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Rede: Aufruf zum Redeboykott

Rede: "Aufruf zum Redeboykott"

Liebe angehende Rednerinnen und Redner, lieber Herr Münzer,

einige von Euch haben ihre Reden schon gehalten, andere werden das heute und in den nächsten Wochen noch tun; Herr Münzer hat uns viel über die Vorzüge von Reden erzählt - aber ein Aspekt ist dabei immer außer Acht gelassen worden, nämlich die Probleme und Risiken von Reden! Es ist ja keineswegs so, daß Reden nur Vorteile bieten.

Ich denke, es ist Zeit, auch mal einen Blick auf die schlechten, ja sogar gefährlichen Seiten der Rede zu werfen. Und ich könnte mir vorstellen, daß sich auch Eure Einstellung zu Reden dabei etwas verändert - meine hat sich bereits nachhaltig geändert, ich rufe inzwischen zu einem Redeboykott in Deutschland auf!

Wie komme ich nun zu dieser Ansicht, die auf den ersten Blick vielleicht etwas übertrieben erscheint. Den "Kick" in diese Richtung erhielt ich letzten Donnerstag bei der Redeschlacht zum Thema "Wozu braucht das Kaninchen Stoßzähne?", sicherlich nicht unbedingt eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Doch trotz dieses doch eher belanglosen Themas dauerte es kaum eine halbe Stunde, bis die ersten Teilnehmer der Runde einander wüst beschimpften.

Und als ich nach knapp zwei Stunden die Redeschlacht verließ - beachtet allein dieses militante Wort "Redeschlacht"! - fehlte nach meinem Eindruck nicht mehr viel, bis sich die ersten Teilnehmer gegenseitig an die Gurgel gesprungen wären. All diese Gefühlsausbrüche, die hochgeputschten Aggressionen und die Bereitschaft, für seine Kaninchenpartei im Zweifelsfall einen Mord zu begehen, wurden verursacht durch ein paar Reden!

Machen wir uns doch einmal kurz klar, was der Sinn und Zweck einer Rede ist. Ich zitiere in diesem Zusammenhang aus dem Rhetorik-Handbuch des allseits bekannten Holger Münzer, der das Ziel der Rede und der Redekunst folgendermaßen beschreibt, ich zitiere: "Sie erstrebt die angemessene mündliche Gestaltung eines Stoffes, um beim Zuhörer bzw. Zuschauer eine Meinungsänderung, eine Gesinnungsänderung oder gar eine Tat herbeizuführen." Zitat Ende.

Was bedeutet das? Das bedeutet, daß die Rede überhaupt nicht die Absicht hat, den Zuhörer über irgendeinen Sachverhalt objektiv zu informieren, sie will vielmehr genau das Gegenteil: sie will die Zuhörer einseitig im Sinne des Redners beeinflussen, damit diese hinterher seine Ansicht als die ihre übernehmen; kurz, sie will Lemminge züchten, willenlose Jasager!

Ich frage mich und Euch, ob es das ist, wofür wir Abitur gemacht, wofür wir ein Hochschulstudium begonnen haben, wofür wir uns 20 Jahre oder mehr mühsam das selbständige Denken und Handeln angewöhnt haben. Nur, um jetzt dem erstbesten Propagandisten zu folgen, des uns sagt, was wir zu tun haben? Oder, sogar noch schlimmer, um selber diese schmutzige Manipulationswaffe in unseren Besitz zu bringen?

Es gibt doch Alternativen, liebe Kommilitonen! Warum lesen wir denn alle eine Tageszeitung? Einfach, weil wir dem geschriebenen Wort mehr vertrauen und, was noch viel wichtiger ist, weil es uns die Möglichkeit gibt, das Für und Wider einer Sache in Ruhe abzuwägen und sich dann selber zu entscheiden. Das ist es doch, was wir sonst immer fordern: Objektivität! Die Freiheit, selber zu entscheiden! Doch kaum stellt sich ein Mensch vor uns ans Rednerpult und jongliert recht geschickt mit ein paar Worten, sind wir bereit, den größten Schwachsinn zu glauben! Und ich nehme mich da gar nicht aus. Einem guten Redner, ist wohl jeder bereit zu glauben, eine Meinung zu übernehmen und sich nicht selbst mühsam eine bilden zu müssen.

Vielleicht noch ein paar Worte zum Redner selbst: Es ist ja keineswegs so, daß es für den Redner das reine Vergnügen ist, eine Rede zu halten. Ich brauche mich ja nur selbst zu beobachten: feuchte Hände, dafür eine trockene Kehle, Pulsschlag bei etwa 180, Herzrasen, Schwindelanfälle, geistige Blackouts, wenn ich einfach nicht mehr weiß, was ich sagen wollte - warum tue ich mir das an? Es ist doch wesentlich einfacher, die Dinge, die ich zu sagen habe, kurz schriftlich niederzulegen, dann brauche ich mich hier nicht dem Herzinfarktsrisiko auszusetzen, und Ihr könnt meine Gedanken in Ruhe nachlesen und nachvollziehen, ohne jegliche Beeinflussung.

Aus diesen genannten Gründen - Gesundheitsrisiko für den Redner, Unterstützung der Faulheit bei gleichzeitiger Entmündigung der Zuhörer, Steigerung des Aggressionspotentials beim Zuhörer bis hin zur Mordlust -, aus all diesen Gründen fordere ich Euch zum Widerstand gegen die heimtückische Gehirnwäsche namens Rede auf! Boykottiert Veranstaltungen wie diese, wo Ihr lernt, Eure Mitmenschen zu betrügen und zu manipulieren und kommt stattdessen zurück zu einer sachlichen und objektiven Entscheidungsfindung!

Wer einen ersten Schritt dazu tun möchte, kann den Text meiner Rede nachher in Ruhe nachlesen. Und als meinen ersten persönlichen Schritt zur Reduzierung des Redeaufkommens beende ich nun diese Rede.

- Vielen Dank fürs Zuhören.

 

So machen Sie einen Rede Aufbau

Hier wird beschrieben, wie Sie eine Rede halten

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Letztes Update: 2. Januar 2017