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Gottfried Benn, Kurzbiografie

 

1996 jährte sich der vierzigste Todestag Gottfried Benn's. Er wurde am 2. Mai 1886 in Mansfeld (Westprignitz) geboren und starb am 7. Juli 1956 in Berlin. Er war Pfarrerssohn, studierte Medizin, war in beiden Weltkriegen Militärarzt und ließ sich 1917 in Berlin als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten nieder (Praxis bis 1935). Benn begrüßte 1933 den Nationalsozialismus ("Der neue Staat und die Intellektuellen", Essay, 1933; "Kunst und Macht", Essay, 1934), in dem er, ein an sich unpolitischer Mensch, eine Macht sah, die dem europäischen Intellektualismus den Kampf ansagte. Sein Irrtum, bereits 1934 erkannt, ließ ihn - dem nationalsozialistischen Regime suspekt und ab 1937 verboten - von 1935 bis 1948 schweigen und trotzdem weiterarbeiten innerhalb Deutschlands (für die Schublade).

So schreibt er 1935 schon: "Intellektualismus ist der kriegerische Angriff auf die zersetzte menschliche Substanz, ihre Dränage und die Abwehr von Leichenfledderern. Wer Intellektualismus weiter in dem kleinbürgerlichen Sinn ansieht, wird sowohl lächerlich, wie politisch ausgeschaltet werden...."

Benn versuchte sein inneres Wesen auszudrücken und radikal zu formen. Er war Verfechter des letzten anthropologisch zulässigen Prinzips: die Form - die Kunst als moralische Verpflichtung anzuerkennen. Politisch war er aber auch Bürger der ersten deutschen Republik.

Wie konnte eine demokratische Verfassung mißbraucht und außer Kraft gesetzt werden? - indem daß sie kaum noch jemanden interessierte - aber Benn. Er glaubte beziehungsweise fühlte sich ihr verpflichtet, trotz aller persönlicher Konsequenzen. Benn führte das demokratische Mehrheitsprinzip ad absurdum. Wie schon Sokrates: er hielt trotz Todesurteil zum athenischen Staatsgesetz. Er akzeptierte das über ihn gefällte Urteil, dem Benn mit sehr viel Glück entkam.

Alle müßten doch wissen, welche Position Benn hatte. Er war staatstreu, der Verfassung der Weimar'schen Demokratischen Republik verpflichtet, niemanden sonst interessierte sie doch noch, nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 allemal! Ein Jahr später, 1934, war auch er ein Verfemter und tagtäglich Gefährdeter. Gefährdet in seiner eigenen, von ihm geforderten, aber politisch verkannten Kulturlandschaft Deutschland während des Dritten Reichs, aber eigentlich auch noch weit darüberhinaus - bis heute!

Benn hat sich geweigert zu früh dem Gesetz der Republik den Rücken zu kehren. Ansonsten hätte er aus seiner Sicht wie auch aus der Sokrates' das demokratische Mehrheitsprinzip mißachtet. Dabei geht es nicht gegen die Emigranten (Heinrich Mann, Thomas Mann, Klaus Mann etc.), sondern wesentlicherweise zum ersten Male für einen Dagebliebenen, der gesetzlich ausschöpfte was ausschöpfbar war, bei allem - und das besonders betont - persönlichen Risiko! - Und das von Anfang an.

(Rolf Wißkirchen)

 

 

 

 


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Letztes Update: 18. März 2017