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These von der Geschwindigkeit des Denkens

Die These von der Geschwindigkeit des Denkens

Denken ist immer eine Frage der Geschwindigkeit. Wir sprechen z.B. von einer schnellen Auffassungsgabe.

Mein lieber Herr Keuner sagte auf die Frage "Wie soll ich reden?" -  "Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen fressen die Langsamen".

Beim Reden muß man schnell denken. Auch dieses läßt sich trainieren. Man kann einen Zeitungstext überfliegen, das geht schnell. Meist verlangsamen wir die Geschwindigkeit, wenn wir wirklich jedes Wort konzentriert aufnehmen wollen. Es geht aber auch, sehr konzentriert zu lesen und dabei das Tempo zu beschleunigen. Wie anstrengend dies sein kann werden Sie merken, wenn Sie das mal ausprobieren, die Schweißperlen kommen auf die Stirn (zumindest bei mir).

Ich habe die Geschwindigkeit des Denkens auf dem Klavier und auf der Geige gelernt (ich habe zuerst Musik studiert). Die Geschwindigkeit des Denkens läßt sich mit vielerlei Methoden trainieren, es geht ja lediglich um die Geschwindigkeit, nicht etwa den Inhalt. Das geht wunderbar zu lernen mit irrsinnig schnellen Läufen, auch solchen mit mehr Inhalt. Musiker, insbesondere Dirigenten, müssen schnell denken. Die Exaktheit der Rhythmik beruht schließlich alleine darauf, daß man möglichst viele möglichst kleine Takteinheiten möglichst schnell zählt (16tel, 32tel, 64tel). Wer im Tempo "schleppt" oder Schwierigkeiten mit dem Rhythmus und Synkopen hat, denkt meist zu langsam, in zu großen Takteinheiten und zu wenigen Unterteilungen, so meine Erfahrung. Meine schönste Erfahrung im Leben war, daß ich ein Metronom zum "Schleppen" bringen konnte (d.h. für Nichtmusiker: es hinkte dauernd hinterher), alleine durch meine Taktgebung und Rhythmik, die ja keine mechanische sondern eine lebendige ist.

Ohne ein Musikinstrument lernen zu müssen läßt sich die Geschwindigkeit des Denkens auch trainieren, indem ich einen Text (z.B. Zeitungsartikel) stumm möglichst schnell lese, jedoch nicht nur diagonal d.h. oberflächlich überfliegend, sondern wirklich jedes Wort verstehen wollend. Wenn Sie das nur zehn Minuten so machen stehen Ihnen die Schweißperlen auf der Stirn, woraus auch zu sehen ist, daß Denken eine tatsächliche körperliche Anstrengung erfordert.

Ich werde manchmal kritisiert, daß ich so schnell antworte, daß andere nicht mehr zu Wort kommen. Doch wenn der Andere fünf Sekunden nichts antwortet empfinde ich eben ein "Loch" (so nennt man das in der Theatersprache) und haue natürlich rein. Die meisten Anderen schätzen das an mir, einige wenige aber sagen, ich wolle mich in den Vordergrund schieben. Nein nein, ich habe diesen Fehler: Ich leide unter einen Mangel an Konzentrationsschwäche.
Denken macht mir ungeheuren Spaß, ich tue das genauso auch wenn ich alleine bin. Nicht zuletzt deswegen halte ich auch die evtl. Aufforderung als Schluß in einer (z.B. studentischen Kurz-) Rede: "Ich bitte Sie, mal darüber nachzudenken" im Kern für eine Frechheit: ich kann nämlich gar nicht aufhören, nachzudenken... Beim Rhetorik Seminar ist es nicht anders.

Wofür brauche ich beim Reden das schnelle Denken? Natürlich, um weit vorauszuplanen. Aber dahinter steckt noch mehr: Nehmen wir an, es geht nur um drei Sätze. Nehmen wir an, mein Gedankengang mit den drei Sätzen ist ein Faden. Natürlich überlege ich mir bei diesem Gedankengang möglichst viele Hintergründe, Assoziationen (oder Bisoziationen), Recherchen, eben möglichst viel Umfeld, wie man heute sagt. Das alles spreche ich aber nicht aus, es steckt nur in meinem Kopfe. Ich brauche diese Überlegungen aber dringend, um hieb- und stichfest zu argumentieren im Redegefecht. Nun bildet sich jedesmal an meinem Gedanken-Faden ein Gebilde, das ich mal Bedeutungssack nennen will. In diesem Bedeutungssack steckt nun dieses genannte Umfeld, meine Hintergrundsüberlegungen, meine Bilder, viele weitere Sätze. Ich spreche z.B. über Jugendprobleme. Ich sehe einen Jugendlichen in meinem Kopfe. Ich frage mich: Haben seine Eltern ausreichend Geld? Kann er lernen was er will? Was sind seine Hauptinteressen? usw. usw. Und mit diesem Bild im Kopfe kann ich viel umfassender über Jugendliche sprechen, auch wenn ich nur den geringsten Teil meiner Überlegungen ausplaudere. Die behalte ich natürlich für mich. Auch dieses Bild-im-Kopf-haben habe ich auf der Bühne gelernt.

Wenn ich dies besser kann als mein Gegner, der auch drei Sätze formuliert, bin ich schon besser, weil ich ihn dann besser widerlegen kann.

Wenn wir nämlich die Bedeutungssäcke in meinem dreisätzigen Gedankenfaden mal auflösen, wird sichtbar, daß mein Faden insgesamt viel länger ist, als wenn ich keine solche Bedeutungssäcke eingebaut hätte. Demnach habe ich, selbst wenn ich auch nur drei Sätze sage, mich um eine größere Geschwindigkeit des Denkens bemüht, nicht um schneller zu reden, sondern um tiefgründiger zu denken und besser zu argumentieren.


Rhetorik
 
Letztes Update: 1. November 2017