Das Publikum

Nehmen wir zunächst eine Situation aus dem Theater:

Wer ins Theater gehen will, sucht sich die Vorstellung und den Termin vorher genau aus. Er hält sich diesen Abend frei dafür. Er geht nicht ins Kino, sagt Besuche ab. Er richtet den gesamten Tagesablauf nach diesem Abend. Er ißt vielleicht vorher oder plant ein Essen danach. Meist muß er auf das Trinken während der Vorstellung verzichten, d.h. er muß vorher trinken oder auf die Pause oder auf das Ende der Vorstellung warten.

Er geht rechtzeitig los, fährt mit öffentlichen Verkehrsmittel oder seinem, nimmt die Anstrengung einer kurzen Anreise auf sich und bezahlt dafür. Er sucht vielleicht qualvoll einen Parkplatz, zahlt vielleicht auch dafür, nimmt vielleicht gar ein Knöllchen in Kauf, weil er keine Zeit hat, einen besseren Parkplatz zu suchen.

Dann geht er an die Kasse, stellt sich an, vielleicht gar in einer Schlange, wenn er nicht vorbestellt hat. Dann geht er vielleicht nochmal auf die Toilette, dann setzt er sich zehn Minuten vor Beginn in den Zuschauerraum. Und nun kommt das wichtigste: er hält den Schnabel. Stellen Sie sich vor, Sie planen ein Gespräch mit jemand (vielleicht sogar in einer Kneipe), und dieser nimmt die gleichen Widrigkeiten auf sich, kommt rechtzeitig, bezahlt, setzt sich hin und hält den Schnabel: welch bessere Voraussetzungen gibt es für ein Gespräch?

Sie sollten also glücklich sein, wenn Publikum vorhanden ist: dieses will Sie hören, will Ihre Meinungen erfahren, will Sie erleben, will von Ihnen überzeugt werden. Gehen Sie also glücklich zum Rednerpult!

Nun kommt der zweite Teil, die Rede beginnt:

Die Sprache des Publikums

Das Publikum, mit dem ich im Blickkontakt stehe, redet hörend mit (Friedrich Naumann). Es tut aber mehr: es äußert sich. Im Theater konnte ich gut die Sprache des Publikums gut lernen. Es gibt da mehrerlei Möglichkeiten. Das Publikum kann klatschen und seine Zustimmung damit lautstark äußern. Es kann ebenso "buhen", sein Mißfallen äußern. Es kann zustimmend oder ablöehnend pfeifen.

Kommen wir zu den leiseren Äußerungen der Sprache des Publikums. Wenn ich einen entscheidenden Text sage und sehe, daß jemand im Programmheft blättert, weiß ich, ich habe ihn aus dem Bann verloren, ich war vielleicht grade nicht sehr gut. Ebenso ist es, wenn jemand auf seine Uhr schaut und mir signalisiert: wann bist Du endlich fertig? - Dann war ich schlecht. Es kann sich auch positiv äußern: das Publikum kann das Räuspern und Husten verschieben auf eine Stelle, die ich ihm dazu freilasse, nämlich nach Beendigung der mir wichtigen Aussage. Je besser ich bin, desto aufmerksamer hört das Publikum zu, das geht bis zum allerschönsten Moment im Theater: man könnte eine Stecknadel fallen hören. Dann kann ich ganz leise werden, kann nur flüstern, sie werden jedes Wort aufmerksam aufnehmen und verstehen. Wenn das Publikum unruhig wird, weil ich seine Aufmerksamkeit verliere, sollte ich es nicht überbrüllen, dann wird nur der Zwischenquatscher lauter, der etwas zum Nachbarn sagt, um mich wiederum zu übertönen. Im Gegenteil: wenn jemand im Publikum störend mit Nachbarn quatscht, werde ich eher leiser und spreche genau die Ecke an, die stört. Die Betroffenen werden es spüren, und wenn ich dies so lange tun muß, bis das gesamte Publikum sich zu denjenigen umdreht, die quatschten. Das wirkt!

Das Publikum kann aber noch viel mehr: es kann mir helfen. Nehmen wir das Beispiel einer "Spontanrede". Ich fange dreist an zu reden. Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die Länge, gebrauche auch wohl eine Apposition, wo sie nicht nötig wäre und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen (Heinrich von Kleist: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden).Wenn ich im Publikum spüre, als ob mich einer unterbrechen will, erfahre ich: ich selbst habe meinen Gedanken nicht klar genug erkannt, ich muß laut denkend weiter suchen. Und dann kommt irgendwann ein ganz entscheidender Moment: das Publikum deutet mir vielleicht mitten in einem Satz an, daß es verstanden hat, worauf ich hinaus will. Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht; und ein Blick, der uns einen halbausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt uns oft den Ausdruck für die ganze andere Hälfte desselben. Ich glaube, daß mancher große Redner in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen. (Kleist)

Die Rolle des Publikums

Die Rede kommt überhaupt erst zustande durch die Praxis, d.h. durch das Reden selbst. Zum Reden gehört das Publikum, das Auditorium, mit dem ich rede. Reden ohne Publikum ist ein Selbstgespräch. Ein Rede-Entwurf ist noch keine Rede, sondern lediglich die schriftliche Festlegung dessen, was ich als Rede plane. Beim Reden selbst erst kommt das Wichtigste zum Tragen: das Überzeugen des Publikums. Ohne Publikum ist somit keine Rede möglich.

Eine schriftlich vorliegende Rede sollte möglichst das sein, was tatsächlich geredet wurde. Daß eine Rede, die vorher bereits schriftlich vorliegt, exakt den gleichen Wortlaut hat wie die tatsächlich gehaltene Rede, dies ist das Kunststück der Vorbereitung. Aber selbst, wenn ich eine Rede nachlese, ist die Wirkung eine andere, als wenn ich sie miterlebe! Beim Reden ist das Publikum selbst Mitspieler, Dialogpartner, ist die Situation, die Stimmung im Saal oder auch die "Großwetterlage" und andere Umstände und eben auch der akute Vorgang des Haltens der Rede ganz entscheidend.

Ich nehme wiederum ein Beispiel aus dem Theater: Eine Bühne voller Schauspieler, die ein Theaterstück spielen, ohne daß Publikum im Saale ist, ist bestenfalls eine Probe. Ein Schauspieler, der auf der Straße ganz alleine spielt, ohne Bühnenbild, ohne Vorhang, der aber die Passanten dazu bringt, stehen zu bleiben und zuzuschauen, der stellt damit das "Faszinosum Theater" her. So ist dies auch bei der Rede.

Schöne und gute "Reden", die gehalten wurden, die ich aber nicht gehört habe, die ich jedoch später lese, weil sie schriftlich vorliegen, haben nicht die Wirkung einer Rede, die ich selbst erlebe. Mein Erleben ist also wichtig. Gelesene Reden sind eben nur "Artikel" oder "Aufsätze" oder dergleichen, sind Literatur oder auch Journalistik. Und selbst wenn der Text gut "rednerisch" formuliert wurde, wie dies im Journalismus ja empfohlen wird (d.h. kurze Sätze, einfache Grammatik, keine endlosen Schachtelsätze, möglichst wenig Fremdwörter und Fachausdrücke, kein Polizistendeutsch), ist dieser Text noch immer keine Rede, da der entscheidende Faktor fehlt, nämlich der Dialogpartner, das Publikum, das Miterleben des Publikums, das Mitreden des Publikums, das hörend mitredet. Rede ist immer Dialog.


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