Betonung


Oft werde ich gefragt: "wie soll ich das denn betonen?"
Die beste Antwort auf diese Frage gab einst Bertolt Brecht, der bei seinem Freund Bronnen auf einer Probe war.
Er sagte: "Betonen Sie alles"!

Sein Beispiel: "Bringen Sie mir bitte eine Tasse Kaffee!"

"Bringen Sie .." - warten Sie nicht lange, gehen Sie sofort los, schicken Sie mir niemand, der Kaffe macht, holen Sie ihn zu Fuß und bringen sie ihn mir!

"Bringen Sie ..." - lassen Sie den Kaffee nicht etwa durch einen Anderen bringen, sondern bringen Sie ihn selbst.

"Bringen Sie mir..." - bringen Sie ihn nicht dem Bronnen und keinem anderen Kollegen, sondern ausschließlich mir!

"Bringen Sie mir bitte..." - ich bin ja höflich und bitte Sie darum.

"Bringen Sie mir bitte eine..." - bitte nur eine, nicht etwa zwei, weil ich die vielleicht nicht vertrage.

"Bringen Sie mir bitte eine Tasse..." - kein Kännchen und schon gar nicht einen scheußlichen Plastik-Becher, sondern eben eine Tasse!

"Bringen Sie mir bitte eine Tasse Kaffee..." - nicht Tee und nicht Tomatensaft, sondern nur Kaffee!

Also: "Bringen Sie mir bitte eine Tasse Kaffee!"

Wenn es gelingt, wirklich jedes Wort zu betonen, wird die Sprache eindringlich, ja geradezu suggestiv. Dies ist ein Mittel, das gute Schauspieler einsetzen. Alles betonen heißt ja nicht, alles zu brüllen oder laut zu sagen, man kann auch sehr leise und gar flüsternd jedes Wort betonen. Die Kunst der richtigen Betonung ist eine geistige Anstrengung, ist die Entschiedenheit, Dinge sagen zu wollen und nur solche Dinge zu sagen, die man auch selbst versteht und unbedingt loswerden muß.

Wenn in der deutschen Sprache ein Wort besonders betont wird, ist die Wirkung nicht, daß dieses eine Wort besonders hervorgehoben wird, vielmehr werden sämtliche anderen Wörter des Satzes plötzlich unterbetont, was eine besondere Wirkung hat.

Ein Beispiel dafür gaben einige Moderatorinnen der "Berliner Abendschau" des Senders SFB ("B 1") einige Jahre, wo offensichtlich die Anweisung von oben kam, besonders freundlich zu sein und den letzten Satz besonders zu betonen:

"Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. - Ach nee ! - Dann wünscht mir der Rest des Senders offensichtlich die Krätze an den Hals... Wenn ich das höre, dann verstehe ich nämlich: Ich jedenfalls wünsche Ihnen ...

Und wenn ich höre: "...wünsche Ihnen einen schönen Abend...", dann komme ich überhaupt erst auf die Idee, daß sie mir offensichtlich auch einen scheußlichen Abend wünschen könnten. Die Betonung von "schön" kenne ich aus dem Wort: "eine schöne Bescherung..." - das Wort dreht sich also ins Gegenteil um durch die absonderliche Betonung.

Meister der richtigen Betonung war Tagesthemenmoderator Hajo Friedrich, sind die Nachrichtensprecher der Tagesschau, sind meisterhafte Synchronsprecher wie etwa Claus Biederstedt (Humphry Boghard, Columbo u.v.a.), Peer Schmid, Harald Juhnke, Manfred Lehmann (J.P. Belmondo u.v.a.), Thomas Braut, Christian Brückner, Matthias Habicht, Peter Schiff, Arnold Marquis, Volker Brandt und weitere Namen, die das Publikum kaum richtig kennt, denen es aber oft gelingt, den synchronisierten Film besser zu machen als sein amerikanisches Original. Moderatoren und Nachrichtensprecher, deren Betonung künstlich und aufgesetzt klingt, findet man vorwiegend im Privatfernsehen, wo es offensichtlich darauf ankommt, alles besonders zu betonen um sich besonders abzuheben von allen anderen Sendern. Besonders nervend finde ich den "näselnden" Ton, wie ich ihn in Privatsendern besonders häufig höre. Das ist aber maniristisch. Friedrich Naumann sagt: "... ebensowenig darf man sich seine eigene Manier zurechtmachen..." und: "...der große angelernte Ton ist für uns ein unerträglicher Klang." Dasselbe gilt wohl für den großen angelernten Ton einiger besonders dynamischer, besonders perfekter, besonders hervorstechender und vielleicht gar in einer falschen Rhetorik besonders geschulter Sprecher und Redner. Ein Redner sollte aber nur der "Aussprecher von Anschauungen und Gedanken sein, die gesagt sein möchten".


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