nun haben wir in diesem Semester viel über die Kunst des Redens gehört, haben Rhetorik definiert, erfahren, wie man den Verlauf einer Rede planen kann und die Stilistik besprochen.
Doch die allesentscheidende Grundvoraussetzung, eine gute Rede halten zu können, wurde uns von unserem Dozenten wissentlich vorenthalten.
Sehr geehrter Herr Münzer, bitte bleiben Sie doch bei der ganzen Wahrheit und verschweigen Sie nicht aus Parteilichkeit zum eigenen Geschlecht die wichtigste aller Voraussetzungen.
Ja, liebe Kommilitoninnen, Ihr ahnt es bereits, und auch unsere Männer wissen es eigentlich längst: um eine gute Rede halten zu können, muß MANN eine Frau sein!
Auch, wenn unsere Gesellschaft - noch - eine Männergesellschaft ist, Männer die Politik, die Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst beherrschen, gute Reden halten können sie nicht.
Nun ja, sicher ist Euch das auch schon aufgefallen, und Ihr habt Euch gefragt, woran dies liegen könnte. Ich habe - in schweißtreibender Arbeit, versteht sich - versucht, das Rätsel für Euch zu lösen und bin zu folgenden Erkenntnissen gekommen:
Zum einen haben Frauen einen größeren Wortschatz als Männer. Nicht umsonst sagt der Volksmund Ein Mann - ein Wort, eine Frau - ein Wörterbuch.
Frauen gebrauchen weniger Vulgärausdrücke, Doppeldeutigkeiten und anstößige Formulierungen. Sie bemühen sich stets um eine schöne, lebendige und bildhafte Sprache, anstatt mit trockenen Ausführungen das Publikum zu langweilen. Melodie und Rhythmus sind wichtige Bestandteile ihres Sprechens. Frauen sind psychologische Gesprächsführer.
Im Gegensatz zu den Männern, die oft völlig emotionslos reden und denen es meist ausschließlich um den Austausch von Informationen und die Anmeldung von Machtpositionen geht - mein Haus, mein Auto, mein Boot -, müssen Frauen sich nicht über Reden profilieren oder ihr Selbstbewußtsein stärken. Lieblingsthemen der Männer sind im allgemeinen Auto, Fußball, Sex - Flopps und Versager sind natürlich unerheblich und nicht der Rede wert -, Fernsehen und wieviel Promille sie vertragen. Es ist für sie ein großes Erfolgserlebnis, sich bei diesen Themen mit Sachkenntnis zu übertreffen.
Männer sind süchtig nach Bestätigung. Sie werden in ihrem Redefluß ungern unterbrochen, ist Widerspruch doch ein frontaler Angriff auf ihre eigentlich fragile Persönlichkeit.
Leider neigen Männer im allgemeinen zum unterschwelligen Sexismus. Wie sonst wäre das Entstehen und die Verbreitung solcher Redewendungen wie: Heulsuse, Saufjule, Klatschbase oder Weibergeschwätz zu erklären? Auch die Zentriertheit der deutschen - wie auch der englischen Sprache - auf das Maskulinum scheint uns diesen Sexismus aufzuzeigen. Die Chancen des Gemeintseins und damit der Identifikation sind für Männer viel höher. Wäre es nicht lustig, zukünftig würden die Schiffe mit Mann, Frau und Maus untergehen, alle Menschen würden Schwestern, der Kunde wäre Königin und wir ließen Gott eine gute Frau sein?
Die Ursache für die unglaubliche rhetorische Überlegenheit der Frauen ist - selbstverständlich - auch wissenschaftlich bewiesen. Sie liegt in der größeren Aktivität zwischen beiden Gehirnhälften und einer größeren Zellkonzentration in der Kortexregion - das ist die Nebenhirnrinde - die für die Sprache und das Zuhören verantwortlich ist.
Bereits zu Beginn der Zivilisation war die Rollenverteilung hinsichtlich Kommunikationsverhalten und Sprachbegabung festgelegt. Die Männer mußten sich bei der Jagd lediglich auf primitivste Art verständigen. Mehr als einfache Zeichen und grunzende Laute brachten sie dabei nicht zustande. Das ist inzwischen natürlich ein bißchen besser geworden. Die Frauen bewachten die Höhlen und umsorgen die Kinder, was - unumgänglich - zu einer besser entwickelten Kommunikation führte.
Nun noch einige statistisch bewiesene Argumente, die meine These untermauern:
Ich fordere also, dieses Seminar ab dem nächsten Semester ausschließlich für die männlichen unter uns Studenten anzubieten. So haben Sie, Herr Münzer, genug Zeit und Kapazität, sich auf die wirklichen Problemfälle zu konzentrieren.
Danke.
Siehe dazu auch die Gegenrede: Ist der heutige Mann Krüppel der weiblichen Emanzipation? (Kurzrede Joscha Valentin)