Gut, dass sie drüber geredet haben
Rhetorikschlacht über die "Evaluation eines Studienganges" an der Hochschule der Künste
|
"Trotz unseres Diploms in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation können wir nur mit drei Prozent der Weltbevölkerung kommunizieren!", sagt Rednerin 12 und hält sich noch etwas nervös am Rednerpult fest. "Wir alle hier haben einen der begehrtesten Studienplätze Deutschlands", fährt sie fort, "doch was lernen wir schon?" Die sechste Berliner Redeschlacht ist in vollem Gange. Rund achtzig Studenten des Fachs Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation (GWK) haben sich in der Hochschule der Künste (UdK) eingefunden, um ihre frisch erworbenen Rhetorikkünste unter Beweis zu stellen.
"Alles Werbung oder was? oder ...gut dass wir evaluiert haben!" war das Thema, das Rhetorik-Dozent Holger Münzer für den Redewettstreit am vergangenen Donnerstag ausgewählt hat. Fast jedes Jahr gibt es eine derartige Veranstaltung. Doch bisher sorgten nicht ganz ernstzunehmende Themen wie "Braucht das Kaninchen Stoßzähne?" für temperamentvolle Redebeiträge und zahlreiche Zwischenrufe. Das war in diesem Jahr anders. Das Thema Evaluation wird ohnehin lebhaft in der Fakultät für Gestaltung der UdK diskutiert, denn eine Selbstevaluation des Faches steht demnächst an. Grund für Münzer, dieses Thema für den Rhetorikwettbewerb zu wählen. Die Debatten des englischen Unterhauses dienten als Vorbild für den Berliner Redewettstreit. Beide gegeneinander argumentierende Parteien wurden mittels eines rotweißen Plastikbandes getrennt, persönliche Beleidigungen verboten und die Redezeit auf drei Minuten beschränkt. Eine fünfköpfige Jury aus Dozenten und einem Studenten der UdK verfolgte die Redeschlacht, um anschließend den Preis in Form einer Sektflasche zu vergeben. "Eine Caféteria zum Kommunizieren fehlt im Gebäude in der Mierendorfstraße", bemängelt Redner 32. Gelächter unter den Zuhörern. Deutlich von der Publikumsreaktion auf seine Kritik über fehlende studentische Einrichtungen aus dem Konzept gebracht, verläßt er fluchtartig das Rednerpult. |
Andere Redner beherrschten das Bilder leerer Worthülsen schon recht gut: "Auch die Evaluation verspricht keine blühenden Landschaften", äußert die Rednerin Nummer 37 in Anlehnung an den Ex-Kanzler Kohl.
Die Debatte wird nach einiger Zeit etwas zähflüssig, zu spontanen Zwischenrufen kommt es auch nach eindringlicher Ermunterung seitens des Redeleiters nicht. Rednerin 29 mit spanischem Akzent und Temperament belebt das Geschehen wieder. "Warum ist der Computer-Pool der GWK-Studenten fast immer leer?", fragt sie und schaut kämpferisch in die Runde. "Weil er in einem Gebäude an der TU untergebracht ist, aber die Vorlesungen am Mierendorffplatz stattfinden". Über die weiten Entfernungen, die GWK-Studenten zwischen ihren Institutionen zurücklegen müssen, haben schon andere Redner vor ihr gesprochen, doch durch ihre beherzte Rede kann sie den Aussagen deutlichen Nachdruck verleihen. Das fand auch die Jury, denn sie überreichte der passionierten Rednerin den ersten Preis. Eine feurige Schlacht war der sechste Berliner Redewettstreit nicht, fand auch Dozent Münzer. "Das lag sicherlich an dem komplexen Thema", meinte er abschließend. Über die rhetorische und inhaltliche Qualität der Beiträge zeigte er sich dennoch begeistert - und sammelte diese am Ende der Veranstaltung ein, um sie in die Selbstevaluation des Studienganges und dessen anschließende Verbesserung einzubeziehen. Renate Kossmehl |