Redetalent ist rar, findet der Verband der Redenschreiber und bietet Hilfe vom Profi
Von Monika Kappus (Bonn)
Schreiben lernt jeder, Sprechen steht nicht auf den Lehrplänen. Tausende "neue hochinteressante" Jobs könnten entstehen, würden sich nur ein Drittel aller Redner ihre Texte von Profis verfassen lassen. Bislang seien es nur fünf bis zehn Prozent, meint von Trotha und hält es daher für angemessen, Oscar Wilde zu zitieren, demzufolge viele Menschen zu gut erzogen sind, mit vollem Mund zu sprechen, aber keine Bedenken haben, es mit leerem Kopf zu tun.
Konkrete Beispiele mag von Trotha nicht nennen, nicht ausdrücklich bestätigen, daß er die Rede von Kanzler Gerhard Schröder zur Eröffnung des Reichstages lausig fand. Der Verbandspräsident zieht positive Beispiele vor. Franz Josef Strauß und Helmut Schmidt zählt er unter die "besten Nachkriegsredner", wobei nicht unbedingt als Zufall gewertet werden muß, daß von Trotha selbst sechs Jahre lang dem SPD-Kanzler Reden schrieb. Und direkt hinter diesen beiden fällt von Trotha sogar ein Mann ein, der ihn derzeit aufhorchen läßt: "Joschka Fischer wächst in diesen Rang außerordentlicher Redetalente." Das heißt für den Ober-Redenschreiber: in Kürze eine große Gedankenfülle variantenreich in ungestelzter, schlichter Sprache zu präsentieren.
Falsch ist: zu dicht am Blatt vortragen, besserwisserisch daherschwätzen, den Zuhörern die Sorgen vor die Füße werfen - am besten in epischer Breite. Richtig dagegen: Einfluß aufs Auditorium suchen, indem dessen Wirklichkeit und Erfahrungen vital aufgegriffen werden, und in nicht mehr als zwanzig Minuten auf den Punkt kommen. Bislang haben sich aber weder die meisten Redner selbst geschweige denn viele ihrer Ghostwriter professionalisiert, moniert von Trotha. Weshalb letztere per Verband aus dem Schattendasein gelockt werden. Auf bis zu 40 000 schätzt von Trotha ihre Zahl, doch viele seien "durch Zufall" zum Redenschreiben gekommen, etwa als Angestellte, "die den Griffel halten können". 130 haben sich seit Verbandsgründung im vergangenen Juli organisiert.
Ein Regelwerk, um schwarze Schafe auszusondern, fehlt. Dafür aber gibt's eine Empfehlung an die Mitglieder, sich bloß nicht mit niedrigen Honoraren abspeisen zu lassen. In der Regel sollten für einen geschliffenen Beitrag mindestens 1000 Mark berappt werden, sagt von Trotha. Ein Schelm, wer angesichts der angekündigten Diätenerhöhung für Bundestagsabgeordnete hier eine sinnvolle Investitionsmöglichkeit für die Mehreinnahmen der Volksvertreter wittert. Ein Parlamentarier mit Namen Dieter Grasedieck (SPD) findet sich sogar auf der Mitgliedsliste des VRdS - nicht um sich der Zunft der Redenschreiber anzudienen, wie von Trotha betont.
Schließlich soll auch Mitglied werden, wer an der Förderung der deutschen Redekultur etwa durch Debattierklubs an Schulen ganz allgemein interessiert ist. Und wenn die dann auch im Bundestag stattfindet, hat bestimmt keiner was dagegen.
Monika Kappus
[dokument info]siehe auch: "Redenschreiber"