In der Rede kommt es darauf an, den Zuhörer (jeden einzelnen) von Erkenntnisstufe zu Erkenntnisstufe zu führen. Dies war schon in der klassichen Rhetorik so. Hinter dieser einfachen Formulierung stecken kompliziertere Gegebenheiten: Erkenntnis gewinnt man nicht als Ganzes, sondern nur in Teilen. Erkenntnisse bauen stufenartig aufeinander auf. Erkenntnisse erringt man nur, indem man Stufen erklimmt. Wirkliche Erkenntnis kann man nicht einbläuen, nicht lehren, nicht beibringen. Erkenntnisse muß jeder für sich selbt erringen. Dieses erfodert außer der Fähigkeit auch Anstrengung und Bereitwilligkeit. Ein Redner muß also die Zuhörer dorthin bringen, eine weitere Stufe der Ertkenntnis zu erklimmen. Er führt sie an die Stufe und zeigt auf, was da oben zu erkennen ist. Dabei darf er kein "Führer" sein, kein Lehrer, kein Besserwisser. Aber ein Überzeuger.
Er muß das, von dem er überzeugen will, stufenartig aufbereiten, d.h. in einzelne "Stationen" aufteilen, die er dann (gemeinsam mit dem Auditorium) "beschreitet", also abschreitet. Die Stufen müssen dramaturgisch gegliedert sein, d.h. sinngemäß aufeinander folgen und sich dabei steigern und als Höhepunkt eine Konklusion besitzen. Auf diese will der Redner nämlich hinaus, und auf diese wartet das Publikum gespannt.
Eine Rede ohne jeglichen Erkenntniswert ist pures Geschwafel, ist "Quatsch in schöner Gestalt" (Friedrich Luft). Eine Rede ist kein Smalltalk. Smalltalk ist unverbindlich. Smalltalk in einer Rede ist Geschwafel. Und wenn dieses Geschwafel dann auch noch in die Aufforderung mündet: "Ich wollte Sie nur darum bitten, mal darüber nachzudenken...", dann halte ich das für eine Frechheit. Ich kann doch gar nicht aufhören, nachzudenken, ich brauche dazu keine Aufforderung. Ob ich alleine bin oder mich mit anderen unterhalte: ich denke nach! Und über Geschwafel nachzudenken lohnt nicht. Smalltalk mag für eine Kontaktaufnahme auf Partys amüsant sein. In der Rede müssen Sie keinen unverbindlichen Kontakt zum Publikum suchen, Sie haben ja schon direkten Kontakt zum Publikum indem Sie vor ihm stehen.
Oft höre ich als Entschuldigung: ...ich wollte ja nicht mit der Tür ins Haus fallen, ich wollte nicht so direkt sein... Ja dann sollte man lieber den Mund gar nicht erst aufmachen (siehe dazu Technik der Kurzrede und Dale Carnegie). Rhetorik ist kein Werfen mit Wattebäuschchen und kein Smalltalk. Wer nichts zu sagen hat, sollte sich nicht ans Rednerpult stellen, sagt Dale Carnegie. Tucholsky sagte: "Wenn einer spricht, müssen die anderen zuhören - das ist Deine Gelegenheit. Mißbrauche sie!"