Das Denken des Publikums
(von Prof. Dr. Anton Austermann in: "Kurt Tucholsky, der Journalist und sein Publikum", Serie Piper München 1985)
»Tucholskys Ausgangspunkt für theoretische Reflexionen und praktische Recherchen zur Wirklichkeit des Publikums ergibt sich aus solchen Fragen: Was ist in den Köpfen der Leute, wie setzt sich das zusammen, sind in diesem Material und seiner Strukturierung im Laufe der Jahre Änderungen beobachtbar? In pädagogischer Sichtweise geht es um Wissenszusammenhänge von Adressaten. Tucholsky hat zwar selbst diesen Begriff nicht benutzt, aber über das mit ihm gemeinte Phänomen häufig nachgedacht, es in seinen Konkretisierungen aufzuspüren versucht. Mit dem "erworbenen Zusammenhang des Wissens" ist nichts anderes gemeint als die "sprachlich erschlossene Erfahrung" (vgl. Dr. Jürgen Henningsen: "Theorie des Kabaretts", Ratingen 1967; vgl. Henningsen: "Erfolgreich manipulieren" a. a. O.), das ‘Rohmaterial’ von Lernprozessen. Wann immer zwischen Menschen kommuniziert wird, gelingt dies nur dann, wenn es im Medium gemeinsamen Materials, gemeinsamen Zeichenvorrats stattfindet. Führt die Konfrontation mit fremder Erfahrung, fremdem Wissen zur Integration in die bisherige Erfahrung eines Individuums, so spricht man von einem Lernprozeß. Integration heißt dabei nicht nur Addition, sondern kann sich gerade auch in der Umstrukturierung ‘alter’ Wissenselemente andeuten. Änderungen in Struktur und Materialbestand der Gedankenwelt größerer Menschengruppen lassen sich als Indizien gesellschaftlichen Lernens interpretieren.
Was ein Lernprozeß in all seinen Einzelheiten ist, wie seine genaue Verlaufsform aussieht, welche psychischen Tiefenschichten wie mit im Spiel sind, ob gattungsgeschichtliche ‘Instinktreste’ noch Bedeutung haben - solche ‘internen’ Fragen bleiben mit dem Konstrukt "Wissenszusammenhang" bewußt ausgeblendet (vgl. Henningsen s.o.). Es geht um Greifbares, Beobachtbares, um die Steuerungsversuche von Sendern, Lehrern, Journalisten und um das, was sich auf der Empfängerseite, bei den Adressaten, tatsächlich ereignet hat. Was muß der tun, der Wissen erweitern oder ändern, der also Adressaten etwas "beybringen" will? Er muß zunächst den vorgegebenen geistigen Horizont seiner Adressaten kennen, um daraufhin seine "Methoden des Beybringens" zu entwickeln. Außerdem muß er aber auch Resultate und Konsequenzen der ohne sein Zutun ohnehin stattfindenden Lernprozesse im Auge behalten. Das Denken des Publikums wird von vielen Instanzen mit unterschiedlicher Dauer und Intensität fortwährend beeinflußt, es ist ‘historisch’ ständigem Wandel unterworfen.«
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