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Immanuel Kant

 

Philosoph, geb. in Königsberg am 22. 4.1724, gest. daselbst am 12.2.1804. Sohn eines Sattlers, pietistisch erzogen, war seit 1770 Prof. in Königsberg. Kants Philosophie bedeutet den Abschluß und die Überwindung des Aufklärungszeitalters und zugleich den Ausgangspunkt für die meisten neueren philosophischen Richtungen (deutsche Philosophie).

Seine Philosophie entwickelte sich langsam und schrittweise. Die Schriften vor 1770 sind großenteils naturphilosophisch; sie stehen unter dem Eindruck der Physik Newtons und sind philosophisch an Leibniz orientiert. Zu den philosophischen Schriften dieser Zeit gehört der »Versuch, den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen« (1763), wie vorher schon die »Neue Erhellung der metaphysischen Erkenntnisprinzipien« (lat. Habilitationsschrift 1755). Diese erste dogmatische Periode seines Philosophierens gipfelt in der Abhandlung »Der einzig mögliche Beweisgrund der Demonstration des Daseins Gottes« (1763). Mitte der 60er Jahre beginnt eine skeptische Periode, die unter dem Einfluß von Hume steht. Hierher gehören die »Träume eines Geistersehers» (1766), die durch Swedenborg veranlaßt wurden. Das Jahr 1769 bringt eine Vorstufe zu der großen Wendung in Kants Denken, die zu seiner kritischen Philosophie hinführt. In dem Aufsatz »Von dem ersten Grunde des Unterschiedes der Gegenden im Raume» (1769) greift er in den Streit zwischen Newton und Leibniz über die Frage ein, ob der Raum absolute Existenz habe oder ein bloßer Inbegriff von Relationen zwischen den Dingen sei. Kant stellt sich hier insoweit auf den Boden Newtons, als er zugibt, daß der Raum irgendeine selbständige Realität habe, läßt aber noch offen, wie diese Realität näher zu bestimmen ist. Die Antwort hierauf gibt dann die Dissertation »De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis« (1770). Der Raum und auch die Zeit seien weder bloße Relationsbegriffe noch absolute Bedingungen der Möglichkeit der Dinge an sich selbst, sondern subjektive Formen, unter denen wir die Dinge anschauen. Zu unterscheiden sei zwischen Erscheinungen (Dinge, sofern wir sie unter den subjektiven Formen von Raum und Zeit anschauen können) und »Dingen an sich« (sofern der Verstand sie unabhängig von der Art ihrer Anschauung erwägt). Die Möglichkeit einer Erkenntnis a priori dieser »Dinge an sich« durch den menschlichen Verstand bleibt hier noch offen.

Darüber bringt nun die »Kritik der reinen Vernunft« (1781) die Entscheidung. Sie entwickelt die neue Lehre der Transzendentalphilosophie. »Transzendental« nennt Kant »alle Erkenntnis, die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen, sofern diese a priori möglich sein soll, beschäftigt«. Die Metaphysik als Sinndeutung des Seins in der Art der älteren Philosophen und noch der Leibnizschen Monadenlehre wird ausgeschieden, indem Kant den Zugriff der menschlichen Erkenntnis auf die »Erscheinungswelt« beschränkt. Die Möglichkeit allgemeingültiger Aussagen sicherte er, indem er nachwies, daß die Erscheinungen uns nicht anders zugänglich sind als in den Formen, die der menschliche Geist in sie hineinträgt. Die Erfahrung schließt also schon eine Verarbeitung durch apriorische Begriffe und Anschauungsformen in sich. Die letzteren sind Raum und Zeit; die »reinen Verstandesbegriffe« (Kategorien) sind Kausalität, Einheit, Vielheit usw., insgesamt zwölf. Über »Dinge an sich«, die hinter den Erscheinungen stehen, sind Aussagen nicht möglich. Die Anschauungsformen des Raumes und der Zeit ermöglichen, abgesehen von ihrer Leistung im Erfahrungsaufbau, die Wissenschaften der Geometrie und Arithmetik, während die Kategorien die Erscheinungswelt verstehbar machen. Sie würden den Geist in unaufhebbare Widersprüche verwickeln, wenn er sie statt auf Erscheinungen auf die »Dinge an sich selber« anwenden wollte. Die Antwort auf das natürliche Streben des menschlichen Erkenntnisvermögens nach dem Abschließenden, Unbedingten findet Kant in den Ideen. Diese sind nicht Verstandes-, sondern Vernunftbegriffe und haben »regulative« Bedeutung für die Verarbeitung des Erfahrungsstoffes; sie ordnen die Erfahrung zusammen, erbringen aber keine Erkenntnis des Unbedingten. Die höchsten theoretischen Ideen sind: Seele, Welt, Gott. Die rationale Psychologie, die die Unsterblichkeit der Seele beweisen wollte, die rationale Kosmologie mit ihren Aussagen über das Weltganze und die rationale Ideologie mit ihrem Gottesbeweis werden von Kant widerlegt. Sie enthalten die logischen Fehler, in die sich die Erkenntnisbemühung dann verwickelt, wenn sie über die Erscheinungswelt hinaus fragt.

Dem ersten Hauptwerk folgte 1783 eine abgekürzte Darstellung der Grundgedanken: »Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik«. 1787 erschien die zweite, teilweise geänderte Auflage der »Kritik der reinen Vernunft«.

Nachdem Kant 1785 eine »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« gegeben hatte, begründete er in seinem zweiten Hauptwerk »Kritik der praktischen Vernunft« (1788) die Sittenlehre (Ethik). Gegenstand des Buches ist der Nachweis, daß es eine »reine« praktische Vernunft gibt, d.h. daß der Wie unmittelbar durch das »moralische Gesetz« bestimmbar ist; dieses verwirklicht den in der theoretischen Welt transzendenten Begriff der Freiheit und eröffnet damit dem Menschen eine intelligible Welt. Das sittliche Grundgesetz lautet: Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne (kategorischer Imperativ). Auf die Bestimmung und Einstellung der Menschenpflichten im einzelnen verzichtet Kant hier, da sie nicht zum System der Kritik, sondern zum System der Wissenschaft gehören, und entwickelt deshalb in der »Metaphysik der Sitten« gesondert das System der menschlichen Rechts- und Tugendpflichten.

Seine Religionslehre ist rein moraltheologisch, sie wird aus der Ethik heraus entwickelt; um das »höchste Gut«, nämlich die vom moralischen Bewußtsein geforderte Vereinigung von Tugend und Glückseligkeit festzuhalten, müssen die Unsterblichkeit der Seele die sittliche Weltordnung und Gott postuliert werden. Die Moral erweitert sich also, wie es in der »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1794) heißt, zur »Idee eines machthabenden moralischen Gesetzgebers«. Diese Schrift enthält die Umdeutung der wesentlichen Stücke der christlichen Glaubenslehre im Sinne dieser Grundgedanken; sie trug ihm das Verbot des Ministers Wöllner ein, weiteres in dieser Richtung zu lehren.

1790 erschien das letzte der drei Hauptwerke, die »Kritik der Urteilskraft«. Sie sucht im ersten Teil den Rechtsgrund für den Anspruch unseres ästhetischen Geschmacksurteils auf allgemeine Gültigkeit aufzudecken; im zweiten zeigt sie die Notwendigkeit und die Grenzen der theologischen Naturbetrachtung auf.

Die Geschichtsphilosophie, Rechts- und Staatsphilosophie Kants ist hauptsächlich in den Schriften »Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht« (1784), »Zum ewigen Frieden« (1795), »Die Metaphysik der Sitten« (1797) und »Der Streit der Fakultäten« (1798) enthalten. Sie steht unter dem Eindruck der Franz. Revolution, bekennt sich zur Republik, die als »das Staatsprinzip der Absonderung der ausführenden Gewalt von der gesetzgebenden« begriffen wird, jedoch nicht zur Demokratie. Sie gipfelt in der »Vernunftidee einer friedlichen durchgängigen Gemeinschaft aller Völker auf Erden«.

In seinen letzten Jahren beschäftigte ihn ein Werk, das den Übergang von der Naturphilosophie der Kritiken zur Physik und Biologie in ihren speziellen Gesetzlichkeiten zu behandeln begann, unvollendet blieb und als »Opus posthumum« in vollständiger Sammlung der Fragmente erst 1936 und 1938 in der Berliner Gesamtausgabe erschien. Es enthält vollständig neue Grundbegriffe wie das »immaterielle Prinzip organischer Körper«, die Seele oder den »Archaeus«, die »Erscheinungen von Erscheinungen« (»Indirekte« Erscheinungen) usw. Auch wird eine »Deduktion« des Leibes sowie besonderer Naturgesetze versucht. Das Ganze läßt an einen in hohem Alter unternommenen Versuch eines grundlegenden Neuansatzes denken. Die Erforschung ist noch im Gange.

Werke: Textkritisch maßgebend sind: Kants gesammelte Schriften, hg. von der Preuß. Akademie der Wissenschaften, 22 Bde. einschließlich Briefwechsel und Nachlaß (1900-42).

Literatur: K. Fischer: Immanuel Kant, 2 Bde. (1910-28); E. Adickes: Kants Opus posthumum (1920); E. Cassirer: Kants Leben und Lehre (1921); B. Bauch: Immanuel Kant (1923); M. Heidegger: Kant und das Problem der Metaphysik (1951); H. Heimsoeth: Studien zur Philosophie Immanuel Kants (1956); I. Heidemann: Spontaneität und Zeitlichkeit (1958); Kantlexikon, hg. von R. Eisler (1930, Nachdruck 1961); F. Delekat: Immanuel Kant (1969).

Siehe auch: "Kantianismus"

 


Rhetorik
 
Letztes Update: 18. März 2017