Gute Rhetorik? / Schlechte Rhetorik?

Es gibt eigentlich keine "gute" oder "schlechte" Rhetorik. Die Frage nach gut oder schlecht führt leicht in die Irre.

Rhetorik hat vielerlei Kategorien: zunächst eine moralische. Was aber, wenn die Moral sich ändert? - Wird dann aus einer "guten" Rhetorik eine "schlechte" Rhetorik? - Nehmen wir das Beispiel von Goebbels' Rede im Sportpalast 1943. Für heutige Begriffe war das eine schlechte Moral. Für damalige Begriffe war das die quasi "staatlich verordnete" Moral, also notgedrungen die "gute" Moral. Würden wir die "Gutheit" seiner Rhetorik daran messen, wäre Goebbels ein "guter" Rhetoriker. Dieses wird so auch oft gesagt.

Rhetorik ist von ihrem historischen Ursprung und nach ihrem klassischen Selbstverständnis ein der Aufklärung verpflichtetes Bildungssystem: Aufklärung über Rhetorik thematisiert immer auch den konstitutiven Zusammenhang von Rhetorik und Aufklärung. (Gert Ueding: „Versuche über Beredsamkeit, ihre Theorie und praktische Bewährung“) Der Minister für Volksaufklärung Josef Goebbels war aber in diesem Sinn nicht aufklärerisch. War er nun ein guter oder ein schlechter Rhetoriker? Er war sicherlich ein guter Redner, denn seine Reden waren wirkungsvoll und folgenreich.

Die Qualität mißt sich an der Wirkung. Dann aber wäre auch hier die Beurteilung abhängig von einer momentanen Wirkung: bleiben wir bei Goebbels: seine zitierte Rede hatte - damals - eine große Wirkung. Heute nicht mehr.

Qualität wird oft persönlich bemessen. Findet der Eine eine gewisse Rhetorik "gut", findet der Andere sie "schlecht". Ist Qualität also eine subjektive Frage? Das hängt wiederum von der Wirkung ab, die die Rhetorik auf den Einzelnen ausübt. Qualität ist aber keine subjektive und keine Geschmacksfrage. Ich bewerte "gut“ oder "schlecht“ nur nach der Wirkung und der Beherrschung des Handwerks. Qualität mißt sich an der Qualität der Gegner.

Wir sehen, wir kommen in Teufels Küche mit der Frage nach "gut" oder "schlecht". Deswegen - und auch weil Rhetorik immer die persönliche Rhetorik ist - vermeide ich lieber die Kategorien "gut" und "schlecht". Ich rede von "gekonnt", was nur das reine Handwerk meint. Und ich setze dagegen lieber die Frage nach einem "guten Redner" oder einem "schlechten Redner", einer guten oder weniger guten Rede. Hier käme Rhetoriker Goebbels ins Schleudern, denn zumindest die aufgeklärten Geister jener Zeit haben klar gesehen, daß Goebbels ein Demagoge war. - Mit äußerst gekonntem rednerischen Handwerk!

Agitatoren, Demagogen und Diktatoren können aber durchaus gute Rhetoriker und große Redner sein wie die Geschichte zeigt. Es gibt ja auch "gute" Agitatoren wie Rudi Dutschke, "gute" Demagogen wie Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth (Burg Hambach 1832). Durch deren und davor anderer Tun entstand ja indirekt überhaupt erst die negative Bedeutung des Begriffes "Demagogen", durch die Karlsbader Beschlüsse vom August 1819, Julirevolution von 1830: Metternich erließ scharfe Maßnahmen gegen die "demagogischen Umtriebe" (die Forderung nach Demokratie und Liberalität wurde demagogisch genannt). Agitation, Demagogie, Polemik, das alles ist kein Gegensatz zur Rhetorik, sondern auch Bestandteil von Rhetorik. Rhetorik ist ja nicht nur die "Kunst der Rede", sondern zugleich auch die Wissenschaft von den Wegen (Methoden), die Rede zur Vollkommenheit beim Reden zu führen.

Wer z.B. sagt, "...Goebbels war kein Rhetoriker" (aus einer E-Mail), Hitler war kein guter Redner, woher kamen dann deren rhetorische Erfolge? - Alleine aus der Dummheit der Deutschen? - "Die Deutschen - das Volk der dummen Denker?" - Das hieße, die Verbrecher des Dritten Reiches in Schutz zu nehmen.

Hätte Hitler nicht die Fähigkeit entwickelt, seine Überzeugungen den Massen zu übermitteln, wäre er nie an die Macht gekommen, und er hätte die Welt nicht in den Krieg gestürzt (Dale Carnegie). Auch Stalin war ein Rhetoriker: Rhetorik kann arg mißbraucht werden! Das wird nicht mit einem Ansatz sichtbar, der bestreitet, daß diese beiden eben auch Rhetoriker und grandiose Redner waren. Es muß aber sichtbar werden, weil durch gekonntes Reden Schlimmes angerichtet werden kann (Zweiter Weltkrieg, Holocaust, Rassenhetze).

Wer als Rhetoriker bestehen bleibt und wer nicht, das entscheidet letztlich die Zeit. Wir sollten aber nicht die Augen verschließen vor dem Mißbrauch der Rhetorik, sondern kritisch (historisch-materialistisch) die Vergangenheit durchleuchten. So jedenfalls versuche ich dies.

Gegenüber der Rhetorik brauchen wir auch keine Fairness. Im Gegenteil: Alles was ein Redner sagt, kann gegen ihn verwandt werden. Wie vor Gericht. Rhetorik ist knallhart, die Kunst der Rede ist kein Schöntun, kein "Werfen mit Wattebäuschchen" und keine Entschuldigung für irgendetwas. Sie ficht, sie kämpft.

Noch eine Schlußbemerkung dazu, daß Rhetorik der Aufklärung verpflichtet ist: Goebbels war schließlich "Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda" - er hat also ganz bewußt diesen aufklärerischen Gedanken mißbraucht. Mißbrauch - und auch Rhetorik kann mißbraucht werden - muß offengelegt werden. Die Rhetorik braucht hier keinen besonderen Schutz und keine besondere Wertung, derlei Dinge werden historisch entschieden.


Siehe dazu auch: "Streiflicht", Gute Rhetorik bei Managern und Politikern (Artikel)
und: "Kiesel im Mund", Rhetorik bei Politikern (Artikel von Thomas Lackmann)
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