Unternehmen scharfe Zunge

Matthias Pöhm, Trainer für Rhetorik und Schlagfertigkeit, zeigt, wie man sich verbal zur Wehr setzt

Der Deutsche an sich ist nicht für seinen ausgefeilten Humor bekannt. Im Gegenteil - herausgefordert und mit Kränkungen konfrontiert, wird ihm nachgesagt, beleidigt und unfair zurückzuschlagen. Um den Deutschen auf die Sprünge zu helfen, bietet Matthias Pöhm nun Nachhilfeunterricht: Bis zu zwanzig Teilnehmer sollen an einem Tag den rhetorischen Schnellschuß zum Zweck der Verteidigung lernen. Sein Motto: Jeder kann, wie Harald Schmidt, seine Gegner gekonnt und witzig schachmatt setzen.

Regel Nummer eins: "Eine gerade Körperhaltung vermittelt Selbstbewußtsein." Und so stehen alle Teilnehmer, von der Anwältin bis zum Hausmann, mit durchgestrecktem Kreuz vor ihren Stühlen und lassen sich von Pöhm mit einer imaginären Stahlwinde um Schultern und Kopf in die Höhe schrauben.

Regel Nummer zwei: "Sei immer auf der Hut." Hinter harmlos wirkenden Fragen können sich kränkende Spitzen verstecken - und die gilt es, zu entlarven. In Fünfergruppen vor Flipcharts versammelt, lernen die Teilnehmer also, hinter jeder Frage das Böse zu erkennen und zu reagieren. Höflichkeit ist out, Zurückschlagen ist in. Die Frage "Sie waren ja bisher nicht so erfolgreich, was möchten Sie in ihrem Leben ändern?" sei eine Unverschämtheit. Man solle sich, so Pöhm, also nicht rechtfertigen, sondern in die Offensive gehen. "Stimmt nicht, ich war sogar sehr erfolgreich. Beunruhigt Sie das?" wäre ein perfekter Konter: Gegner entwaffnet und in die Enge getrieben. Den Schwarzen Peter zurückgegeben. Mit diesem Rüstzeug sollen die Teilnehmer sich nun gegenseitig herausfordern. Doch in den Übungsgruppen kommt kein schneller Schlagabtausch zustande - die Teilnehmer sind entweder zu höflich oder finden die Gemeinheiten, die ihnen um die Köpfe fliegen, doch nicht so spaßig. Die Antworten der Teilnehmer wirken gequält, die Stimmung lahmt. Matthias Pöhm versucht die peinliche Stille mit messerscharfen Sprüchen zu durchbrechen. Doch die Moral steigt erst wieder bei der nächsten Übung. Mit Zeitungen bewaffnet, prügeln die Teilnehmer - bayerische Schimpfwörter brüllend - auf den Tisch vor sich ein. Der Sinn der Aktion: Wird ein Mensch beleidigt, reagiert er verdutzt. Durch eine körperliche Aktion kann er diese Blockade durchbrechen und reagieren.

Aufgepuscht, fordert der Seminarleiter die Teilnehmer auf, Beispiele aus dem Berufsleben zu schildern, um gemeinsam mit Pöhm dreiste Antworten zu finden. Doch nur ein Teilnehmer meldet sich zu Wort. Der Lerneffekt ist gering. Vielmehr bezweifeln einige, ob es sinnvoll ist, so mit seinem Chef umzugehen. Schlagfertig aber ohne Job - das kann es wohl auch nicht sein. Zum Schluß gibt Pöhm seinen Schülern noch Hausaufgaben auf: Die zehn Standardantworten sollen auswendig gelernt und stetig wiederholt werden. "Leiden Sie darunter?" oder "Ich passe mich meiner Umgebung an", sind laut Pöhm universell einsetzbare Sprüche und helfen über die ersten sprachlosen Sekunden hinweg.

Matthias Pöhm liegt mit seinem Seminar im Trend. Selbst Volkshochschulen und IHKs bieten Kurse in Sachen "Scharfe Zunge" an. Die Frage ist nur, ob man Schlagfertigkeit wirklich erlernen kann. Was Pöhms Kurs betrifft: Fehlanzeige. Der ehemalige Ingenieur ist ein brillanter Redner, keine Frage. Doch Schlagfertigkeit bedeutet nicht, mit einstudierten Phrasen wie wild um sich zu schlagen. Dadurch werden die Deutschen nicht souverän, sondern höchsten noch unhöflicher.

SZonNet: 3.4.99 (KERSTIN KULLMANN)


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