Die Eigenart der deutschen Sprache

Beim Wortschatz heben sich vor allem Anschaulichkeit und Wurzelgebundenheit heraus. So geht die dt. Wortprägung häufig auf das Anschaulich-Besondere der Gegenstände ein, wo das Französische sich mit einem allgemeinen Hinweis begnügt (Kesselschmied: chaudronnier, Schlafzimmer: dortoir; Aschenbecher: cendrier usw.); hier spielt die dt. Vorliebe für Zusammensetzungen gegenüber der frz. Ausnutzung der Wortableitung mit. Aber entsprechend ist dem Dt. die Mannigfaltigkeit etwa von hineingehen, -fahren, -rudern, -fliegen usw. unentbehrlich, wo im Frz. einfaches entrer ausreicht; und in der Abwandlung der Kennzeichnung der Vorgänge (bei einem Verb wie fallen: hin-, nieder-, ab-, aus-, herab-, um-, zusammen-, herunter-, hinunter-, heraus-, hinaus-) ist das Dt. von keiner Nachbarsprache erreicht. - Die Wurzelgebundenheit des Dt. läßt die Sinnentfaltung stärker in Wortfamilien verlaufen gegenüber den durch wiederholte Renaissancen lat. Wortgutes gesprengten franz. oder den durch die Vereinigung germ. und roman. Wortgutes vermannigfachten englischen Wortgruppen (z.B. dt. blind: Blindheit gegen frz. aveugle: cécité oder engl. blind: blindness, cecity).

Beim Satzbau fällt eine fast übertrieben erscheinende Kennzeichnung der Beugungsformen auf. Trotz der Ausbildung des Artikels sind im Dt. die Kasusendungen nicht verlorengegangen (wie im Engl. oder Frz.), selbst die längst unwichtig gewordene Unterscheidung der Genera und Stammklassen ist beibehalten. Doch ist diese Bewahrung des Formenreichtums in Verbindung mit der Freiheit der Wortstellung im dt. Satz zu sehen, für die eine leichte Erkennbarkeit von Satzfunktion und Wortzusammengehörigkeit unentbehrlich ist. Am charakteristischsten ist die Rolle, die im Aufbau der dt. Satzbaupläne die Umklammerung spielt. Während im Franz. die einen Gehalt näher bestimmenden Züge in lockerer Folge aneinandergereiht werden, führt das Dt. durch Umklammerung zu immer ausgedehnteren Ganzheiten: das Brot: das Weißbrot le pain - le pain blanc usw. Das geht weiter bis zu den bekannten Schachtelungen des dt. Satzbaus, die immer von neuem Klammern auftun bis hin zu den vor allem durch klammerfähige Verbformen ermöglichten Gebilden, deren Eigenart man sich am besten bildlich veranschaulicht:

er wollteweiterziehen
mit seinenBegleitern
demTode entronnenen
überalldrohenden
denFlüchtlingen

gehetzten
Mit solchen Satzbauplänen weicht das Dt. stark von dem Verfahren des Franz. oder Engl. ab. Man kann darin gewiß eine Erschwerung sehen, doch steckt in solchen Umklammerungen dafür auch eine starke geistige Formungskraft, die ein geschlossenes, folgerichtig fortschreitendes, allerdings auch an die eingeschlagene Richtung gebundenes und schwer abwandelbares gedankl. Verfahren erzwingt. Insgesamt ist für das Weltbild der deutschen Sprache ein stark dynamischer Zug kennzeichnend. Viele Einzelheiten weisen daraufhin, so die Möglichkeit, Tun und Wirkung in ein einziges Wort zusammenzudrängen (etwas wegdenken, jemanden loskaufen), oder der ausgedehnte Gebrauch des substantivierten Infinitivs (das Wandern, das Besteigen), selbst für ganze Wendungen (das Weintrinken, das Alleinsein). Aus dem Vergleich mit dem Franz. bestätigt Ch.Bally ein Wort von Hugo von Hofmannsthal: »Daß wir Deutschen das uns Umgebende als ein Wirkendes, die Wirklichkeit, bezeichnen, die latein. Europäer als die Dinglichkeit, la réalité, das zeigt die fundamentale Verschiedenheit des Geistes, und daß jene und wir in ganz verschiedener Weise auf dieser Welt zu Hause sind.«

Die inhaltl. Eigenart der deutschen Sprache weist jedenfalls besonders auf das Werden der Erscheinungen, das Ausstrahlen ihrer Wirkungen, das Hervortreten ihrer Leistungen hin, und diesen Hinweisen folgen ganz selbstverständlich alle, die das Dt. als Muttersprache erlernt haben.

Fortsetzungen:

  1. Der Baum der deutschen Sprache
  2. Die Entstehung der deutschen Sprache
  3. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes
  4. Deutsch aus englischer Sicht
Quellen
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