Ehe ich die Toskana verließ, wollte ich doch vorher noch einmal Florenz, die Hauptstadt des Landes sehen.
Ich machte den Personen von meiner Bekanntschaft die Abschiedsvisiten, und man schlug mir vor, in die Akademie der Apathisten zu gehen. Sie war mir nicht unbekannt, aber jetzt war die Rede von dem Sibillone, einer gelehrten Belustigung, die man von Zeit zu Zeit anzustellen pflegt und der ich noch nicht beigewohnt hatte.
akademisches Spiel:
eine beliebige Frage;
eine einfache Antwort...
Diese Antworten, diese Orakelsprüche, die ein junger Schüler, ohne daß er Zeit hat, die mindeste Überlegung anzustellen, gibt, zeigen für gewöhnlich nichts von gesundem Menschenverstand. Dafür steht nun neben der Sibylle ein Akademiker, der hervortritt und behauptet, das Orakel habe sehr gut geantwortet, und er übernimmt es, dessen Ausspruch auf der Stelle zu erläutern.
...dann die Beweisführung,
warum genau diese Antwort
die einzig richtige war.
Ein anwesender Fremder legte der Sibylle die Frage vor und bat sie, ihm zu sagen, woher es käme, daß die Weiber öfter und leichter weinten als die Männer. - Die ganze Antwort der Sibylle bestand in dem einzigen Wort: Stroh. Der Ausleger nahm nun das Wort, wendete sich an der Urheber der Frage und behauptete, der Orakelspruch hätte nicht entscheidender und befriedigender ausfallen können.
Dieser gelehrte Akademiker, ein großer und starker Abbé von ungefähr vierzig Jahren, mit einer hellen, angenehmen Sprache, hielt eine Rede, die gut dreiviertel Stunden dauerte. Er analysierte alle leichten und dünnen Pflanzen und bewies, daß Stroh die hinfälligste unter allen wäre. Vom Stroh ging er auf die Weiber über und entwarf mit soviel Geschwindigkeit als Klarheit eine Art von anatomischem Versuch über den menschlichen Körper. Er entdeckte die Quelle der Tränen bei beiden Geschlechtern, er bewies die Zärtlichkeit der Fibern bei dem einen und ihre Festigkeit bei dem anderen Geschlecht. Er beschloß mit einer Schmeichelei für die anwesenden Damen, indem er der Schwäche die Vorzüge der großen Empfindsamkeit gab und sich wohl hütete, der kleinen erzwungenen Tränen, die den Damen, wenn sie wollen, zu Gebote stehen, zu erwähnen.
Ich gestehe, daß mich dieser Mann in Erstaunen setzte. Es ist unmöglich, mehr Wissenschaft, mehr Gelehrsamkeit und Präzision bei einem Gegenstand anzuwenden, der alles dessen so wenig fähig scheint. Freilich läuft manches Erkünstelte und Gezwungene mit unter. (...)