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Arthur Schopenhauer

 
Schopenhauer, Arthur, Philosoph, geb. in Danzig am 22. 2.1788, gest. in Frankfurt/M. am 21. 9.1860, reiste schon in seiner Jugend mit seinen Eltern nach Frankreich und England. Er studierte seit 1809 in Göttingen und Berlin Naturwissenschaften und Philosophie und promovierte 1813 in Jena (»Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde«, 1813). In Weimar trat er in wissenschaftl. Beziehungen zu Goethe (»Über das Sehn und die Farben« 1816, lat. 1830). Nach einer Italienreise (1818) wurde er 1820 Privatdozent in Berlin und siedelte wegen der Cholera-Epidemie 1831 nach Frankfurt um, wo er als Privatgelehrter lebte.

In seinem Hauptwerk »Die Welt als Wille und Vorstellung« (2 Bde., 1818, 1859) legte er sein System vor und ergänzte es in späteren Schriften (»Über den Willen in der Natur«, 1836; »Parerga und Paralipomena«, 2 Bde., 1851). Er schloß damit die Bewegung des dt. Idealismus ab. Schopenhauer bezeichnete sich selbst als Kantianer und führte den Idealismus-Begriff Kants fort, indem er die dem Subjekt gegebenen Kategorien auf eine einzige Kategorie reduzierte; den »Satz des Grundes«, in den auch Raum und Zeit eingehen. Die Welt ist hiernach »Vorstellung« oder Erscheinung des Subjektes. Dies suchte Schopenhauer in eingehenden erkenntnistheoretischen Darlegungen nachzuweisen und bezog hierbei alle in seiner Zeit bekannten Wissenschaften ein. Im Subjekt ist die Welt aber noch als »Wille«, d.h. als sinnfreier Daseinsdrang. Dieser Wille »objektiviert« sich im Bewußtsein des Subjektes stufenweise, von der anorganischen Welt aufsteigend. Was dem Bewußtsein als räumlich, zeitlich und ursächlich geordnete Welt der Erscheinungen entgegentritt, ist (als »Ding an sich« gesehen) das blinde Ins-Dasein-Drängen und Sichvernichten von Gestalten des Urwillens. Dieser wird damit zu einem allgemeinen, vom Einzelsubjekt unabhängigen Weltprinzip. - Das künstlerische Genie stellt die »Ideen«, die ewig gleichen Gestalten der Welt, der Anschauung dar. Der Stufengliederung des Ideenreichs entspricht die Stufengliederung der schönen Künste, von der Baukunst über Malerei und Plastik zur Poesie und schließlich zur Musik, die nicht in der Nachbildung der Ideen ihr Ziel findet, sondern das unmittelbare Abbild des Willens selbst darstellt. Eine dauernde Erlösung vom Daseinsdrang ist allein durch »Umkehr« des Willens, durch Selbstabtötung, Selbstopfer möglich. Schopenhauer folgte hier indischen Motiven; er hielt diesen Teil seiner Philosophie mit der Erlösungslehre des Buddhismus großenteils für identisch, während er das geschichtliche Christentum (und das Urchristentum) ablehnte und es zu einer bildhaft-anschaulichen Volksmetaphysik erklärte. Der so motivierte Pessimismus Schopenhauers ließ nur eine Mitleidsethik zu: im Mitleid wird der trügerische Schein der Individualität aufgehoben und die Einheit alles Seienden erreicht (»Die beiden Grundprobleme der Ethik«, 1841). Für Schopenhauer ist der Inhalt der Geschichte immer und überall derselbe, in immer neuen Kostümierungen fügen sich die Menschen dieselben alten Leiden zu.

Politisch war Schopenhauer ein Anhänger der konstitutionell nicht beschränkten Einherrschaft und stand der zeitgenössischen demokratischen Strömung feindlich gegenüber. Schopenhauer ist einer der hervorragendsten deutschen Stilisten. - Mit Schopenhauer beginnt insofern eine neue Epoche der abendländischen Philosophie, als von jetzt an das Absolute nicht allein als Geist, Vernunft usw. dargestellt wurde, sondern ein vernunftloses Drangprinzip an deren Stelle trat: der Intellekt wurde als sekundär abgeleitet bezeichnet. Damit hat er das Tor zu modernen Strömungen aufgetan: zunächst zur Lebensphilosophie, dann zu anthropologischen Auffassungen ähnlicher Art. Es finden sich bei Schopenhauer sehr klare Vorwegnahmen der psychoanalytischen Triebansicht vom Menschen. Die im Idealismus paradoxerweise schon angelegte Abwertung des Bewußtseins, bis zur Auffassung als eines Traumorgans hin, wurde von Schopenhauer durchgesetzt. Bei seinem Erscheinen wenig beachtet, begann Schopenhauers Werk gegen 1860 stark zu wirken als Zeitströmungen auf seinen tiefen Pessimismus seinen Irrationalismus und seinen Atheismus ansprachen. Er wirkte faszinierend, z. T. bestimmend auf viele Geister (Wagner, Raabe, Burckhardt, Nietzsche, E. v. Hartman, Freud u.a.).

Werke: Historisch-kritische Gesamtausgabe, hg. v. P. Deussen u. A. Hübscher, bisher 15 Bde. (1911 ff.), Sämtl. Werke in 7 Bdn. hg. v. A. Hübscher (1946-50), Sämtl. Werke 5 Bde. hg. v. W. von Löhneysen (1960-65); Der Briefwechsel, 3 Bde., hg. v. C. Gebhardt und A. Hübscher (1929-38); Schopenhauers Gespräche, hg. v. A. Hübscher (1933).

Literatur: F. Nietzsche: Schopenhauer als Erzieher (1874), Schopenhauer und Brockhaus, hg. v. C. Gebhardt (1926); Hübscher: Arthur Schopenhauer (1949); ders.: Arthur Schopenhauer, Mensch und Philosoph, in seinen Briefen (1960); Th. Mann: Schopenhauer (in: Adel des Geistes, 1959; W. Abendroth: Arthur Schopenhauer (1967)

Weiteres Material zu Schopenhauer finden Sie im Internet unter:

  1. Schopenhauer-Archiv Uni Bibliothek Frankfurt
  2. Schopenhauer-Vernetzungen im Internet (sehr umfangreich und vielfältig!)
  3. Schopenhauer-Biografie
  4. Linksammlung zu Schopenhauer

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Letztes Update: 18. März 2017