Die klassischen Rhetoren:
Die ersten eigentlichen Rhetoren (bei den alten Griechen Redner, dann auch Lehrer der Beredsamkeit) waren die Sophisten, besonders Gorgias von Leontini, der 427 v. Ch. nach Athen kam. Dort gelangte die Rhetorik (Redekunst) zur höchsten Vollendung.
Die zehn attischen Redner Andokides, Antiphon, Lysias, Isokrates, Isäus, Demosthenes, Äschines, Hyperides, Lykurgos, Dinarchus galten als vorbildlich ("Kanon"). Von den damaligen Lehrbüchern ist noch das wahrscheinlich von Anaximenes von Lampsakos verfaßte erhalten. Isokrates schuf eine mehr formal stilistische, Aristoteles eine mehr praktischen Zielen dienende Rhetorik.
Im 1. Jh. v. Ch. traten der Attizismus, im 2. Jh. n. Ch. die "neuen Sophisten" hervor. In Rom fand seit Beginn des 2. Jhs. v. Ch. die griechische Rhetorik Eingang (Cato der Ältere, Gaius Gracchus). In Cicero erreichte die römische Beredsamkeit ihren Höhepunkt. Mit dem Kaisertum verlor die Rede ihre Aufgabe als Waffe im politischen Kampf. Die Redekunst blieb aber im Mittelpunkt, sowohl der griechischen wie der römischen Bildung, wie besondersQuintilian's Lehrbuch zeigt.
Die
Klassische Rhetorik (Antike bis heute)
siehe dazu auch David Crystal: Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache (ISBN 3 7632 4180 9)
Antike
Die Rhetorik genoß in der Antike ein hohes Ansehen; aus dieser Epoche stammen so bedeutende Werke über die Kunst der öffentlichen Rede wie die Rhetorik von Aristoteles, Institutio Oratoria von Quintilian oder De Oratore von Cicero.
Fünf Tätigkeiten (Schritte) galten als unerläßlich für den erfolgreichen Aufbau einer Rede. Sie sind im folgenden unter ihrer lateinischen (und griechischen) Bezeichnung aufgeführt:
- inventio (heuresis):
die Sammlung des Stoffes und seine sichere Beherrschung
(Zusammenstellung wichtiger thematischer Gesichtspunkte)
- dispositio (taxis):
die zweckmäßige Gliederung
(Gliederung des Materials in einer der Redekunst angemessenen Form)
- elocutio (lexis):
stilistische Ausgestaltung
(Wahl der Sprache je nach Thema, Redner und Gelegenheit) - diese ist heute weniger empfehlenswert, siehe Stil und bei Friedrich Naumann: Redestil.
- memoria (mneme):
die Aneignung, das Einprägen der Gedanken und Worte
(Einprägung der einzelnen Redeteile ins Gedächtnis).
Das Auswendiglernen der ganzen Rede ist heute so wenig üblich wie ihre einfache Vorlesung. Dazu empfehle ich eine andere Methode durch die Vorbereitung der Rede. Der gewandte Redner spricht in Fühlung mit den Hörern, dem Publikum, ist auf Zwischenrufe gefaßt und nimmt sie auf.
- actio (hypocrisis):
der Vortrag, also Haltung des Redners, Wechsel im Stimmaufwand, in den Gebärden usw.
(Vortrag der Rede unter Einsatz der wirkungsvollsten Techniken)
Ich rate ab vom Selbstinszenieren und absichtlicher Selbstdarstellung, von Schauspielerei, von einstudierten Gebärden, Mimik, Gestik und setze dem eher den Gestus in der Rede gegenüber.
Mittelalter
Im Mittelalter wurde die Rhetorik neben Grammatik und Logik Teil des scholastischen Triviums (§65): Theoretiker der Post-Renaissance reduzierten die fünf Teile auf zwei - die »Stilisierung« und den »Vortrag.«. Als Folge davon wurde die Rhetorik in der Hauptsache mit Techniken des mündlichen Ausdrucks in Zusammenhang gebracht, vor allem hinsichtlich des Lesevortrags (das Anliegen der »elocution«). Aufgrund dieser einflußreichen Tradition sind viele der (heute ganz falschen) Ansicht, daß es bei der Rhetorik im wesentlichen um die »verbale Ausschmückung« geht.
Im Mittelalter, das die Redekunst zu den Freien Künsten zählte, wurde die volkstümliche Predigt bedeutungsvoll. Die Renaissance kannte lateinische Reden der Diplomaten; die Humanisten folgten der Redekunst Ciceros und Quintilian's. Die moderne politische Redekunst entwickelte sich besonders im Rahmen des englischen Parlamentarismus (Cromwell, Burke, die beiden Pitt, Fox Sheridan, Lloyd George, Churchill). Nach der französischen Kanzelrhetorik der Bossuet, Bourdaloue, Fléchier kam es zu einem Höhepunkt romanischer politischer Rhetorik in der Französischen Revolution (Mirabeau, Robespierre). Große französische Redner waren später Jaurès, Clemenceau, Briand. In Deutschland traten, nach den pädagogischen Bestrebungen Gottscheds in seiner Redeschule in Leipzig, im 19. Jh. Fichte ("Rede an die Nation") und die Redner der Paulskirche (R. Blum, Gagern, Uhland) hervor, deren Reden dichterisch gefärbt, zum Teil von Schillers Rhetorik beeinflußt waren. Lassalle vereinigte als Redner Leidenschaftlichkeit mit logischer Schärfe, Bismarck wirkte durch die Natürlichkeit seiner Ausdrucksweise. In der Gegenwart sucht die Redekunst an die Gesprächshaltung anzuknüpfen. Schule und Erwachsenenbildung bemühen sich, die Fertigkeit zur freien Rede besonders in der Diskussion zu entwickeln. Für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit ist Rhetorikschulung unerläßlich...
Neuzeit
Zur modernen wissenschaftlichen Behandlung des Themas gehört weit mehr als nur die Beschäftigung mit den effektvollsten Mitteln der Sprache. Man untersucht den gesamten Bereich des gesprochenen und geschriebenen kreativen Diskurses, darunter auch den Sprachgebrauch in den Massenmedien, die Reaktionen des Publikums und die Interpretation der ans Publikum gerichteten sprachlichen Äußerungen. Rhetorik ist also die Analyse von Theorie und Praxis der Argumentationstechniken, sowohl in bezug auf Hörer wie auf Sprecher, auf Autoren wie auf Leser. Im weitesten Sinne untersucht die moderne Rhetorik die Grundlagen sämtlicher Formen wirkungsvoller Kommunikation.
(Lit.: L. Reiners: Die Kunst der Rede und des Gesprächs (1957); H. Lausberg: Elemente der literarischen Rhetorik (2 Bde 1960); H. Biele: Redetechnik (1974); W. G. Hamilton: Das Streitgespräch (1962)
Die alte schulmäßge Redekunst ... hat sich abgelebt.
Der große angelernte Ton ist für uns ein unerträglicher Klang. (Friedrich Naumann)
Gehezu:
Regeln der Klassischen Rhetorik
Die klassische Rhetorik im Internetz:
LARS-Methoden Kurze deutschsprachige Einführung in die Rhetorik.
Kurzgefaßtes Lehrbuch der Rhetorik, das als Einführung in die rhetorische Textproduktion betrachtet werden kann (Uni Heidelberg).
Rhetorik-Linkliste der Uni Tübingen
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