Die hohe Ehre, helle Freude, und nicht zuletzt dank
der Eberhard-Schöck-Stiftung der stattliche Scheck, die
einem Deutschsprachigen zuteil werden, der als erster
den Jacob-Grimm-Preis erhält; ihn nicht irgendwann
erhält, sondern zum hundertfünfzigsten Jahrestag der
Gründung des Deutschen Wörterbuchs: 1850 begann Jacob
Grimm mit dem ersten Band von A bis Biermolke, drei
Jahre später erschienen; dies alles samt dem Vergnügen,
anläßlich eines Sprachpreises dankbar unsere Sprache
preisen zu dürfen -, sie könnten einen den Maßstab
verlieren lassen! Doch leider gibt es da - mir als
Wahl-Basler seit achtunddreißig Jahren stets gegenwärtig
und alles andere als beflügelnd -, den erheblichen
Freude-Dämpfer, daß Jacob Burckhardt, nur elf Jahre
nach Jacob Grimms Tod, die - so der Titel: - "kommende
Weltherrschaft der englischen Sprache" prophezeit hat!
Mit der schauerlichen Folgerung, Zitat: "Die Rettung
deutschgeschriebener Bücher kann nur ihre Übersetzung
ins Englische sein." So Burckhardt 1874, doch noch heute
nicht gedruckt dieser Vortrag, vor dem Verein junger
Kaufleute in der Aula des alten Museums ... Diese
geniale Voraussage ist nach hundertsiebenundzwanzig
Jahren keine mehr, sondern eine Tatsache. Der
Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat mich im
Oktober informiert, daß Deutschsprachige im Jahr 2000
5.519 Bücher aus dem Englischen übersetzt haben, doch
Englischsprechende aus dem Deutschen nur 248 Bücher. Wir
haben 2.058 belletristische Werke aus dem Englischen
übersetzt - die Englischsprechenden von uns 38!
Was da Burckhardt bereits als bedrückende Gewißheit
aussprach, hat zuweilen auch schon Jacob Grimm als
Vorahnung beunruhigt; anders sind einzelne Sätze, ja
Beschwörungen in seinem Vorwort zum Deutschen Wörterbuch
gar nicht zu lesen. Für uns heute, da längst unsere
Sprache nicht nur mehr bedroht ist, sondern weltweit
schon durchs Englische verdrängt, auch deshalb weil gar
nicht zugelassen in den internationalen Gremien wie
Unesco oder EU, - für uns heute sind Grimms Vorahnungen
vor anderthalb Jahrhunderten nicht mehr bloß
alarmierend, sondern längst zu beklagende
Verlust-Anzeigen! Grimm schreibt im 6. Kapitel: 'Fremde
wörter', ich zitiere:
der "ausländerei und
sprachmengung" solle sein Wörterbuch "keinen vorschub,
sondern will ihr allen redlich abbruch thun,
geflissentlich aber auch die abwege meiden, auf welche
von unberufenen sprachreinigern gelenkt worden ist. ohne
an der schönheit und fülle unserer sprache selbst wahre
freude zu empfinden, strebt dieser ärgerliche purismus
das fremde, wo er seiner nur gewahren kann, feindlich zu
verfolgen und zu tilgen".
Diese Sätze, die Grimm freisprechen von jedem
Verdacht nationalistischer Deutschtümelei, legitimieren
ihn dann doch absolut zu seinem Dekret:
"Zur annahme
fremder wörter bewog unser alterthum nicht nur ihr
fester zusammenhang mit der überlieferung der kirche und
schule ... Allmälich begann jener widerwille gegen den
fremden laut sich abzustumpfen und ... den fremden
wörtern wurde der zutritt ohne noth erleichtert: man
suchte nun eine ehre darin, das heimische aufzugeben und
das fremde an dessen stelle zu setzen. Es ist pflicht
der sprachforschung und zumal eines deutschen
wörterbuchs dem maszlosen und unberechtigten vordrang
des fremden widerstand zu leisten ..."
Die Großtat: Grimmsches Wörterbuch hat ein Philologe
einen "Pyrrhussieg der Germanistik" geschimpft, aber was
heißt das schon. Erstens gibt es überhaupt, wenn Siege,
nur Pyrrhussiege; zweitens ist der Vorwurf, durch die
Vorbehalte der Grimms gegen "fremde Wörter" fehlten zum
Beispiel die Worte Demokratie und Kultur, zu
relativieren. Denn der Band, der das Wort Kultur hätte
enthalten sollen, ist erst 1873 erschienen, also zehn
Jahre nach Jacobs Tod ...
Rührend und immerhin die Macht der Sprache überhaupt
dokumentierend, daß Jacob Grimms Hoffnung in der
Vorrede: Sein Wörterbuch solle Ausdruck sein einer -
wörtlich - "erstarkten Liebe zum Vaterland und
untilgbaren Begierde nach seiner festeren Einigung" -
tatsächlich die Spaltung in Besatzungszonen 1945
überlebt hat: Denn während der Spaltung zwischen Ostzone
und Westzonen wurde noch in den Trennungsjahren dieses
einst von Friedrich Wilhelm IV. finanzierte "historische
Monument", nach abermals dreiundneunzig Jahren: 1961 in
Göttingen und Ostberlin mit dem 32. Band zu Ende erbaut.
Die nun endlich A - Zypressenzweig 350 000 Worte
enthaltende deutsche Wörterschatz-Kammer!
Im August dieses Jahres hat der Chronist der Mühsal
mit dieser "Naturgeschichte der Wörter": Ralf Berhorst
in der 'Süddeutschen' den 40. Jahrestag des vorläufigen
Abschlusses gefeiert; hat auch so närrisch-pikante
Einzelheiten überliefert, die unsere Nachwelt nur mit
erbitterter Ironie angesichts unseres ewig
deutsch-deutschfeindlichen Charakters lesen wird, der
sogar noch "an diesem riesigen Wortmassiv ... Spuren
hinterlassen hat": Die Ostberliner Gelehrten hatten im
SED-Staat ihre Mitarbeit am Grimm dadurch rechtfertigen
müssen, die DDR dürfe doch "das Wörterbuch nicht dem
Klassenfeind überlassen" ...
"Man hütete sich, die andere Seite durch ideologische
Einsprengsel zu sehr zu provozieren. Kontakte gab es nur
unter diplomatischen Verrenkungen, die
Arbeitsstellenleiter durften sich lediglich in ihren
Privatwohnungen besuchen. Einer der Redakteure,
Wilhelm Braun, hat vierzig Jahre am Grimmschen
Wörterbuch mitgeschrieben. Allein für die Präposition
'an' wühlte er sich ein Jahr lang durch 17000
Zettelbelege. Er sei jedoch um so faszinierter gewesen,
je länger er dabei war. Jedes Wort habe ihn entführt in
neue Wissensregionen."
Ja, müssen wir mit Karl Kraus hinzusetzen: Und
entführt zu neuen Gedanken, gemäß der Empfehlung des
Wieners: "Man nehme den Gedanken beim Wort und dann
kommt er" - was mindestens jeder, der Gedichte macht,
als wahr bestätigt. "Totalverzettelung" - so lautet der
Terminus technicus, der vor genau 150 Jahren am Anfang
der Wörterbucharbeit stand. Im ganzen Land verzettelten
über 80 Helfer deutsche Literatur von Luther bis Goethe
und trugen so 600 000 Wortbelege für das Alphabet
zusammen.
Total-Verzettelung ist denn auch die so unabsehbare
wie unentrinnbare Gefahr, in die sich jeder begibt, der
in einer halben Dankstunde Jacob Grimm huldigen
will.
Der aber doch zunächst, wenn er auf die Brüder Grimm
zu sprechen kommt, wie selbstverständlich jedermann, ja
wie jeder Erdbewohner, so kann man fast sagen - und die
Brüder Grimm sind die einzigen Deutschen, von denen man
das sagen kann -, der zuerst einmal natürlich dafür
danken muß, daß sie uns ihre Märchen geschenkt haben!
Übrigens bereits als Jünglinge in ihren Geniejahren: Mit
zwanzig, unglaublich, fingen sie an zu sammeln. Erst 27
war Jacob, erst 26 Wilhelm, als die zwei
Unzertrennlichen den ersten Band der Märchen bereits
hatten drucken lassen! Jünglingsleistungen, vergleichbar
allein der epischen Jugendkraft der zwei erst
Fünfundzwanzigjährigen, die 'Werthers Leiden' und
'Buddenbrooks' schon veröffentlicht hatten. Aber da
sogenannte Kinderlektüre, wird stets übersehen, welch
einsam hohen literarischen Rang Grimms Märchen auch
haben! Wer schrieb denn sonst 1812 ein so schlagartig
populäres, weil humorgesättigtes Deutsch? Ja, einer
noch: dreizehn Jahre später als die beiden Grimm, der
unbegreiflich frühreife 23-jährige Wilhelm Hauff!
Die Qualitäten als Dichter, die jene von 'Werther',
von 'Buddenbrooks' auszeichnen - sie sind
selbstverständlich ebenso in jenen zwei noch nicht
Dreißigjährigen, die 'Sechse kommen durch die ganze
Welt' oder 'Die Bremer Stadtmusikanten' gedichtet haben
-, jawohl, nicht nur nacherzählt, denn sonst wäre auch
Herodot kein Dichter gewesen: absurd! Und um hier gleich
zwei der mir persönlich liebsten ihrer Märchen zu
nennen; ich konnte sie mir als Kind nicht oft genug
vorlesen lassen, glaube heute auch zu wissen, warum: ich
war ein oft so trauriger wie auch spöttischer Junge,
tief lebensängstlich, daher ich die optimistischen
Märchen: 'Bremer Stadtmusikanten' und 'Sechse kommen
durch die ganze Welt' am meisten liebte und brauchte zur
Wiederherstellung meines seelischen Haushalts. Sie sind
geschrieben wie nach der Urerfahrung: "Humor ist die
Humanisierung der Wahrheit", eine herrliche Sentenz, die
neulich der SPIEGEL entdeckt hat: Eintrag Thomas Manns
in ein Blog ...
In Grimms Märchen klingt als geistiger Widerhall der
französischen Revolution ihre radikale
Gesellschaftskritik: aphoristisch einleuchtend, wie
beiläufig, gar nicht schulmeisterlich. Ein Beispiel aus
dem ziemlich unbekannten Märchen: 'Der Wolf und der
Mensch': Als einst der Fuchs dem Wolf Angst machte vor
der Stärke der Menschen, der kein Tier gewachsen sei,
bat der Wolf, ihm doch einmal einen Menschen zu zeigen;
ich zitiere: "Zuerst kam ein alter abgedankter Soldat.
'Ist das ein Mensch?' fragte der Wolf. 'Nein, das ist
einer gewesen' antwortete der Fuchs" - worauf der Wolf
den Invaliden nicht angriff. Kann man sarkastischer,
aufklärerischer, mitleidiger - mit einem Wort: so
drastisch wie Voltaire formulieren? Doch
Gesellschaftskritik beschränkt sich viel seltener bei
den Grimms nur auf Mitgefühl für den sozial
Verunglückten - nein, sie ruft meist in den Märchen zur
Rebellion auf! Rebellion legitimiert durch Unrecht. Die
treuen Bremer Stadtmusikanten sind ja nicht spaßeshalber
gegen ihre Peiniger aufgestanden - sondern erst, als die
ihnen ans Leben wollten. Und der Erste der "Sechse" war
"ein Mann" - so beginnt das Märchen -, "der verstand
allerlei Künste; er diente im Krieg und hielt sich brav
und tapfer, aber als der Krieg zu Ende war, bekam er den
Abschied und drei Heller Zehrgeld auf den Weg. 'Wart'
sprach er, 'das laß ich mir nicht gefallen, finde ich
die rechten Leute, so soll mir der König noch die
Schätze des ganzen Landes herausgeben'. Da ging er voll
Zorn in den Wald" - ein Satz, der exakt hundert Jahre
nach Beginn der Arbeit am Wörterbuch 1951, mit Jüngers
'Waldgang' zum imperativen Titel für zivilen Ungehorsam
werden sollte, genau so gemeint wie in diesem Märchen:
"Da ging er voll Zorn in den Wald"; wie auch Schillers
Räuber.
Absurd, daß ausgerechnet wegen der Märchen, die
erzpolitisch sind, den Brüdern Grimm versagt blieb, auch
als bedeutende politische Dichter anerkannt zu werden -
die doch die Brüder selbstverständlich von Natur schon
gewesen sind, diese Zwei der dann so standhaften nur
sieben Göttinger. Andererseits: Hätte man schon im 19.
Jahrhundert in den Märchen aufgespürt, wie politisch die
auch sind - keineswegs nur, aber auch -, sie wären
vermutlich längst vergessen. Denn, wie Frank Wedekind
aus eigener Erfahrung dichten mußte; und auch ich
selber mache diese Erfahrung seit nun vierzig Jahren;
und mußte schon vor dreißig Jahren diese
Wedekind-Zeilen als Motto meinen Aufsätzen: 'Krieg und
Klassenkrieg' voranstellen:
"Ein Schriftsteller, wo
er politisch auch schreibt, in Deutschland ein Schuft
unter Schurken bleibt".
Der dann auch noch wie kein anderer Deutscher
Weltruhm als Komödiendichter hatte, wurde aus
sogenannten politischen Gründen abgestochen wie ein
Schwein, das heißt: wie Kotzebue, über den Jacob Grimm
an Wilhelm aus Paris schreibt, anläßlich des Pariser
Theaters: "Kotzebue hat darin recht seinen Sitz
aufgeschlagen, denn von niemand anderem ist etwas
gegeben". Wilhelm antwortet aus Marburg, indem er aus
einer schweizer Zeitschrift zitiert; denn keine deutsche
hätte so positiv über einen deutschen Dichter
geschrieben; Wilhelm zitiert aus einem Essay: "Toleranz
in der schönen Literatur": Man solle "sich freuen und
stolz darauf sein, einen Mann wie Kotzebue zu haben,
dessen Schauspiele am Ganges und an der Donau, Themse
etc mit allgemeinem Beifall aufgenommen würden, einen
solchen Mann habe keine andere Nation"!
Totgemacht, weil politischer Tätigkeit bezichtigt! In
Deutschland wird sogar Lyrik, wenn sie politisch ist,
als Journalismus abgetan - immer! Freiligrath, Herwegh,
um nur zwei Liquidierte aus Grimms Epoche zu nennen -
obgleich Heine, Burckhardt, Fontane Herwegh als dem
Lyriker ihrer Zeit gehuldigt haben wie keinem anderen:
Heine als der Lyriker nach Goethe; Burckhardt als der
den Musen engstverbundene aller Historiker; Fontane, der
sogar im Gedicht drucken ließ: "Herwegh, Karl Beck und
Dingelstedten erhob ich zu meinen Leibpoeten".
Den Dreien wäre unser heutiger Spleen - der so
engstirnig ist, daß er auch wieder bachab gehen wird,
aber wie viele hat er dann als Autoren vernichtet auf
der Strecke gelassen! - wäre der Spleen der Gegenwart,
Politik "gehöre" nicht in Gedichte, überhaupt nicht
begreiflich gewesen. Heine dichtete an Herwegh den
herrlichen Zehnzeiler: "Herwegh, du eiserne Lerche, Mit
klirrendem Jubel steigst du empor" ...
Und Burckhardts Jugendbriefe, im Biedermeier, stellen
Herwegh höher als jeden anderen zeitgenössischen
Lyriker; zum Beispiel schreibt der
Sechsundzwanzigjährige 1844:
"Ich habe den neuen Band
Herwegh gelesen. Es ist doch noch viel Großes und
Herrliches darin; das Lied an Prutz und: Die deutsche
Flotte, sind Edelsteine. Aber schwach und gemein
zugleich sind mehrere Xenien und das Duett zwischen
Geibel und Freiligrath. Da ist Freiligraths Angriff
nobel und würdig daneben. Geibel hatte es vollends nicht
um Herwegh verdient, so in den Kot gezogen zu werden.
Daneben muß ich Herweghs gänzliche Rücksichtslosigkeit
bewundern; er konnte wissen, wie viele Leser ihm das
sogenannte 'Heidenlied' entfremden müsse, und er hat es
dennoch abdrucken lassen. Im ganzen ist es wehtuend,
diesen zweiten Band mit dem ersten zu vergleichen - die
aufjubelnde Begeisterung und Hoffnung von 1841 mit der
gänzlichen Depression von 1844! - Am Ende steht ein
Gedicht: 'Auch dies gehört dem König' in Terzinen,
welches man lesen muß, um einen Begriff davon zu
haben!"
Jene, die ab der Reichsgründung 1870 Herwegh, Kinkel,
Freiligrath und andere Lyriker, die wir wie den hier
soeben im Fontane-Gedicht genannten Karl Beck schon
nicht einmal mehr dem Namen nach kennen, seit Beginn des
Kaiserreichs verbannt haben - zweifellos nun für immer
verbannt haben - aus Schullesebüchern, Anthologien und
damit überhaupt vom Markt, diese kaiserlich deutschen
Schulbeamten, walteten nach dem Spießercredo des
deutschen Michels mit der Zipfelmütze: "Politisch Lied -
ein garstig Lied": Verräter allesamt der bürgerlichen
Revolution ihrer Väter, der von 1848! Da sie in Blut
oder Verbannung erstickt worden waren, die 48er, so
angeblich, "gehörten" sie so wenig mehr in ein
Schullesebuch wie dann in der Adenauer-Epoche nach dem
Zweiten Weltkrieg alle politischen Märtyrer der Weimarer
Republik, aber auch der Hitlerzeit: Die zwei
Selbstmörder - aus politischen Gründen - Ernst Toller
und Kurt Tucholsky, um auch wieder nur zwei zu nennen,
kommen so wenig vor in der 1953 Maßstab setzenden
Anthologie der BRD: 'Ergriffenes Dasein', wie die von
den Nazis gemordeten Bonhoeffer und Haushofer dort
zugelassen sind - weil sie, warum sonst!, weil sie
politische Gedichte geschrieben hatten. Hätten sie
wenigstens christlich gedichtet, so hätten Holthusen und
Kemp sie geduldet in ihrer Anthologie, die für die
Generation der Nachkriegs-Lehrer - und wann lernten
junge Menschen Gedichte kennen, wenn nicht durch ihre
Lehrer! - die Weichen stellten ... Lustig, daß die
Auswählenden - Holthusen selber war ein guter
evangelischer Lyriker - überhaupt nicht angekränkelt
waren von der Einsicht, die Marx unsterblich gemacht
hat: "Unser Sein bestimmt unser Bewußtsein" - und also
nicht einmal ahnten, daß auch sie eine eminent
politische Entscheidung fällten, als sie sämtliche
Gedichte politischen Inhalts konsequent ausschlossen aus
ihrem 'Ergriffenen Dasein', zugunsten christlicher im
sich christlich gebenden Adenauer-Staat ... Als sei
nicht Christentum ebenso Politik wie das Kommunistische
Manifest! Auch ich habe neulich erfahren, daß die
Kulturministerin Baden-Württembergs meine Erzählung:
'Eine Liebe in Deutschland' als Schullektüre verboten
hat: seit dem Filbinger-Prozeß war sie
Abiturienten-Lektüre gewesen ...
Eine Illusion jedoch, zu glauben, die Nichtzulassung
politischer Autoren in Lesebüchern und zur Mitwirkung im
Theater, im Fernsehen, im Rundfunk, also in allen von
der Gesellschaft: Staat und Städten finanzierten
kulturellen Institutionen in Deutschland; und eo ipso
auch die Aussortierung aller politisch Ärgernis
erregenden Dichter aus dem Kanon der als Schullektüre zu
überliefernden -, dieses Wegwerfen werde jemals
politisch begründet! Nie. Nein, das erfolgt als
Denunziation: Diese Texte "genügten leider sprachlich
literarischen Ansprüchen nicht"! Wie oft auch
meinesgleichen mit diesem Verdikt weggeschmissen wurde -
es gab nicht einen Hinauswurf, nicht einen, der anhand
des Zitierens einiger meiner Zeilen diese Aburteilung
belegt hätte! Verzeihung, doch Selbstverteidigung
geschieht ja nicht nur aus Eitelkeit, sondern meist
notgedrungen ...
Wie sehr auch die Grimms in der leisetretenden
Biedermeier-Gesellschaft als fast nicht zu erwähnendes
politisches Ärgernis empfunden wurden nach ihrem
Hinauswurf in Hannover, dokumentiert seit 1985 im
Insel-Verlag 'Der Briefwechsel Bettina von Arnims mit
den Brüdern Grimm': Allein dieser unerschrockenen Frau
ist es zu denken, daß im Jahr seiner Thronbesteigung
Friedrich Wilhelm IV. den Grimms in Berlin - absolut
vorbildlich - ihre Versorgung zur lebenslänglich freien
Berufsausübung gewährte, vorbeiverordnet an der feigen
Ministerialbürokratie und an seinem Schwager Ernst
August von Hannover, der als König in Deutschland -
englisch mit dem Berliner Kronprinzen über die Grimm
reden mußte, so wenig deutsch konnte er, wenn er
hysterisiert war; und er wurde hysterisch, als der
Kronprinz von Preußen ihm 1838 - Zitat: "frei von der
Leber weg erklärte, daß wenn es von mir abhinge, ich
alles tun würde, um die Brüder Grimm für Berlin zu
gewinnen. - Der König antwortete englisch" - Kronprinz
Friedrich Wilhelm hat englisch unterstrichen in seinem
Brief -, "antwortete englisch, da ihm in anderen
Sprachen die Ausdrücke fehlten, um sein Entsetzen über
meine Ansicht auszudrücken. Er führte aus, daß der
Staat untergehen müße, der Leuten zu lehren erlaube,
welche die u. die Grundsätze hätten" ... Doch sofort als
er König geworden, berief der Hohenzoller die Grimms,
Humboldt schreibt schon am 27.10.1840, noch bevor der
König zu seiner Krönung nach Königsberg aufgebrochen
sei, habe er angeordnet, Zitat: man "solle ihnen beiden,
da sie wie Mann und Frau leben, eine von den Grimms
selbst zu fordernde Pension anbieten" ... Fabelhaft!
Politik und Literatur - so sei denn auch noch daran
erinnert, daß neben Uhland Jacob Grimm der bedeutendste
Autor war, der als Abgeordneter der Paulskirche angehört
hat. Und heute aus Basel kommend, freut es mich, uns ins
Gedächtnis zu rufen, daß Jacob Grimm nur dort, nur in
Basel 1838 seine Schrift über die Entlassung in
Göttingen und die Rückkehr in die Heimat Hessen-Cassel
-, veröffentlichen konnte; in Deutschland verwehrte ihm
das die Zensur. Sie kennen vermutlich die rührende
Stelle in Grimms Verteidigungsschrift: Wie eine alte
Frau, ihren Enkel auf dem Arm, zu diesem sagt, als Grimm
die Grenze zwischen dem Königreich Hannover und dem
Kurfürstentum Hessen-Cassel wieder überschreitet: "Gib
dem Herrn die Hand, er ist ein Flüchtling!"
Jacob Grimm selbst hat keineswegs nur in seiner Rede
zum Schiller-Zentenarium illusionsfrei darauf
hingewiesen, daß Sprache nicht ein dauernder Besitz
ist, deren ein Volk, eine Nation sicher sein können -
sondern daß Sprache verloren gehen kann, zeitweise oder
auch auf ewig wie die Freiheit, die ja auch stets erneut
behauptet, erkämpft werden muß: Grimm selbst war in dem
Jahrhundert geboren, in dem Deutsch noch viel
gründlicher durch das Französische bedrängt, ja
verdrängt worden war als heute durch das Englische;
nicht nur als Amtssprache, sondern auch noch als
Gesellschafts-Rotwelsch. Und so wie die Sprache deren
wertvollste Produkte: Die deutschen Dichtungen! Grimm
sagte da zum Schiller-Zentenarium:
"Längst waren uns
sprache und dichtkunst der eigenen frühen vorzeit
ausgestorben und nur trümmer sind davon übrig geblieben,
die lebensvollen gedichte des mittelalters drückte träge
vergessenheit; als endlich der staub wieder von ihnen
abgechüttelt wurde, vermochten sie nicht mehr warm an
das volk zu treten, aus dessen augen das bild einer
großen einheimischen poesie entschwunden gewesen wäre,
hätten es nicht plötzlich zwei fast unmittelbar am
horizont des vorigen jahrhunderts aufleuchtende gestirne
hergestellt und unseren stolz von neuem emporgerichtet"
...
So Jacob Grimm - wir heute können das nur noch mit
Wehmut zitieren, weil keineswegs mehr zutrifft, was
Grimm nicht nur vorausgesagt, sondern bereits, bevor er
1863 gestorben ist, als längst eingetretene Tatsache
beobachten konnte: Deutsch und deutsche Dichtung waren
dank der beiden: Goethe und Schiller - zur Weltsprache,
zur Weltliteratur geworden!
Das ist vorbei, machen wir uns nichts vor: Der sehr
alte Thomas Mann sagte resigniert, es sei ein
"namenloses Unglück", als Deutscher auf die Welt zu
kommen, wenn man zum Schriftsteller geboren sei; und als
er einen Monat nach Kriegsende, noch lange in der
kalifornischen Emigration, siebzig wurde, reimte ihm
Carl Zuckmayer in der Festschrift:
"Jeder denkt, sein
Englisch wäre gut, wenn er nur den Mund verstellen tut
... Aber ach in Deiner stillen Kammer Spürest Du der
Sprachverbannung Jammer ... Welch ein Glück noch, daß
man seinen Mann Im Stockholmer Urtext lesen kann - !"
Jungen Leuten muß das erläutert werden: Der
Schwiegersohn S. Fischers war mit seinem Verlag aus
Berlin 1935 nach Stockholm emigriert, wo Bermann
vorbildlich während des Krieges die Gesamtausgabe Thomas
Mann deutsch druckte. Zuckmayer hat in diesen 'Kleinen
Sprüchen aus der Sprachverbannung' dem Ausdruck gegeben,
was nicht wenige Autoren, sicher auch Tucholsky, in den
Selbstmord getrieben hat: Die Verbannung aus dem Gebiet
der Muttersprache:
"Die Übersetzung ist ein
Wurzelmesser. Sie kappt und schneidet, wo es keimend
wächst. Das Mittelmäßige macht sie häufig besser, Vom
Bessern bleibt zur Not der nackte Text ..."
So mußte sogar Thomas Mann - von seinem Bruder
Heinrich gab es damals kein einziges Buch in den USA zu
kaufen, der fast Achtzigjährige wäre verhungert nach dem
Selbstmord seiner Frau, die in einer Wäscherei
gearbeitet hatte, würde nicht Schwägerin Katia Heinrich
ernährt haben -, sogar Thomas Mann mußte damals (am
19.12.1948) seufzen, in einem Brief: "Das nächste Mal
wollen wir doch ja woanders geboren werden!" Und noch
mit sechsundsiebzig schrieb er dann dem Schweizer
Erzähler A. M. Frey: "Wir armen Deutschen! Einsam sind
wir im Grunde, auch wenn wir 'berühmt' sind. Niemand mag
uns eigentlich und hat Lust, sich um uns zu bekümmern in
den anderen Kulturen, ein paar germanistische
Spezialisten ausgenommen. [...] Daß die in die
angelsächsische Kultur und Sprache Hineingeborenen sich
um ihre eigene Sphäre und um einander kümmern und
ärgerlich sind, wenn sie sich auch noch um einen
hereingeschneiten und scheinbar anspruchsvollen, in
Wahrheit aber sehr scheuen 'Germanic approach' kümmern
sollen, ist ja nur natürlich ...
Deutsch - weltbürgerlich - als Weltbürger wieder
extrem deutsch - und darin wieder absonderlich, - so
steht man da, gelesen in denaturierenden Übersetzungen,
die jeden ursprünglichen Reiz verwischen, - ein großer
unbeliebter Name. Ich weiß nicht, ob ich sagen darf:
unbeliebt, weil unbekannt. Das Deutsche ist namenlos
unpopulär, das steht fest, und ein deutscher
Schriftsteller zu sein ein großes Malheur, ein nie
aufzuholender Nachteil. In die englische oder auch die
französische Kultur hineingeboren zu sein, was für ein
Vorzug, ein wieviel leichteres Dasein! Deutsch sein
macht scheu. Zur autobiographischen Vertraulichkeit regt
es nicht an.
Auch Sie - wenn Sie englisch schrieben oder
französisch, wieviel besser wären Sie daran! Ihre
Geschichten würden Ihnen nicht versauern und etwas dem
'Verteufelten Theater' Entsprechendes nicht Jahre lang
bei den Verlegern herumliegen, wenn Sie Fry hießen,
statt Frey. 'Ein deutscher Schriftsteller - ein
deutscher Märtyrer', sagt schon Goethe, selbst der!"
Und als Richard II. den Mowbray außer Landes weist
für immer, läßt Shakespeare den Verbannten die
Ausweisung aus dem Sprachgebiet als Todesurteil
empfinden:
"Die Sprache, die ich vierzig Jahr
gelernt, Mein mütterliches Englisch soll ich missen ...
Was ist Dein Urteil denn als stummer Tod, das Heimatlaut
zu reden mir verbot?"
Burckhardt weiß zu berichten, daß die Griechen keine
fremden Sprachen lernten - daher Verbannung auch ihnen
tatsächlich das Todesurteil bedeutete. Aber nicht allein
die Hitlerzeit hat dafür gesorgt, daß
Deutschschreibende nicht gewollt werden.
In Großbritannien und den USA zusammen gibt es am
Theater, seit die Emigranten aus der Hitlerzeit tot
sind, noch einen Menschen - einen: meinen Übersetzer,
den Dramatiker David Robert MacDonald, der Deutsch lesen
kann und am 25. Oktober in Glasgow mein Mozartstück:
'Nachtmusik' uraufgeführt hat. Und kein Trost, da
Englisch herrscht wie einst Jahrhunderte lang das Latein
und das Französische bei uns geherrscht haben, - daß
auch diese beiden Sprachen als Okkupanten, als Herrscher
über das Deutsche schließlich wieder bachab gegangen
sind: Denn das Englische hat ja heute keineswegs wie
damals Latein, später Französisch allein "Gebildete",
die Spitzen der Gelehrten- und Gesellschafts-Welt
übermannt, sondern wird - schon dank des Computers - zur
Volkssprache werden auch bei uns ...
Ich freue mich deshalb, daß ausgerechnet der in
Deutschland populärste englische Dichter Peter Ustinov
im September in 'Welt am Sonntag' begründet hat - eine
durchaus politische Begründung - warum, Zitat: "die
Sprachverwirrung von Babylon das größte Geschenk für die
Menschen gewesen ist, das eine Gottheit den Menschen
machen konnte; und ganz irrtümlich von 'Strenggläubigen'
als Strafe Gottes für die damaligen Missetaten der
Menschheit angesehen wird". ... Denn, so Ustinov, "Durch
das Nichtmiteinander-Redenkönnen kam eine Art Mysterium
ins Spiel, das unüberlegte Aggressionen hemmte und die
Vorsicht auf den Plan rief ... ohne die sich die
Menschheit längst ausgelöscht hätte" ... Ob man bis zu
dieser Folgerung gehen kann - wie sollte ich's wissen,
aber auch ich habe schon vor dreißig Jahren vorgewarnt,
darf ich zitieren:
"Schwächung allein humanisiert
Großmächte, divide et libera. Jeder Staat hat genau das
Maß von Anstand, das dem Maß seiner Angst entspricht. So
ist die tiefste politische Logik im Alten Testament das
Gleichnis von der babylonischen Sprachverwirrung: die
Menschen sollen nicht zur Einheit kommen, zum Weltstaat,
zu einer Sprache. Es wäre das die Auslöschung aller
Freiheit, die ihrer Natur nach niemals in einem Staat,
in einem System, einer Religion oder Partei zu finden
ist - sondern allenfalls zwischen mehreren."
Wie wird man als Autor fertig, meine Damen und
Herren, mit einem solchen Ritterschlag, der erste
Jacob-Grimm-Preis sei einem zugefallen? Nun, ich brachte
Jacob Grimm sieben Sonnenblumen aufs Grab; S-Bahnstation
York-Straße ist die des ehrwürdig alten
Matthäi-Kirchhofs in Schöneberg, auf dem auch am 20.
Juli 1944 in aller Hast die ersten fünf Verschwörer
verscharrt worden sind: Zu ihrem Glück noch erschossen,
nicht wie alle anderen später nackt in Klaviersaiten
erdrosselt ... (Hitler ließ sie dann wieder ausgraben,
verbrennen und ihre Asche wegstreuen.)
Steht man am Grabe der beiden Grimms - die das
einzige Buch schrieben, ohne das kein Deutscher
aufgewachsen ist; steht da als einer, dessen
tagtägliches Arbeitszeug die Sprache ist, die ihn auch
ernährt, so kann man nur mit einem Stoßgebet die
Verpflichtung erneuern, nach Kräften, so schwach sie
auch sind, diese bedrückende Voraussage von der
kommenden Weltherrschaft des Englischen zu sabotieren
... ein ungleicher Kampf, machen wir uns nichts vor!
Aber einen Versuch, womöglich den letzten, muß doch
unsere Generation machen, nach dem Vorbild der
Französischen Akademie dagegen gesetzliche Maßnahmen zu
fordern. Viele verlachen das als Überfremdungsängste.
Ich kann's nicht komisch finden, weil mir nichts anderes
einfällt, wie sonst eine fortwährende Sprachverhunzung
einzudämmen ist.
Ich habe in den Münchner und Berliner Akademien am 4.
und 5. Oktober beantragt, - analog dem Beispiel der
Pariser Akademie - Maßnahmen zum gesetzlichen Schutz des
Deutschen vor der Übermacht des Englischen
auszuarbeiten, um sie dem Gesetzgeber, sachkundig
formuliert, nahezulegen. Friedrich Dieckmann, Günter
Grass, Norbert Miller, Peter Wapnewski haben ihre
Mitarbeit zugesagt, zu versuchen, so vorbildlich wie die
Franzosen unter de Gaulle schon seit 1966 offensiv
gesetzgeberisch vorzugehen, um unsere Sprache zu
schützen.
Dagegen der Gründer des Berliner Wissenschaftskollegs
Wapnewski noch 1980 gegenüber Berliner Behörden
eindringlich begründen mußte, daß er das Deutsche als
Sprache seines Instituts in der Wallot-Straße vorsehe!
Da fällt einem Churchills verächtliche Bemerkung über
uns Deutsche ein: "Entweder man hat sie an der Gurgel
oder zu Füßen." Ist ein anderes Land denkbar, das der
internationalen Wissenschaft, auf allein seine Kosten,
ein solches Institut schenkt, dessen Sprache dann eine
fremde sein sollte?
Der Diplomat Carl J. Burckhardt schrieb, nachdem sein
Großonkel Jacob das Verschwinden des Deutschen
menetekelt hatte, neunzig Jahre später dem Historiker
Ritter:
"Mich wunderte immer, daß die Deutschen mit
so wenig Nachdruck dagegen protestieren, daß ihre
Sprache in keiner der nach den beiden Kriegen
entstandenen großen internationalen Organisationen
zugelassen ist, weder im Völkerbund noch in der UNO,
noch in der UNESCO etc. Diese Diskrimination ist
gewollt, man spricht in der UNO englisch, französisch,
russisch, spanisch und chinesisch, jede Rede wird
simultan in alle diese Sprachen übersetzt, aber die
deutsche Sprache hört man nicht. Deutsche Redner, die
sich in Fremdsprachen äußern, auch wenn sie als fleißige
Leute diese Sprachen gut beherrschen, entbehren jeder
Wirkung."
Des Kaisers letzter Botschafter bis 1917 in
Washington, Graf Bernstorff, hat 1936 seinen
blitzgescheiten Memoiren noch einen Band mit
Privatbriefen folgen lassen, darin sein Resümee: 'Die
englische Sprache hat den Weltkrieg gewonnen.' Sie wird
auch von allen Literaturen allein die ihre überdauern
lassen. Schon vor einem Dutzend Jahren sagte der
damalige Rowohlt-Chef Michael Naumann, aus den USA
kommend, aus denen Rowohlt mehr Bücher importiert als
jeder andere: 'Ich kann keinen Deutschen drüben mehr
verkaufen, weil es in sämtlichen belletristischen
Verlagen New Yorks zusammen - noch einen einzigen
Menschen gibt, der Deutsch lesen kann: den bald
siebzigjährigen Wiener Emigranten Fred Jordan.'
Ich erlaubte mir 1998 in meinem SPIEGEL-Essay:
'Deutsche Sprache - bye, bye' arg verspätet daran zu
erinnern: "Wenn Fiat in Turin oder Mitsubishi in Tokio
deutschen Goethe-Häusern in Rom oder Japan
hunderttausend DM spenden, so müssen fortan 41 Prozent
an Waigels Finanzministerium abgeführt werden! Was ist
das Verbot eines Buches - gemessen an diesem Diebstahl
sogar ausländischer Geschenke für den Haushalt der
deutschen Sprache? Hat je eine geistfeindlichere
Mischpoke Deutschland regiert? Jünger notierte, Bismarck
habe abgelehnt, 'Einkommen aus musischen Tätigkeiten zu
besteuern'!"
Doch wozu - resignierte Schlußfrage - nach sechzehn
(!) Jahren ein Regierungswechsel? Es blieb ja doch bei
der Einschränkung, ja Streichung von Goethehäusern. Es
blieb, ob Waigels, ob Eichels Finanzministerium, wie mir
am Sonntag der Präsident der Goethehäuser, Hilmar
Hoffmann, geklagt hat, Usus unter Kanzler Schröder,
ebenso wie einst unter Kohl, 41 % sogar ausländischer
Spenden zur Verbreitung deutscher Sprache den
Goethehäusern zu rauben! Hoffmann berichtet geschockt,
daß Außenminister Joschka Fischer, den er seinen
"Zuwendungsgeber" nennen muß - offenbar beruht Geld für
die deutsche Sprache auf Gnadenakten -, ihm auferlegt
hat, bis 2003 elf Prozent seines Etats einzusparen,
nämlich 26,4 Millionen DM, was binnen eines Jahres zur
Schließung von fünf Häusern geführt hat ...
Und Hilmar Hoffmann erzählt, der hundertjährige
Gadamer, Ehrenbürger Neapels, sei der einzige Autor, der
gegen die Schließung des Goethehauses in Palermo
angeschrieben habe, wo jährlich vierhundert Italiener
Deutsch lernen. Die Abschaffung der Deutschkurse
"glückte" zwar in Triest, doch nicht in Palermo, weil
dessen Bürgermeister in Heidelberg studiert hat und nach
der Androhung, das Goethehaus werde zugemacht, ihm die
Miete erließ und fünf Sechstel der Kosten übernahm.
Hoffmann: "Neulich hat Reemtsma uns seine
Wieland-Gesamtausgabe spendiert, doch wir haben kein
Geld fürs Porto, die Kassette an die Goethehäuser zu
versenden."
Internationes wie Goethehäuser müssen zwei Prozent
ihrer Festangestellten jährlich "aussanieren", wie das
mit schäbigem Zynismus neudeutsch genannt wird, und
dürfen keine durch Krankheit oder Pensionierung
Ausgefallenen ersetzen. In dem Maß, in dem sein
Globalisierungswahn wächst, kürzte früher Bonn, kürzt
heute Berlin die Mittel, im Ausland Deutsch zu lehren -
doch macht sich unsere Regierung, scholastisches
Glasperlenspiel, sinnlose Gedanken, ob Maßstab mit drei
s geschrieben werden solle: Die Reform unserer Sprache
ist ihr wichtig, an ihrer Erhaltung ist ihr nichts
gelegen.
Ich danke Ihnen.