher, wer hält schon gerne diese Ansprache? Aber seht Ihr, es geht hier nicht um ein irgendein müdes Gedicht, das ihr vortragen müßt, wenn Euer großer Bruder, der immer schon immer etwas merkwürdig war, eine ebenso merkwürdige Braut heiratet. Und es geht hier auch nicht darum, bei einem Festbankett zu Ehren von Walter Jens das Glas zu erheben, um wohlfeile Worte an das versammelte Philologenpack zu richten.

Nein, worum es hier wirklich geht, ist eine einfache Rede. Und, machen wir uns nichts vor, es geht auch um Euer Vordiplom. Denn eins steht fest: Wer das Hauptstudium von innen sehen will, muß früher oder, wie in meinem Fall, später an diesem Mann vorbei. Herrn Holger Münzer. Ihr könnt das Vorlesungsverzeichnis drehen und wenden, wie Ihr wollt, es gibt nur diese eine Veranstaltung mit der Nummer ÜDO3. Zugegeben, als Student hat man alle Zeit der Welt. "Morgen fange ich an, zu lernen." Aber wißt Ihr, es wird nicht leichter mit den Jahren. Und auch nicht schöner, denn irgendwann steht Ihr hier vor wildfremden Leuten und die einzigen, die Ihr noch kennt, sind Herr Münzer und ein paar andere verlorene Seelen aus höheren Semestern.

Ich weiß, wovon ich rede, und der junge Mann mit den langen Haaren dort sicherlich auch. Ich meine, seht mich an. Im sechsten Semester. Alle Scheine, sogar ein paar vom Hauptstudium. Nur der eine fehlt.

Und deshalb habe ich für Euch auch nur drei Worte:

Haltet Eure Rede.

Bevor es wieder mal letzte Sekunde ist. Ich meine es ernst. Haltet die Rede. Noch in diesem Semester. Denn Ihr sollt es einmal besser haben als ich.

Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit.

 

 

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Letztes Update: 20. Juni 2019