Vorwort

Wer als Anfänger in Rhetorik einsteigen will und dazu schulisches Material braucht, findet wohl gute Literatur in Form von Abhandlungen, Reden, Artikeln und anderen Schriften zur Rhetorik. Eine Auswahl solcher Artikel ist im Literaturanhang gesammelt. Hier schreiben große Redner über Rhetorik. Wer jedoch schulisch vorgehen will und nach einer Methode sucht für den Redenaufbau, nach praktischen Hinweisen und Tips, sucht vergeblich. Meist stößt er auf kommerzielle Schriften etwa unter dem Motto: "Durch Reden zum Erfolg", oder auch "Wie werde ich Unternehmer" oder andere vielversprechende Titel, die jedoch nur dem Autor und dem Verlag zum Erfolg verhelfen sollen, nämlich zum finanziellen Erfolg durch Verkauf. Ein Handbuch, das schlicht und ohne falsche Versprechungen dem, der sich rhetorisch weiterbilden will, als Material dienen könnte, gibt es leider nicht. Deswegen habe ich dieses Handbuch zusammengestellt.

Mein Weg zur Rhetorik begann mit einer absoluten Katastrophe. Als gelernter Schauspieler (seit 1964) war ich sehr wohl geübt im Sprechen, hatte auch gute Publikumserfahrung und sprach bei meiner ersten politischen Kandidatenrede (1972) laut und deutlich und mit ruhigem Blick. Das sind wohl gute Voraussetzungen für einen Redner. Das alleine überzeugt aber keinen. Meine Gedanken waren ungeordnet, ihnen fehlte der Aufbau, sie waren nicht stringent. Mein Manuskript war ein kleiner Freßzettel mit vielen Notizen und Hinzufügungen, in welchem ich mich nicht mehr zurecht fand. Eine Gliederung fehlte. Die Rede war dilettantisch. Die Delegierten wählten mich dennoch, weil sie mich offensichtlich mochten, ich aber war verzweifelt über mein Unvermögen.

So fragte ich mich, welche Methode mir am hilfreichsten sein könnte. Ich kam schnell darauf, daß das Manuskript übersichtlich gestaltet sein muß, um in der Aufregung und Nervosität immer noch erkennbar zu sein. Das wichtigste dabei ist eine klare Gliederung. Diese war auch in der klassischen Rhetorik bereits Voraussetzung: dispositio / die Disposition. Eine klare Gliederung entsteht nur, wenn die Gedanken klar gegliedert sind. Somit entstand meine Methode der Vorbereitung und mein Modell des Aufbaus einer Rede. Dieses ist der Kern dieses Handbuchs: "Vom Handwerk der Redekunst".

Beim weiteren Studium und in der (autodidakten) Erprobung in der Praxis kam ich auf Dinge, die ich gut von der Bühne her kannte: der Umgang mit dem Publikum, die Sprache des Publikums und daß das Publikum immer ein Teil der Gesamtgesellschaft ist. Auch meine Erfahrungen von der Körpersprache (des Redners und des Publikums) haben mir geholfen, ich denke, daß ich hier eine besondere Erfahrung miteinbringen kann in die Rhetorik.

Schnell kam ich auch darauf, daß die Voraussetzungen zum Reden die selben sind wie für Künstler und Kunstschaffende: Wahrhaftigkeit, Fleiß, Übung, unendlich viel Wissen und unendlich wenig Eitelkeit. So kam ich auf die Thesen: von der Geschwindigkeit des Denkens, vom intelligenten Gefühl, vom prozessualen Denken, von der Mehrgleisigkeit des Denkens und ähnliches. Dann habe ich mir die Motivation zum Reden und zum Erlernen des Redens überlegt und daß der Sinn und Zweck einzig in der Wirkung liegt. So habe ich viele Erkenntnisse gewonnen, von denen ich annahm, ich hätte sie selbst gefunden oder gar erfunden. Erst Jahre später habe ich in der Literatur wiedergefunden, was ich für meine ureigenste Erfindung gehalten habe. Es ging mir nicht anders als Anderen: „Manches, was ich für mein Eigenstes halte, mag sich schon längst in den Werken Anderer vorfinden“ (E. Coseriu, Leipzig 1891). Die Methode, die mir am nächsten kommt habe ich bei Dale Carnegie am besten dargestellt wiedergefunden. Zwar drücke ich vieles anders aus aufgrund meiner (Publikums-)Erfahrungen und der Unterschiedlichkeit zwischen der englischen und der deutschen Rhetorik, ich empfehle aber dringend die Lektüre seiner Broschüre „Wirkungsvoll reden“. IM Literaturanhang finden Sie auch bekannte Rhetoriker, die etwas zur Rhetorik und deren Methoden beitragen (wie z.B. Eristische Dialektik), dazu historische Reden und interessante Artikel.

Dieses Handbuch kann lediglich allgemeine rhetorische Grundprinzipien, Methoden und Formen behandeln. Es bietet auch Informationen zur deutschen Sprache, Beispiele und Abhandlungen zur Rhetorik, Beispiele großer Reden und studentischer Übungsreden, Aphoristisches und Nachdenkliches zur Hintergrundinformation. Es will auch ein Nachschlagewerk sein, in welchem zu bestimmten Komplexen übersichtlich Erläuterungen, Stichworte, Tips usw. gegeben werden. Die Reihenfolge der Texte ist im gedruckten Handbuch nicht methodisch sondern eher alphabetisch. Ein Inhaltsverzeichnis ist angefügt. In diesem Internetzangebot jedoch ist die methodische Reihenfolge angegeben wie ich sie im Seminar befolge, zudem das Stichwortverzeichnis und eine Schnellsuche. Das Handbuch soll somit das Seminar an der Universität der Künste Berlin (GWK) inhaltlich ergänzen.

Holger Münzer, im Februar 2002


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