Im Hinblick auf die Thematik unterscheidet man neben der allgemeinen Rede u.a. die politische Rede, die Gerichtsrede, die Predigt, die Laudatio, die Bestattungsrede. So ist die Redekunst / "Rhetorik" im Lexikon beschrieben (dtv).
In der antiken Rhetorik kannte man fünf Tätigkeiten: inventio (Invention), dispositio (Disposition), elocutio (stilistische Ausgestaltung), memoria (Aneignung), actio (Ausführung) - siehe klassische Rhetorik.
Die "inventio" (Stoff sammeln), die "dispositio" (Gliederung), die "memoria" (Aneigung) und die "actio" (Präsentation) sind heute noch gleich, wenngleich sich die <"a href="javascript:methoden()">Methoden geändert haben. Die stilistische Ausgestaltung ist heute verpönt - Friedrich Naumann: "der alte Redestil hat sich abgelebt."
In der klassischen Rhetorik wurde die volkstümliche Predigt bedeutungsvoll. Die Renaissance kannte lateinische Reden der Diplomaten; die Humanisten folgten der Redekunst Ciceros und Quintilians. Die moderne politische Redekunst entwickelte sich besonders im Rahmen des englischen Parlamentarismus (Cromwell, Burke, die beiden Pitt, Fox Sheridan, Lloyd George, Churchill).
Für die heutige Kommunikation mit der Öffentlichkeit ist Rhetorikschulung unerläßlich. Eine Rede ist also kein Referat, sondern genau das Gegenteil. Eine gute Rede darf nicht belehren, eine Rede ist kein wissenschaftlicher Vortrag. Eine Rede soll überzeugen. Die wissenschaftliche Arbeit kann allenfalls im Vorfeld dienlich sein, um die Begrifflichkeiten zu klären, um die Inhalte zu differenzieren, um die Recherchen zu machen, knapp gesagt: wissenschaftliche Methoden, um ein nichtwissenschaftliches, kreatives Endergebnis zu erzielen. Eine gute Rede darf kein Bericht sein (ein wirklich knapper Bericht z.B. über eine bisher nicht bekannte Tatsache kann in Ausnahmefällen auch mal notwendig sein) und soll nicht Information sein, kein "Wissen vermitteln". Informationen sind nur insoweit notwendig, als sie falsche Informationen, die ja meist der Grund für Vorbehalte sind, durchaus richtigstellen können, um diese Vorurteile zu beseitigen. Dieses sind aber keine Information im Sinn von Informatik, Benachrichtigung, Wissensvermittlung. Rhetorik mißt sich an der Wirksamkeit<&a>, nicht durch "schönes Reden". Die Rede kommt überhaupt erst zustande durch die Praxis, d.h. durch das Reden selbst. Zum Reden gehört das Publikum, das Auditorium, mit dem ich rede. Reden ohne Publikum ist ein Selbstgespräch. Ein Rede-Entwurf ist noch keine Rede, sondern lediglich die schriftliche Festlegung dessen, was ich als Rede plane. Beim Reden selbst erst kommt das Wichtigste zum Tragen: das Überzeugen des Publikums. Ohne Publikum kann somit keine Rede entstehen (Kunst der Rede als Praxis). Eine schriftlich vorliegende Rede sollte möglichst das sein, was tatsächlich geredet wurde. Daß eine Rede, die vorher bereits schriftlich vorliegt, exakt den gleichen Wortlaut hat wie die tatsächlich gehaltene Rede, dies ist das Kunststück der Vorbereitung wozu ich mir eine eigene Methode erdacht habe. Aber selbst, wenn ich eine Rede nachlese, ist die Wirkung eine andere, als wenn ich sie miterlebe! Beim Reden ist das Publikum selbst Mitspieler, Dialogpartner, ist die Situation, die Stimmung im Saal oder auch die "Großwetterlage" und andere Umstände und eben auch der akute Vorgang des Haltens der Rede ganz entscheidend. Ich nehme ein Beispiel aus dem Theater: Eine Bühne voller Schauspieler, die ein Theaterstück spielen, ohne daß Publikum im Saale ist, ist bestenfalls eine Probe. Ein Darsteller, der auf der Straße ganz alleine spielt, ohne Bühnenbild, ohne Vorhang, der aber die Passanten dazu bringt, stehen zu bleiben und zuzuschauen, der stellt damit das "Faszinosum Theater" her. So ist dies auch bei der Rede. Schöne und gute "Reden", die nie gehalten wurden, jedoch in Buchform herausgegeben von jedem gelesen werden können, sind eben nur "Artikel" oder "Aufsätze" oder dergleichen, sind Literatur oder auch Journalistik. Und selbst wenn der Text gut "rednerisch" formuliert wurde, wie dies im Journalismus ja empfohlen wird (d.h. kurze Sätze, einfache Grammatik, keine endlosen Schachtelsätze, möglichst wenig Fremdwörter und Fachausdrücke, kein Polizistendeutsch), ist dieser Text noch immer keine Rede, da der entscheidende Faktor fehlt, nämlich der Dialogpartner, das Publikum. Rede ist immer Dialog.
Das bedeutet, daß vom Dialogpartner, also dem Publikum (das "hörend mitredet"), direkt und gleichzeitig etwas zurückkommt, nämlich seine Antwort auf das vom Redner Gesagte, auf welche dieser ja wiederum eingehen sollte. Sonst kommt der Dialog doch nicht zustande! Daß ich als guter Redenschreiber dies alles vielleicht vorausberechnen und miteinzubeziehen vermag, liegt in der Kunst der Vorbereitung, liegt vielleicht auch in der Übung. Welche Wirkung meine Rede hat, kann ich wohl vorausberechnen, jedoch niemals wirklich exakt vorhersagen und schon gar nicht herstellen in Abwesenheit des Publikums. Bei einer Rede ist somit nicht nur entscheidend, was ich sage, sondern auch wie ich es sage. Dies darf nicht als Reduzierung der Rhetorik nur auf die effektvollsten Mittel der Sprache, wie dies in der mittelalterlichen Rhetorik gelehrt wurde, mißverstanden werden! Jedoch gehört dazu die Untersuchung des gesamten Bereichs des gesprochenen und geschriebenen kreativen Diskurses, darunter auch des Sprachgebrauchs in den Massenmedien, die Reaktionen des Publikums und die Interpretation der ans Publikum gerichteten sprachlichen Äußerungen. Und dies richtet sich nach dem Publikum und all seinen Reaktionen.
Rhetorik ist also auch die Analyse von Theorie und Praxis der Argumentationstechniken (vgl. Eristische Dialektik), sowohl in Bezug auf Hörer wie auf Sprecher, auf Autoren wie auf Leser. Rhetorik ist auch, was zwischen den Zeilen steht. Rhetorik ist auch, was der Körper spricht (gewollt oder ungewollt). Im weitesten Sinne untersucht die moderne Rhetorik die Grundlagen sämtlicher Formen wirkungsvoller Kommunikation.
Der für mich derzeit beste Rhetoriker ist Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der mit seiner Praxis alle anderen übertrifft, dagegen scheinen mir alle Rhetorikprofessoren und -Lehrenden weniger begabt, mich eingeschlossen. Hören Sie an, was immer er sagt und lernen Sie daraus. Er geht mit dem "Sowohl als auch" meisterlich um. Z.B. ist seine Unterscheidung zwischen dem eigenen Gewissen und der Demokratie sehr lehrreich. Kaum ein anderer kann dieses Dilemma besser formulieren. Er kann zu allem reden. Dazu kommen die Rhetoriklehrer, die im Literaturanhang genannt werden. Lesen Sie das alles aufmerksam durch. Dagegen erscheint mir inzwischen fast dilletantisch, was ich 1989 in der Erstauflage des Handbuchs der Rhetorik formuliert habe. Ich will es dennoch hier stehen lassen, denn es kann ein guter Einstieg sein:
Rhetorik ist eines der Prinzipien der verbalen Gestaltung. Sie dient nicht dem Selbstzweck, sondern bedarf der theoretischen Reflexion und der wissenschaftlichen Analyse. Rhetorik betrifft die gesamte zwischenmenschliche Kommunikation (und Massen-Kommunikation). Mit Fragen nach der funktionalen Stilistik und nach Zielgruppen, sowie nach spezifischen medialen Bedingungen, die allesamt einen großen Einfluß auf die Rhetorik und Präsentation haben, will sich dieses Handbuch nicht befassen, dazu gibt es in der GWK qualifizierte Lehrangebote bzw. Lehrstühle.
Wenn Rhetorik lautes Denken ist (Kleist), dann ist die Schulung in Rhetorik eine Schule des Denkens, dann ist die Redekunst eine Kunst des Denkens. Die Funktionen von Rhetorik sind aber noch vielfältiger. Außer der Funktion, durch die Rede Taten bzw. Handeln herbeizuführen, hat gesellschaftlich verantwortungsbewußte Rhetorik eine aufklärerische Funktion. Aufklärung über Rhetorik thematisiert immer auch den konstitutiven Zusammenhang von Rhetorik und Aufklärung (im Sinne von Immanuel Kant), also eine gesamtgesellschaftliche Funktion.
Rhetorik ist nicht nur ein Beispiel für kunstvolles Reden. Das war sie in der Antike, bei den alten Griechen. Sie vermag aber mehr. Dies erkannten schon die Griechen und die Römer. Mit Reden ließen sich Senate und Volksmeinungen, Throne und Reiche gewinnen, Kriege beginnen, mit Rhetorik ließen sich im Guten wie im Schlechten Weltanschauungen, Ideologien, Religionen verbreiten. Die totalste Kriegserklärung aller Zeiten hatte eine äußerst gekonnte Rhetorik, die in die Frage mündete: "... wollt Ihr den totalen Krieg?". Worauf ein vermeintlich ganzes Volk "Ja!" brüllte (es waren aber nur einige hundert ausgesuchte Anwesende im Versammlungsraum). Und ein ganzes Volk war der festen Überzeugung, "Ja" gebrüllt zu haben. Nebenbei: erstaunlicherweise wurde in einem Lande, wo sich alles siezte (und dieses in der Mehrzahl noch heute tut) und das genossenhafte "Du" geradezu verpönt war, in diesem sich streng hierarchisch siezenden Lande wurde das Volk (als sich in höchster Not befindlich) geduzt: "... wollt Ihr...". So spricht man Freunde an, Genossen, Kumpel, Kameraden, Vertraute. Durch das "Ihr" in der Frage wurde also eine Vertrautheit, ja eine Verschwörtheit suggeriert. Diese Frage war die vierte einer gutgegliederten, wohlüberlegten, wohlformulierten und mitreißenden Rede. Wenn sie nicht überzeugend gewesen wäre, hätte wohl niemand "Ja" gebrüllt. Diese agitatorische Frage war eigentlich 'rhetorisch', weil sie die Antwort suggerierte, ja, keine andere Antwort zuließ. Der Redner hieß Joseph Goebbels, wie jeder weiß. Durch die Tatsache, daß er ein Kriegsverbrecher war, erscheint seine demagogische Rhetorik nicht weniger gekonnt. Diese Rede war aber das Gegenteil einer „Aufklärung“ im Sinn einer historischen „Aufklärung“, insoweit also schlechte Rhetorik, Goebbels war aber ein guter Rhetoriker, denn er beherrschte die Rhetorik. Die Frage nach „guter Rhetorik“ und „schlechter Rhetorik“ führt also in die Irre. Ich spreche lieber von „guten Rednern“ und „schlechten Rednern“. Unser Freund wie unser Gegner und auch Agitatoren, Demagogen und Diktatoren können durchaus eine "gute" und wirkungsvolle Rhetorik besitzen. Es gibt ja auch "gute" Agitatoren wie Rudi Dutschke, "gute" Demagogen wie Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth (Burg Hambach 1832). Durch deren und davor anderer Tun entstand ja indirekt überhaupt erst die negative Bedeutung des Begriffes "Demagogen" durch die Karlsbader Beschlüsse vom August 1819, Julirevolution von 1830: Metternich erließ scharfe Maßnahmen gegen die "demagogischen Umtriebe" (die Forderung nach Demokratie und Liberalität). Agitation, Demagogie, Polemik, das alles ist kein Gegensatz zur Rhetorik, sondern (unter vielem anderem) auch Bestandteil von Rhetorik, sind auch Mittel der Rhetorik.
Ebenso wenig ist Rhetorik schon dadurch etwas Schlechtes, daß die Wendung "rein rhetorisch" negativ belastet ist. Unter 'rein rhetorisch' werden oft negative Bewertungen wie schönrednerisch, phrasenhaft oder schwülstig verstanden, weil viele Leute Geschwafel und Smalltalk mit Rhetorik verwechseln (siehe auch Friedrich Luft: "Quatsch in schöner Gestalt"), was wohl von allzuviel Stilisierung in der klassischen Rhetorik herrühren mag oder daher, daß von Unwissenden das Drumherumreden mit Rhetorik gleichgesetzt wird. Viele verwechseln schwülstiges, intellektualistisches, akademistisches Gerede mit Rhetorik. Das Gegenteil ist der Fall: gekonnte Rhetorik sucht nach möglichst einfachen Formulierungen und vermeidet unnötige Fremdwörter, die manchmal lediglich beweisen sollen, daß man sich selbst als 'gebildeter' darstellen will als andere, also pure Eitelkeit: "Essentiell signifikanter wird ergo evident, daß exempli causa minimierter spezifiziertes Auditorium, das der Oratio eventualiter dito auditiert, konkludent instruiert wird." - das halte ich für intellektualistisch und angeberisch. Sicher gibt es fachspezifische Begriffe, die nicht ersetzt werden können durch einfache Wörter. Wo diese zur Vermeidung von Mißverständnissen unerläßlich sind, sollten sie auch eingesetzt, jedoch ggf. kurz erklärt werden. Richtig bleibt, daß einfache und gut verständliche Formulierungen in einer glaubhaften Rhetorik dem, was man erreichen will, zu größerer Wirkung verhilft (und nicht durch "Rum-eiern..."!). Der pseudointellektuelle Einwand, man könne sich vor akademischem oder fachlich gebildetem Publikum blamieren durch den Gebrauch einer einfachen Sprache ist deswegen falsch. Gerade Professoren verstehen auch die Sprache, die 12jährige verstehen. Richard von Weizsäcker sagte: "Je komplizierter das Gesagte wirkt, desto weniger hat man es durchdacht." Gerade intellektuelle und wahrhaft gebildete Menschen bevorzugen eine allgemein verständliche Sprache und lassen sich von einer einfachen Sprache eher überzeugen. Ziel der Rede ist es, möglichst viele Menschen zu erreichen, also nicht nur Akademiker, Intellektuelle und die sogenannte Bildungsschicht. Rhetorik ist eine Kunst. Kunst kommt nicht von Können, wie Josef Goebbels, bewußt allzu kurz greifend, behauptet hat, sonst wäre jeder, der nur irgendetwas kann schon ein Künstler: ein "Kochkünstler", ein "Fahrkünstler", ein "Lebenskünstler". Da jeder Mensch ein Lebenskünstler ist, wäre dann jeder Mensch ein Künstler, das hieße die Definition der Kunst ad absurdum zu führen. Also ist die Definition, daß Kunst von Können kommt, eine Undefinition. Hämisch fügte Goebbels hinzu: "...käme es von Wollen, hieße es Wunst." Damit wollte er die Kunst diffamieren, die sogen. "entartete Kunst" als eine Kunst ohne Können hinstellen. Viele übernehmen heute noch unbedacht diese Definition von Goebbels, nicht ahnend in welche Tradition sie sich damit begeben. Selbst promovierte Kunstwissenschaftler jüngerer Jahrgänge habe ich diesen Satz zitieren hören. Wie fatal! Ich habe diesen Spruch an der Wand in der (Verzeihung) Herrentoilette der Schulmusiker an der Universität der Künste gefunden, er gehört nicht an die Wand, er gehört in die Toilette.
Kunst setzt Können als selbstverständlich voraus. Kunst ist für den Künstler erstmal immer „Handwerk“. Nur Herr Publikus erschaudert vor der hehren Kunst. Darüber müssen wirkliche Künstler überhaupt nicht diskutieren. Können alleine reicht aber nicht aus. Über Kunst läßt sich streiten, der Kunstbegriff ist in dauerndem Wandel. Kunst ist die gestalterische Tätigkeit des schöpferischen Menschengeistes und steht oft im Gegensatz zur Natur, dem Selbstgewachsenen und zum reinen Handwerk, dem technisch Nachschaffenden. Kunst ist rational nicht faßbar, sie ist irrational. Kunst entsteht erst im Betrachter. Kunst ist unendliche Zurückhaltung, zertrümmernd ihr Kern, aber schmal ihre Peripherie, sie berührt nicht viel, das aber glühend. (Gottfried Benn).
In der Rhetorik ist die künstlerische Form nur kreative, gestalterische, oft spontane und improvisatorische. Gestaltung setzt Gestaltungswillen und Gestaltungskraft sowie Vorstellungskraft voraus, die diese Formen schafft und einsetzt zur Erhöhung der Wirkung, ohne daß dabei diese Formen vorrangig in Erscheinung treten sollten. Es ist also der Prozeß (die Praxis) der Rede kunstvoll, weniger der Text der Rede selbst.
Wenn Kunst oft im Gegensatz zum reinen Handwerk, dem technisch Nachschaffenden steht, erscheint der Untertitel des Handbuches: "Vom Handwerk der Redekunst" als ein Paradoxon. Es gibt jedoch das künstlerische Handwerk, welches nicht nur wie das technische Handwerk nachschafft, sondern selbst kreativ gestaltet. Es gibt beispielsweise auch einen Eiskunstlauf, der Eislaufen mit Kunst gestaltet. Ich selbst habe mich noch nie als "Künstler" bezeichnet, das tun im Höchstfall ndere. Ich bin Handwerker.
Das Handbuch will Anleitung geben zum "handwerklichen" Erlernen und sozusagen "geistiges Handwerkszeug" liefern. Hand und Geist - also manuelles und spirituelles Arbeiten - sind da nicht im Widerspruch, man kann seine geistigen und theoretischen Fähigkeiten einsetzen gleichsam wie Hände, die formen, lenken, bauen. Man kann seine geistigen Talente geradeso trainieren und üben, zu Hochleistungen bringen, wie seine körperlichen Fähigkeiten. Denken läßt sich trainieren, auch die Geschwindigkeit des Denkens läßt sich trainieren. Für die Technik des Sprechdenkens in der freien Rede ist ein solches Training des Denkvermögens unerläßlich. Das Wort vom "Handwerk der Redekunst" ist somit in dieser "kreativen" Weise gemeint. Der Untertitel will folglich andeuten, daß aus einer anfangs durchaus nur schulisch nachahmenden Technik eine eigene und kunstvolle Art entstehen kann, daß persönliche Formen sich kreativ entwickeln können. Das letztlich Entscheidende an der Rhetorik ist neben allem Können aber nur die eigene Persönlichkeit. Die hier angeführte Rhetorik soll insofern auch der kreativen Entwicklung der eigenen Persönlichkeit dienlich sein. "Gute" Rhetorik nützt der Gesundheit, "gute" Rhetorik macht das eigene Leben klar und schön, "gute" Rhetorik macht das eigene Leben genußvoll.Quintilian nannte einen erfolgreichen Redner "einen guten Menschen, der etwas zu sagen hat"...
Die Kunst der Rede ist eine wahre Kunst. Im Mittelalter wurde sie noch zu den freien Künsten gezählt, gegenwärtig findet sie im Kanon der Künste keinen Platz. Das liegt daran, daß sie als Kunst weniger wirken will als durch ihre Aussage selbst und daß sie meist mit Politik und Macht gekoppelt einherkommt. Redner, Gewerkschaftler, Politiker, Vorsitzende und Präsidenten, Wirtschaftsmanager und andere betrachten ihre Rhetorik weniger als eine ästhetische Übung, sie setzen sie ein um Menschen zu beeinflussen, Wirklichkeiten zu verändern, Mehrheiten zu gewinnen, Geschäfte zu tätigen, der künstlerische Aspekt ist untergeordnet. Er ist "nevertheless" von großer Wirkung.
Rhetorik kann man lernen. Doch genausowenig wie beim Komponieren oder beim Malen kann man sie wirklich von jemand anderem erlernen im Sinn von abnehmen, übernehmen. Man kann sich vieles abgucken, zu eigen machen, insofern übernehmen. Wie zum Beispiel das Vibrato beim Geigen am schönsten klingt - das wissen die Geiger - muß jeder für sich selbst herausfinden, ja: erfinden und erlernen. Der eine schwört ggf. auf das Vibrato "aus der runden Hand" (wie ich es in der Meisterklasse von Prof. Wilhelm Nauber in Freiburg gelernt habe), der andere auf jenes aus dem aufrechten Handgelenk, ein Dritter auf jenes aus dem Unterarm. Ein jeder macht es eben anders. Oder wie er Läufe lernt, ob seine Intonation dabei aus der Beherrschung der Lagen kommt oder ob er nach Fingersätzen greift, ob er nach Intervallen oder einfach nach Gehör spielt oder gar nur aus der - wie er es nennen mag - Emotion und dem Klangbedürfnis heraus, das entscheidet jeder für sich selbst, wie es ihm am besten gelingt. Hauptsache, er kriegt's wirkungsvoll hin. Ebenso: wie ein Schauspieler seine Rolle zu spielen hat kann ihm letztlich kein Regisseur vermitteln, das muß der Schauspieler wohl selbst herausfinden. Lernen muß also jeder für sich allein, das Entscheidende lernen Menschen allemal autodidakt: das Lernen selbst. Auch das Training des Denkens, des Denkens von Worten in unserem Fall, ist letztlich jedem selbst anheimgestellt.
So entsteht die Diktion eines Menschen als etwas höchst persönliches. Für mich ist die Diktion eines Menschen wie der Fingerabdruck des Charakters auf die Denkungsart und die Ausdrucksweise. Es gibt Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Sprache, Rhetorik und Diktion. Oft schon habe ich im Internetz, wo man sich ja nur per Tastatur und virtuell begegnet, Gesprächspartner damit verblüfft, daß ich ihre Wesensart schon nach 30 Minuten an ihrer Diktion erkannte, ja sogar Alter, Geschlecht, Haarfarbe und Schuhgröße herausfand - die Hautfarbe rauszuhören habe ich bisher aber nicht geschafft. :-() > ). Jeder Mensch hat seine eigene Diktion. Diese muß er einsetzen. Rede wie Dir der Schnabel gewachsen ist, aber trainiere Deinen Brejen (brain) und Deinen Schnabel.
Viele haben Schwierigkeiten damit, von sich selbst zu sprechen. Sie fürchten, sich damit zu sehr vor den Anderen zu offenbaren. Wer redet muß sich aber offenbaren. Er offenbart sich ja auch, wenn er Unwichtiges erzählt, schon durch seine Erscheinung: sein Körper spricht, seine Diktion verrät ihn, seine Ängste werden sichtbar, er stellt sich selbst dar.
Es gehört viel Mut dazu, zu sich selbst zu stehen, so zu erscheinen, wie man tatsächlich ist, das zu vertreten, was man wirklich denkt. Das ist auch eine Offenbarung seiner selbst. Wie kann ich mich aber offenbaren, wenn ich mich verberge? - Wie soll ich jemand davon überzeugen, etwas zu tun, was ich für richtig halte, wenn ich mich verberge aus Angst davor, „ent“-deckt zu werden? Wie kann ich jemand für mich gewinnen, wenn ich nicht dazu stehe, wer ich bin ? Letzten Endes ist alle Kunst Selbstdarstellung. Ob Sie singen, malen, schreiben oder reden, überall tun Sie es selbst. Ihre Umgebung, Erbanlagen und Erfahrungen haben Sie geformt. Sich selbst darzustellen ist nicht so leicht, wie es aussieht und aussehen muß. Es gehört Mut dazu. Doch nur wer wagt gewinnt.
Jeder muß zu seinem Schaden oder Vorteil seinen Acker selbst bestellen und sein eigenes kleines Instrument im großen Konzert des Lebens spielen (Dale Carnegie).
Es gibt kein Rezept für eine "gute" Rhetorik (das heißt aber nicht, daß es nicht gute Rezepte gegen schlechte Rhetorik gibt). Es gibt nur eine persönliche Rhetorik. Ein Beispiel: ein Schauspieler mag sein Handwerk wohl lernen können. Wie er allerdings seine Rolle spielt, wird ihm letztendlich niemand zeigen können, das muß er für sich selbst entwickeln. Der Regisseur will mit dem Darsteller gestalten, er ist aber nicht sein Schauspiellehrer.
Überhaupt vermag ein Lehrer nur wenig (schätzungsweise 30%) wirklich "beizubringen", zu vermitteln. Er kann nur, und dies hoffentlich wirksam, anleiten, Interesse wecken, Fehler und Fehlerquellen aufzeigen, den Rest muß der Schüler, der Studierende selbständig leisten (man verzeihe mir die Pädagogik in dieser Feststellung, sie ist nicht Kern dieser Erwägung). Ziel des Lernenden ist seine eigene Vervollkommnung, auch die Lernmethode sollte er sich tunlichst selbst erarbeiten und zurechtlegen. Es ist durchaus typisch, daß Menschen, die trotz großer Ambitionen keinen künstlerischen Beruf ergreifen konnten vielleicht mangels (überdurchschnittlichen) Fleiß (laut Goethe ist 'Talent' gleich Fleiß) oder mangels (überragendem) Interesse (laut Brecht ist 'Genie' gleich Interesse), dies darauf zurückführen, daß sie keinen guten oder keinen 'richtigen Lehrer' gehabt hätten. Eine noch schlimmere Selbsttäuschung ist die Ausrede, 'nicht entdeckt' worden zu sein. Es ist typisch für schwache Menschen, die nicht an sich selbst glauben und nichts aus dem eigenen Ich heraus entwickeln können, sondern auf einen Anstoß von außen warten. Damit kommt man aber nicht weit. Ich nenne solches überspitzt die "Eigentlich-Lebensläufe", sie beginnen meist mit dem Wort eigentlich: "Eigentlich wollte ich Schauspieler werden, es hat mich aber keiner entdeckt...". - Ach du grüne Neue: wer soll mich denn entdecken, wenn ich mich nicht selbst entdecke? Sich "entdecken“ heißt aber auch: sich "ent“-decken, und das heißt: sich offenbaren. Dazu gehört Mut.
Man kann selbst mit (nicht von) schlechten Lehrern viel lernen. Das mag vielleicht schwieriger sein, als wenn man verständnisvolle Lehrer hat, zwingt einen andererseits zur Eigeninitiative. Man hat ja im Leben ziemlich regelmäßig Glück (welches man aber erstmal wahrnehmen muß) und wird erfahrungsgemäß öfters 'entdeckt', sofern man etwas zu bieten hat, was andere interessiert und begeistert. Von dieser harten Realität soll sich keiner entmutigen lassen, eher ermutigen.
Das Gleiche gilt für die Rhetorik. Die Hauptarbeit muß jeder für sich selbst leisten. Jeder muß sich seine persönliche Rhetorik erfinden und lebenslang weiterentwickeln. Es gibt allerdings großartige Beispiele, aus welchen wir lernen können und sollten. Es gibt z.B. vorbildliche Möglichkeiten für Vereinfachung und gleichzeitige Folgerichtigkeit (Stringenz) und Schlußfolgerung (Konklusion) in der Formulierung, die nicht das Problem unredlich vereinfachen, sondern die verbale Form, dadurch die Wortfindung vereinfachend verstärken. ("Je komplizierter das Gesagte wirkt, desto weniger wurde es durchdacht.") An solchen Beispielen kann man lernen. Solchermaßen qualifiziert vereinfachte Formulierungen überzeugen mehr. Das stimmt ebenso im negativen und unredlichen Fall: Simplifizierung der Problematik überzeugt unkritische Gemüter schneller und radikaler, etwa: "...die Ausländer nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg", das ist unfaire und demagogische Rhetorik. Diese Simplifizierung ist hier aber nicht gemeint. Einfachheit in der Rede muß nicht gleich Primitivität, keine "Versimpelung" sein, sondern kann vielmehr die Kunst sein, sich gegenüber jedem anderen klar und verständlich und dennoch so schlicht wie möglich auszudrücken. Die Kunst ist, die kompliziertesten Zusammenhänge sehr einfach auszudrücken. Mein schönstes Beispiel in dieser Einfachheit ist ein Satz von Erich Kästner: "Es gibt nichts Gutes. Außer man tut es."
Es gibt exemplarische Beispiele für wirkungsvolle Sprache und Sprachgewalt in Formulierungen und Gleichungen, Formen und Gliederungen, Abfolgen und Stringenz (das ist die zwingende Schlußbündigkeit) und dergleichen, in der antiken und der klassischen, gleichermaßen in der modernen Rhetorik, aus welchen wir lernen können. Rhetorik erfordert Sprachkenntnis, diese muß immer kritisch sein, da Erkenntnistheorie erstmal Sprachkritik ist. Sprachgewalt ist zugleich Sprachkenntnis und Wissen von der Sprache, Reichtum an Sprache. Aus diesem Grund werden hier auch linguistische Dinge angesprochen, die Herkunft der deutschen Sprache, der Vergleich zu anderen Sprachen. Andere Sprachen haben eine andere Rhetorik als die deutsche Rhetorik. Die deutsche Rhetorik bedient sich der Eindeutigkeit der Begriffe, der Sprache und der Bilder (z.B. Joschka Fischer über Kohl: "Drei Zentner Vergangenheit"). In Ermangelung an Eindeutigkeit von Begriffen bedient sich z.B. die englische Rhetorik dagegen des kunstvollen Zusammenhangs der Sätze. Nehmen Sie daher keine Beispiele aus der englischen Rhetorik, höchstens aus deren Methoden (z.B. Dale Carnegie).
Wenn Sie ein Redethema suchen: Definieren sie einen Begriff !
Meist ist dies bereits eine vollständige Rede. Sofern Sie jedoch in einer Rede eine Begrifflichkeit definieren, die zum Thema gehört, sollte diese Definition zwar so klar und eindeutig sein wie möglich, jedoch so knapp wie irgend möglich, sonst ufert dieser eine Punkt ihrer Rede zu sehr aus. Jede Rede ist weltanschaulich. Sie können aber nicht in jeder Rede ihre gesamte Weltanschauung ausdrücken.
Wichtig in einer Rede sind die Definitionen der Begrifflichkeiten. Wie oft erleben wir, daß Leute völlig aneinander vorbeireden, weil jeder vom gleichen Wort eine andere Definition hat.
In der heutigen Zeit, wo Glaubensdinge zunehmend verloren gehen, weil die Kirchen ihre Glaubensfähigkeit verlieren, suchen die Menschen nach festen Glaubenssätzen. Sie fliehen in die Esoterik, in die Mystik, in Sekten und Scheinkirchen (wie etwa die Scientologen). Umso mehr fallen sie auf dogmatische Thesen herein. Das macht nämlich weniger Mühe, als sich die Realitäten und die Probleme genau anzusehen. Erkenntnis kann manchmal schmerzhaft sein, weil sie bisher weniger reflektierte und vielleicht liebgewonnene falsche Voraussetzungen zerstört. Es ist leichter, in der Abtreibungsfrage von "Mord" zu sprechen, als über die Probleme der Überbevölkerung, als über soziale Probleme, als über Probleme, die alleine die Mutter bewältigen kann. Es ist leichter an ein Dogma zu glauben als eine Erkenntnis zu erringen. Umso nötiger ist die Definition und die Interpretation von Begrifflichkeiten. (weiteres siehe im Abschnitt "Definition der Definition")
Die Polemik definiert nicht, sie stellt dogmatische, ideologische Behauptungen als wahr hin. Umso nötiger ist also die Definition der Begrifflichkeiten in der Rede. Konfuzius sagte: "Wenn die Begriffe nicht klargestellt sind, dann treffen die Worte nicht das Richtige. Wenn die Worte nicht das Richtige treffen, dann kann man in seinen Aufgaben keinen Erfolg haben, dann können Ordnung und Harmonie nicht blühen. Wenn Ordnung und Harmonie nicht blühen können, dann sind die Strafen nicht gerecht. Wenn die Strafen nicht gerecht sind, dann weiß das Volk nicht mehr aus noch ein." Eindeutige Begrifflichkeiten sind also nicht nur für die Rhetorik sondern für die ganze Gesellschaft wichtig.
Die Literaturbeispiele im Anhang befassen sich mit Rhetorik und sind selbst rhetorische Beispiele. Wir können diese als Vorbilder nutzen. Wichtig bleibt, daß jeder seine eigene Rhetorik und Sprache weiterentwickelt. Sich überzeugend ausdrücken zu können kann jedem nur von allergrößtem Nutzen sein. Den Spruch: "ich bin künstlerisch nicht begabt..." lasse ich hier nicht gelten, es geht nicht darum, Künstler zu werden. Jeder Mensch hat (mehr oder weniger) kreative und künstlerische Fähigkeiten, die es auszubilden gilt. Die meisten vernachlässigen diese ihre Fähigkeiten oder wurden durch die Erziehung davon regelrecht abgehalten, abgeschreckt, oder sie waren vielleicht durch ihre soziale Herkunft benachteiligt, gehindert, davon Kenntnis zu erhalten, diese Fähigkeiten zu wecken und auszubilden. Sie haben es dadurch schwerer, erlernbar ist dies alles aber in jedem Alter. Ich will damit Mut machen, an sich selbst immer weiterzuarbeiten zur Entfaltung der kreativen Eigenschaften. Nicht jeder, der sich rhetorisch weiterbildet, wird naturgemäß der allergrößte und einzige Redner, sicherlich wird er jedoch als Redner und in seinem Denkvermögen immer besser, und das ist höchst erstrebenswert. Mit seinen rhetorischen Fähigkeiten befindet man sich bestenfalls permanent in der Weiterentwicklung. Man kann gar nie auslernen.
Im Kapitel "Rhetoren / Die Geschichte der Rhetorik" wird in einer historischen Exkursion kurz auf die Geschichte der Rhetorik (Antike / Mittelalter / Neuzeit) eingegangen, und im Kapitel Formen der klassischen Rhetorik die klassische Rhetorik vorgestellt. Die ‘klassische’ Rhetorik ist überholt. Diese ist zwar sehr kunstvoll, und viele Elemente benutzen wir heute noch, sie setzt ihre Wirkungsmöglichkeiten sicherlich ein, beschränkt sich jedoch mehr auf Stilistiken, weniger auf Kommunikation.
Zur Stilistik in der Rhetorik:
Historische Stilarten sind im allgemeinen epocheprägend gewesen, der Barockstil etwa hat den Barock bestimmt. Doch wußte Bach nicht, daß sein Stil barock war. Heutzutage sucht jeder seinen eigenen "Stil" als "individuelle Note", die jedoch vorwiegend als Massenware angeboten wird. ("Kaufen Sie sich Ihre Individualität von der Stange...") Ich nenne das Machart (oder "Masche"), nicht Stil. Über die Definition von Stil herrscht infolgedessen eine von der Mode und vom Kommerz initiierte heillose Verwirrung. Diese hauptsächlich ist die Ursache für meine Vorbehalte und meine tendenziell ablehnende Haltung zu Fragen eines absichtlich vorangestellten und einengenden persönlichen Stils als einem Gestaltungselement, mit dem größere Wirkung erzeugt werden soll. Weitere Ausführungen dazu finden Sie im Kapitel "Redestil (Stilistik, Ästhetik, Redestil).
Sich selbst von vornherein auf einen Stil festzulegen ist also einengend, wenig kreativ und wenig entwicklungsfähig. Meist steckt hinter der Selbstcharakterisierung auf einen bestimmten Stil doch vorwiegend Eitelkeit, Masche, wenn nicht gar Epigonentum, also eine unschöpferische Nachahmung großer Vorbilder. Eine absichtlich eingesetzte Stilisierung mag kunstvoll klingen, wirkt in einer Rede für heutige Ohren aber angeberisch und aufgesetzt und verbraucht sich schnell. Ich habe zuerst Komposition studiert und komponiere nach wie vor. Als ich gefragt wurde, in welchem Stil ich schreibe, habe ich geantwortet: das überlasse ich den Historikern. Da diese das - wenn überhaupt - erst nach meinem Tode feststellen ist die Frage nach dem Stil für mich völlig irrelevant.
Zur Ästhetik in der Rhetorik:
Wenngleich ich eine Stilistik nach dem Vorbild der klassischen Rhetorik kategorisch ablehne, beinhaltet der Begriff 'Redekunst' doch eine ästhetische Kategorie. Wir erfahren als Hörer von Reden ja auch, daß eine Schönheit der Sprache uns sinnlich anspricht, daß eine Ästhetik in der Formulierungskunst durchaus Wirkung hat und uns anspricht. Auf eine gewisse Art ist dies ebenso Vortragskunst wie das Schauspiel, jedoch darf ein Redner niemals ästhetizieren oder gar "schauspielern"! (Auch ein Schauspieler darf nicht "schauspielern".)
Ästhetik ist die Wissenschaft von den Gesetzen der Kunst, besonders vom Schönen. Ästhetik verfeinert. Dagegen bedeutet "Ästhetizismus" eine einseitig die Ästhetik betondende Lebenshaltung, zu "ästhetisieren" wird in der Kunst abgelehnt, weil dies eine einseitig nur nach dem Schönen urteilende und gestaltende Kunst ergäbe.
Sofern Ästhetik in der Rede eingesetzt wird, kann dies immer nur auf ganz persönliche Weise geschehen. Die Sinnlichkeit des Auditoriums anzusprechen kann aber sehr wirkungsvoll sein und darf nicht unterschätzt werden, sofern dahinter die gestalterische Persönlichkeit des Redners steht: dieses Phänomen fasse ich - neben anderen Faktoren der Persönlichkeit - unter dem Begriff einer 'persönlichen Rhetorik', einer von der kreativen Persönlichkeit des Redners bestimmten Rhetorik, zu welcher eben auch die gestalterischen und persönlichen Fähigkeiten gehören. Weiteres dazu siehe Definitionen: Redestil und Ästhetik in der Rede, die These vom intelligenten Gefühl.
Rhetorik und Präsentation wird derzeit als ein Bestandteil der verbalen Kommunikation begriffen. Ohne Frage war bereits das historische Verständnis einer Rede als Dialog (den Zuhörer von Erkenntnisstufe zu Erkenntnisstufe zu führen) eine Methode der Rhetorik, die noch heute Gültigkeit hat. Diese Mittel der Interaktion sind jedoch entscheidend erweitert durch neues Wissen und die vielfältigen Möglichkeiten der neuen Medien, die von der Wissenschaft der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation (GWK) erforscht und gelehrt werden.
Selbstverständlich gehört zum Reden noch das Sprechen, die Kunst des Sprechens, also sprechtechnische Fähigkeiten. Diese zu erlernen kann von großem Nutzen sein für Redner. Die zur Zeit geltende neue Falschschreibreform - beschlossen von unkundigen Kultusministern, die ja nicht wegen ihrer fachlichen Qualififizierung sondern aus Parteigründen nominiert wurden - hat die Sprechwissenschaften völlig ignoriert, woraus eine Zerstörung der deutschen Sprache resultiert. Andrerseits kann eine große Rede auch dann sehr wirkungsvoll sein, wenn sie nicht in Bühnendeutsch gesprochen wird sondern mit einem Dialekt-Anklang. Manche Deutsche wie die Bayern (abgesehen von einigen Schauspielern) weigern sich geradezu, hochdeutsch zu sprechen. Man hört sich nach einigen Minuten auf den Dialekt ein. Das muß die Wirkungskraft der Rede nicht zwangläufig vermindern. Wer allerdings Moderator, Redakteur oder Reporter werden will kann Vorteile haben, wenn er bühnendeutsch spricht. Auf Sprechtechnik kann hier nur kurz hingewiesen werden (Definitionen: "Atmung").
Auch wird dieses Handbuch eingehen auf andere theatralische Gegebenheiten und Möglichkeiten, die auch für Nichtschauspieler empirisch erwerbbar sind wie innere Haltung und Körpersprache, Rolle und Sprache des Publikums, des Denkens des Publikums, der wechselseitigen Sphäre des Publikums, also Theater- und Publikumserfahrungen, die ich auf der Bühne gemacht habe, die sich auch Redner gut zunutze machen können.
Wie bereits zu Anfang erwähnt, kann dieses Handbuch lediglich allgemeine rhetorische Grundprinzipien und Formen behandeln. Es will gleichzeitig ein Nachschlagewerk sein, in welchem zu bestimmten Komplexen übersichtlich Erläuterungen, Stichworte, Tips, Checklisten und andere Anleitungen gegeben werden. Das Handbuch soll somit die Übungsreihe "Präsentation: Rhetorik - Moderation" des Verfassers an der Universität der Künste Berlin dementsprechend sinnvoll ergänzen.
Holger Münzer, Februar 2001
Hinweis: