Das südwestdeutsche Sprachgebiet oder der südwestliche Teil des gesamten deutschen Sprachraumes ist nicht identisch mit Südwestdeutschland, das lediglich einen Teil dieses Sprachgebiets darstellt. Die deutsche Sprache zusammen mit ihren Mundarten geht ja zum Teil ganz erheblich über die deutschen Staatsgrenzen hinaus, im Bereich des südwestdeutschen Sprachgebiets von Baden in das Elsaß, in die gesamte deutschsprachige Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein bis zum Lech, in das Land vor dem Arlberg, das österreichische Bundesland Vorarlberg und bis Tirol. In dieser Größe und Verteilung des Sprachraumes ist das - oft vergessene - Faktum begründet, daß das Deutsche, gemessen an der Zahl seiner Sprecher, in Europa die größte Sprache ist, gefolgt von Russisch, Italienisch, Englisch, Französisch und den übrigen europäischen Sprachen.
Die Schreibweise "Alemannen" ist im Kern falsch. Es müßte heißen: "Alle Manen". "Manen" heißt schlicht "Menschen" (vgl. englisch "men"). Zu den "Manen" gehören also auch die Frauen. Als Kind habe ich in Meßkirch das Liedchen gelernt: "Alle Mane sind halt Puëschte" ("Puëschte" = tapfere Helden). Diese falsche Schreibweise wurde durch die Römer verursacht mit der Schreibweise "Alamanni" anstatt richtiger: "Allamani". Die Römer verstanden kein Urgermanisch und haben das Wort nur phonetisch übernommen.
Wo nun in diesem deutschen Sprachraum die Alemannen (Alamanni) und wo die Schwaben (Sueben) zu lokalisieren sind, scheint hierzulande keine besonders schwierige Frage zu sein: Die Alemannen sind hier - z.B. in Bad Krozingen - und die Schwaben sind drüben hinter dem Schwarzwald. So jedenfalls lautet eine oft erteilte Antwort, wenn nach dem Gebiet des Alemannischen gefragt wurde.
Im Großen und Ganzen entspricht diese Antwort auch dem, was Johann Peter Hebel zur Lokalisation des Alemannischen ausgeführt hat.
Der Dichter schreibt in der Vorrede zur ersten Auflage seiner 1803 erschienenen Allemannischen Gedichte: Der Dialekt, in welchem diese Gedichte verfaßt sind, mag ihre Benennung rechtfertigen. Er herrscht in dem Winkel des Rheins zwischen Frickthal und ehemaligem Sundgau, und weiterhin in mancherlei Abwandlungen bis an die Vogesen und Alpen und über den Schwarzwald hin in einem großen Teil von Schwaben.
Der Bereich des Alemannischen wäre demnach also - grob gesagt - die deutschsprachige Schweiz im Süden und das Oberrheingebiet samt Schwarzwald im Norden. Etwas feiner differenziert kommen allerdings die Gebiete der Übergange zwischen den Kulturen, also der württembergische Teil des Neckartals, die schwäbische Alb (eigentlich eher eine allemannische Alb) und die Gegend südlich von Stuttgart bis zum östlichen Bodensee, auch bis Bregenz und natürlich der Schweiz hinzu.
Was nun das Land der Bayern betrifft, so ist es offenbar nicht immer rein und ausschließlich bayrisch, nennt sich doch die gesamte Südwestecke dieses Landes nach den Schwaben, nämlich Bayerisch-Schwaben. Und die traditionelle Mundart von Augsburg z.B. ist eben nicht bayerisch, sondern schwäbisch. Unter den Bewohnern Bayerisch-Schwabens soll gelegentlich sogar die Meinung zu hören sein, daß man bei ihnen die eigentlichen und Ur-Schwaben finde, im Unterschied zu den minder schwäbischen württembergischen Schwaben. Das ist insofern berechtigt, als die Übergänge der württembergischen Schwaben zu den Alemannen historisch und sprachlich betrachtet fließend sind und sich gegenseitig jahrhundertelang beeinflußt haben. Der württembergische Teil des Neckars, die schwäbische Alb und die minder schwäbische Gegend südlich von Stuttgart sind von der alemannischen Kultur weit mehr bestimmt als die der Ur-Schwaben in Bayern.
Vor fascht zweimol töisich Johr
Durich Sumpf, Müër, Wald un Wies,
D'Alewiwer, d' ganz Bagasch
Holteri-Polteri, rnummlichi Munni,
Un vun so ebbs stamme mer ab,
Gschafft ihr Läwe n'och kchen Streich,
Üsgepumpti Biss-Ins-Gras,
D'heim sinn sie noch uf de Baim
Germain Muller, Straßburg
Für einen Ausgleich zugunsten des Alemannischen sorgen bekanntlich unsere romanischen Nachbarn, so z.B. in Frankreich oder in Spanien, wenn sie mit Allemagne oder Alemanes nicht nur Baden, sondern Deutschland und die Deutschen insgesamt bezeichnen.
Solch eine Ausweitung einer Benennung ist übrigens eine häufige Erscheinung in der Namensgebung, die oft pars pro
toto verfährt und den Teil für das Ganze einsetzt, in diesem Falle den nächsten Nachbarn für die ganze Nation. Ähnlich verfahren wir beispielsweise hier in Deutschland, wenn wir von Engländern reden und selbstverständlich - manchmal zu deren Leidwesen - auch die Walliser und Schotten mit einschließen. Dieser Typus der Namengebung ist also weder den Engländern, noch den Schwaben oder Alemannen anzulasten.
Aber auch wenn für letztere vornehmlich wieder nur das stüdwestdeutsche Sprachgeblet reklamiert und in genannter Weise unter ihnen aufgeteilt wird, - also etwa Alemannen im Westen, Schwaben im Osten - geht das nicht ganz ohne Schwierigkeiten ab. Die meisten Sprachwissenschaftler fassen nämlich die gesamten südwestdeutschen Mundarten bis in das Gebiet um Augsburg unter dem Leitnamen des Alemannischen zusammen, dem sich dann das Bayerische im Osten und das Fränkische im Norden anschließen.
Danach lägen also Stuttgart oder Augsburg in Ostalemannien. Im Hochmittelalter wiederum ist von Alemannien kaum die Rede; dafür heißt nun das gesamte Gebiet Schwaben; somit wären also Freiburg, Colmar oder Bad Krozingen in Westschwaben gelegen.
Um dieses Hin und Her der Namenverschiebung und Namenwanderung noch etwas zu vervollständigen, sei daran erinnert, daß in der römischen Kaiserzeit das Schwäbische Meer, das mare suebicum, nicht etwa der Bodensee gewesen ist, sondern die Ostsee.
Im 5. und 6. Jh. sind Sueben und zeitweise sogar ein Reich der Sueben im Gebiet des heutigen Nordportugal und Nordwestspanien bezeugt.
Wenn man den großflächigen Bedeutungsumfang von Alemannien und Schwaben für Deutschland insgesamt einmal beiseite läßt, da als Typus der 'pars-pro-toto-Namensgebung' ohne weiteres erklärbar, dann bleibt also zunächst für die Schwaben und Alemannen im engeren Sinne immer noch genügend Fragwiirdigkeit übrig.
Um es noch einmal zusammenzufassen: Einmal nennt sich das südwestdeutsche Sprachgebiet Alemannien, dann Schwaben, dann wieder ist es geteilt in einen schwäbischen und einen alemannischen Bereich und schließlich soll sogar die Ostsee ein schwäbisches Meer gewesen sein.
Diese merkwürdige Konfusion hat ihre Geschichte; und diese Geschichte ist zu befragen, wenn man diese scheinbare Unordnung verstehen will.
Das Wort sweba ist zudem noch verwandt mit dem germanischen Wort swear, und hat etwa die Bedeutung von 'die Selbständigen'; die Wurzel swear aber steckt in dem Namen des
heutigen Schweden.
Stammes- oder Volksnamen wie Schweden oder Schwaben stellen von ihrer Herkunft her einen Typus dar, in dem eine bestimmte Qualität oder ein Ideal namenbestimmend wird, in diesen Fällen das Ideal der Selbständigkeit und Freiheit. Der gleiche Typus mit sogar gleicher Bedeutungsrichtung liegt
vor im Namen der Franken, der uns als Adjektiv heute nur noch in der Redewendung frank und freigeläufig ist.
Zwischen diesem Bereich und dem Lande der Bayern wäre folglich das Schwäbisch-Alemannische anzusiedeln und somit das hier in Rede stehende südwestdeutsche Sprachgebiet komplett.
De Alemanne-Marsch
Üs-em hinterschte Ural
Herner am Hirn un Pech in de Hoor
Sinn se gchumme, d'Alemanne.
Nüsgepoltert iwweral
lwwer de Rhin, wie d'Ratte scharewis,
Sinn si gchumme, d'Alemanne.
Hintenooch sitter-em Ural,
Herner am Hirn un kchen Hemd am A ...
Sin se gchumme, d'Alemanne.
Hungri, lüsi, arm wie Kchirichemiis
Haawi Schlüri, rüdigi Truëli,
Klotzigi Gselle, growi Tapp-ins-Muës.
Un m'r sieht's uns schins noch an;
Herner am Hirn, armseli Lumpepack,
Unsre Ahne, d'Alemanne.
Füli Hüt wie Bärefell.
Awwer e Herz wie Händschiledder weich
Unsri Ahne, d'Alemanne.
D'heim het's numme Eichle genn,
D' Schwowe im Gnick un d'Franke uf d'Nas
Sinn se gchumrne, d'Alemanne.
Rumgekchlettert im Ural,
Herner am Hirn uf rote Stoppelbein
Sinn se do gstande, unsri Verwandte.

Diese Karte soll zeigen, wie die Alemannen um das Jahr 100 n.Chr. beginnen, in den Süden vorzudringen. Um sich auf dieser Karte zurechtzufinden empfiehlt es sich, zunächst den Bodensee (hellblau) zu suchen (links unten)

Um 260 n.Chr. sind die Alemannen bereits weit in den Süden vorgedrungen, aus dem sie die Römer verdrängt haben.

20 Jahre später um 280 n.Chr. haben sie auch das Rheinknie besetzt. Der Rhein ist zunächst eine natürliche Grenze.

Um 450 n.Chr. dehnen sich die alemannischen Gruppen entlang der Donau aus. Noch ist der Rhein nicht überschritten.
Ganz anders verhält es sich mit dem Namen der Alemannen, der im Unterschied zum Franken- oder Schwabennamen nicht mit einem Bedeutungsideal verbunden ist. Alemannen bedeutet lediglich soviel wie 'Menschen (Manen) oder Männer, im Gesamten genommen'. Das holländische alman wird übersetzt mit jedermann. Antike Geschichtsschreiber haben folglich den Namen Alamanni oder alamannoi erklärt als zusammengelaufenen und gemischten Haufen von Leuten.
In dieser Bedeutung ist der Sammelname Alemannen als Typus etwa dem Namen Deutsch vergleichbar, der auch keine besondere Qualität meint, sondern schlicht und einfach das Volk heißt. Der Alemannen-Name ist insofern nicht nur weniger 'bedeutungsschwer', er ist auch eindeutig jünger als der Schwaben- oder Sueben-Name, der beispielsweise bereits in den Schriften Cäsars belegt ist, während A l a m a n n i zum ersten Male für das Jahr 213 n. Chr. genannt werden.
Unter diesem Namen erschien damals an der römischen Reichsgrenze im heutigen Südwestdeutschland eine Art Stammes- oder Heeresverband, von dem bis dahin noch niemand etwas gehört hatte. Ungeachtet ihres absolut mangelhaften Bekanntheitsgrades haben es diese Alemannen dann fertig gebracht, in wenigen Jahrzehnten das damalige römische Gebiet im heutigen Südwestdeutschland zu erobern. Sie waren damit der erste germanische Verband überhaupt, der römisches Reichsgebiet auf Dauer und für Rom unwiederbringlich in seinen Besitz nehmen konnte.
![]() Durch die Franken im Norden wird der Expansionsdrang der Alemannen gebremst, die sich dafür über den Rhein ausbreiten und dort Fuß fassen. Die Karten entnahmen wir mit freundlicher Genehmigung dem Ernst Klett Verlag Stuttgart, Sprachbuch A/B 10 |
Was hatten aber diese Alemannen mit den Schwaben oder Sueben zu tun? Die Forschung ist sich ziemlich sicher, daß diese alemannischen Verbände, die, von Norden kommend, gegen das römische Gebiet vorrückten, zu einem großen Teil oder zumindest in ihrem Kern aus Sueben bestanden, denen sich auf der Wanderung nach Süden Teile anderer germanischer Stämme zugesellt haben.
In ähnlicher Weise sind wohl andere Sueben-Verbände mit den Zügen der Westgoten nach Spanien gekommen. Diese Sammlung unterschiedlicher Stammeszugehörigkeiten würde den Sammelnamen der Alemannen erklären; die Annahme eines Verbandskernes vorwiegend suebischer Provenienz würde dagegen erklären, warum sich der Schwabenname neben seinem alemannischen Konkurrenten gehalten hat. Die auch für die Römer höchst beeindruckende Eroberungstat wäre somit der erste historische Beweis für die gemeinsame alemannisch-schwäbische Tüchtigkeit. (...)
Gregor von Tours schreibt im 6.Jh.: Suevi, id est Alamanni, Wahlafried, der Mönch von der
Reichenau, nennt im 9.Jh. die Provinz der Alemannen oder Schwaben: provincia Alamannorum vel Suaborum, Alamannia vel Suevia, eine Mitteilung Einhart's aus dem 9.Jh. bezeichnet den Lech als Grenze zwischen Bayern und Alemannen, und umgekehrt zählt im Jahre 1018 Kaiser Heinrich den Breisgau zu Schwaben.
Unter Verwendung von Teilen aus Konrad Sonntag: "Aus der Geschichte des südwestdeutschen Sprachgebiets"
in Alemannisch dunkt üs güët, Heft III/IV 1984
MUËTTERSPROCH-Gsellschaft
Verein für alemannische Sprache, Freiburg
Am Hofacker 15
7801 Buchenbach-Unteribental
Diese Seite können Sie im Format PDF herunterladen: Alemannen.pdf Die Datei ist wegen der vielen Bilder etwa 0,91 MB groß, wer ein analoges Modem hat sollte diese Datei zuerst auf seiner Festplatte speichern (rechte Maustaste: Ziel bzw. Datei speichern unter...)
Fortsetzungen: