Zur deutschen Sprache gibt es eine Lektüre von Bastian Sick, Ehrenmitglied des Vereins Deutsche Sprache, im Zwiebelfisch bei spiegel.de: Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod..., bitte lesen...
Als Streifen von Ost nach West liegt im Norden darüber das Nordgermanische: Schweden, Dänemark, Norwegen, Island.
Das Englische (angelsächsische) ist laut Elisabeth Fraser also das jetzt fehlende Bindeglied zwischen Niederdeutsch und Dänisch. Nach dem Abzug der Angelsachsen nach Britannien verbreiteten sich die Niederdeutschen bis zur dänischen Grenze.
Die Germanen kamen ursprünglich alle aus dem Ural und verbreiteten sich Jahrhunderte lang gen Westen bis zum "Schwäbischen Meer": (lat.) "mare suebicum", dies ist die Ostsee. Die Sueben siedelten zu Cäsars Zeiten rund um die Ostsee ("mare suebicum") - Kiel, Rügen, Danzig, heutiges Polen, Riga, Estland, Schweden, Norwegen usw. - und bis zum Elbegebiet, die Alamanni dagegen siedelten um 100 n.Chr. in der Höhe des Mains (etwa heutiges Fulda) und begannen von dort aus in den Süden vorzudringen. Sie überstiegen den Limes, wurden aber von den Römern verjagt. Sie überstiegen den Limes aber zum zweiten Mal und verdrängten die Römer (bis 260 n.Chr.), und bereits anno 280 n.Chr. drangen sie bis an den Rhein vor. Der erste Nachweis der Alamanni findet sich in den römischen Annalen im Jahr 213 n.Chr. Ausführlicheres dazu finden Sie in der Geschichte der Alemannen (richtiger wäre eigentlich "Allemanen", Manen heißt nämlich nur: "Menschen" wie in "man" (dt.) oder "men" (engl.). Da das Alemannische einen - wie im Folgenden ersichtlich wird - großen Einfluß auf die Entwicklung der deutschen Sprache hatte, wird hier diesem Volk besondere Aufmerksamkeit zuteil.
Wie aus dem Baum der deutschen Sprache weiter ersichtlich wird hat sich das Oberdeutsch aus den Ermionen (Elbgermanen / Sueben) entwickelt, dabei vorwiegend durch die Alemannen, die als erste in den Süden (Schwarzwald, Elsaß und Schweiz: "Germanica superior") gewandert sind. Die Alemannen sind in den römischen Annalen erstmals im Jahr 213 n.Chr. erwähnt, sie waren über den Limes, der grob gesagt am Ostrand des Schwarzwalds über Donaueschingen und dann die Donau entlanglief, in die römisch beherrschten Gebiete Süddeutschlands eingedrungen. Ob der Limes 80 km weiter östlich oder westlich lag erscheint im Weltverhältnis unerheblich. Um den genauen Verlauf des Limes zu sehen schauen Sie sich bitte den exakten Verlauf des Limes an.
Im 5. Jahrhundert (etwa 450 n.Chr.) kamen die Hunnen nach Europa, die germanischen Stämme flohen, die "Völkerwanderung" begann: Die Vandalen flohen über Südeuropa, (heutiges) Frankenreich nach (heutiges) Spanien. Die Vandalen waren mitnichten "vandalisch" sondern hatten eine hohe Kultur. Sie setzten bei Gibraltar über nach Nordafrika und besetzten das (heutige) Tunesien, Königsstadt wurde Kartago. Heute finden wir die Nachfahren der Vandalen noch als Berber im Atlasgebirge: blond, blauäugig, groß, braunhäutig. Sie haben die Sprache des Landes angenommen.
Die Westgoten flohen nach (heutiges) Spanien (Königsstadt: Toloedo), sie haben die lateinische Sprache übernommen. Als die Mauren aus Nordafrika kommend Südspanien besetzten (5. Jh. n.Chr.) gingen die Westgoten nach Norden, etwa (heutiges) "Galicia". Daher rührt, daß die Südspanier (blauschwarze Haare, die Musik vom Arabischen stark beeinflußt) eher südlich geprägt sind, die Nordspanier dagegen eher germanisch geprägt sind (abgesehen von der romanischen Sprache): fleißig, ordentlich, arbeitssam, dauernd putzend, dunkelblond, kein Flamenco sondern eher mitteleuropäische Tänze und Musik (inklusive Barcelona bzw. Katalanen).
Die Hunnen besetzten ein Land von etwa (heutiges) Budapest bis (heutiges) Lörrach, nördlich und südlich des Limes. Reste der hunnischen Sprache finden sich im Alemanischen (etwa im "Hotzenwald" nördlich von Lörrach im Wiesental) wie z.B. im Wort "Ankche" für Butter. In der germanischen Saga (Nibelungen u.a.) ist uns überliefert, daß Krimhilde nach der Ermordung von Siegfried durch Hagen von Tronje sich verehelichte mit Etzel (Attila), sie war eine von mehreren Frauen von Attila und heiratete Etzel aus Rache und gegen den Willen ihres Bruders König Gunther (Worms).
Die Ostgoten flohen nach (heutiges) Ungarn / Budapest und in den Balkan. Sie verbündeten sich dann aber mit den Römern gegen die Hunnen und wanderten wieder gen Rom um es zu retten. Bedeutend wurde der römische Kaiser "Theoderich" (ein Germane, 5. Jh. n.Chr.), in der germanischen Sage bekannt als "Dietrich von Bern" (Theoderich von Verona). Sein Kaisersitz war in Ravenna. Mit der Unterstützung der (Ost)Goten vertrieben die Römer die Hunnen aus dem Römischen Reich, das hunnische Königreich ging nach dem Tod von Attila allmählich ein, die Hunnen zogen sich zurück.
Insgesamt ist zu sagen: die europäische Bevölkerung ab 400 n.Chr. vom Balkan über Italien / Spanien / Portugal / Frankreich inklusive Deutschland und Britannien ist eine bunte Vermischung von Kelten, Ertruskern, römischen Legionären und allen Sorten von Germanen. Die nazistische Rassentheorie (beginnend schon ab etwa 1860) ist somit wissenschaftlich und kulturell als völlig absurd zu bezeichnen.
Im Zeitraum bis zum Jahr 750 n.Chr. wurden jahrhundertelang nur lateinische Texte abgefaßt oder abgeschrieben. Die allgemeine Sprache der Germanen (Franken, Goten und andere) war sowieso eher lateinisch, dagegen war die Sprache der Angeln und Sachsen immer eher germanisch. Die Angelsachsen wanderten etwa seit 450 n.Chr. gen Britannien, zunächst als Bauern und (Gast-)Arbeiter, oft auf Schiffen mit höchsten 80 Mann Besatzung. Die folgenden Jahrhunderte bekämpften sie sich jedoch gegenseitig, jeder Stamm war ein Königreich, zum Schluß blieben nur noch wenige Königreiche übrig. Die germanische Saga berichtet von König Artus und den Normannen (etwa 450 bis 1100 n.Chr.).
Die Urgermanen sprachen ihr Urgermanisch, vermutlich auf sehr unterschiedliche Weise, jedoch übernahmen sie zunehmend lateinische Wörter (Lehnwörter) für alles was sie nicht kannten wie Kaisar (Cäsar), Fenster, Kellar usw. Über diesen ersten Abschnitt der Entwicklung gibt es keine Urkunden und Texte, jedoch hilft uns die Lingustik ein bißchen weiter. Deutsch entstand - vereinfacht ausgedrückt - aus germanischen Wortstämmen und Silben (Siluben), an welche lateinische Endungen gehängt wurden, dazu lateinische Grammatik eingesetzt wurde, lateinische Wörter (Lehnwörter) für alles, wofür es keine germanischen Wörter gab, wurden übernommen (Fenster, Keller usw.). Das zeigt ein schönes Beispiel, das Vater unser aus der Zeit Karls des Großen: Ata unsa es in himinam... Die germanischen Kerne sind: Ata, uns und Himi, der Rest sind lateinische Anfügungen. Die Zeit vor 750 n.Chr. kann man sprachlich noch nicht als irgendwie deutsch bezeichnen, es war Germanisch, jedoch entstand Deutsch daraus quasi fragmentarisch (nebenbei: in derselben Zeit entstanden die romanischen Sprachen in Italien, Spanien, Portugal und Gallien aus dem Soldatenlatein).
Es ist auffallend, daß Cäsar im Italienischen zu Cesare (phon: Dschesare), im französischen zu César (phon: Ssesaar) und im russischen zu Zar wurde, im Deutschen dagegen nicht zu Zaisar sondern zu Kaisar. Linguistisch läßt sich aber daraus ablesen, daß die romanischen Länder, die von römischen Truppen besiedelt wurden, sprachlich eher vom Soldatenlatein oder Vulgärlatein geprägt wurden, welche für Ce... eben Dsche... und nicht Ke... sagten. Dagegen sprach man in Germanien nicht die Lingua romana, die Behörden jedoch sprachen lateinisch (römisch), nämlich "Behördenlatein" (phon.: "Kikero" und "Kaesar"). Die Alemannen waren ja bereits 260 n.Chr. am Rhein, um 280 n.Chr. bis inkl. Schwarzwald und Bodensee, um 450 n.Chr. dehnten sie sich nach Norden und Osten (etwa bis zum Lech) aus. Sie hatten also jahrhundertelang eine größere Nähe zu den Römern als die nördlichen Stämme. Durch die Franken im Norden wird der Expansionsdrang der Alemannen anno 600 n.Chr. gebremst, die sich dafür über den Rhein nach Westen (Elsaß) und Süden (Schweiz) ausbreiteten und dort Fuß faßten. Der erste Germane auf dem römischen Kaiserstuhl war übrigens Theoderich von Verona, in der deutschen Sage bekannt als Dietrich von Bern (Bern = Verona Theod = the-uda). Wir finden eine zunehmende Durchwachsung des Germanischen (der Kultur und somit auch der Sprache, besonders der Grammatik) durch die römische Sprache und Kultur.
Auch noch die Urkunden und Erlasse Karls des Großen waren in Latein geschrieben, so richteten sich die Germanen vermutlich nach der Aussprache des Behördenlateins, anders ist dies kaum zu erklären. In Rom war es schick gewesen, Käsar und Kikero zu sagen (vielleicht gar geprägt durch die bildungsbestimmenden griechischen Sklaven?), die Aussprache im Behördenlatein war also Kaesar. So entstand eben nicht Zaisar sondern Kaisar. Geradezu witzig mutet an, daß cella (lat. für Keller) zweimal in die deutsche Sprache Einzug hielt: erstens als Keller (die Behörde bezeichnet den Ort, wo böse Soldaten eingesperrt werden, als Kella) und zweitens als Zelle (der Soldat sitzt im Keller, sagt aber Zella und leidet sehr).
Um das Nacheinander der Veränderungen seit 750 n.Chr. richtig einordnen zu können, teilen wir die Geschichte der deutschen Sprache in 3 Perioden ein:
Vor etwa dem Jahr 750 n.Chr. wurden jahrhundertelang nur lateinische Texte abgefaßt oder abgeschrieben. Danach fingen Gelehrte an, Texte in der Sprache des eigenen Volkes zu schreiben. So gibt es seit etwa zwölf Jahrhunderten schriftliche und seit dem 15. Jahrhundert (Gutenberg) auch gedruckte Überlieferungen in deutscher Sprache. Das bedeutet etwa zwölf Jahrhunderte deutscher Sprachgeschichte.
Wurde aber wirklich um 750 schon deutsch geschrieben, und hat Karl der Große, als er im Jahre 768 zum König der Franken gekrönt wurde, sein Heer schon auf deutsch begrüßt?
Karl wurde auf einer der reichen Besitzungen seiner Familie im oberen Moseltal, in der Gegend um Metz, geboren, und er selbst nannte seine Muttersprache fränkisch. Er beherrschte ein gewaltiges Reich, fast ganz Frankreich, das schon seine Vorfahren den Römern abgewonnen hatten, Oberitalien und das germanische Land bis an die Elbe und die Saale. Der germanische Frankenstamm hatte die anderen Germanenstämme, die Alemannen und Bayern, und Karl selbst dazu noch die Sachsen unterworfen. Sie gehörten seither zum Frankenreich, aber ihr Streben nach Selbständigkeit war ungebrochen, und ihre Sprachen nannten sie fränkisch, alemannisch, bayerisch und sächsisch, genauer aber: thüringisch (dieses sind auch die Kernwurzeln der deutschen Sprache - siehe Grafik).
Als zweiter Zweig kamen nun also die fränkischen Einflüsse hinzu (Istwäonen: Rhein-Weser-Gebiet, das Frankenreich umfaßte aber auch das heutige Nordfrankreich), die weiteren Seiteneinflüsse sind grafisch gut erkennbar, woraus dann das Althochdeutsch entstand:
Im Westen und Süden des Reiches (heutiges Frankreich) sprachen die Einheimischen wie schon vor der fränkischen Eroberung immer noch die Lingua Romana, die Sprache Roms (genauer gesagt aber in der Aussprache der Soldaten, also Soldatenlatein / Vulgärlatein). Die Westgermanen konnten diese fremde Sprache nicht verstehen. Wohl aber verstanden sich die Germanen trotz ihrer verschiedenen Mundarten untereinander. Darum nannte Karl in seinen (lateinisch geschriebenen) Urkunden und Erlassen diese Sprachen die Lingua theudisca. Das war ein künstlich gebildetes Wort, abgeleitet von germanisch the-uda = der Stamm oder das Volk (the-u-disca, die einigen Stämme), bedeutet also die Sprache des eigenen Volkes im Gegensatz zu der Sprache der Romanen. Daher erklärt sich auch der Unterschied, daß die italienische Bezeichnung für deutsch tedesco ist, jedoch in den anderen romanischen Sprachen (span., portug. und franz.) aleman, weil die Alemannen eben die nächstliegenden Nachbarn in den deutschen Landen waren. Aus the-u-disca wurde diutiscun, ---> the-utsch ---> theutsch ---> deutsch, dutch (eng.), diuts oder duits (holl.), tuisk (schwed.).
Jacob und Wilhelm Grimm waren überzeugt, daß man die Sprachperioden allein nach den äußerlichen Merkmalen der Lautentwicklung einteilen könne. Das reicht zwar, wie wir heute wissen, bei weitem nicht aus. Doch liegen darin Möglichkeiten, einen unbekannten Text zeitlich und oft auch räumlich wenigstens vorläufig einzuordnen.
Vor allem lassen sich die drei hochdeutschen Stammesmundarten auf Grund des Lautbestandes von den niederdeutschen (dem Altsächsischen) unterscheiden. Die Gebetszeilen lauten z.B. im altsächsischen Heliand, der um 840 entstand, wie folgt:
Gewihid si thin namo. Cuma thin craftag riki. Werda thin willeo so sama an erdo, so thar uppe ist an them hohon himilrikea.
Im Vergleich mit dem althochdeutschen Text nimmt man mancherlei Unterschiede wahr, auch in der Wortwahl (giheilagot: gewihid = geweiht) und in den Endungen (queme, willo, erdu: cuma, willeo, erdo). Aber wichtiger sind die Lautunterschiede, die besser im Vergleich mit dem Text von 1200 zu erkennen sind. Statt rich und uf hat der Heliand riki, uppe. Und gegenüber dem zuchome (heutiges alemannisch: zuëchome = zukommen) steht in einem altenglischen Text tobecume (to become = zubekommen, heute "zu werden"). Aus den germanischen Lauten p, t, k, die das Altenglische und das Altsächsische behalten haben, sind im Fränkischen, Alemannischen und Bayerischen nach bestimmten Regeln andere entstanden: f (ship-->Schiff) bzw. pf (pipe-->Pfeife), s (out-->aus) bzw. z (tonguë-->:Zunge) entstanden, und auch Vokale haben sich geändert. Man nennt diesen Vorgang die „althochdeutsche Lautverschiebung“ (oder die von den Alemannen ausgehende 2. Lautverschiebung gegenüber der nicht datierbaren ersten oder germanischen, die die germanischen Sprachen von allen anderen indogermanischen Sprachen unterscheidet) und nennt die drei Mundarten, in denen diese Veränderungen vorkommen, die hochdeutschen Mundarten. Daß wir heute hochdeutsch Wasser, schlafen, Küche sagen, wo es niederdeutsch Water, slapen, Köke heißt, ist eine Folge der 2. Lautverschiebung (etwa 7. Jh. n.Chr.). Das Niederdeutsche hat die alten p, t, k bis heute zäh festgehalten. Deshalb ist es, obwohl es an der deutschen Verkehrsgemeinschaft seinen Anteil hat, niemals hochdeutsch geworden, und auch die hochdeutschen Sprachperioden lassen sich nicht auf das Niederdeutsche anwenden. Entgegen der weitverbreiteten falschen Annahme, Hochdeutsch käme auch dem hohen Norden kommt es vielmehr aus dem Hochland, also den eher südlichen Sprachen (vorwiegend alemannisch und fränkisch), das Niederdeutsch dagegen aus dem Norden, das heißt dem Tiefland, den niederen Landen im Norden.
Erstmals um das Jahr 1000 tauchte die Bezeichnung in diutiscun, d.h. auf deutsch auf. Der gelehrte Alemanne, der so schreibt, hat also begriffen, daß fränkisch, bayerisch, alemannisch und sächsisch nur besondere Formen einer gemeinsamen Sprache sind. Gleichzeitig wird erkennbar, daß das Alemannische bestimmend wurde - eigentlich besser: ale-manisch, denn die Manen sind Menschen (engl. men) des eigenen Volkes, Manen können auch Frauen sein (das holländische alman wird übersetzt mit jedermann). Im Alemannischen gibt es heute noch ein Kinderlied, das ich als Kind in Meßkirch gelernt habe: Ale Mane sind halt Pu-ëschde... (Puëschde sind Helden, Sieger).
Zurück zur Sprachentwicklung: Deutlich erkennt man im Wort diutiscum die Wirkung der Verkehrsgemeinschaft in einem politischen Großraum. Denn nachdem das weite Frankenreich unter den Nachfolgern Karls des Großen mehrmals aufgeteilt wurde, entstand in seinem Ostteil (rechtsrheinisch) die große politische Einheit, aus der später das Reich der Deutschen hervorgehen sollte. Die politische Verbundenheit führt zu einem Gefühl der Einheit. Die einzelnen Stämme erkennen, daß sie zwar etwas Eigenes darstellen, daß sie aber alle einer Kultur, einem Reich angehören und deshalb auch nach außen hin gemeinsame Interessen zu wahren haben.
Dabei ist die Entstehung der gemeinsamen Sprache innerhalb des politischen Großraums vor allem auf den kulturpolitischen Willen Karls des Großen zurückzuführen. Immer wieder schärfte er den hohen Geistlichen ein, sie sollten für die Ausbreitung und Vertiefung des Christentums sorgen, und sie sollten die christliche Lehre in den Landessprachen verkünden. Das war im Westreich nicht allzu schwierig, wo ja die Sprache Roms, wenn auch in gewandelter Form, noch weiterlebte.
Im germanischen Osten (rechtsrheinisch) war dazu aber eine gründliche Neugestaltung der Sprache nötig. Denn die vor kurzem noch heidnischen Stämme kannten die christlichen Glaubensvorstellungen und die Lehre noch kaum. Tausende von neuen Wörtern mußten gefunden werden, um die lateinischen Texte der Bibel und der Kirchenlehrer in die Volkssprache zu übertragen, und diese äußerst schwierige Aufgabe hatten die vier Stämme gemeinsam zu lösen. So entstand aus den vier noch heidnisch geprägten Stammessprachen die christliche deutsche Kultursprache und gleichzeitig auch das Bewußtsein der Gemeinsamkeit, das mit dem Wort deutsch ausgedrückt wird.
Wollten wir sehr genau sein, so dürften wir für die ersten drei Jahrhunderte unserer Sprachgeschichte noch nicht von einer deutschen Sprache reden. Aber Karl der Große hat den politischen Raum geschaffen, der zum Sprachraum wurde, und er hat die große kulturelle Aufgabe gestellt, die die vier Stämme gemeinsam bewältigten. So rechnen wir auch für diese Zeit bereits mit einer deutschen Sprache, denn es ist die Zeit des werdenden Deutsch.
Zwölf Jahrhunderte sind eine lange Zeit, in der mancherlei Veränderungen in der Sprache vorgehen. Schon wenige Zeilen aus dem Vaterunser können das zeigen.
Um 825 schreibt ein Mönch im Kloster Fulda:
si giheilagot thin namo, queme thin rihhi, si thin willo, so her in himile ist, so si her in erdu.
Im Kloster Milstatt in Kärnten lautet derselbe Text um 1200:
geheiliget werde din name. zuchom uns din rich. din wille werde hie uf der erde als da ze himele.
Walter von der Vogelweide (1170-1230) schrieb:
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Ich saz ûf eime steine und dahte bein mit beine. Dar ûff satzt ich den ellenboggen - ich hete's in min hand gesmoggen daz kinne und ein min wange. |
Ich saß auf einem Steine und dachte nach, Bein über Bein geschlagen darauf setzte ich den Ellenbogen ich hatt' (es) in meine Hand geschmiegt das Kinn und meine Wange. |
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Dô dahte ich mir vil ange wie man zer werlte sullte lebben. Deheinen rât kond ich gegebben wie man drü dinc erwurbe des keines niht verdurbe. |
Da dachte ich lange darüber nach wie man auf dieser Welt leben sollte. Keinen anderen Rat konnte ich mir geben wie man drei Dinge erwürbe, deren keines verdürbe. |
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Diu zwei sint êre und varnde guot, daz dicke ein ander schaden tuot. Daz dritte ist gotes hulde, der zweier übergulde. |
Zwei davon sind Ehre und Reichtum (Güter) die beide sich oft befeinden, das dritte ist Gottes Huld, die beide mit ihrem Gold überstrahlt. |
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Die wolte ich gerne in einen schrîn: Ja leider desn mac niht gesîin, daz guot und weltlich êre und gotes hulde mêre zesamene in ein herze komen. |
Die wollte ich gern in einem Schrein, doch leider, dieses kann nicht sein, daß Reichtum und weltliche Ehre und dazu noch Gottes Gnade in einem Herzen zusammentreffen. |
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Stîg unde wege sint benomen; Untriuwe ist de sâze, gewalt vert ûff der strâze, fride unde reht sint sêre wunt. Diu drui enhabnet geleites niht, diu zwei enwerden ê gesunt. Strophe 1 von 3 |
Stege und Wege sind ihnen verstellt, Verrat (Untreue) ist angesagt, Gewalt herrscht auf der Straße, Friede und Recht sind stark verwundet. Die drei haben weder Schutz noch Sicherheit (Geleit) solange die zwei nicht ganz genesen. |
Als ich dieses Gedicht zum erstenmal in der Schule hörte wurde es fatalerweise in plattdeutscher Aussprache vorgetragen mit ssspitzem Ssstain. O wie falsch! - Das mittelhochdeutsche war vorwiegend alemannisch (im Norden als "Schwyzerdüütsch" definiert) geprägt. Also muß man diesen Text alemannisch vortragen (das heißt: in Norddeutschland schwizerdüütsch / Südschwarzwald) um einen Annäherungswert zu erzeugen. Dort gibt es heute noch die Wörter in dieser Phonetik: min (mit langem i) für mein, eime (phon: e-ime mit e - nicht aime mit a ausgesprochen) für einem, Schte-in (und nicht Ssstain mit ssspitzem Ssst...) für Stein, dehe-inen für keinen andern als, das sagt man dort noch heute, drüü für drei, Hus für Haus usw., die K und CH alle als hartes Cch wie im Wort Cchaibe (die Schwaben werden von uns oft als Chaibe beschimpft, Chaibe meint ungezogene, freche Burschen), das a sehr dunkel und mehr als offenes o gesprochen. Und plötzlich wird hörbar, daß dies dem heutigen Alemannisch äußerst ähnlich klingt, ja fast noch alemannisch ist, hier der Versuch einer phonetischen Schreibweise (mit Kommentaren) in reinem heutigem alemannisch:
Icch sass uff ëime Schtëine
und dochte - Bëin mit Bëine. (waischt scho: dos miint d'Fies überenondergschlogge)
doruff sotzt icch den Ellenboggen
- icch hätt Es in miin Hand geschmoggen (die Schwobe sagget gschmiegt)
das Kchin und ëin miin Wange.
Do docht icch mir viel lange
wie man zur Werlte sullte lebben.
Dehëinen (dehe-inen: des chascht it übrsatze uff düütsch, sell miint: kchein Andere als...)
Dehëinen Rot kchunnt icch gegebben
wie man drüü Ding erwurbe (waischt scho: eis, zwei drüü...)
des kchëines niccht verdurbe...
Und plötzlich wird der priore Einfluß des Alemannischen auf die mittelhochdeutsche Sprache auch hörbar, da Walter von der Vogelweide offensichtlich alemannisch (also schweizerisch) gesprochen hat, nebenbei wird hörbar, daß alemannisch und schwäbisch zwei völlig verschiedene Sprachen sind obwohl viele Norddeutsche diese beiden oft verwechseln. In der Phonetik sind alemannisch, sächsich, bayerisch und selbst österreichisch mit ihrem e-inmal oder eenmal, zwe-imal oder zweemal, ke-in oder keen usw. miteinander ähnlicher als mit dem schwäbischen: o-iner, zwo-i, ko-in...). Schwäbisch ist ein völlig fremder Dialekt im süddeutschen Sprachgebiet, die Sueben sind eben auch erst sehr spät (vielleicht erst um 800 n.Chr.) gen Stuttgart vorgerückt. Erst ab dem 11. Jahrhundert wird Schwäbisch und Alemannisch miteinander verwechselt, vorher (seit etwa 260 n.Chr.) hieß dieses Gebiet nur Alamania, Suebicum dagegen lag an und südlich der heutigen Ostsee (lat. mare suebicum = Schwäbisches Meer).
Ein schönes Beispiel der mittelhochdeutschen Sprache aus Niedersachsen um 1170 n.Chr. ist das "Rolandslied" (von Konrad der Pfaffe), hier ist Mittelhochdeutsch an den alt-alemannischen Begriffen leicht herauszulesen, man muß es nur mit einem "schwyzerdüütschen" (alemannischen) Akzent lesen...
Weitere Beispiele finden wir in der Dichtung der Nibelungen:
In den alemannischen Ländern (Schwarzwald, Baden, Elsaß und Schweiz) nennt man die übrigen Deutschen drüben (das meint hinter dem Schwarzwald, also auch außerhalb des Limes) abwertend auch gerne Schwaben, was darin begründet liegt, daß die Sueben rund um die Ostsee (das Mare Suebicum), also im Norden siedelten. Die Düütsche (die Deutschen) meint nicht nur die Schwaben, sondern alle Deutschen insgesamt und früher die Reichsdeutschen überhaupt, also auch die Königsberger, Berliner und Ostfriesen. Ganz Deutschland - ein einziges Schwabenland also ( fragt Konrad Sonntag). Das schwäbische Meer wäre also gar nicht der Bodensee sondern die Ostsee? Dazu witzeln die Alemannen gerne, daß die Schwaben nur 7 km der Küste besiedeln (rund um Lindau), während die Alemannen (in Baden, der Schweiz und Österreich) 260 km besiedeln: Und wenn d' ebbs gschdohle hasch dann schicks glei hoim... Übrigens gebrauchen auch die Polen das Schimpfwort Schwobe für die Deutschen. Es bringt einen Alemannen immer zum Lachen, wenn sich die Schwaben heute gerne mit alemannischer Kultur schmücken, nur weil Baden und Württemberg inzwischen ein Bundesland ist, sie - die Schwaben - verkörpern aber eigentlich das Andere, d.h. das eben Nicht-Alemannische. Die Verwechslung von Alemannen und Schwaben hat aber eine lange Geschichte. Im Süden Württembergs (südlich der Donau, also innerhalb des ehem. Limes) ist die Sprache und sind die Gebräuche in der Tat eher alemannisch. Das typisch Schwäbische in Gebräuchen und in der Sprache ist auch weniger in Württemberg heimisch als eher in Bayrisch-Schwaben, also nördlich der Donau. In der unterschiedlichen Entwicklung der Kulturen steckt eine historische Rivalität, die heutige Rivalät der beiden ist jedoch gar nicht mehr bösartig sondern eher humorvoll zu nehmen, denn im Kern sind die beiden Geschwister, schon weil die alten Alemannen nichts anderes als ein Vortrupp der Ermionen (also der vorwiegend Sueben) waren.
In den norddeutschen Ländern kennt man die Bezeichnung alemannisch kaum oder verwechselt sie gar mit schwäbisch (für einen echten Alemannen geradezu beleidigend), im Norden wird heutzutage Alemannisch einfach als Schweizerdeutsch bezeichnet, dieses aber wird nicht nur in der Schweiz sondern auch im Schwarzwald (besonders südlich der Kinzig) und in den Vogesen (Elsaß) gesprochen, alemannisch geht etwa von Burgund und Elsaß Richtung Osten entlang nördlich der Alpen und Voralpen über: Schwarzwald, Baden und südliches Württemberg (mit Ausnahme des nördlichen fränkischen Teils), die deutschsprachige Schweiz, das österreichische Vorarlberg, das Fürstentum Liechtenstein, den westlichen Teil des Bundeslandes Bayern (Augsburg) bis etwa zum Lech und sogar bis Tirol, also nördlich der Alpen entlang (teilweise auch südlich), erkennbar am harten CH anstelle von K. Ich selbst bin im Schwarzwald aufgewachsen und liebe die alemannische Sprache, die Familie kommt aus dem Südschwarzwald / Breisgau. Ich habe als Schauspieler das schöne Alemannisch leider zu wenig gepflegt, wer bühnendeutsch spricht, muß sich den Dialekt (und besonders einen in Aussprache und Sprachmelodie so völlig abweichenden) völlig abgewöhnen: man kann nicht nur wenige Stunden am Tag bühnendeutsch sprechen, den Rest des Tages aber Dialekt, nein: man muß selbst bühnendeutsch träumen und sogar die stummen Selbstgespräche in Bühnendeutsch führen, sonst geht dieser Dialekt nicht weg.
Es gibt in Freiburg/Brsg. eine Muëttersproch-Gsellschaft (gesprochen nicht Mütter... sondern Mu-ëtter...), und die Elsässer, Schweizer und Schwarzwälder finden sich darin regelmäßig zusammen zur Pflege des Alemannischen. Es gibt vielerlei wunderbare alemannische Dichtung: Johann Peter Hebel, der badische Maler Hans Thoma (er hat die Bibel ins Alemannische übersetzt), der noch lebende großartige Lyriker Karl Kurrus. Es gibt viele bekannte Volkslieder (wie Chume chume Geselle min u.a.), Kunstlieder und Gedichte in großer Zahl, nicht zuletzt von Walter von der Vogelweide. Viele Wörter der alemannischen Sprache gibt es im Norddeutschen gar nicht. Einige Beispiele:
Es gibt unzählige weitere Beispiele. Die aus dem Lateinischen kommenden deutschen Wörter (Lehnwörter) stammen vermutlich aus dem Behördenlatein (Käsar und Kikero usw.), die romanischen Sprachen beruhen eher auf dem Soldatenlatein.
In einigen wenigen Beispielen Unterschiede zwischen dem heutigen schwäbischen Dialekt und der alemannischen Sprache:
| hochdeutsch: | schwäbisch: | alemannisch: |
| Kirchendach | Kirchedächle | Chilchidochli |
| Kleid | Kleid | Häs |
| Küchenschrank | Kicheschränkle | Chuchichaschtli |
| daheim | dehoim | z'hus |
| nur noch | bloß no | numme |
| haben Sie... | habbet Se... | hond Se... (oder hän Se...) |
| keinen anderen | koin andre | deheinen |
| Butter | Bütterle | Ankche |
| Seite | Seite | Site |
| gewesen (Hilfsverb wesen) | gwäa (gewest) | gsi (geseint) |
Im Schwarzwald erzählt man sich einen Witz über die Schwaben:
Ein Preuße sitzt im Zug aus der Schweiz nach Deutschland, ein freundlicher Schwarzwälder fragt ihn: z'Züri gsi?
Der Preuße zuckt verständnislos die Achseln.
Der freundliche Schwarzwälder fragt ein zweitesmal etwas deutlicher: z'Züri gsi?
Der Preuße zuckt verständnislos die Achseln.
Der freundliche Schwarzwälder fragt ein drittesmal wie einen Schwerhörigen:
z' - Züri - gsi?
Der Preuße zuckt immer noch verständnislos die Achseln.
Da mischt sich ein Schwabe ein: Ha - der moint gwäa...
Zum Alemannischen und Schwäbischen, deren Völkerwanderung und Entwicklung, Kultur- und Sprachunterschiede finden Sie wie bereits erwähnt einen interessanten und ausführlichen Artikel in Alemannisch dunkt üs guët (1984). Darin auch ein Gedicht über die Herkunft der Alemannen (ursprünglich aus dem Ural), die wenigsten Deutschen werden das vermutlich verstehen. Wer nach der Lektüre immer noch Alemannisch mit Schwäbisch verwechselt der muß auch Österreichisch mit Sächsisch oder Friesisch verwechseln... Was aber auch wahr ist und was die heutigen Alemannen kaum wahrhaben wollen: die Alamanni waren im Kern ein Vortrupp der Sueben: rothaarige großwüchsige Germanen, die sich mit anderen Germanen zusammengerottet haben. Der Alemannen-Name hat sich zunächst durchgesetzt, in den schriftlichen Zeugnissen nach dem 7.Jh. taucht wiederum der Name Sueben auf.
Noch eine interessante linguistische Erforschung macht uns die Priorität des Alemannischen deutlich: in ganz Europa sagt man Haus oder house usw. Dabei wird ein s gesprochen. Englisch ist ja angelsächsisch und ursprünglich ein norddeutscher Dialekt. Im Englischen hat aber die althochdeutsche Lautverschiebung von t nach s bzw. z und von p nach pf bzw. f usw. gar nicht stattgefunden. Die Engländer müßten also eigentlich sagen hout, sie sagen ja auch tonguë (Zunge) und nicht zongue. Woher kommt das?
"Hus" (Haus, house, huis) kommt aus dem Baustil der frühen Gotik (Hohenstaufen-Stil) und der späten Gotik in der deutschen Architektur und einer wachsenden Stadtgesellschaft. Die Häuser waren sehr stabil (Fachwerk) gebaut und wurden Vorbild für ganz Europa. Das Haus wurde alemannisch Hus genannt. Dieses Wort wurde in ganz Europa (nicht in Frankreich) einfach als Fremdwort übernommen. Daraus entwickelten sich also Haus (dt.), house (engl.), huise (holl.) usw. (hingegen ist z.B. die Maus - mouse ein lat. Fremd- oder Lehnwort: mus, muris). Es war also nicht nur die Sprache sondern die gesamte Kultur dieser Zeit, die eine bestimmende Ausstrahlung hatte. Im Französischen heißt das Haus übrigens maison, das heißt aber ebenso Wohnung. Ein Haus ohne einen Bezug auf Wohnung gibt es nicht. Dazu gibt es sicherlich noch viel mehr zu sagen, dieses überlasse ich an dieser Stelle aber den Romanisten.
In Luthers Bibeldruck von 1544 heißt es: Dein Name werde geheiliget. Dein Reich kome. Dein Wille geschehe auff Erden wie im Himel, und so steht es auch heute noch, mit geänderter Rechtschreibung, in den Ausgaben der Luther-Bibel.
Man erkennt sofort, daß die Entwicklung der Sprache in Stufen vor sich geht. Die vollen Endvokale des Textes von 825 (namo, willo, erdu, rihhi, giheilagot) sind um 1200 zu e geworden oder verschwunden (name, wille, erde, rich, geheiliget). Der Umlaut e-i mit e gesprochen wurde nun als ai mit a gesprochen (phon: e-in wird ain, Stein wird Stain usw.) Aber das lange i der betonten Silbe (din, rihhi) zeigt sich erst bei Luther als ei (dein, Reich), wie wir es heute noch sprechen. Auch Wortlaut und Wortfolge der drei Texte sind verschieden; aber darauf wollen wir nicht eingehen.
Dagegen kommen wir hier auf einen Begriff, den nur die deutsche Sprache kennt: Schriftdeutsch. Es gibt weder Schriftenglisch noch Schriftfranzösisch noch Schriftspanisch. Das liegt daran, daß diese Sprachen meist durch den Dialekt der Hauptstädte (in England durch Kulturzentren wie Oxford / Cambridge) bestimmt wurden (nicht zuletzt rührt daher der Sprachenstreit der spanischen Catalanen, denn Hochspanisch ist nichts anderes als kastilianisch, und das ist der Dialekt aus Madrid / Kastilien). Dieses kommt daher, daß die erste neudeutsche Veröffentlichung Luthers Bibel war, und diese war nicht nur das erste in neuhochdeutsch verfaßte Werk und der erste Bestseller, sondern es wurde nur schriftlich verbreitet, nicht mündlich. Jeder sprach dieses neue Deutsch also unterschiedlich aus. Darüber sind wir übrigen Deutschen heute sehr glücklich, denn wäre die Sprache mündlich verbreitet worden, wäre Hochdeutsch heute der sächsische Dialekt. Luther griff auf die sächsische Amtssprache zurück (Meißnisches Deutsch). Zum zweitenmal begegnet uns hier die Behördensprache, die für das Deutsche ausschlaggebend wurde. Wir Deutschen (und schon die Germanen) haben's halt mit der Behörde...
Luther fand in der Sprache der Meißener Kanzlei bereits Schreibformen vor, die weithin bekannt waren. Seine und seiner Parteigänger Schriften wurden überall gelesen. Bald wurde das Meißnische Deutsch im ganzen Sprachgebiet verstanden, allerdings nicht überall angenommen. Im katholischen Süden wurde ihm noch lange die Reichssprache der Wiener Kanzlei entgegengesetzt, und Köln blieb bei seinem mittelfränkischen Dialekt.
Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) bedeutete auch kulturell einen tiefen Einschnitt. Danach lebte - im Zeitalter des Absolutismus - die Fürstenherrlichkeit noch einmal auf. Aber die Sprache der Höfe ist französisch. Das Meißnische Deutsch wird vornehmlich von protestantischen Geistlichen, Gelehrten und Dichtern gepflegt. Als dann die Grundlegung einer deutschen Sprachkunst des Leipziger Professors Gottsched auch in Österreich als Lehrbuch der deutschen Sprache anerkannt wird, ist der Weg zu einer einheitlichen deutschen Schriftsprache geebnet. Zu ihrer vollen Ausbildung tragen dann die Dichter und Denker von Lessing bis Goethe das meiste bei. Sie und ihre Zeitgenossen legen den Grund zu der allgemeinen Schriftsprache des 19. Jahrhunderts.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann in Deutschland die Industrialisierung. Mit den Arbeitermassen, die die Industrie aus den damals übervölkerten Landgebieten anzog, entstanden mit unvorstellbarer Geschwindigkeit die neuen Großstädte. Im Jahre 1870 gab es im Reichsgebiet nur acht Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern, bis 1910 war ihre Zahl auf 48 angewachsen. Die Neubürger, mittellos zugewandert, hatten in bitterer Not um ihren Lebensunterhalt zu ringen. Die sozialen Spannungen, die sich daraus ergaben, brauchen hier nur angedeutet zu werden. Schritt für Schritt erkämpften sie sich ihre Rechte in der Industriegesellschaft, erstritten sich ihren Anteil am öffentlichen Leben und an den allgemeinen Bildungsmöglichkeiten. Auch die rasch wachsende Teilnahme der Frauen am Berufsleben und ihr Einbruch in die Arbeitswelt der Männer ist eine späte Folge der sozialen Umwälzungen.
Bis zum Ende des Kaiserreichs im Jahr 1918 herrschten im politischen und kulturellen Leben und auch im Gebrauch der Schriftsprache die bürgerlichen Traditionen vor. Seitdem ist nach dem Zusammenbruch der Monarchie und der Revolution von 1918 eine neu strukturierte Gesellschaft erstanden, in der die alten Standesunterschiede keine Rolle mehr spielen. Nach einigen Jahrzehnten des Überganges leben wir seit dem Neubeginn im Jahre 1945 in einer Gesamtgesellschaft, die man nicht mehr im traditionellen Sinne bürgerlich nennen kann. Noch hat diese neue Gesellschaft ihre eigene, endgültige Form nicht gefunden. Die Suche danach zeigt sich jedoch in der oft krassen Abkehr der Jugend vom Hergebrachten, an dessen Stelle sie einstweilen das Experiment mit neuen Möglichkeiten setzt (heute z.B. denglisch).
Auf diese Entwicklung antwortet, wie zu jeder anderen Zeit, auch unsere Sprache. Schiller und Goethe, Sprachmuster für die Schulerziehung der bürgerlichen Zeit, sind für unsere heutige Sprachgestaltung keine Vorbilder mehr. Die Sprache unserer Gegenwart ist direkter und derber geworden. Die Schriftsteller nennen die Dinge beim Namen, sie verhüllen nichts, und die Schriftsprache von heute nähert sich der Sprache des Alltags, von der sie im bürgerlichen 19. Jahrhundert weit entfernt war.
Den Fachmann erinnert das Sprachgeschehen unserer Tage an die Anfänge der frühneuhochdeutschen Zeit. Damals forderte im sozialen Umbruch die junge Gesellschaftsschicht der Stadtbürger ihr Recht. Auch sie fand nicht sogleich die ihr angemessenen Lebensformen, und in ihrer einfachen, anfangs oft groben und unflätigen Sprache meint man den Protest gegen das überfeinerte Deutsch der Adelsgesellschaft zu spüren. Derber Spott und bissige Satire, mit denen die hergebrachten Lebensformen gegeißelt werden, lassen erkennen, daß auch damals an der heilen Welt der alten Gesellschaft heftig Kritik geübt wurde.
Viele der sprachlichen Neuerungen machen auch an der kulturellen Grenze zwischen den alten Bundesländern und den neuen Bundesländern nicht halt. Was hüben und drüben voneinander abweicht, sind jedoch geringfügige Unterschiede, wie sie auch gegenüber der deutschen Sprache in Österreich, in der Schweiz und in Luxemburg und sogar zwischen Nord- und Süddeutschland bestehen. Das tut der übernationalen Einheit der deutschen Sprache keinen Abbruch.
Jedoch: wir täten gut daran, die Sprache der heutigen Schriftsteller (und Kabarettisten) ernstzunehmen und aufzuwerten, denn sie geißeln zwar, aber sie wollen mit Sprache umgehen und sie gestalten, sie haben ja auch vorwiegend nur die Sprache als Ausdrucksmittel. Sie fühlen sich aber verantwortlich für die erheblichen Folgen des Sprachgebrauchs.
Die heutige hochdeutsche Aussprache ist immer noch im Wandel, sie ist nicht amtlich festgelegt wie z.B. im Französischen durch die "Academie francaise". Erst seit es die Massenmedien (Rundfunk und Fernsehen) gibt, haben wir einheitliche Hörbeispiele der Aussprache. Besonders gute und vorbildliche Aussprache des Hochdeutschen finden wir heute im "Bühnendeutsch" und im Synchron: großartige Schauspieler wie Claus Biederstedt (Humphry Boghard, Columbo u.v.a.), Peer Schmid, Harald Juhnke, Manfred Lehmann (J.P. Belmondo u.v.a.), Thomas Braut, Christian Brückner, Matthias Habicht, Peter Schiff, Arnold Marquis, Volker Brandt und andere, deren Namen das Publikum kaum registriert, sprechen vorbildliches Bühnendeutsch, besser: Mikrophondeutsch, von dem der Nachwuchs lernen sollte. Auch Nachrichtensprecher in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD (Jan Hofer usw.) und ZDF, in einigen privaten Fernsehprogrammen dagegen geschieht eine Sprachverhunzung ("zusammengekommt", "gevereingt", "Denkmäler" statt "Denkmale", Feuerwehrmänner statt Feuerwehrleute, Kaufmänner statt Kaufleute und simile, Stadium statt Stadion und umgekehrt und sinnloses denglisch wie seit neuestem "producer" - Produker? - statt Produzent und andere denglische Sprachmonster). Außerdem wird genäselt und maniriert gesprochen. Hier ist die Beherrschung und Aussprache des Deutschen auf das unterste Niveau gesunken, abgesehen von wenigen Ausnahmen (vielleicht Ulrich Meyer u.a.), besonders weil da auch mehr "gesungen wird und nicht gesprochen". Umsomehr bräuchten wir endlich eine deutsche Instanz, die diese Aussprache und auch die Rechtschreibung unabhängig von der Gesetzgebung überwacht und festlegt wie etwa die Académie française, in England sind dies eher Wissenzentren wie Cambridge oder Oxford. Der Verein der deutschen Sprache setzt sich ein für eine Deutsche Akademie in diesem Sinne (Rolf Hochhuth). Gutes Hochdeutsch hören wir auch bei den Nachrichtensprechern (nicht immer bei den Redakteuren bzw. Kommentatoren, auch nicht bei den Reportern) der ARD und des ZDF, bei vielen Privatsendern wird leider furchtbares Deutsch gesprochen, meistens wird genäselt oder künstlich betont und gesungen (FilmFilm - in Saddaaaaains), ganz zu schweigen von Berlin-TV, wo ich einen Reporter dauernd sprechen hörte vom Olympiastadium (anstatt Stadion). Leider hat auch die Werbung vorwiegend singenden und näselnden Charakter und bedient sich eines Schimpansendeutschs, die einem um die deutsche Sprache bemühten Zuhörer das Grauen lehrt. Leider hat diese Werbung eine Vorbildfunktion, deren sie nicht wert ist. Umsomehr wäre eine "Deutsche Akademie" vonnöten, wie sie z.B. auch Rolf Hochhuth einfordert.
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Fortsetzungen:
Quellen:
Heinz Mettke. Mittelhochdeutsche Grammatik. Leipzig 1989
dtv-Atlas zur deutschen Sprache
Brockhaus
Deutsch aus englischer Sicht von Elisabeth Fraser, Verein der deutschen Sprache
www.deutsche-kultur-international.de
www.lateinforum.de/limes.htm
Aus der Geschichte des südwestdeutschen Sprachgebiets von Konrad Sonntag in Alemannisch dunkt üs guët, Heft III/IV 1984 (eine Veröffentlichung der MUËTTERSPROCH-Gsellschaft
Sprachbuch A/B 10, Ernst Klett Verlag Stuttgart