Redenschreiber agieren im Hintergrund, beherrschen die deutsche Sprache perfekt und haben ein enges Verhältnis zu ihren Chefs.
Trotz aller Pannen und Startschwierigkeiten – Kanzler Gerhard Schröder kommt gut an, auch bei den Führungskräften der Wirtschaft. Aus einer Befragung von 200 Managern im Auftrag des Bonner Informationsdienstes „Reden-Berater“ ging der neue Regierungschef als Sieger hervor, gefolgt von Oppositionschef Wolfgang Schäuble und dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Bei den Vertretern der Wirtschaft konnte sich im Redner-Ranking 1998 BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel durchsetzen, vor Arbeitgeber-Chef Dieter Hundt, Jenoptik-Vorstand Lothar Späth und DaimlerChrysler-Lenker Jürgen Schrempp. Tags darauf witzelten Kritiker, das Ergebnis könne nur deshalb zustande gekommen sein, weil die befragten Manager auch nicht besser reden können. Viele jener Menschen, die Verträge mit Jahresgehältern haben, seien eher Stammler mit einem elaborierten Wortschatz, was sich täglich auf Konferenzen und Betriebsfesten zeige.
Kaum Interesse an Rhetorikkurs
Thilo von Trotha, Präsident des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache und langjähriger Ghostwriter von Bundeskanzler Helmut Schmidt, kommt ebenfalls zu dem Schluß, daß deutsche Redner schwache Durchschnittsware liefern. Der Grund: Reden und Ansprachen aller Art sind ein wichtiges Führungsinstrument, doch in der Ausbildung spielt der professionelle Umgang mit der Sprache nur eine geringe Rolle. Während in anderen Industriestaaten, vor allem im angelsächsischen Raum an Schulen und Hochschulen Debattierclubs und Diskussionszirkel zum Regelangebot gehören, sucht man derartige Einrichtungen in Deutschland vergebens. Beate Sohl von der Deutschen Akademie für Public Relations bestätigt: „Das bleibt wohl dem Selbstlernprozeß überlassen.“ Und bei der Frankfurter Akademie für Führung und Kommunikation heißt es, die mangelnde Nachfrage sei dafür verantwortlich, daß ein entsprechendes Seminarangebot fehle. Leitende Damen und Herren aus Politik und Unternehmen, Verbänden und Sportvereinen wagen sich Tag für Tag selbstbewußt aufs Podium, um ihre Zuhörerschaft zu langweilen oder zu nerven.
„Wenn einer spricht, müssen die anderen zuhören – das ist deine Gelegenheit. Mißbrauche sie“, schrieb Kurt Tucholsky schon 1930 in seinen „Ratschlägen für einen schlechten Redner“. Die meisten, die zuhören müssen, weiß auch Jutta Rubach, Inhaberin einer Unternehmenskommunikation-Agentur, wagen es ohnehin nicht, ihren Chef deshalb zu kritisieren. Nur jeder zehnte, so schätzt von Trotha, leistet sich vor einer Rede die Dienste eines Redenschreibers. Dabei könne jeder Vorstand, so der Ghostwriter des Vorstandschefs einer großen deutschen Bank, doch stolz darauf sein, einen Redenschreiber zu haben.
Einen geregelten Ausbildungsgang oder ein formuliertes Berufsbild sucht man in Deutschland vergebens. Häufig sind es Journalisten, die – im Umgang mit der Sprache geübt – den Weg zum Ghostwriter finden. Aber unter den Redenschreibern findet man auch Juristen und Volkswirte, Diplomkaufleute oder Sozialwissenschaftler. Kirsten Kröning zum Beispiel hat Germanistik studiert, für Zeitungen gearbeitet und in der Dramaturgie eines Theaters hospitiert, ehe sie ihre ersten Reden im Frauen- und Bildungsministerium von Schleswig-Holstein schrieb. Heute findet sie als freiberufliche Wirtschaftspublizistin ihre Auftraggeber durch Kontakte auf Kongressen oder die aktive Akquise bei Unternehmen. „Ghostwriting ist ein diskretes Geschäft“, betont sie, denn Redenschreiber erhalten oft vertrauliche Angaben ihrer Auftraggeber. Und sie lernen die Persönlichkeit des Redners genau kennen. „Je sympathischer der Chef, desto besser ist auch meine Leistung.“ Der Ghostwriter des Bankvorstands, der anonym bleiben möchte, selbst Volkswirt, spricht von einem „symbiotischen Verhältnis“ zu seinem Chef, „ähnlich dem eines alten Ehepaares“. Da wird über alles gesprochen, denn Reden und Vorträge für unterschiedlichste Anlässe sind gefragt. Zur Zeit stapeln sich auf seinem Schreibtisch Manuskriptwünsche von der Trauerrede über Steuerfragen bis zur gesellschaftspolitischen Fragestellung.
Der starke Partner im Verhältnis zwischen Redner und Redenschreiber bleibt der Auftraggeber – der Versuch, einen Redner durch ein Manuskript zu beeinflussen oder zu manipulieren, geht immer schief. Also bleibt dem Ghostwriter nichts anderes übrig, als sich seinem Chef anzupassen. Außerdem muß der Ghostwriter immer im Hintergrund bleiben. Nicht jedermanns Sache. „Mir hat das nichts ausgemacht, aber ich kenne einige Redenschreiber, die mit ihrem Ghost-Status nicht klargekommen sind“, sagt Thilo von Trotha. „Sie konnten es einfach nicht ertragen, unter einer Rede oder einem Manuskript ihren Namen nicht zu finden.“
Gute Reden haben ihren Preis. Kirsten Kröning verlangt drei- bis fünfstellige Summen als Honorar, und Thilo von Trotha rät allen Redenschreibern, kein Werk unter 1000 Mark anzubieten. Das ist vielen zu teuer – sie schustern ihre Manuskripte lieber selbst zusammen oder greifen zu Musterreden. Das Loseblattwerk „Reden-Berater“ erreicht mehrere tausend Abnehmer. Seit zwölf Jahren liefern die Bonner „Materialien zum Selbstbau“, wie es Joachim Müller nennt. Wem die Anregungen und Redebausteine nicht ausreichen, der kann über eine Hotline Detailfragen stellen.
Zitate berühmter Zeitgenossen
Am meisten gefragt sind dabei Chronikfragen, also detaillierte Angaben zu bestimmten Daten und Jahrestagen, sowie Zitate berühmter Zeitgenossen oder historischer Persönlichkeiten. Noch günstiger bietet der Augsburger Kognos-Verlag seinen Kunden „die persönliche Rede auf Abruf“ an. Gegen Nennung von einigen Details kommt das Manuskript innerhalb weniger Tage ins Haus – zum Preis von 19,90 Mark zuzüglich Mehrwertsteuer. Auch Bürgermeister kleiner Gemeinden oder Filialleiter bei Banken und Sparkassen, nutzen diesen besonderen Service, so Iris Gehse vom Kognos-Verlag. Häufig suchen die Redner, so bestätigt auch Joachim Müller, lediglich einen guten Einstieg und einen guten Schluß. „Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit ist der schlechteste Abgang, den man wählen kann.“
HORST PETER WICKEL
siehe auch: "Was Joschka Fischer und Franz Josef Strauß eint" - Redetalent ist rar, findet der Verband der Redenschreiber und bietet Hilfe vom Profi