Um sich selbst gut darzustellen ist es nicht von Vorteil, über sich und seine guten Qualitäten zu sprechen. Das wirkt überheblich und selbstgefällig. Ausschlaggebend ist auch hierin wiederum die Selbstbescheidung und der Gestus, die eigene innere Haltung, die sichtbar wird, sowie das Maß, in welchem dies alles geschieht. Man stellt sich selbst am besten dar durch Glaubwürdigkeit. Man kann z. B. darstellen, daß man gewillt ist, etwas durchzusetzen, den eigenen und eingeschlagenen Weg gegen Widerstände und selbst gegen Mehrheiten beharrlich weiterzuverfolgen (auch sogenannte ‘unpopuläre’ Entscheidungen bringen oft große Akzeptanz).
Beharrlichkeit ist eine individuelle Eigenschaft. Ebenso gibt es weitere individuelle Eigenschaften, die man darstellen kann (soweit man sie tatsächlich besitzt): Kraft, Mut, Souveränität, Glaubhaftigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Zuverlässigkeit usw., verständlicherweise alles positive Eigenschaften. Im Schauspiel, in einer Charakterrolle etwa, sind dagegen auch negative Eigenschaften darstellbar, sie gehören ja ggf. zur Rolle, zum Charakter dessen der dargestellt wird. Auch ein Kabarettist, ein Satiriker kann in die Rolle eines Bösen schlüpfen. Deswegen ist die Charakterisierung eines Politikers auch als der eines Schauspielers ja übertrieben.
Wer sich als Redner jedoch selbst negativ darstellt, darf sich nicht wundern über Ablehnung; darin liegt andererseits aber nicht die größte Gefahr für einem selbst, größer ist die Gefahr, sich selbst als zu großartig, zu wissend, zu überragend darzustellen. Sich selbst positiv darzustellen darf auch nicht heißen, seine negativen Eigenschaften zu verleugnen, das wirkt unglaubhaft. Seine eigene Fehlerhaftigkeit, auch eigenes Nichtwissen zuzugeben macht eher glaubhaft, sympathisch. Jedem Menschen - somit auch sich selbst - darf man unterstellen, negative Eigenschaften zwar zu haben, sie jedoch zu bekämpfen, um neue Einsichten bemüht, lernfähig zu sein. Zur guten Selbstdarstellung gehören aber nicht nur persönliche Eigenschaften, sondern ebenso persönliche Vorhaben, etwa politisches Handeln, Engagement für die Sache, die man öffentlich vertritt in seiner Rede. Auch gehören dazu persönliche Überzeugungen, Moral, Ethik, Philosophie und ähnliche Kategorien.
Viele haben Schwierigkeiten damit, Themen aus ihrem eigenen Leben zu bringen. Sie fürchten, sich damit zu sehr vor den Anderen zu offenbaren. Wer redet muß sich aber offenbaren. Er offenbart sich ja auch, wenn er Unwichtiges erzählt, schon durch seine Erscheinung: sein Körper spricht, seine Diktion verrät ihn, seine Ängste werden sichtbar, er
Jeder muß zu seinem Schaden oder Vorteil seinen Acker selbst bestellen und sein eigenes kleines Instrument im großen Konzert des Lebens spielen. (Dale Carnegie)
Daß Kategorien wie Moral in der Rhetorik eine große Rolle spielen, darf nicht verwundern:
Rhetorik ist im besten Fall immer eine eigene, persönliche, selbstentwickelte Rhetorik. Um sich
selbst darzustellen können diese Kategorien durchaus vertreten werden. Das Entscheidende dabei ist jedoch die Dosierung, d.h. das Maß, in welchem die eigene Persönlichkeit zur Geltung gebracht wird. Diese Dosierung in der Selbstdarstellung ist jedermanns eigene Sache und wird im Endeffekt durch die eigene Persönlichkeit gesteuert. Jedes kleine bißchen Zuviel dabei ist bereits ruinös. Ehrliche Selbstbescheidung ist allemal glaubhafter. Daher scheint die Definition eines guten Rhetorikers ganz einfach zu sein: werde ein guter Mensch und fang dann einfach an zu reden. Quintilian nannte dies "gute Menschen, die etwas zu sagen haben."
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