„Eristik“ ist die Kunst des Streitgesprächs, beruhend auf der Dialektik bei Aristoteles. Schopenhauers "Eristische Dialektik" ist die Kunst, wie man Recht behalten kann "per fas et nefas" (wenn man Recht hat und auch wenn man nicht Recht hat). Er hat nämlich festgestellt, daß es passieren kann, daß man widerlegt wird und selbst einsieht, daß der Andere recht hat, einige Zeit später aber wiederum findet, daß man dennoch recht hatte. - Wie also hat es der Andere geschafft, mich zu widerlegen, obwohl ich recht hatte?
Das liegt daran, daß der Andere Kunstgriffe verwendet hat, die ihm vor dem Publikum Recht geben. Wie kann man sich aber gegen diese Kunstgriffe wehren?
Kurz zusammengefaßt:
Schopenhauer sagt, Aristoteles bestimmt den Zweck der Dialektik nicht so streng wie er. Er unterscheide nicht danach, ob eine These objektiv wahr ist oder ob sie nur als wahr geltend gemacht wird. Dagegen behandelt die Dialektik nur das Geltendmachen. Die objektive a href="wharheit.htm" target="_self">Wahrheit selbst ist nämlich Sache der Logik Zitat):
Aristoteles bestimmt den Zweck der Dialektik nicht so scharf wie ich getan: er gibt zwar als Hauptzweck das Disputieren an, aber zugleich auch das Auffinden der Wahrheit, später sagt er wieder: man behandle die Sätze philosophisch nach der Wahrheit, dialektisch nach dem Schein oder Beifall, Meinung Andrer. Er ist sich der Unterscheidung und Trennung der objektiven a href="wharheit.htm" target="_self">Wahrheit eines Satzes von dem Geltendmachen desselben oder dem Erlangen der Approbation zwar bewußt ; allein er hält sie nicht scharf genug auseinander, um der Dialektik bloß letzteres anzuweisen. Seinen Regeln zu letzterem Zweck sind daher oft welche zum ersteren eingemengt. Daher es mir scheint, daß er seine Aufgabe nicht rein gelöst hat. Aristoteles hat in den Topicis die Aufstellung der Dialektik mit seinem eigenen wissenschaftlichen Geist äußerst methodisch und systematisch angegriffen, und dies verdient Bewunderung, wenngleich der Zweck, der hier offenbar praktisch ist, nicht sonderlich erreicht worden. Nachdem er in den Analyticis die Begriffe, Urteile und Schlüsse der reinen Form nach betrachtet hatte, geht er nun zum Inhalt über, wobei er es eigentlich nur mit den Begriffen zu tun hat : denn in diesen liegt ja der Gehalt. Sätze und Schlüsse sind rein für sich bloße Form: die Begriffe sind ihr Gehalt..
Wie kommt es, daß Menschen Recht behalten wollen, obwohl sie objektiv nicht Recht haben? - Das liegt an der natürlichen Schlechtigkeit des Menschen, in jedem Fall Recht behalten zu wollen. Gäbe es diese nicht, bräuchten wir keine Eristik. (Schopenhauer: Eristik wäre demnach die Lehre vom Verfahren der dem Menschen natürlichen Rechthaberei).
Um uns zu schützen vor falscher Widerlegung, die vor Anderen Recht erhält, objektiv jedoch falsch ist, was durch trickreiche Rhetorik möglich wird, ist es nötig, diese "Tricks" zu beherrschen, Schopenhauer nennt sie "Kunstgriffe". Die Basis aller Dialektik ist, zuvor zu betrachten, was eigentlich das Wesentliche ist in einer Auseinandersetzung, was eigentlich dabei vorgeht. Dazu gibt es zweierlei Modi:
1.) ad rem (zur Sache), d.h. wir zeigen entweder, daß der Satz nicht übereinstimmt mit der Natur der Dinge, der objektiven Wahrheit
oder
2.) ad hominem (zum Menschlichen) oder ex concessis, d.h. wir zeigen das Falsche in der weiteren Ausführung auf, also in den weiteren Behauptungen (und somit auch in den Schlußfolgerungen).

Zur Widerlegung gibt es zweierlei Wege:
a) die direkte Widerlegung: diese greift die These bei ihren Gründen an. Sie zeigt, daß die These nicht wahr ist (die Erde ist nämlich eine Kugel).
Nun können wir zweierlei tun:
- Wir zeigen, daß die Gründe der Behauptung falsch sind (nego majorem=ich bestreite den Obersatz - nego minorem=ich bestreite den Untersatz) oder
- Wir geben die Gründe zu, bestreiten aber, daß die Behauptung daraus folgt (nego consequentiam=ich bestreite die Schlußfolgerung). Wir greifen also die Konsequenz, die Form des Schlusses an ("Probieren Sie es aus: laufen Sie immer geradeaus, Sie werden schon sehen...").
b) die indirekte Widerlegung: diese greift die These bei ihren Folgen an. Sie zeigt, daß die These nicht wahr sein kann.
Bei der indirekten Widerlegung gebrauchen wir entweder die Apagoge oder die Instanz:
Die "Apagoge" (griech. apagogische Logik ist der Schluß aus der Falschheit des Gegenteils): wir nehmen den Satz zunächst als wahr an und zeigen, was daraus folgt. Wenn dieser Satz zwar wahr ist, aber im Zusammenhang mit einem anderen als wahr angegebenen Satz, der aber unwahr ist, zu einer als wahr behaupteten Schlußfolgerung führt, kann die Konklusion, also die letztendliche Schlußfolgerung nicht wahr sein. Denn wenn einer der in die Schlußfolgerung einbezogenen Schlüsse falsch ist, kann die konklude Schlußfolgerung nicht wahr sein. Wenn diese Schlußfolgerung also nicht der Natur der Dinge entspricht oder anderen Behauptungen des Gegners widerspricht, also "ad rem" oder "ad hominem" falsch ist, dann war folglich der ganze Satz falsch. Dann aber können wir argumentieren: wenn die Folgerung falsch ist, müssen auch die Prämissen falsch gewesen sein. Denn aus wahren Prämissen können nur wahre Sätze folgen; freilich obwohl aus falschen nicht immer falsche. - Widerspricht sie (die These) einer ganz unzweifelbaren Wahrheit, so haben wir den Gegner "ad absurdum" geführt.
Die "Instanz": Dies ist die Widerlegung des allgemeinen Satzes durch den direkten Nachweis, daß einzelne in der Aussage begriffene Fälle falsch sind, denn dann muß ja wohl auch der ganze Satz falsch sein. Wenn ein Satz so formuliert ist, als ob er unveränderbar richtig sei, ist dies der "eristische Kunstgriff". Instanz sind als wahr hingestellte zusammengefaßte Behauptungen (die wie eine "höhere" Instanz hingestellt werden): Parteipositionen, religiöse Behauptuptungen, "...das war schon immer so" usw. Es müssen die einzelnen Steine der Grundmauern (einzelne in der Aussage begriffene Fälle) herausgehauen werden, dann bricht das ganze Gerüst nämlich ein.
;-)))
Dies ist das Grundgerüst einer jeden Disputation (Redestreit). Dies alles kann wirklich oder nur scheinbar geschehen, also mit echten oder unechten Gründen. Darüber ist so leicht nichts sicher auszumachen, daher sind die Debatten oft so lang und hartnäckig. Wir können bei der Anweisung auch nicht das Wahre und das Scheinbare sauber trennen, weil es im Voraus bei den Streitenden eben nicht gewiß ist. Deswegen kommt es auf die dialektische Auseinandersetzung an. Das muß geschehen erstmal unberücksichtigt dessen, ob man "objektiv" Recht oder Unrecht hat, da man ja nicht weiß, mit welchen Mitteln mein Gegner mich übers Ohr hauen will. Deswegen ist diese eristische Dialektik ja notwendig, eben für den Fall, daß sie arg mißbraucht wird, da ja mein Gegner vermutlich versucht, diese Dialektik dazu zu mißbrauchen, mir Unrecht zu geben, obwohl ich objektiv recht habe.
Die ausführliche Fassung Schopenhauers im Originaltext ist auf der folgenden Seite zu haben, wer sich also rhetorisch schulen will und die rhetorischen Tricks begreifen will, kann sich auf den folgenden Seiten kundig machen.
Ich weiß: eine harte Kost, man muß alles vielleicht mehrmals lesen...
Ich jedenfalls empfinde ein Riesenvergnügen dabei, den Anderen mit seinen eigenen "Kunstgriffen" zu widerlegen :->>
Quellen
Arthur Schopenhauer (Nachlaß) 1830/31: Eristische Dialektik oder Die Kunst Recht zu behalten - Mit 38 Kunstgriffen, Hrsg. Julius Frauenstädt 1864
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